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Hannes Binder Glausers Fieber
1998, 64
Seiten, Pappband
vergriffen |
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Im November 1935 wurde Friedrich Glauser wegen seines Opiumkonsums aufgrund einer Verordnung seines Amtsvormundes in die Berner Heilanstalt Waldau eingewiesen. Dieser auferzwungenen Isolation und Immobilität setzte er in einem literarischen Gewaltakt die «Fieberkurve» entgegen. Die Entlassung im Frühjahr 1936 unterbricht diese exzessive Arbeit. Glausers Leben nimmt eine neue Wendung. Die ehemalige Anstaltspflegerin Berthe Bendel wird seine Lebensgefährtin, und Martha Ringier, eine mütterliche Freundin, wird als Schriftstellerin Anlaufstelle für alle Probleme, die sich im Zusammenhang mit seiner schriftstellerischen Arbeit ergeben. Sie ist seine erste Lektorin und Kritikerin. Durch Vermittlung eines Bekannten wird Glauser von einem Pariser Bankier Unterkommen in einem kleinen Bauernhof in der Nähe von Chartres angeboten. Glauser akzeptiert und reist zusammen mit Berthe Bendel nach Frankreich. Den Ausbruch des Schriftstellers aus heimatlicher Enge läßt er in der «Fieberkurve», die er wieder aufnimmt, auch seinen Protagonisten Wachtmeister Studer nachvollziehen: Paris und Marseille sind seine ersten Stationen in der Fremde; in geheimer Mission gelangt Studer später nach Marokko und in die Fremdenlegion. Doch Glauser tut
eine surreale Geschichte mit Hellsehern, Kartenschlägern und anderem mysteriösen Personal, verliert sich in Nebensächlichkeiten und greift zu grotesken Konstruktionen, im vergeblichen Versuch das Ganze noch zu einer Einheit zu verschweißen. Mehr denn je läßt er sich von der Atmosphäre seiner Schauplätze, von den Charakteren seiner Figuren verführen und vernachlässigt darüber die Lösung des Kriminalfalls. Die Auseinandersetzung mit Glausers Werk, die ich in den vergangenen Jahren oft obsessiv betrieben habe, wird in der «Fieberkurve» einer Prüfung unterzogen. Die bisher bewährte Art, einer linearen Handlung grundsätzlich zu folgen und die Brüche im logischen Ablauf zu «überzeichnen», konnte nicht mehr bestehen. Die Lektüre des Romans bestärkte mich in der Überzeugung, daß eine Umsetzung nur dann sinnvoll sein würde, wenn ich Glausers Biographie, seinen Frankreichaufenthalt und die schriftstellerische Arbeit mit der Fiktion, in die sie eingehen, konfrontiere und vermische: Das Ganze ein einziger Fiebertraum, in den hinein immer wieder Fragmente aus der Realität Briefstellen, Tagebuchaufzeichnungen eindringen, die ich dann mit eigentlich filmischen Mitteln wie Überblendungen einfüge, und so die «Fieberkurve» zu einer einzigen Collage verarbeite. |
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«Seit vielen Jahren setzt sich der Zürcher Illustrator und Maler Hannes Binder, 51, mit dem Werk Friedrich Glausers auseinander, «oft obsessiv», wie er selber sagt. Er schuf schon vor Jahren Comics aus den Wachtmeister-Studer-Krimis «Der Chinese» und «Krock & Co.». Nun hat er sich den streckenweise surrealen Glauser-Roman «Fieberkurve» vorgenommen, bei dem sich Glauser mehr und mehr von den teils exotischen Schauplätzen und den Figuren verführen liess und den logischen Fortgang der Krimihandlung vernachlässigte. Binder hat Elemente aus dem Roman mit Fragmenten aus Glausers Biografie, Briefstellen und Tagebuchnotizen zu einer ganz neuen, ungeheuer vielschichtigen visuellen «Fieberkurve» verdichtet. Binders fünftes Glauser-Bilderbuch ist sein bisher stärkstes.» Facts «In Friedrich Glausers «Die Fieberkurve» stellen sich mysteriöse Selbstmorde als Morde heraus. Die Recherchen führen Wachtmeister Studer schliesslich zur Fremdenlegion nach Marokko. Oft schlängelt sich die verwickelte Handlung durch surreale Bilder, wirkt fiebrig. Der Zürcher Illustrator Hannes Binder setzte in der Vergangenheit Glauser-Krimis in Comics um. In «Glausers Fieber» verknüpft er das Thema zu einer Collage: Bilder aus Glausers Leben wechseln mit Schlaglichtern auf den Roman. Ein Text/Bilderbuch, das die Phantasie anregt, einen aber auch veranlassen kann, den Roman selbst zur Hand zu nehmen.» Coop-Zeitung |
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| Rezension
Ein neues Bilderbuch von Hannes Binder Aus dem Dunkel scheinen sie zu sprechen - faszinierende Nachtbilder legt der Zürcher Maler und Illustrator Hannes Binder, der sich seit Jahren mit dem Werk Friedrich Glausers auseinandersetzt, vor. In «Glausers Fieber» erzählt er eine Geschichte, die den Roman «Die Fieberkurve» paraphrasiert und auf Stationen von Glausers Biographie verweist. Seit über einem Jahrzehnt setzt der Zürcher Künstler Hannes Binder Kriminalromane und -geschichten Friedrich Glausers in seine eigenwillige, holzschnittartige Bildsprache um. Von den ersten Krimi-Comics, «Der Chinese» (1988) und «Krock & Co» (1990), bis zur soeben erschienenen Phantasie «Glausers Fieber» ist der mittlerweile 51jährige Maler und Illustrator einen weiten Weg gegangen. Seine ersten Bücher waren noch konventionell aufgebaut: stereotype Figuren, die hauptsächlich durch Variation der Perspektive, der Distanz, der mimischen Signale den Eindruck von Bewegung machten; kleine Bildchen mit vollgepackten (bei Binder viereckigen) Sprechblasen. Doch mit den Bilderbüchern «Knarrende Schuhe» (1992) und «Wachtmeister Studer im Tessin» (1996) verdichtete sich die Erzählweise des Zeichners zunehmend zu mehrschichtigen Einzelbildern, die eher genaues Hinsehen verlangten als zu gespanntem Weiterblättern verführten. In den detailreichen halb- und ganz-, sogar doppelseitigen Bildern, die die raschen Comic- Skizzen abgelöst haben, folgt Binder nicht mehr einem linearen Handlungsablauf, sondern paraphrasiert Glausers Text und überblendet ihn mit der Biographie des Autors. Wenn ein Buch Glausers sich für dieses Montageverfahren eignet, dann die hier bearbeitete «Fieberkurve» (1935/36), ein Text voller Sprünge und Brüche in Zeit, Ort und Handlung, wie sie bei diesem Autor sonst kaum begegnen. Julian Schütt hat in seiner kommentierten Ausgabe des Romans sogar postuliert, dass die offensichtlichen Widersprüche im Text Glauser nicht unterlaufen, sondern von ihm als Spiel mit einem ausgeleierten Genre inszeniert worden seien. Eine phantasievolle Deutung! Schlichter lassen sich die Ungereimtheiten des Romans indes aus den chaotischen Umständen seiner Entstehung erklären. Erklärt wird nun bei Binder freilich nichts. Der Künstler gibt nur Denkbilder, Andeutungen, versteckte Zitate. Er verbindet Elemente der Romanhandlung mit Selbstzeugnissen Glausers aus der Entstehungszeit des Textes, ergänzt sie aus weiteren Quellen (etwa Berichten von Berthe Bendel und Hulda Messmer aus Angles und La Bernerie) und mischt alle diese Elemente zu einem Fiebertraum. Dabei zitiert er auch bekannte und weniger bekannte Photographien Glausers und seiner Umgebung in verändertem Zusammenhang. So erkennt man Gotthard Schuhs Porträt Glausers, wie er im Bett liest, doch nun liegt der Autor am Meer; oder das gerahmte Porträt des übermächtigen Vaters, doch nun erscheint es über einer marokkanischen Wüstenlandschaft. Das schöne (von Berthe aufgenommene) Bild aus Angles, auf dem Glauser, im Mundwinkel die Zigarette, einer jungen Ente beizubringen versucht, übers gespannte Wäscheseil zu laufen, variiert Binder mehrfach. Nachtbilder sind die Blätter allesamt: mit einem Federmesser in einen schwarz beschichteten Karton geritzt und geschabt. Aus dem Dunkel des nicht Mitteilbaren scheinen sie zu sprechen. Dass die gewählte Technik kaum Korrekturen zulässt und vom Künstler deshalb Stetigkeit und innere Sammlung verlangt, merkt man den Blättern an: Nie hat Hannes Binder ein gleichzeitig so freies und so geschlossenes Glauser-Buch vorgelegt. Wer der ohnehin unübersichtlichen Geschichte um die «Fieberkurve» hier zum erstenmal begegnet, den mögen die Traumbilder vor allem verwirren. Betrachter, die mit Leben und Werk des Autors schon etwas vertraut sind, werden in diesem «Glauser für Fortgeschrittene» jedoch faszinierende Spuren einer obsessiven künstlerischen Auseinandersetzung entdecken. Manfred Papst |
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© Limmat Verlag |