Materialien zu
Dorothee Degen-Zimmermann
Mich hat niemand gefragt
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Text von Gertrud Mosimann aus dem Jahr 1955
über die Schwangerschaft ihrer Mutter
Rd_tri.gif (202 Byte) Foto Freienstein
Rd_tri.gif (202 Byte) Foto Gertrud Mosimann 1929
Rd_tri.gif (202 Byte) Text von Gertrud Mosimann aus dem Jahr 1959
über Freienstein
Rd_tri.gif (202 Byte) Foto Gertrud Mosimann 1942/43
Rd_tri.gif (202 Byte) Gedicht von Gertrud Mosimann aus dem Jahr 1996:
Über die »Högerlisuppe«
Rd_tri.gif (202 Byte) Foto Gertrud Mosimann 1997
Rd_tri.gif (202 Byte) Ärztliche Beurteilung des Mädchens Gertrud Mosimann
Gertrud Mosimann über die Schwangerschaft ihrer Mutter

Gertrud Mosimann begann 1955, ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben. Das Manuskript umfasst 34 Seiten und endet mit Erinnerungen aus dem Freiensteiner Anstaltsalltag. Ihre Aufzeichnungen bildeten nicht die Grundlage für das Buch von Dorothee Degen-Zimmermann über ihr Leben, wurden aber mit berücksichtigt. Auf der ersten Seite erzählt sie von ihrer Mutter, die ungewollt schwanger wurde.

Elgg, den 7. Febr. 1955

Ein schwaches Menschenkind

Mitten im brandenden ersten Weltkrieg war es, als sich ein Menschenschicksal wie manches zum Leben empor rang aus der dunklen Tiefe. Liebe, hiess es, sei der Zweck des Menschwerdens. Durch Ergebenheit in eine vermeintliche, vorgetäuschte Liebe wurde ein Häuflein Elend ins Leben gerufen, geliebt und falsch verstanden. Was heisst Liebe? Gibt der Mensch Antwort darauf? Kann sie ein Mann begreifen? Kann sie eine Frau fühlen?

In Biel fand das etwa zwanzigjährige Mädchen, das daheim echte Elternliebe vermisste, durch ihre Schulfreundin deren Bruder, ihren Freund. Sie fand dort bei der Familie Stauffer liebevolle Aufnahme und war in ihrer harmlosen, naiven Art als fröhliches Mädchen sehr beliebt. Ihr war nicht bewusst, was für Gefahren auf sie lauerten. Sie genoss Freundlichkeit und Liebe. Was brauchte sie mehr? Es schlug sie dann durch die finanzielle Not da und dorthin, doch sie blieb ihrem Freunde treu. Es wurde ihr aber bald zur Not, dass er nicht ans Heriaten dachte, und sie fühlte sich verraten. Sie hätte in Basel Partien abschliessen können, schlug sie aus im Gedenken an den Freund daheim in Biel.

Im dreiundzwanzigsten Lebensjahre kam sie noch nach dem Bündnerlande und diente in der Familie Rupflin, aus der der große Waisenvater hervorging. Dort erkannte sie, vielleicht aufmerksam gemacht durch andere, dass sie ein Kind unter dem Herzen trug. Sie sprach nie, wie sie dieses Bewusstsein empfand. Das Kind rührte auch nie daran. Sie suchte endlich Zuflucht bei ihrer älteren Schwester in Biel, die ihr den rechten Rat gab, währenddem sie von einer Österreicherin, wohl in der gleichen Lage, zur Landflucht beraten wurde. Doch der Mut zur Flucht fehlte auch. Auch vor der Sünde des Mordes am Kinde mahnte die gute Schwester, weil sie sah, dass die werdende Mutter die Tragweite nicht erfasste, was der Erzeuger von ihr noch verlangte. Als ihm alles dagegen ging, verleugnete er das Kind, was ihm aber nicht nützen konnte.

Unter grossen Entbehrungen trug die Mutter ihr Leid und das Kind. Die Lebensmittel waren sehr knapp, denn der Krieg machte sich auch in der Schweiz auf mancherlei Weise bemerkbar. Kann eine solche Zeit starke Menschen hervorbringen?

Die letzte Zeit ihrer Schwangerschaft verbrachte die Mutter dann in Zürich und konnte mit harter Arbeit den schwersten Tag ihres Lebens im Säuglingsheim Pilgerbrunnen erwarten. Bange Stunden, Stunden der Einkehr gingen der schweren Stunde der Geburtswehen voraus. Voraus gingen die Geburtswehen des inneren Lebens. Die Nacht vor dem Tag der Geburt des Kindes war die Nacht, in der die Mutter zum Glaubenslicht durchkämpfte. Sie war grau geworden. Doch der Glaube half ihr zur Zuversicht, dass der himmlische Vater ihr und ihres Kindes Leben in seiner Hand halte.

Am Tage schien ihr alles licht und gut, und am Nachmittag um halb vier hielt sie ihr kleines, schwaches Bündelchen in der Hand und befahl es in Gottes Hut. Das kleine Wesen wurde gehegt und gepflegt, als ob es ein Kleinod wäre. Drei Jahre blieb das Kind im Pilgerbrunnen, während die Mutter es schon vierzehn Tage nach der Geburt verlassen musste. Muttermilch wurde dem Kind versagt. Die Mutter musste jetzt hart arbeiten für zwei. Die Behörde der Stadt Zürich regelte nun die pekuniäre Lage des Kindes und sicherte dann die Zahlung des Erzeugers. Von dem wusste das Kind noch nichts. Wann wurde es ihm bewusst? Noch früh genug. -

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Gertrud Mosimann über Freienstein

Nach längerem Unterbruch fährt Gertrud Mosimann 1959 mit Schreiben fort. Von nun an wendet sie sich an ein imaginäres Kind, es scheint ihr so etwas wie ein Jugendbuch vorzuschweben. Mit grosser Hingabe beschreibt sie die Anstalt Freienstein. Gertrud Mosimann hatte die Absicht, das Manuskript der von ihr besonders verehrten Bürgi-Tochter Margrit zum Lesen zu geben. Sie hat also vielmehr für diese als für das »liebe Kind« geschrieben - und manches noch nicht beim Namen zu nennen gewagt. Im folgenden Ausschnitt spürt man, wie hartnäckig die Etiketten »Anstalt« und »schwererziehbar« an den ehemaligen »Zöglingen« haften blieben.

(Seite 8, 27.2.59)

Mein liebes Kind! Du sollst meine schönen und traurigen Erlebnisse erfahren, und zwar so, dass Du lieber daraus sehen kannst, was ich immer mehr lernte. An Hand der Personen, die mir seither begegneten im Leben, wird es mir möglich sein, bestimmte Erfahrungen und Lehren, die mir mitgegeben wurden, zu illustrieren.

In Freienstein (1924–1932)

Im November 1924, an einem grauen, regnerischen Tage, trat ich in der Anstalt Freienstein, wie sie damals noch hiess, ein. ... Damals, als ich dort war, trug das Haus noch mehr den Charakter einer Anstalt im wahren Sinn des Wortes. Um Missverständnissen vorzubeugen, möchte ich hierbei bemerken, dass ich mich sehr darin daheim fühlte. Es barg manch Schönes, dieses Haus, und die Eltern wollten das Beste für die Kinder. Dieses Haus trägt also den Namen »Erziehungs-Anstalt«. Ursprünglich hiess sie sogar »Rettungsanstalt«. Ihr Zweck ist, Waisen Halbwaisen, aussereheliche Kinder und Kinder aus geschiedenen und zerrütteten Ehen aufzunehmen. Mitunter diente sie auch zur Aufnahme von schwererziehbaren Kindern, welch aber in der Minderheit waren, und dann nur solche, mit denen man noch rechnete, dass sie durch den Einfluss der andern noch zu lenken waren. Es kann also gut gegen die Behauptung gefochten werden, die Anstalt Freienstein sei für schwererziehbare Kinder da. ... Dass die Anstalt diesen Ruf erhielt, ist wohl mehr dem Umstand zuzuschreiben, dass die Erziehung der Kinder, besonders früher, nach streng pietistischer Auffassung geführt wurde. In sehr strenger Zucht wurde da erzogen, was sich auch noch in meiner Zeit, wohl aber in abgeschwächter Weise, aber noch gut merklich, zeigte.

Schaden erlitten nur diejenigen, welche durch ihr Wesen nicht anpassungsfähig waren und sich nur ungern diesen straffen Grundsätzen unterziehen konnten. Es fehlte an der Zeit und am besonderen Verstehen wie auch an den damaligen Grundsätzen, eine individuelle Erziehungsmethode durchführen zu können. Die Seele des Kindes wurde damals noch nicht so in seinen Einzelkeiten erkannt und erfasst. Darum blieb auch an diesen Menschen noch lange der Anstaltscharakter haften, der sich hauptsächlich in den vielen Hemmungen und der Unsicherheit zeigte.

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Die »Högerlisuppe«

(Buch S. 41–43)

Der Widerwille gegen die Gerstensuppe ist Gertrud Mosimann bis heute geblieben. Noch immer denkt sie mit Schaudern daran, wie ihr das verhasste Gericht aufgezwungen wurde. Zu ihrem eigenen achtzigsten Geburtstag hat sie – entsprechend ihrer Gewohnheit, zu besonderen Gelegenheiten Verse zu schmieden – den folgenden Reim verfasst:

Herrjeminee, die Mäntigssuppe!
Im Chinderheim ob Freiestei
han ich erläbt so mängerlei.
Deert hani e Suppe käneglehrt,
s het nüt gnützt, wänn mi het degäge gwehrt.
Da isch sie gschtande, tick und frisch
am Mäntig uf em Mittagstisch.
Di meischte Lüt händ si ja schüli gern,
doch mini Liebi blibt ere immer fern.
Si hät nid wele dur min änge Schlund zdürab,
hät lieber obsi wider grichtet ire Trab.
Was häts drin gha? He, grossi Gerschte -
da hani müesse borze, berschte -,
und d Bohne drin händ Fläckli gha
mit Bitterkeit so näbedraa.
Dänn chömed na en Räschte Habersuppechnöle drii,
und so isch d Högerlisuppe fertig gsii.
Ich ha immer no mi Suppe gmässe,
währeddem die andere scho tüend Milchriis ässe.

Trudi Mosimann, im Frühling 1996 zu ihrem 80. Geburtstag

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Ausschnitt aus dem ärtzlichen Fragebogen über Gertrud Mosimann
(zum Vergrössern anklicken)
Freienstein mit Burgruine (rechts)
Trudi Mosimann im ‹Rittersaal› bei der Ruine Freienstein im Jahr 1929
Gertrud Mosimann ca. 1942/43 (links, rechts Gertrud Baur)
Frau Gertrud Mosimmann 1997

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