charbon.jpg (9206 Byte) Rémy Charbon (Hrsg.)
«O Schweizerland, du schöne Braut»
Politische Schweizer Literatur 1798—1848

1998, 660 Seiten, gebunden

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Kurze Inhaltsangabe
Mit politischen Liedern, Satiren, Erzählungen und Tendenzdramen kämpften die Schriftsteller der Umbruchszeit zwischen dem Ende der Alten Eidgenossenschaft und der Gründung des Bundesstaaates für oder gegen den liberalen Staat. Oft waren die Autoren selbst Politiker. Ihre Texte vermitteln noch heute ein lebendiges Bild der Auseinandersetzungen jener lebhaften Epoche. Über 200 Beispiele politischer Literatur werden hier – meist zum ersten Mal – wieder gedruckt und in ihren historischen, sprachlichen und literarischen Zusammenhängen erläutert.

Vorbemerkungen

von Rémy Charbon

Die vorliegende Anthologie setzt sich zum Ziel, erstmals einen Überblick über die in deutscher Sprache verfaßte politische Literatur der Schweiz in den Jahren zwischen dem Untergang der Alten Eidgenossenschaft und der Gründung des Bundesstaates zu geben und auf den bisher wenig beachteten Beitrag der Literatur zu dessen Entstehung aufmerksam zu machen. «Politische Literatur» ist für unseren Zeitraum in einem sehr weit gefaßten Sinn zu verstehen: nicht nur die eigentliche Agitationsliteratur gehört dazu, sondern überhaupt jeder Text, der den Leser als Mitglied einer staatlichen Gemeinschaft oder eines weltanschaulich, sozial oder religiös definierten Teils dieser Gemeinschaft anspricht. Eine Abgrenzung von «politischer» und «patriotischer» Literatur ist nur schwer möglich und auch wenig sinnvoll: Als Patriot fühlte sich jeder, der ein noch so parteiliches Gedicht verfaßte.

Die meisten der hier gesammelten Texte wurden seit ihrer Entstehung nie wieder gedruckt. Das hängt einerseits sicher mit der Zeitgebundenheit fast aller politischen Dichtung zusammen, die eben in dem Moment, wo der Inhalt nicht mehr aktuell ist, museal wird; andererseits aber auch mit der Geringschätzung dieser Art von Literatur durch die Wissenschaft. Den Germanisten war sie zu wenig poetisch, die Historiker zweifelten an ihrem Quellenwert. Dichtete Christian Wälti frohgemut: «Klimpert, girret nicht mehr länger / schmelzendsüße Seufzerlein / Denn es muß ein ächter

Sänger / Troubadour der Freiheit sein…», so merkte Friedrich Theodor Vischer, immerhin einer der ersten bedeutenden Literaturtheoretiker, zu Georg Herweghs «Gedichten eines Lebendigen» naserümpfend an:

Und doch taugt auch die Politik nichts in der Poesie, wenn man nämlich unter der Politik versteht die Unzufriedenheit mit der Gegenwart des Staats, den Wunsch, daß er anders werde, die Aufforderung an das Volk, daß es die Formen seines Staatslebens ändere.

An dieser Einstellung änderte sich lange Zeit wenig. Die Theoretiker verkannten offensichtlich die Besonderheiten politischer Literatur. Das «rein Poetische», und mochte es noch so epigonal sein, galt mehr als der Einblick in Mentalität und Stimmung einer Epoche.

Identitätsstiftung ist die Hauptabsicht dieser Art von Literatur. Dazu gehört neben einer affirmativen auch stets eine aggressive Komponente. In einer Umbruchszeit muß eine politische Bewegung, die sich noch nicht institutionell abgesichert weiß, nicht nur nach innerer Kohärenz streben, sondern sich auch nach außen abgrenzen. Daher ist die oft bis zur Karikatur getriebene Verunglimpfung wirklicher oder vermeintlicher Gegner ebenso ein Merkmal politischer Literatur wie ein ausgeprägtes Sendungsbewußtsein.

Primär ist die Wirkungsabsicht. Nicht Literatur produzieren wollten die Autoren – Frauen verfaßten nur ganz ausnahmsweise politische Literatur –, sondern ihr Publikum für die gemeinsame Sache begeistern. Das erklärt zu einem guten Teil die Anlehnung an bekannte Muster. Formale und stilistische Raffinessen würden geradezu störend wirken, weil sie die Aufmerksamkeit von der Botschaft abzulenken drohen. Zudem richten sich die Autoren nicht an die wenigen Liebhaber schön gebundener Almanache, sondern an Zeitungsleser und Politiker, an Handwerker und Fabrikanten, Teilnehmer an Volksversammlungen und Schützenbrüder. Der Vor-wurf mangelnder Qualität ist daher nur dort berechtigt, wo Ungeschicklichkeiten, Verlegenheitsausdrücke, falsche Reime und dergleichen den Text verunstalten. Als Zeitdokument mag er allerdings immer noch von Bedeutung sein.

Politische Literatur bezieht sich in den meisten Fällen auf die Tagesaktualität. Deswegen – und weil manche Autoren sich die Komposition eines umfangreicheren Werkes nicht zutrauten oder dafür schlicht keine Zeit fanden – dominieren Gedichte quantitativ gegenüber Prosa und Drama. Nicht nur ist ein Gedicht in einigen Mußestunden zu verfassen und leicht in einer Zeitung oder auf einem rasch hingeworfenen Flugblatt unter die Leute zu bringen. Die Kurzform erlaubt es auch, unmittelbar auf Tagesereignisse zu reagieren; anders als die für den einsamen Leser bestimmte Erzählung vermag sie überdies bei Manifestationen aller Art unmittelbar gemeinschaftsbildend zu wirken – deswegen liegen den zum Vortrag oder zum gemeinsamen Gesang bestimmten Liedern meist populäre Melodien zugrunde.

Ein ausgeprägtes Sensorium für Politik zeichnet so gut wie alle Schriftsteller der deutschen Schweiz aus. 1831 verfaßte der Pfarrer Albert Bitzius, aus dem erst 1836 der Dichter Jeremias Gotthelf wurde, die Bittschrift der Bernburger mit der Rücktrittsforderung an das Patriziat, und auch sein literarischer Erstling «Der Bauernspiegel» ist ein eminent politischer Roman. Noch 1852 rechtfertigte er sein Engagement im Vorwort zu «Zeitgeist und Berner Geist» mit der Notwendigkeit, einer «schlechten» eine «gute» Politik entgegensetzen zu müssen – noch immer war ihm das Politische offensichtlich kein Stoff wie jeder andere:

Der Hauptgrund aber, weshalb der Verfasser auch beim besten Willen von der sogenannten Politik nicht lassen kann, ist der, daß ja die heutige Politik überall ist, daß ja gerade das das bezeichnende Merkmal des Radikalismus oder der radikalen Politik ist, daß dieselbe sich in alle Lebensverhältnisse aller Stände drängt, das Heiligtum der Familien verwüstet, alle christlichen Elemente zersetzt. Wo man im Hause den Fuß absetzt, tritt man auf diese Schlange, diese Landplage Europas.

Ganz ähnlich dachte Gotthelfs politischer Antipode Gottfried Keller. Am 2. Mai 1848 notierte er in sein Tagebuch:

Aber wehe einem jeden, der nicht sein Schicksal an dasjenige der öffentlichen Gemeinschaft bindet, denn er wird nicht nur keine Ruhe finden, sondern dazu noch allen innern Halt verlieren und der Mißachtung des Volkes preisgegeben sein, wie ein Unkraut, das am Wege steht. Der große Haufe der Gleichgültigen und Tonlosen muß aufgehoben und moralisch vernichtet werden […]. Wer nicht für uns ist, der sei wider uns, nur nehme er teil an der Arbeit, auf daß die Entscheidung beschleunigt werde.

Tags darauf fügte er den Satz hinzu: «Nein, es darf keine Privatleute mehr geben!»

Mit politischen und patriotischen Gedichten setzt sogar die neuere schweizerische Volkslieddichtung ein. Johann Caspar Lavaters «Schweizerlieder» (1767) bildeten den Auftakt; ihrem Inhalt nach sind sie patriotisch, die Intention jedoch war politisch und pädagogisch. Aber auch die bedeutenden Autoren der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert wie Gottlieb Jakob Kuhn, Joseph Ineichen und Jost Bernhard Häfliger begannen als politische Dichter; erst in der Mediations- und vor allem der Restaurationszeit bevorzugten sie zeitlose, allgemein-menschliche Inhalte.

Bemerkenswert ist die überaus große Anzahl der Autoren und die Breite des sozialen Spektrums. Selbstverständlich griffen Geistliche beider Konfessionen gern zur Feder, einige Autoren waren Lehrer aller Stufen. Außer diesen schon beruflich mit Schriftlichkeit vertrauten Intellektuellen finden sich jedoch Angehörige fast aller Schichten und Stände im Autorenverzeichnis: neben dem Autodidakten Jakob Stutz Vertreter des bernischen und des zürcherischen Patriziates, neben etlichen Ärzten der Schneider Karl Knell, neben dem Gutsbesitzer David Hess der Kleinbauernsohn Irenäus Heller. Gelegentlich äußerte sich gar ein aktiver Politiker ohne jegliche literarische Ambition in Reimen – offenbar traute er einem noch so anspruchslosen Gedicht andere und vielleicht sogar größere Wirkung zu als einem Leitartikel.

Berufsschriftsteller – und das ist für die Schweiz, verglichen mit den Verhältnissen in den deutschen Staaten, charakteristisch – war keiner von ihnen; allenfalls betätigte sich der eine oder andere neben seinem bürgerlichen Beruf als nebenamtlicher Redaktor einer politischen Zeitung oder als Vorstandsmitglied einer kulturellen Vereinigung.

Zur Auswahl und Anordnung der Texte

Der demokratische Charakter der politischen Literatur der Schweiz legt es nahe, nicht nur eine Blütenlese besonders gelungener Werke, sondern eine thematisch gegliederte Auswahl aus dem gesamten Bestand vorzulegen, ihr also Kriterien der Repräsentativität und nicht der Qualität zugrundezulegen. Welche Autoren können als Exponenten einer Gruppe gelten? Welche Themen standen zu einer bestimmten Zeit im Brennpunkt des Interesses? Welche Formen wurden bevorzugt? Zu jedem Problemkreis sollten zudem möglichst alle beteiligten Parteien zu Wort kommen. Nicht immer war diese Absicht zu verwirklichen. Aus der Innerschweiz liegen nur wenige Texte vor. Dies bedeutet jedoch nicht, es habe dort keine politische Literatur gegeben. Indirekte Zeugnisse lassen vermuten, daß bei Gemeinschaftsanlässen wie den großen Waren- und Viehmärkten oder auch an der Fasnacht politische Spiele aufgeführt und politische Verse vorgetragen wurden. Da diese Werke aber von vornherein für eine mehr oder weniger geschlossene Gemeinschaft bestimmt waren, erschienen sie nie im Druck. Im Gegensatz dazu bildete das Publikum der Liberalen und Radikalen – wie es auch deren politischem Programm entsprach – über die Kantonsgrenzen hinweg eine Gemeinschaft.

Wichtigstes Auswahlkriterium war die Wirkungsmöglichkeit in der Epoche selbst. Aus diesem Grund konnten Texte, die – wie beispielsweise Heinrich Leutholds Gedichte zum Sonderbundskrieg – erst später bekannt wurden, nicht berücksichtigt werden. Eine Ausnahme bilden kurze Auszüge und einige wenige Zitate aus historischen Quellentexten, die als ergänzende Erläuterung unerläßlich schienen. Wegen der oft schwer faßbaren Bezüge, und um die kommentierenden Teile nicht allzu sehr zu belasten, fanden auch Texte, die aktuelle Probleme in historischem Gewand darstellen, nur ganz ausnahmsweise Aufnahme. Hingegen soll eine Vorstellung von der Vielfalt der literarischen Formen vermittelt werden; deshalb finden sich neben Gedichten, Erzählungen und Dramen auch protoliterarische Formen vom Lehrgespräch bis zum Kindervers.

Um einen möglichst breiten Überblick zu ermöglichen, werden umfangreichere Werke nur in – thematisch und formal möglichst charakteristischen – Ausschnitten präsentiert. Die kommentierenden Passagen dienen lediglich der einführenden Information zum Verständnis der Texte; sie sollten daher nicht als Kurzfassung der Schweizer Geschichte gelesen werden.

Der direkte Realitätsbezug ließ eine Gliederung nicht nach literaturgeschichtlichen, sondern nach historischen Epochen sinnvoll erscheinen. Innerhalb der einzelnen Kapitel folgt die Anordnung so weit möglich der Chronologie der Ereignisse.

Alle Autoren sind Schweizer oder Ausländer, die als direkte Zeitzeugen gelten können; Kommentare «aus der Ferne», so aufschlußreich sie gelegentlich für die Zeit um 1848 gewesen wären, fehlen daher.

Die bedauerlichste Lücke ergibt sich aus der Beschränkung auf deutschsprachige Texte. Abgesehen von der Unmöglichkeit, die Recherchen auf die anderen Landessprachen auszudehnen, wären auch ganz andere Traditionen und Schwerpunkte zu berücksichtigen gewesen.

Jede Auswahl aus einer fast unüberschaubaren Anzahl von Texten ist notwendigerweise subjektiv. In bezug auf die politische Literatur der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kommt erschwerend hinzu, daß nicht einmal eine solide bibliographische Basis vorhanden ist. Für die Zeit bis 1830 verzeichnen Hermann Schollenbergers «Probebogen aus dem Grundriß zur Geschichte der Deutsch-schweizerischen Dichtung» zwar eine beachtliche Anzahl von Titeln, beschränken sich aber weitgehend auf Gelegenheitsdichtungen von Autoren, die auch sonst literarisch hervortraten, und eine eher zufällige Auswahl anonymer Texte. Nicht wenige Zuschreibungen und Angaben sind außerdem fehlerhaft oder falsch. Für die Zeit nach 1830 fehlt sogar ein solches Hilfsmittel. Zwar sind in den Abhandlungen von Werner Sutermeister «Zur politischen Dichtung der deutschen Schweiz» (1907) und Henry Ernest Tièche «Die politische Lyrik der deutschen Schweiz 1830–1850» (1917) auch verstreut publizierte Werke nachgewiesen, jedoch ohne Systematik und mehr im Sinne von Belegmaterial. Zwei neuere Dissertationen von Reinhard Straumann («Literarischer Konservatismus in der Schweiz um 1848», 1984) und Jürg Frey («Troubadour der Freiheit», 1994) vermögen die Lücken nur unvollkommen zu füllen, da sie Zeitungs- und Zeitschriftenbeiträge nur ganz ausnahmsweise verzeichnen und die Autoren von vornherein exemplarisch vorgehen.

Der Herausgeber: Rémy Charbon, geboren 1945, studierte in Zürich und Berlin Germanistik, Geschichte und Europäische Volksliteratur. Er promovierte mit einer Arbeit über «Die Naturwissenschaften im modernen deutschen Drama». Heute ist er Dozent für Neuere deutsche Literatur an den Universitäten Freiburg i.Üe. und Genf. Neuere Publikationen haben vor allem die Schweizer Literatur vom 18. bis zum 20. Jahrhundert und die Literatur der DDR zum Thema. Für die Anthologie «Fundstücke der Schweizer Erzählkunst» wurde er mit einer Anerkennungsgabe der Emil-Bührle-Stiftung für das schweizerische Schrifttum ausgezeichnet.

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Inhalt
Inhalt

Vorbemerkungen 7

Prolog: Zwischen Französischer und

Helvetischer Revolution 1789–1798 13

Die Grenzbesetzung 1792 15

Die Intellektuellen und die Revolution 19

Der Stäfner Handel 1794/95 34

Stille vor dem Sturm? 48

Helvetische Republik 1798–1802/3 57

Staatsreform oder Fremdherrschaft? 59

Kampf und Niederlage 73

Bürgereidfeiern 80

Der Nidwaldner Aufstand 91

Propaganda 107

«Gleichheit» – und die Frauen? 129

Der zweite Koalitionskrieg 1799 135

Spottlieder und Satiren 149

Der Kampf um Wilhelm Tell 159

Krise und Ende der Helvetik 165

Letzte Kämpfe 180

Die Mediationsakte 189

Mediation 1803–1814/15 193

Neubeginn und alte Querelen 195

Das erste Unspunnenfest 1805. «Volkslieder» 201

Biedermeier 207

Sic transit gloria mundi 213

Nochmals Kämpfe: 1813–1815 216

Restauration 1815–1830 245

Stagnation und Neubeginn 247

Patriotische Feste und Feiern 250

Integrationszwang 262

Ausgrenzung 278

Übergangszeit 285

Regeneration 1830–1848 289

Die Wende 291

Verfassungsrevisionen 300

Zögern in Bern 304

Basler Wirren 1831–1833 307

Gegenströmungen 363

Liberale Beharrlichkeit 370

Bildung im Industriezeitalter 382

Allerlei Krisen: Napoleonhandel, Staatsverdrossenheit, Hörner- und Klauen-Streit 403

Umstürze und Umsturzversuche 416

Zürich: «Straußenhandel» und «Züriputsch» 417

Freiämtersturm und Klosteraufhebung im Aargau 443

Konservativer Umschwung in Luzern 455

Die Schützenfeste – «Tagsatzung des Volkes» 460

Feindbilder 468

Der Jesuitenschreck 489

Die Freischarenzüge 493

Der Sonderbundskrieg 538

Der neue Bund 553

Epilog 1855 563

Anhang
Zur Textgestaltung 571
Nachweise und Erläuterungen 573
Autorenverzeichnis 648

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Stimmen / Rezensionen
Link Pressestimmen
Link Neue Zürcher Zeitung vom 17. März 1999

 

Pressestimmen

Rezensionen

Neue Zürcher Zeitung vom 17. März 1999

«Wach auf, o Volk, der Tag bricht an!»

Schweizerische politische Literatur 1798-1848

«Nein, es darf keine Privatleute mehr geben!» ruft Gottfried Keller im Mai 1848 Jeremias Gotthelf entgegen, der beklagt, dass die - radikale - Politik bis in das «Heiligtum der Familie» hineindrängt. Wo Gleichgültigkeit, Apolitie nicht mehr möglich sind, da wird nicht der Dichter zum Staatsmann, sondern der Parteigänger zum Verseschmied. Rémy Charbon legt eine Anthologie vor, in der deutschschweizerische Poesie als wichtiges Medium im Ringen um die öffentliche Meinung greifbar wird. Kein Berufsschriftsteller ist vertreten, aber alle möglichen Berufe versuchen sich als Schriftsteller. Sie reagieren meistens auf aktuelle Ereignisse und wählen deshalb die kurze Form des Gedichts, oft nach bekannten Melodien wie dem revolutionären «Ça ira» - Gesinnungsfreunde sollen gemeinsam singen. Aber auch Erzählungen und Dramen sind in Auszügen berücksichtigt.

Die politische Spaltung prägt das Buch von Anfang an: Lavater selbst parodiert 1792 seine optimistische Eloge aus dem Vorjahr - unterlag damals Herrscherstolz der Französischen Revolution, so triumphieren jetzt Mordsucht und Räuberrecht. Karl Salzmann ruft 1798 zu Tells Freiheitshut, der auf dem Luzerner Freiheitsbaum prangt: «Es sei dein Bild daher / Dem Patriot zur Ehr, / Zur Schand' dem Sklavenknechte.» In Heinrich Zschokkes «Schweizerbote» belehrt Tell im Reich der Toten einen konservativen Bauern über die «wahrhafte» Freiheit. Doch die Gründermythen dienen nicht weniger den Gegnern der Helvetik, die ebenfalls die Freiheit verteidigen wollen: «Kommt ihr dreizehn Bundes-Brüder / Ab der Alp. / Nehmt wahr der drei ersten Brüder, / Wie sie stehen an dem Ruder, / Wie der Tell!» Alle berufen sich auf den Tyrannenmörder; wer aber ist Gessler - die einheimische Oligarchie oder die französischen Besatzer?

Die politische Dichtung blüht während Mediation, Restauration und Regeneration weiter, was auch an langfristigen Themen wie «Volksbildung», «Integrationszwang» oder «Ausgrenzung» vorgeführt wird, so anhand von Johann Conrad Appenzellers Erzählung «Die Heimatlosen» (1821). Unerbittlich wird der Ton in der Sonderbundskrise. Der katholische Aargauer Xaver Wiederkehr bezeichnet die liberale Tagsatzungsmehrheit als «zwölf Ischariote»: «Ha! des feilen Lohnes feilste Knechte / Lachend teilen sie den Judassold! / Freies Volk, und keines Heldenrechte/ Ist zum Schwertstreich ihnen ausgeholt?» Ähnlich apokalyptisch klagt die radikale «Schweizerische Marseillaise» die Jesuiten an: «Euch hat die Hölle einst geboren, / Denn eure Losung ist der Mord, / Ha! mit euch schwarzen Sündern fort, / Sonst ist das Vaterland verloren.»

Nach geschlagener Schlacht findet nicht nur Gottfried Keller in seinem «Ave Maria» bald Worte der Versöhnung und des Bedauerns über den Bruderkrieg, den die sonderbündische Fee des Vierwaldstättersees trotzig forderte: «Und sie hielt im weissen, runden / Arm ein Kind mit sieben Wunden, / ein ersterbendes, welkes Kind.» Solche feinere Symbolik und Sprache ist nicht die Regel in diesem Buch. Aber die pathetische Rhetorik etwa der Schützenfeste, wie sie bereits in Gotthelfs «Herr Esau» Spott erntet, ist, wenn nur bedingt ein literarischer Genuss, so gewiss eine wichtige kulturgeschichtliche Quelle, die von Rémy Charbon vorbildlich erläutert und präsentiert wird.

Thomas Maissen
© Neue Zürcher Zeitung

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