Beat Christen

LEER RÉEL

Gedichte Französisch und Deutsch

2003, 88 Seiten, gebunden

ISBN 3 85791 427 0

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Kurze Inhaltsangabe

Die Übersetzung als Original

Traduttore, traditore: Der Übersetzer gilt gewöhnlich als Verräter – am Original, an der «eigentlichen» Sprechweise. Beat Christen schreibt auf Deutsch und auf Französisch, er ist der Übersetzer des Autors und Autor der Übersetzung. In seinen Gedichten bringt er die beiden Sprachen zum Dialog, sie geraten in Widerspruch zu einander, oder die eine wird zum Echo der anderen. Der Weg der einen Sprache kann in der andern eine Sackgasse sein. Das erfordert Umwege oder Abwege. Doch eine sprachliche Unmöglichkeit bringt eine neue Möglichkeit zur Sprache: So hat der Übersetzer den Autor manchmal gezwungen, nochmals über die Bücher zu gehen, weil das Original vor der Kopie verblasst war.

 «Das ist selten gesehen und wurde noch nie gehört!» Reflexe, Schweizer Radio DRS2

Beat Christen, geboren 1965 in Luzern, ging in Horw und Luzern zur Schule. Studium der Germanistik, Philosophie und Französisch in Anger, Zürich und Lausanne. Er wohnt und arbeitet seit 1991 in Oron im Kanton Waadt, ist Vater zweier Kinder. Veröffentlichte Gedichte und Essays in den verschiedensten Literaturzeitschriften und das Gedichtbändchen «Poser un lapin/Versetzt».

Textprobe

Aus dem Vorwort von Martin Zingg

(…)

Aber es sind nicht in erster Linie Übersetzungen, die Beat Christen mit seinen Gedichten präsentieren will. Ihm liegt nicht am Nachweis, dass sich seine Gedichte in eine andere Sprache übersetzen lassen und dass er das auch gleich selber besorgen kann, einmal abgesehen davon, dass wir in seinem speziellen Fall auch ganz gerne wüssten, welche Sprache und damit welches Gedicht am Ursprung steht und übersetzt werden müsste. Es handelt sich auch nicht um den gelegentlichen Wechsel der Sprache, wie wir ihn von Rainer Maria Rilke her kennen, der eine Zeitlang französisch geschrieben hat und auf den sich ein Gedicht in diesem Band bezieht. Der Fall liegt hier anders. Er ist ziemlich einzigartig und auf höchst anregende Weise vertrackt, weil leicht unklar bleiben kann, was das "Original" ist. Die beiden Gedichte, mal französisch, mal deutsch, sind das Original, der Urtext, und zwar zusammen. Gemeinsam stiften sie ein Drittes, etwas, was keine Übersetzung kann - ein zweisprachiges Gedicht. Ein Gedicht, das zu beiden Sprachen die gleiche Nähe unterhält und am Ende, so weit das geht, bei sich bleibt, als ein Ganzes. Dass es stets auch auf seine Zweisprachigkeit verweist und darin die Differenzen zwischen den beiden Sprachen im Auge und damit im Wort behält, versteht sich buchstäblich von selbst.

Kann das überhaupt funktionieren? Kann ein Spagat zwischen zwei Sprachen mehr mitteilen als die Distanz, die zwischen den zwei Sprachen naturgemäss besteht? Dass das selbe in jeder Sprache wieder anders heisst, wissen wir doch längst. Überraschend wird es aber dennoch, wenn zwei Gedichte nebeneinander stehen und miteinander bemüht sind, etwas zu sagen, was sie nur gemeinsam sagen können. Wer nur das eine Gedicht von zweien liest, egal welches, egal in welcher Sprache - hat bloss die Hälfte von etwas gelesen. Es spielt dann gar keine Rolle, welche Hälfte gelesen wurde. Es ist immer eine Hälfte zu wenig. Denn die andere Hälfte relativiert. Sie erweitert und schränkt ein, sie fällt ins Wort und korrigiert, sie steuert aus ihrem Sprachhaushalt das bei, was anders und anderswo nicht zu haben ist und nun unentbehrlicher Bestandteil des Gedichtes ist. Das Andere muss also helfen, das Gleiche zu bewirken.

(…)

   

Windstille

Ohne den Gesang im Geäst.
Quinquillieren.
Ohne das Wort Quinquillieren.
Die Stille.
Ohne das Wort.
Die Wirklichkeit.
Ohne den Menschen im Traum.
Der Wind.
Ohne den Baum im Wind.
Der Baum

 

Ramure muette

Sans le chant dans les branches.Le ramage.
Sans le mot ramage.
Le silence.
Sans le mot.
Le réel.
Sans l’homme en rêve.
Le vent.
Sans l’arbre au vent.
L’arbre.

 

Mélancolie

Mélancolie. Là
elle colle. Je me mêle
à sa lie.
Au gris-violet de Giacometti. (De certains soirs, après le coucher du soleil.)
Au M de la mort, l’artiste effacé,
que nous sommes mille fois.
Folies anonymes de son lent élan.

 

Traurigkeit

Traurigkeit. Da
wird sie breit. Ich
trau darin der
Ewigkeit. Dem
Violettgrau
von Giacomet-
ti. (Den vio-
lettgrauen A-
bendhimmeln.) Dem
T vom Tod, dem
schaurigen Traum,
der tausendmal
uns weckt. Namen-
loses Geraun
seiner Schwierig-
keit.

 

Pressestimmen / Rezensionen

Rd_tri.gif (202 Byte) Stimmen
Rd_tri.gif (202 Byte) St. Galler Tagblatt vom 26. Mai 2003
Rd_tri.gif (202 Byte) P.S. vom 12. Februar 2004

«‹Leer Réel›, ein tückisches Anagramm bildet den Titel von Beat Christens deutsch-franzöischer Lyrik. Seine Lyrik ist zweisprachig, im Nebeneinander der beiden Versionen spricht die Differenz oft eine dritte Sprache.» St. Galler Tagblatt

«Hier werden die sprachlichen Möglichkeiten nicht nur in der Originalsprache, sondern auch in der Übersetzung ausgeschöpft. Man weiss nicht, in welcher Sprache das Gedicht zuerst entstand.» P.S.
 

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