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Anna Felder No grazie Geschichten Aus dem Italienischen von Michael von Killisch-Horn 2002, 144 Seiten, gebunden |
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Das Alltägliche ist in Anna Felders Geschichten nicht alltäglich. Mit feinsinnigem
Humor beschreibt sie Situationen von scheinbarer Normalität, in denen sich
ganz still, sotto voce, etwas anbahnt, das dem Vertrauten eine rätselhafte und
zuweilen bedrohliche Dimension gibt. Immer kreisen diese Geschichten um
Beziehungen — zwischen Menschen, die zusammenleben, zwischen Nachbarn
oder zwischen Fremden, die sich zufällig begegnen und durch einen Blick, eine
Geste, ein Detail zu Verbündeten werden. «Im lockeren Übergang vom prekären Alltagsgeschehen zum metaphorischen Sprechen entsteht jenes schwebende Gleichgewicht, das Anna Felders Miniaturen so anziehend macht.» Alice Vollenweider |
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Die sitzenden Schatten Da Giulio morgen mit seiner Frau bei den Cairolis eingeladen ist, schlägt er vor, den Cairolis statt des üblichen Blumenstrausses «Die sitzenden Schatten» zu schenken, ein ziemlich schönes Buch: Er schliesst zur Bestätigung halb die Augen. «Haben sie es denn nicht schon?», bemerkt seine Frau, die sich erinnert, dass die Cairolis Leute sind, die sich auf dem Laufenden halten. «Eben», empört er sich, «und ‹Die sitzenden Schatten› gehören ja zu den Klassikern, schon als Klassiker auf die Welt gekommen, ganz etwas anderes als die Bestseller, die jeder zu Hause hat. Ein Meisterwerk von der ersten bis zur letzten Seite, es wird lange dauern, bis wieder ein ähnliches Buch erscheint.» Giulio schlägt das Buch zum Beweis mehrmals auf den Tisch: «Und wenn sie es gehabt haben sollten, haben sie es inzwischen weggeworfen und vergessen. Ich habe es ganz wiedergelesen: durch und durch hervorragend, frisch, wie gerade erst geschrieben, verstehst du? Wenn sie nicht lesen können, dann blättern sie es zumindest durch, stauben es ab und geben es den Kindern zum Reinschnuppern. Sie haben doch Kinder, oder?» «Kinder und Hunde.» «Prächtig, prächtige Leute, die Cairolis.» «Vorausgesetzt, es ist in der Buchhandlung vorrätig, bis morgen müssen wir es haben», erinnert ihn seine Frau. Und tatsächlich, Bedauern in der Buchhandlung: «Die sitzenden Schatten» sind nicht vorrätig. Die gleiche Antwort in der zweiten Buchhandlung. In der dritten dagegen, der Libreria Renzi, hebt die Verkäuferin auswendig den Finger, um das Wunder anzukündigen: Der Zufall will es, dass ein Exemplar noch vorhanden ist, ein einziges, in Englisch aber. Zu zweit stehen sie da und lächeln dem Zufall, den Schatten, dem Englisch zu: Die Verkäuferin geht sicheren Schritts zu den angelsächsischen Regalen, sucht, zieht das richtige Buch zwischen den anderen heraus und übergibt es Herrn Giulio zur Ansicht. Der, wenn er wollte, auf den doppelten Zufall setzen und versuchen könnte, sich aus irgendeinem Schattenreich das italienische Original kommen zu lassen, eine Frage der Geduld, vielleicht wochen-, vielleicht monate- oder jahrelangen Wartens, ganz unverbindlich. Giulio überschlägt einen Augenblick die Situation der Cairolis, wer von ihnen Englisch lesen kann, kauft das Buch und bestellt vorsichtshalber, da Weihnachten vor der Tür steht, fünf Exemplare auf Italienisch, währenddessen zieht er aus der Innentasche seines Mantels, um sie ihr leibhaftig ans Herz zu legen, die eigene Ausgabe. «Ich kann versuchen, es zu bestellen, aber zusichern kann ich natürlich nichts», schützt sich die Verkäuferin. «Bestellen Sie auch noch fünf weitere englische Schatten», beschliesst er. Dann unvermittelt, während er bezahlt: «Sie kennen das Buch doch, oder?» Und da die Verkäuferin in schöner Unschuld den Kopf schüttelt, drückt Herr Giulio ihr, sozusagen als vollendete Tatsache, sein eigenes gelesenes und zerlesenes Exemplar in die Hand: «Lesen Sie es heute Abend, Sie werden sehen, Sie legen es nicht aus der Hand, Sie werden die ganze Nacht durchlesen, was für eine Nacht, Sie werden sehen, wissen Sie, dass ich Sie beneide?» |
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«Die Vergänglichkeit und Zufälligkeit des Lebens ist der dunkle Hintergrund, von dem sich Anna Felders musikalische Divertissements abheben; es gibt in ihnen keine Sicherheiten, nur sanften Pessimismus und Zweifel, die sich manchmal auch selber in Frage stellen. Beim Klassentreffen auf der Terrasse über dem Fluss wird das strömende Wasser zur Metapher der fliehenden Zeit, die nichts Schreckliches hat, sondern als tröstliche Befreiung von der mühseligen Schulvergangenheit empfunden wird, da im bewegten Wasser auch «die nie endenden Pflichten, die unvollkommen gelösten Aufgaben (. . .), die Korridore und die numerierten Schulzimmer» fortgeschwemmt werden. In diesem lockeren Übergang vom prekären Alltagsgeschehen zum metaphorischen Sprechen entsteht das schwebende Gleichgewicht, das Anna Felders Miniaturen so anziehend macht.» Alice Vollenweider, Neue Zürcher Zeitung |
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Anna Felders knappe Erzählungen durchmessen den Spielraum menschlicher Zwiesprache in schlaglichtartigen Kurzsequenzen, einmal ironisch, dann wieder melancholisch. «Die Papierrechtecke, die der Mann in der Innentasche der Jacke trug, hatten die Ausmasse von Miniaturgräbern», steht in der titelgebenden Geschichte «No grazie» zu lesen, und später wird man über denselben Mann erfahren: «Er sagte, er habe kein Zuhause, und kehrte immer nach Hause zurück.» Tatsächlich bringt die Autorin existenzielle Geworfenheit zwischen Mitgefühl und leiser Ironie auf den Punkt, und zu den besten ihrer Skizzen zählen jene, die im beinahe zu vertrauten Umfeld — Berner Zeitung |
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