Zeiträume

Texte von Anne Cuneo, Hanna Johansen, Ilma Rakusa, Isolde Schaad und Elisabeth Wandeler-Deck

Ein Buch der Fachstelle für Gleichberechtigungsfragen des Kantons Zürich

Herausgegeben von Catherine Silberschmidt und Christine Tresch

2000, 160 Seiten, gebunden

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Zeit und Erfahrung

Verändert sich die Wahrnehmung von Zeit?

Aus Anlass ihres zehnjährigen Bestehens hat die Fachstelle für Gleichberechtigungsfragen des Kantons Zürich fünf Autorinnen gebeten, sich Gedanken zum Thema Zeit und Erfahrung zu machen: Wie verhalten sich persönliche Rhythmen und Bewegungen zum beschleunigten Wandel unserer Gegenwart? Verändert sich die Wahrnehmung von Zeit mit dem Älterwerden? Was kann die individuelle Zeit der gesellschaftlichen entgegenhalten?

Inhalt

Vorwort
von Catherine Silberschmidt

Isolde Schaad
Louise und die Schirmherrschaft

Ilma Rakusa
Jalousie: Tagtraum: Bewegliche Zeit

Anne Cuneo
Mein Freund Leslie

Elisabeth Wandeler-Deck
Sie tauchte ab.

Hanna Johansen
Nicht vergessen

 

Aus dem Buch
Isolde Schaad

Louise und die Schirmherrschaft

Es war zu Anfang eines Jahrtausends, das nichts Richtiges mit sich anzufangen wusste. Das Angebot war zu gross. Es gab Unentwegte aus dem letzten Jahrhundert, das wusste Louise. Der Gang der Unentwegten war langsam, das Haar unter der sinkenden Sonne des Sozialstaates schütter geworden. In den mit Schuppen besäten Scheiteln der Männer liess sich die politische Anstrengung nieder und wirkte wie schmutziger Schnee. Der Zustand der mit ihnen unverheirateten Frauen war am Haaransatz zu erkennen. Der wurde regelmässig von neuem krass schwarz, oder dann rot, aufs Positivste. Louise starrte auf ihn, in der Warteschlange, an der Kasse, im Kino und im Konzert, wenn er die Sicht aufs Orchester verbaute. Die Wende von Henna zur Firma, die Sunset 2001 hiess, oder Ever Lovely, vollzog sich synchron mit dem Kurs der Grünen ins Finstere. Das Henna verzog sich in Strähnen, und die Frisur wusste nicht mehr, wo es nun langging, in dieser Epoche ohne klare Empfindung.

I

Louise, genannt Lou, zählt sich nicht zu den Unentwegten, obschon sie mit ihnen sympathisiert. Sie will ergrauen ohne seelischen Aufwand, und ohne etwas beweisen zu wollen. Sie hat sich nämlich entschlossen, das Altern in Angriff zu nehmen wie eine Pendenz. Eine Pendenz erledigt man, ohne Aufheben zu machen. Erster Akt: Louise tauscht die 40-Watt-Birne im Badezimmer mit einer 60-Watt-Birne aus: Schluss jetzt mit der Sinnestrübung und den Wolken der Illusion, Schluss mit dem Spiegelbild auf Distanz und im Dämmer. Sie blickt nun der Sache ins Auge, dort wo sie sich zeigt, als Kerbe über der Lippe, als Mal auf der Nase, als Rinne und Rune, die sich am Mundwinkel wie ein Fächer gebärden. 

...

Pressestimmen / Rezensionen
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Rd_tri.gif (202 Byte) Aargauer Zeitung vom 10. Januar 2001 
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Pressestimmen

 

Rezensionen

Aargauer Zeitung vom 10. Januar 2001

Die Zeit in den Zeilen

Potpourri Autorinnen und «Zeiträume»

Der Anlass des vorliegenden Erzählbändchens ist das zehnjährige Bestehen der Fachstelle für Gleichberechtigungsfragen des Kantons Zürich. Fünf Schweizer Autorinnen, welche im Kanton Zürich beheimatet sind, wurden angefragt, sich zum Thema «Zeit und Erfahrung» ihre Gedanken zu machen. Die Zeiterfahrungen, die sich in den fünf kurzen Erzählungen spiegeln, kommen zwischen spielerischem Kurzweil und langer Weile zu liegen. Auftragsarbeiten haben oft den Ruch des Aufgezwungenen und Aufgesetzten, in schlimmsten Fällen wirken sie papieren und blutleer. Wenn das Thema dann zwar «Zeit und Erfahrung» lautet, aber von der Fachstelle für Gleichberechtigungsfragen gestellt wird, ist es nicht verwunderlich, dass die meisten Autorinnen dieses Thema aus einer spezifisch weiblichen Sichtweise angehen. So ist es zwar nicht erstaunlich, aber beinahe fast schon tragisch zu nennen, dass die mit Abstand beste, vergnüglichste und lesbarste Erzählung ein liebevolles Porträt des englischen Gelehrten A. L. Rowse ist - eines Mannes.

Die 61-jährige, Französisch schreibende Anne Cuneo zeigt in ihrer Darstellung den als verschroben geltenden Wissenschafter A. L. Rowse als den, der er für sie war: «Mein Freund Leslie.» Es beginnt 1991 mit dem Vorsatz, ein Theaterstück zu verfassen. Die Recherchen führen zu einem Autor: A. L. Rowse. Diese Fährte ist vielversprechend, ist er doch ein Spezialist für das elisabethanische England (dem thematischen Umfeld des Stücks) im Allgemeinen, und obwohl ihr von mancher Stelle abgeraten wird, mit dem 87-jährigen Professor Kontakt aufzunehmen, wagt sie es, einen Brief an den als bissig und mürrisch Verschrieenen zu schreiben und ihn um seine Mithilfe an ihrem Projekt zu bitten. Alles, was sie über Rowse gehört hat, scheint zuzutreffen, versucht er sie doch zu provozieren und zu beleidigen, indem er über die Italiener herzieht (die Autorin hat italienische Vorfahren): «Er sah mich mit einem undefinierbaren Lächeln an. Ein richtiges Ohrfeigengesicht. Ich traf eine Entscheidung: <Kennen Sie die Geschichte, die unmittelbar nach dem Krieg in Italien zirkulierte, das damals fünfundvierzig Millionen Einwohner zählte? In Wirklichkeit, so sagte man, zähle Italien neunzig Millionen Einwohner: fünfundvierzig Millionen Faschisten und fünfundvierzig Millionen Antifaschisten>.» So erwischt sie den Professor auf der richtigen Wellenlänge: Reagierte man auf eine Provokation mit einer ebensolchen, gewann man seine Wertschätzung, wenn man darauf hereinfiel, war man als Dummkopf abgestempelt. Für Leslie - denn bald darf die Autorin A. L. Rowse so nennen - zählte nur die Intelligenz des Herzens und des Kopfes. Aus dem Theaterstück wird ein Roman, aus dem Professor ein Freund, einer, über den man sagen kann, man habe sich in ihn verliebt und er habe jemandes Leben verändert. Anne Cuneo hat hinter die Fassade dieses Jahrhundertmenschen, eines «Fürsten der Zeit», geblickt, hat ihn für sich und ein bisschen auch für uns zugänglich gemacht. Wir lesen die Zeit in den Zeilen: «Er winkte mir mit ausladender Geste zum Abschied. Ich blieb stehen, ich war gerührt. Ich machte meine linke Hand frei und winkte ebenso ausladend zurück. Blitzartig spürte ich die Einsamkeit dieses sonst so umgänglichen Menschen. Ich musste mir gut zureden, denn am liebsten wäre ich umgekehrt.»

Eine weitere Erzähung macht ähnlichen Eindruck: «Nicht Vergessen» von Hanna Johansen, wo sie die Erinnerung einer alten Frau an ihr Leben aufs Eindrücklichste imaginiert. Über die Erzählungen der anderen drei Autorinnen sei höflich der Mantel der Zeit und des Schweigens gehüllt.

Gregor Patorski
© Aargauer Zeitung

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