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Der literarische Blick Schweizer Autorinnen und Autoren schreiben zu Schweizer Kunst des 20.Jahrhunderts aus der Sammlung Nationale Suisse Herausgegeben von Daniel Bruckner und Andreas Karcher Mit Texten von Alex Capus, Corinne Desarzens, Klaus Merz, Oscar Peer, Ilma Rakusa, Isolde Schaad, Noëlle Revaz, Christian Uetz u.a. 298 Seiten, mit 23 ausklappbaren Farbreproduktionen, gebunden ISBN 978-3-85791-551-2 |
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Vom Bild zum Wort: 23 Schweizer
Autorinnen und Autoren sind für dieses Buch eingeladen worden, sich ein Bild
aus der Sammlung Nationale Suisse auszuwählen und einen Text dazu zu
verfassen. Entstanden ist eine ‹literarische Galerie›, in der etwa Klaus
Merz Matias Spescha begegnet oder Fabio Pusterla Niklaus Hasenböhler. Ilma
Rakusa und Isolde Schaad schreiben zu Miriam Cahn,
Daniel de Roulet zu Jean
Tinguely, Peter von Matt zu Walter Kurt Wiemken. Alle vier Landessprachen
sind vertreten, literarische Formen vom Essay bis zum Gedicht und von der
Betrachtung bis zur kurzen Erzählung. Auf ausklappbaren Seiten lassen sich
die Bilder beim Lesen betrachten, als Sehschule der besonderen Art, als
dreifache Bereicherung durch das Bild, den Text und das Dazwischen: die
Begegnung. |
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Die Sammlung Nationale Suisse wurde im Jahr 1943 von Dr. Hans Theler begründet, und ab 1980 von seinem Sohn Dr. René Theler weiter ausgebaut. Wegweisend für ihre Sammlertätigkeit waren nicht die grossen Künstlernamen jener Zeit, sondern die Leidenschaft für bildende Kunst, die sie schon früh Werke von damals noch unbekannten Künstlern wie Coghuf, René Auberjonois oder Varlin ankaufen liess. Die Sammlung Nationale Suisse gehört international zu den wenigen Firmensammlungen, die schon mehrmals in Museen gezeigt wurden. Geleitet wird die Sammlung heute von Andreas Karcher. |
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Inhalt |
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Wer schreibt zu welchem Bild: Die Übersicht |
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Michel Mettler Die Dunkelkamm er der Fantasie Ein Mensch steht vor einem Gemälde, in seinen Anblick vertieft und doch vibrierend gegenwärtig. Das Bild wird grösser in seinem Kopf, schliesslich omnipräsent und allumfassend; im Innern seiner Phantasie nimmt es spielend den Raum einer gesamten Welterfahrung ein – ich wüsste keine treffendere Beschreibung für den Zustand, in den ein Autor verfällt, wenn seine Arbeit Fahrt aufnimmt und der Tisch, an dem er sitzt, zur Sonde wird, mit der er die Innenräume des Daseins erkundet. Finden wir uns als Betrachter vor einem Bild, beginnt ein symbolischer Sog zu wirken, ähnlich der Selbstermächtigung des Schreibers vor seinem weissen Blatt: Das Geschehen in diesem engen Geviert steht jetzt für die Welt schlechthin, die deutungsbedürftige, sich immer wieder allem Verstehen entziehende «Wirklichkeit ». Von solcher Wesensverwandtschaft zwischen Betrachten und Beschreiben lebt dieses Buch. Was fasziniert die Wörtermenschen so sehr am Gemalten, dass sie es, das Sekundäre, als Stoff so oft und gern dem Leben vorziehen, von dem es doch abgeleitet ist? Das Bildnis besitzt von vornherein, was in der Schrift nie zu erlangen ist, oder nur auf beschwerlichen Umwegen: ein Nebeneinander der Stadien und Erzählelemente, das sich nicht in der Zeit, sondern über die Fläche erstreckt. Es birgt die Gleichzeitigkeit, eine Abfolge entsteht erst mit dem Tun des Betrachters, aus der Wanderschaft seines Blicks. Die Literatur hingegen bleibt Zeile für Zeile, Ereignis um Ereignis an ihre linearen Verläufe gefesselt, ans Nacheinander. Die Gesamtschau jedoch, unsichtbar für den Schreibenden, kann erst im Kopf des Lesers entstehen. Die Verlockung des Gemalten ist also nicht weiter erstaunlich. Was aber wäre die grösste Gefahr beim Beschreiben von Bildern? Dass wir das Nachsehen haben, meine ich, und ins Nacherzählen geraten – in den Versuch, mit Worten noch einmal zu tun, was schon auf der Leinwand geschieht. Dort aber bleibt der Strich frischer und unverblümter, weil er in seinem Element ist, während die Schrift nur eine Übersetzung bietet. Dabei kommt sie jenen Schritt zu spät, der uns schon in der Schule jede Bildbeschreibung verleidet hat. Wo ihre Sprache aber in der Schwingung des betrachteten Bildes zu vibrieren beginnt, kann sie zur Türöffnerin werden, die uns durch die Leinwand treten lässt, hinter das Sichtbare in ein eigenes Reich des Ungemalten. Wenn das Wort diese Tapetentür aufstossen kann, beginnen wir lesend der Behauptung zu glauben, die jedes Beschreiben klammheimlich in den Raum stellt: dass ‹dort hinten› nämlich etwas darauf warte, aus seiner Sprachlosigkeit befreit zu werden. Das einlässliche Betrachten einer Malerei hat etwas Kultisches. Mit unserem Blick setzen wir Energien frei, die darin gebündelt sind. Und dies wiederum ist ein Sinnbild für den Prozess, den jeder künstlerische Akt in Gang bringen will. Der Schriftsteller steht vor dem Leben wie der Liebhaber vor dem Bild: Er sucht schreibend seinen Reichtum aufzuspüren und zu entfesseln, und dies in einem Innenraum, in der Dunkelkammer seiner Phantasie: Jeder Text in diesem Buch schreibt sein eigenes Bild, als wäre die Leinwand ein lichtempfindlicher Film, der ins nächste Bad getaucht werden will, um sich weiter zu entwickeln. So wie das Gemälde auf der Staffelei seine Stadien durchlaufen hat, tut es dies auch im Auge des Betrachters, und später noch einmal im Text – dann jedenfalls, wenn dieser zur zweiten Netzhaut gerät, die noch empfindlicher wahrnimmt, was sich an vielfältigem Leben in den Tiefenschichten abspielt. Doch auch damit ist die Reise nicht zu Ende, denn ohne die Leserin, den Leser ist noch nichts gewonnen: Sie erst treiben die Fortschreibung des Sicht- und Lesbaren um die entscheidende Haaresbreite weiter. Denn ohne die schönste unserer Gaben, die Einbildungskraft, wäre alle Malerei oder Literatur, und sei sie noch so intensiv, nur Strich und Buchstabe auf unbelebtem Grund. Doch im Entwicklerbad der Imagination pflanzen sich die Bilder in Wort oder Farbe fort, weit hinweg aus allem, was irgend mal- oder schreibbar wäre. Folgen wir ihnen durch die Tapetentür. |
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«Es ist Lesegenuss pur, wenn sich Leute, die schreiben können, dem Sog von Bildern stellen und den analytischen Blick dabei nicht vergessen.» Sonntag, Aargauer Zeitung «‹Der literarische Blick› enthält Texte, die man mit anhaltender Neugier fertig liest. Die unterschiedlichen Perspektivenwechsel werfen ein helles Licht auf die literarische und künstlerische Vielfalt in der Schweiz.» Der Landbote «Der Parcours durch die
Kunstsammlung bietet neben Kostproben von Autoren aus allen Landesteilen
zugleich eine Vielzahl sprachlicher Annäherungsmöglichkeiten an Kunst.»
Tages-Anzeiger «Eine sehr ansehnliche, sorgfältig gestaltete Anthologie, die ausfaltbare Abbildungen der Gemälde mit 23 ganz unterschiedlichen Texten von Autoren wie Klaus Merz, Peter von Matt, Ivan Farron, Ilma Rakusa und Katharina Tanner vereint; dabei vermessen die entstandenen Texte vom kompakten Gedicht (Klaus Merz über Matias Spescha) über eine schweifende Bildbeschreibung (Ilma Rakusa über Miriam Cahn) bis hin zur Mini-Erzählung (Sandra Hughes über Christoph Hänsli) sämtliche Möglichkeiten eines Verhältnisses zwischen Wort und Bild, zwischen bildlicher Sprache und erzählerischer Gleichzeitigkeit.» Neue Zürcher Zeitung
«Diese Textsammlung erweist der Schweizer Kunst des 20. Jahrhundert aus der
Sammlung Nationale Suisse die Ehre mit Reflektionen, Interpretationen und
literarischen Annäherungen an Bildern, die ebenfalls in diesem schönen Buch
zu sehen sind. So unterschiedlich die Bilder sind, so unterschiedlich sind
die Textarten, und mit Lust kann darin geblättert, betrachtet und gelesen
werden.» Zürich West |
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