Vaxhid Xhelili
Sehnsucht nach Etleva / Malli për Etlevën
Gedichte Albanisch/Deutsch

Aus dem Albanischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Hans-Joachim Lanksch

96  Seiten, gebunden, illustriert
ISBN 3-85791-372-X

Rd_tri.gif (202 Byte)  Vaxhid Xhelili Rd_tri.gif (202 Byte) Zum Buch Rd_tri.gif (202 Byte) Text Rd_tri.gif (202 Byte) Stimmen
Kurze Inhaltsangabe
Vaxhid Xhelili gehört jener neuen Dichtergeneration an, die jetzt mit viel Erfolg an die grosse Zeit der albanischen Lyrik anknüpft. Sie ist aus einer reichen mündlichen Tradition hervorgegangen und gewinnt ihre spezifische Modernität aus deren archaischen Wurzeln: Eine Wortkunst ohne Ballast, in der jedes Wort, jede Silbe Gewicht hat.

Vaxhid Xhelili breitet in seinen Gedichten einen wahren Schatz an unverbrauchten Bildern, Symbolen und Metaphern aus, um seine Welt zu beschwören. Seine Welt, die geografisch und biografisch ebenso in der Schweiz liegt wie in der albanischen Kultur in Südserbien. Von Basel bis Prishtin> besingt er die Geliebte, die Sehnsucht, Landschaften — oder begegnet politischen Demonstranten und Beamten hinter ihren Schreibtischen mit heilsamer Ironie.

Vaxhid Xhelili, geboren 1960 in Lluéan, Südserbien, studierte albanische Sprache und Literatur in Prishtinë, kam 1989 als Saisonnier in die Schweiz. Auf Albanisch sind von ihm die beiden Gedichtbände «Malli për Etlevën» und «Pasqyra e mérzis>» erschienen, auf Deutsch ausgewählte Gedichte in der Anthologie «Küsse und eilige Rosen».

Gedicht
Malli për Etlevën

Sa herë ia shtrëngoj telat harfës së kujtimit

Ëndrrat e tua hipur mbi kalin e shkumuar

Bëjnë fotografi

Shkallëve të Universitetit

Unë i rebeluar instaloj sy rrugëve

Shesheve të lodhura nga këmbësorët

Prishtinës ia sjell te hunda tamblin e nënës

Me kalërimet e mia

Të shfrenuara o Zot

Sehnsucht nach Etleva

Sooft ich die Saiten der Erinnerungsharfe anreisse

Schiessen deine Träume auf schäumendem Ross

Fotos

Auf der Treppe der Universität

Ich installiere aufbegehrend die Augen auf Strassen

Auf Plätzen die der Fussgänger müde sind

Prishtina halte ich die Milch der Mutter unter die Nase

Mit meinen Ritten

Den ungezügelten o Gott

Auszug aus dem Nachwort von Hans-Joachim Lanksch:

Und suchte scharfsinnig nach Ufern  der Lyriker Vaxhid Xhelili

...

In mehrfacher Hinsicht steht Vaxhid Xhelili zwischen zwei Welten. Seine Heimat steht zwischen den divergierenden Interessen verschiedener politischer Blöcke und nationaler Bestrebungen. In der Schweiz steht er zwischen Heimweh und Integration. Es nimmt nicht Wunder, dass Vaxhid Xhelili die Sehnsucht nach seiner albanischen Welt immer wieder thematisiert. Dutzende kosova-albanischer Zunftgenossen haben dies gerade im Unterdrückungsjahrzehnt (1989–1999) auch getan. Xhelili hat es jedoch im Unterschied zu vielen anderen verstanden, seinen Schmerz ohne Larmoyanz und Trivialpathos zu artikulieren. Selbst wenn er der Verkörperung seiner albanischen Welt einen illyrischen Namen gibt, Etleva, stellt sich in Xhelilis Lyrik kein nationalromantischer Schmalz ein. Der wehmütigen Liebe zu seinem Land und Volk gibt er Ausdruck unter Verzicht auf nationale Ideologie. Er stellte sich damit gegen einen Unisono-Chor albanischer Schreibender in und aus dem ehemaligen Jugoslawien, die unter heftigem Schwenken des illyrischen Fähnleins pathetische Ergüsse nationaler Ideologie in pseudo-poetischer Form fabrizierten. Damit gehört Vaxhid Xhelili zu den wenigen Ausnahmen unter den jüngeren Autorengenerationen, die gegen den monotonen Strom einer omphaloskopischen Nationalpoeterei anschwammen, wie dies etwa auch der Journalist Beqë Cufaj (geb. 1970), der Arzt Aziz Mustafa (geb. 1967) und der jetzt in Skopje/Makedonien lebende Avni Halimi (geb. 1965) mit unkonventionellen Lyrikbänden ebenfalls in den neunziger Jahren taten. Xhelili verweigert sich nicht nur thematischer Monotonie, sondern auch stilistischer Monochromie. Auch hier steht er zwischen zwei Welten, zwischen Tradition und Innovation. Er verleugnet seine Wurzeln in der Tradition kosova-albanischer Dichtung, die einsilbig lapidare Wortkargheit mit elliptischer Verschlüsselung in Allegorien und Symbolen verbindet, nicht, bewahrt uns hingegen vor dem «déjà vu», das den mit neuerer kosova-albanischer Lyrik vertrauten Leser in den vergangenen zwei Jahrzehnten gar zu oft beschlich, als die Werkeder Grossen der kosova-albanischen Dichtung wie Azem Shkreli, Ali Podrimja, Din Mehmeti von mancherlei Plagiatoren geplündert wurden. Xhelili breitet in seiner Lyrik einen ungewohnten Reichtum origineller Bilder, Symbole, Metaphern und ungewohnter poetischer sprachlicher Fügungen aus. Das mittlerweile abgegriffen wirkende Inventar von Symbolen und Bildern wie «Fels», «Berg», «Stein», «Schlange», «Wolf» usw., das die epigonale Lyrik der achtziger und neunziger Jahre unverdrossen weiter ausschlachtete, wird man beiVaxhid Xhelili nicht finden. Es sei auch darauf hingewiesen, dass unser Autor eine der besten Traditionen kosova-albanischer Lyrik mit frischem Geist wieder aufleben lässt – die Ironie. Wie er beispielsweise vor dem Auge des Lesers durchaus sarkastisch das Bild entstehen lässt, dass er die «glattgebügelte Rhetorik» und nachgeblökten Refrains eines deklamatorischen albanischen Hurra-Patriotismus an Nationalfeiertagen nicht ohne Schlaftabletten oder Wein ertragen kann – das hat in der kosova-albanischen Lyrik Seltenheitswert. 

...

Pressestimmen / Rezensionen

Rd_tri.gif (202 Byte) Stimmen
Rd_tri.gif (202 Byte)
Frankfurter Rundschau vom 19. September 2002

Xhelili zählt nicht zu denjenigen, die durch rasche und zahlreiche Veröffentlichungen auf sich aufmerksam machten. Zu schreiben begann er mit zwanzig, sein erstes Buch Malli për Etlevën veröffentlichte er erst fünfzehn Jahre später zwei Jahre darauf folgte Pasqyra e mërzisë (Der Kummerspiegel), beide in einem Verlag in Prishtina herausgekommen. Der jetzt erstmals auf Deutsch erschienene Gedichtband, herausgegeben und übersetzt von Hans-Joachim Lanksch und im Schweizer Limmat Verlag ediert, bietet eine Auswahl aus beiden Büchern.

Es läge für einen Dichter wie Xhelili sicher nahe, nach all den Erfahrungen, die er machen musste, diese zu funktionalisieren und seine Poesie in den Dienst einer nationalen Ideologe zu stellen. Das zumindest taten etliche der albanischen Dichter seiner Generation in den neunziger Jahren. Doch Xhelili war von diesen schäumenden Ambitionen weit genug entfernt. Beschreibt er die Zustände in seiner Herkunftsheimat, klingt es eher ernüchternd denn nationalpatriotisch: "Der Balkankarren / Mit Flugzeugrädern / Und meinem Radschädel / Macht vor lauter Geschwindigkeit / Den Planeten anämisch".

Xhelilis Dichtung fällt auf, weil sie aus einer gleichzeitigen Überlagerung verschiedener, sich einander ausschließender Wirklichkeiten spricht. Zwischen den sanften Momenten jugendlicher Liebe, an die sich der Dichter in einem Gedicht erinnert, sind gewalttätige Einschübe erkennbar, oft nur unterschwellig aus einzelnen, auch anders deutbaren, Worten oder Fügungen herauszulesen: "Herbstlandschaft habe ich gemauert", vor glühender Hitze in Adern / der Stirn", "schenkt ihr abends Gitarrenklänge / Und jugendliches Verschmelzen / In Flammen".

Xhelilis Sehnsucht und der mit ihr verbundene Schmerz finden in diesem Band nicht immer nur poetisch-schöne, sondern manchmal auch durchschaubare Worte, dennoch bleiben sie im ganzen Band auf eine seltene Art authentisch und berühren. Dem Band beigegeben sind Zeichnungen, "Wegspuren" von Marianne Leupi, über das Blatt huschende, schlierende, kreisende Schattenspuren schwarzer Tusche - nichts weiter. Mit ihrer kargen, einen imaginären Weg verfolgenden Bildschrift kommt die Zeichnerin den Gedichten sehr nah. Xhelilis Poesie ist eine ebensolches Aufschreiben von Spuren, Fragmenten aus einer abhanden gekommenen Ferne, die für ihn im Gedicht wieder zur Wirklichkeit wird - wie auch aus der unmittelbaren Nähe, die ihm durch die Sehnsucht nach Etleva bis hin zur Fiktion entrückt wird. Frankfurter Rundschau

© Limmat Verlag

Limmat Verlag Homepage

Web-Betreuung