Utz Bodamer/Bert Siegfried

Flug der Flüsse

Prosastücke

2003, 112 Seiten, Leinen

ISBN 3 85791 426 2

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Kurze Inhaltsangabe

Zwei Autoren, ein Text: Utz Bodamer und Bert Siegfried schrieben jeweils zur gleichen Zeit am gleichen Ort einen eigenen Text. In einem einzigartigen Montage- und Überarbeitungsverfahren entstanden daraus poetische Miniaturen zu einem präzisen Datum an real benannten Plätzen der Stadt Zürich, in denen die Einzelbeiträge ununterscheidbar ineinander verschmolzen sind:

Zwei Protagonisten, ein langer und ein kurzer Mann namens Zick und Hack, gehen durch die Stadt, betrachten die Welt und helfen sich mit Schalk gegen Traurigkeit und Düsternis. Sie bleiben hier stehen und setzen sich dort hin, schauen einer Taube zu, verfolgen das Schicksal einer zerbrochenen Flasche a der Street Parade, legen sich unter Badende an die Sonne, laufen Schlittschuh auf der Kunsteisbahn, warten im Hauptbahnhof, besichtigen das Parkleben, das Schwänefüttern, den Touristenstrom, den Museumsbetrieb, das Theaterspektakel, einen Friedhof, eine Stadt.


Foto Karin Wenger

Utz Bodamer, geboren 1948 in Waiblingen/D, arbeitet als Schauspieler und Regisseur in Zürich. Bert Siegfried, geboren 1946 in Zofingen, lebt als Apotheker in Zürich und publizierte bisher die Gedichtbände «Flügel und Faustkeil», «Von allen Seiten drängt» und «Nachtmantel».

Textprobe

Wandern in bestellten Feldern
21. Juli, Friedhof Sihlfeld

Überall hingen Kirschen gegen die Berge. Gingen im Gleichschritt auf Kies, eingehüllt in heiße Luft, Schattengründen entgegen. Auf Sockeln leblos kauernd: Frauen. Ein Torbogen. Unter dem Blattgewölbe die kalte Umhüllung. Öffnung zur Prozessionsallee. Mündet ins Kuppelgebäude. Dort Ende. Rauch und Asche.

– Hast du gesehen? Sphinxe!

Den Kiesel drückten die Schritte. Verstreute Signale von Vögeln. Überall unten unergründliches Gemurmel, verfestigt im Stein. Zick und Hack riefen die Stimmen im fröhlichen Sprechgesang ins Leben herüber: Olga-Hans-Ruth! Gottfried-Käthi-Rosa-Giuseppe-Elisabeth! Inge-Maya!

Auf Stelen saßen Katzen und schwatzten, aus Ton geformt, vom gleichen Fabrikanten, alle. Nahe der Allee saß ein altes Paar auf ewiger Bank. Der Mann las sein letztes Buch, die Frau ihr einziges. Scheu blickten sie auf. Hack hob ein eingerolltes, röhrenförmiges Gebilde vom Boden auf. Hack mit einem Stück Natur per du. Hack mit dem Ding verschwistert und verhängt. Voll des Stolzes hielt er das Wunderwerk Zick nahe an die Augen. Na klar, Platanenrinde, sagte der matt.

Auf den Boden hingelegt ein helles Tuch, leeres Erdenblatt besprüht mit Flecken von Schatten. Lang gezogen und glatt rasiert der Rasen, dazwischen schmale Plattenwege. Ein freigestelltes Feld, betriebsbereit. Dort, auf der Wiese, neben Grün und Abfall und Container, einzig aus ihr hervorstechend, stolzierte für sich alleine umher der Rabe und dachte niemals ans Grab. Der Marienliebgottkäfer, mit weißen in Reihen angeordneten Tupfen auf milchkaffeebraunem Schild, zog seinen Weg und kreuzte, oder auch nicht, den des feuersalamanderfleckgelben, schwarzbeinigen Steepelrunners. Kein Seufzer aus den groß gewachsenen Bäume. Weißer Schmetterling zirpelte. Wenig Schnitte, wenig Topfblumen. Dafür auf Einsatz lauernde Gießkannen und in geregelten Abständen eingesetzte Schlauchhalterungen. Sie erinnerten ferne an Kreuze.

Zick und Hack saßen lange am ausgesetzten Eck dieses still atmenden Parkes, bestückt mit riesigen, herrlichsten, blühendsten Bäumen. Die Parzellen, einen Meter breit und zwölf Meter lang, warteten auf das Korn.

Zick blieb am Rande des Feldes. Ihn befiel ein vergnüglich sonniges, ein heiter behagliches Zittern, eine Anwandlung frohlockte in seinem Innern: Hinter dir ist nichts mehr. Niemand holt dich ein.

 

Pressestimmen / Rezensionen

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Rd_tri.gif (202 Byte) Neue Zürcher Zeitung vom
Rd_tri.gif (202 Byte) Der Bund / Der kleine Bund vom 2. August 2003
 
 
Der Bund / Der kleine Bund vom 2. August 2003

Zwei Sammler, ein Text

Die Prager Freunde Franz Kafka und Max Brod benützten einmal eine gemeinsame Bahnfahrt dazu aufzuzeichnen jeder für sich , was sie bemerkenswert dünkte. Am Schluss stellten sie mit Erstaunen fest, welch unterschiedliche Dinge sie für aufschreibenswert gehalten hatten.

Anders sind die Freunde Utz Bodamer und Bert Siegfried vorgegangen.

(...)

Bodamer und Siegfried kreierten sich zwei Figuren, den langen, schlanken Zick und den kleineren, kräftigeren Hack. Diese zwei schicken sie aus, die Stadt und deren nahe Umgebung zu erkunden und auf sich wirken zu lassen. Sie sind Beobachter vom Rande her, sie lassen sich nicht in die Ereignisse die Streetparade beispielsweise oder den Verkehr hineinziehen, sie hören auf die Melodie der Stadt, öffnen sich dem Atmosphärischen, ergeben sich auf einer Parkbank ihren von aussen her animierten Träumereien (versinken dabei, wie es einmal schön heisst, im «Mittagsnirwana»). So ist dieses kleine Buch zustande gekommen, das unspektakulär auftritt, ohne Hast und ohne Lärm. Es ist aus der Aufmerksamkeit gewachsen, und es macht aufmerksam auf jene Poesie, die im Alltäglichen mitschwingt für den, der sich die Musse dafür nimmt.

© Der Bund

 
 
 
 
 

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