Sylviane Roche
Marie-Rose De Donno

Die Italienerin

Geschichte eines Lebens

Aus dem Französischen von Peter Sidler


Titel der Originalausgabe: L'Italienne
2000, 240 Seiten, gebunden

Rd_tri.gif (202 Byte) Die Autorinnen Rd_tri.gif (202 Byte) Zum Buch Rd_tri.gif (202 Byte) Text Rd_tri.gif (202 Byte) Stimmen

Kurze Inhaltsangabe

Die Verkäuferin Marie-Rose De Donno spricht die Schriftstellerin Sylviane Roche in einem Modegeschäft an: «Ich habe etwas zu erzählen, was eine Autorin interessieren könnte.» Sie verabreden sich. Marie-Rose beginnt, ihr Leben zu erzählen, aus den Erzählungen entstehen ein Buch und eine Freundschaft.

Das Leben der Marie-Rose De Donno ist mehr als ‹romanhaft›: Ihr Herkommen in Süditalien ist geprägt von Hunger, einem Alkoholiker-Vater und gesellschaftlicher Ächtung. Unter harten Bedingungen wächst sie an wechselnden Orten in Italien und der Schweiz auf. Ihre Ehe in Süditalien scheitert, und schliesslich verliert sie ihren 20-jährigen Sohn auf mysteriöse Weise.

Die Geschichte ihres Lebens ist ein aufwühlender Bericht einer Reihe von Schicksalschlägen und gleichzeitig der Bericht einer Befreiung und Integration mit enormer Kraft und bewundernswertem Mut.

«Eines Tages wurde ich in einem Geschäft, als ich Kleider anprobierte und dabei mit einer Freundin plauderte, von einer jungen Unbekannten angesprochen. Ohne Umschweife fragte sie mich nach meinem Beruf. Als ich ihr etwas verdutzt zur Antwort gab, ich unterrichte französische Literatur, wollte sie wissen, ob ich mit Schriftstellern bekannt sei. Sie erklärte uns, sie habe etwas zu erzählen, das für einen Schriftsteller von Interesse sein könnte. So etwas kommt häufiger vor, als man denkt. Der Glaube, ihr Leben sei ein Roman, ist bei den Leuten ziemlich verbreitet … Gewöhnlich entziehe ich mich solchen Anliegen so elegant wie möglich. Diesmal nicht. Ich hatte sogleich das Gefühl, ich sollte dieser dunkelhaarigen jungen Frau zuhören, die mit mir sprach, als würden wir uns schon seit langem kennen. Sie sagte, sie heisse Marie-Rose. Ich gab ihr meine Adresse. Einige Tage später verabredeten wir uns in einem Café. Ich erinnere mich, dass es Winter war und dass ein fürchterlicher Wind ging. Ich war müde und etwas angeschlagen. Fluchend ging ich durch die Strasse und fragte mich, weshalb ich meine Zeit auf diese Weise verschwende.

Ich betrat das Café, Marie-Rose wartete bereits. Ich glaube, ich war nicht gerade herzlich, ich blieb auf Distanz. Ich schaltete mein Tonband ein ... Zehn Minuten später hatte ich Tränen in den Augen und nach einer Viertelstunde duzten wir uns. Ich glaube, zum Abschied umarmte ich sie. Über das Vorgehen war ich mir noch nicht im Klaren. Das alles war neu für mich. Aber ich wusste von unserem ersten Treffen an, dass ich ihr bei der Verwirklichung dieses Traumes helfen wollte, weil ich ihn teilte. Was sie mir zu sagen hatte, betraf mich auf geheimnisvolle Weise. Ich spürte, dass ich einem Menschen begegnet war.

An jenem Tag nahm das Tonband nicht auf, warum, weiß ich bis heute nicht. Was sie mir mitteilte, war einfach nicht auf dem Band. Als sollte diese erste Begegnung unter uns bleiben, ausserhalb unseres geplanten Buches, ganz einfach als unsere Geschichte.

Denn im Laufe dieser sich über mehrere Monate erstreckenden wöchentlichen Begegnungen, bei denen mir Marie-Rose ihr Leben erzählte, ist unsere Freundschaft gewachsen. Das ist die Geschichte der Geschichte, sie hat ihre eigene Bedeutung. Und ohne diese Freundschaft, ohne diese gegenseitige Wertschätzung, die heute Bestandteil unseres Lebens ist, hätten wir dieses Buch nicht machen können ... Es endet da, wo unsere Freundschaft beginnt.» Sylviane Roche

«Ich war ein kleines Mädchen, als ich eine Mutter am Sarg ihres Kindes weinen sah.
Ihr ganzer Schmerz erfüllte mein Herz. Wie, ein Kind, und tot? Eine Frage kam mir in den Sinn: Wie wird sie es anstellen, um weiterleben zu können?
Und doch hat dich eines Tages der Tod geholt, dich, mein Eigen.
Damit ich das Leben ohne deine Stimme fortsetzen kann, schreibe ich.» Marie-Rose De Donno

 

Marie-Rose De Donno, geboren 1950 in Apulien. Sie kommt als Kind in den fünfziger Jahren in die Schweiz, arbeitet heute als Modeverkäuferin und lebt in Lausanne.
Sylviane Roche, geboren 1949 in Paris, unterrichtet Französisch und Geschichte in Nyon. Sie veröffentlichte Romane und Erzählungen und wurde mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet.

Textprobe

I

Geboren werden

Ich heiße Marie-Rose, aber als ich klein war, nannten mich alle Rosetta. Ich wurde am 19. August 1950 in Süditalien geboren, in einer kleinen Stadt namens Maglie. Wir waren fünf Kinder. Ich bin das Jüngste. Offensichtlich wollte mich meine Mutter nicht! Sie hat alles versucht, um mich abzutreiben: Stricknadeln, Bäder in Salzwasser, sämtliche alten Tricks der Frauen. Sie hat alles getan, damit ich nicht geboren werde. Vergebens. Ich klammerte mich schon damals fest, siehst du. Hartnäckig. Nachher machte sie sich Vorwürfe, sie hatte grosse Angst, ich sei nicht normal wegen all dieser Dinge! Sie hatte Schuldgefühle, die Ärmste. Aber nein. Ich kam trotz allem zur Welt, und zwar völlig normal. Ich hoffe es wenigstens!

Nun, das ist also die Geschichte meiner Geburt. Du siehst, es fängt schon gut an.

Mein Vater war Bauer und Aufseher im Weinberg. Er hatte kein eigenes Land, wohlverstanden. Zur Zeit der Weinlese stellten die Besitzer bewaffnete Männer an, um die Erntearbeiter davon abzuhalten, sich zu bedienen. Mein Vater war einer dieser Aufseher. Er war ein grosser, hagerer, stark behaarter Mann. Oft trug er einen schwarzen Anzug mit einer Schirmmütze und ein Gewehr an der Schulter. Für mich ist er eine sehr wichtige Figur. Er bleibt mir in Erinnerung als einer, der Eindruck macht. Aber er küsste mich nie, er streichelte mich nie, und das fehlte mir.

Im Sommer also wohnten wir auf dem Land. Das war eine gute Zeit. Mein Vater pflanzte auch Tabak an, den meine Mutter und meine Geschwister zum Trocknen auffädelten. Im Sommer war das Leben einfach und glücklich. Es gab Gemüse, Früchte. Siehst du, das ist eine meiner besten Kindheitserinnerungen: nicht zu hungern.

Im September oder Oktober dagegen musste man in die Stadt zurückkehren, und dann verschlechterte sich die alles. Mein Vater hatte im Winter keinen Verdienst. Er fand keine Arbeit, und dazu vertrank er noch das wenige Geld, das wir hatten. Ich erinnere mich an die abendlichen Szenen zwischen meinen Eltern. Wir hatten keine Elektrizität, also legte man sich schlafen, sobald es dunkel wurde, um Petrol zu sparen. Meine Mutter strickte im Bett im Licht einer kleinen Lampe.

Und dann kam mein Vater nach Hause …

Pressestimmen / Rezensionen

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 Neue Zürcher Zeitung vom 19. September 2000
Rd_tri.gif (202 Byte) Neue Luzerner Zeitung vom 26. September 2000 

Stimmen

«Ein feinfühliger Bericht, der einem das Herz zerreisst.» France Loisir

Rezensionen

Neue Zürcher Zeitung vom 19. September 2000

Dunkle Kindheitsmuster

«Die Italienerin» von Sylviane Roche

In manchen Lebensgeschichten scheinen sich die Bitterstoffe zu häufen. Da drängt zusammen, was sich sonst auf verschiedene Biographien verteilt. Unwillkürlich stellt sich die Frage, wie ein Mensch, dem solches zufällt, dies alles zu bestehen vermag. Wer aber würde denken, dass einer so anziehenden Frau wie Marie-Rose De Donno, welche in Lausanne als Modeverkäuferin tätig ist, ein derart erdrückendes Schicksal anhängt? Mit hellwachem, schalkhaftem Blick präsentiert sich die 1950 im apulischen Städtchen Maglie geborene Frau.

Sylviane Roche, die gleichaltrige Autorin, hat dieser Vita eine Stimme gegeben, hat die Erzählungen der Italienerin auf Tonband festgehalten. Sie hat noch einmal auf ein Verfahren zurückgegriffen, welches in den siebziger Jahren den Stil der literarischen Protokolle geprägt hat und mit Vorliebe von Frauen - etwa Sarah Kirsch, Laure Wyss, Anne Cunéo, Brigitte Schwaiger oder Maxie Wander - gewählt worden ist. Auch Sylviane Roche bzw. die Übersetzung durch Peter Sidler bewahrt den Duktus der einfachen, fast rudimentären Sprache, hegt keinen anderen Gedanken, als bloss diesem Leben zuzuhören.

(..)

Auch im Erwachsenenleben wird die junge Frau von kaum etwas verschont bleiben. Dennoch betont sie immer wieder die glückliche Erinnerung an einzelne Kindheitsmomente. Tief verankert ist in ihr der Wille zum Über- und Weiterleben; daher ist in diesem Leben vieles beiseite geschoben worden, was zu sehr hätte schmerzen können. Doch Marie-Rose De Donnos Geschichte haftet keine Larmoyanz an - eher hinterlässt sie Schrecken und ein ehrliches Staunen zugleich.

Beatrice Eichmann-Leutenegger
© Neue Zürcher Zeitung

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Neue Luzerner Zeitung vom 26. September 2000 

(...)

Es ist eine Geschichte wie viele andere Geschichten von Frauen ­ möglicherweise. Doch sie wirft ein Licht auf das, was Frauen aus dem Süden zu uns treibt. Auch wenn sie keine Heiligen sind, ist es gewiss eine Bereicherung, solche Menschen unter uns zu haben. Das Buch ist damit auch ein Beitrag zur Diskussion um die Beschränkung der Immigration ­ aus der Feder zweier Frauen.

Margrit Huber-Staffelbach
© Neue Luzerner Zeitung

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