Otto Scherer

Eiholz

Eine Kindheit im Zentrum der Welt

Mit Fotos von Otto Scherer senior

2005, 256 Seiten, 41 s/w-Fotos
Pappband
ISBN 3 85791 478 5

 

Rd_tri.gif (202 Byte) Erhältliche Postkarten mit Bildern aus diesem Buch

 

Rd_tri.gif (202 Byte) rübis&stübis. Im Eiholz zu Tisch

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Kurze Inhaltsangabe

 

Aufwachsen in einer bäuerlichen Gemeinschaft, bevor die Maschinen kamen

Den Regen Regen sein lassen, auf der faulen Haut liegen, ein Buch lesen: damit war es nichts. Das Obst musste aufgelesen werden, bevor es draussen verfaulte. Die Knechte im Geäst schüttelten die Mostbirnen ab. Unten kauerten die fünf Eiholzkinder und lasen sie auf. Mit ihnen in der Reihe ein halbes Dutzend Schüler, die ein Sackgeld verdienen wollten oder mussten. Der Grossvater, ehemaliger Waisenvogt, stocherte mit seinem Gehstock im Laub und mäkelte, wenn eine Birne liegen geblieben war …

Otto Scherers Erinnerungen geben das detaillierte Bild einer bäuerlichen Gemeinschaft im luzernischen Meggen am Vierwaldstättersee, bevor sich diese bäuerliche Kultur in Landflucht und Mechanisierung aufgelöst hat. Er erzählt vom Aufgehobensein des Kindes in dieser Welt, von seinen Flegeljahren und vom Verrat des Jugendlichen beim Weggehen – in die Stadt.

Beigefügt sind Fotografien des Vaters, der sich während des Krieges eine 6x6Kamera angeschafft hat, um seinen Hof zu fotografieren.

Otto Scherer 1939, geboren 1939. Lehre als Hochbauzeichner und Architekturstudium in Luzern. 1965–1970 eigenes Büro mit Partner in Rapperswil SG, seit 1970 als Projektleiter bei Metron Architektur AG in Brugg. 1980–1999 Professur an der Architekturabteilung der Fachhochschule Beider Basel. Wohnt in Windisch AG.

Otto Scherer 1906–1992, Bauer auf dem Eiholz 1936—1971. 1937 Heirat mit Elise Leu (1907—1999). Fünf Kinder. Die beiden wohnten bis zu ihrem Tod in einer separaten Alterswohnung auf dem Hof.

Die 90-jährige Elise Scherer-Leu kommt auch zu Wort in der Dokumentation der Erinnerungen an die Zeit von 1930—1945 in der Schweiz durch Archimob, dem Buch von Christoph Dejung, Thomas Gull, Tanja Wirz: Landigeist und Judenstempel. Erinnerungen einer Generation 1930—1945, und der DVD: Rückblickend/Regards en arrière. Eine Sammlung von 21 Filmen.

Textprobe

 

Kaum auf der Welt, da ging der Teufel los. Der Vater und der Karrer mussten einrücken. Die beiden Pferde und ein Wagen wurden eingezogen. Der Melker schirrte den Zuchtstier und eine Kuh ein und versuchte, den widerspenstigen Viechern das Fuhrwerken beizubringen. Joch und Geschirr waren noch oben in der Remise geblieben vom ersten Krieg.

1939. August, September, Oktober. Die Ernte war in vollem Gang. Oder eben nicht. Das Emd verfaulte draussen im Regen, die Kartoffeln warteten darauf, eingebracht zu werden. Das Mostobst sollte auf und das Tafelobst abgelesen werden. Arbeit, wohin man schaute. Und zu wenig Hände, die zupacken konnten.

Wohl hatten die im Dorf einquartierten Truppen die Bauern und Knechte unter ihren Soldaten auf die Höfe zum Helfen abkommandiert. Aber im Eiholz fehlte der Meister. Dieser grub als Artilleriekanonier hinter der Grenze Haubitzenstellungen aus, übte den Gewehrgriff, das Marschieren in Zweier, Vierer und Achterkolonne, das Zerlegen und Zusammenbauen der Waffen, das Schiessen. Aber auch das Faulenzen. Das war von allem beinahe das Schlimmste, denn er wusste von der Lücke, die er zu Hause hinterliess. Er ging fast drauf vor Sorge um Hof und Familie. Wer sollte jetzt dort das Zepter führen? Der gebrechliche, aber immer noch resolute Grossvater, der Karrer oder der Melker? Wohl jeder gegen jeden.

Alles gehe drunter und drüber, hatte ihm Mutter geschrieben. Keiner pariere, keiner setze sich durch.

«D’Allmänd abhaue!»

«Domms Züüg! Zerscht tömmer s’Chlöschterli ine!»

«Ich go met em Meieriesli zom Schtier!»

«Morn, hani gseit! Herrgottsakramänt!»

«Nei, hött sägi! Schtärne feufi nomol!»

«Ich be vor dier im Eiholz gsii.»

«Jetz losed emol.»

Klein, energisch, kaum dreissig Jahre alt, seit zwei Jahren erst auf dem Hof, stellte sich die Mutter zwischen die Riesen. Sie, die den grossen Haushalt zu führen hatte, musste zusätzlich auch noch zwischen drei oder vier Hitzköpfen schlichten.

Jetzt bestimmte sie die Richtung: «I d’Allmänd, ond zwar alli zäme. Klar? Oder hed no öpper e Frog?» Zu ihrem eigenen Erstaunen hatte ihr Auftritt Erfolg.

Aber da waren auch ihre Ängste: Sie könnte ihrer neuen Aufgabe nicht gewachsen sein, der Krieg könnte auf das Land übergreifen, ihr Mann könnte umkommen. Da war Lisbeth, die einjährige Tochter, und da war ich, der Säugling und Stammhalter, der Vaters Namen trug und der sich nicht entscheiden konnte, ob er leben oder sterben wollte.

Mutter hätte zerbrechen können. Aber sie hatte es geschafft. Wir hatten es beide geschafft. Die Knechte nannten sie Meisterin.

 

Es sassen stets fünfzehn bis zwanzig Leute an den zwei grossen Tischen.

Vater und Mutter.

Grossvater und Grossmutter.

Fünf Kinder: Lisbeth, ich, der Zweitälteste, Peter, Heiri, Fredi. Die letzteren waren in Abständen von zwei Jahren dazugekommen.

Nini, Vaters Stiefschwester. Eine Seele von Mensch. Sie war als Kind die Treppe hinuntergestürzt. Wegen ihres verkümmerten Beines war sie ledig und auf dem Hof geblieben.

Marili, Vaters jüngere, noch unverheiratete Schwester.

Meier, der alte Knecht, ein lustiger Vogel, der auf dem Eiholz seinen Lebensabend verbrachte.

Der Melker. Der Karrer. Der Landknecht. Die Köchin.

Oft ein Landdienstmädchen oder ein Pflegekind, dem man einige Wochen Kost und Unterkunft gewährte.

Onkel Noldi, der seit einem Schlittenunfall in seiner Kindheit Epileptiker war und der, wenn es zu Hause nicht mehr ging, was alle paar Jahre vorkam, in die Irrenanstalt St. Urban versorgt werden musste.

 

«Der Noldi!», schreckte Mutter auf, die zuerst sah, wie er die Augen verdrehte und zu zucken anfing. Vater sprang hoch, alle auf der Vorderseite des Tischs mit ihm.

«Arnold, Arnold», beschwor die Grossmutter. Noldi kippte mit seinem Stuhl nach hinten. Meier und Nini, die neben ihm sassen, fingen ihn auf. Ich hielt mir die Ohren zu, biss auf die Lippen, brachte es aber nicht fertig, den Blick abzuwenden.

Sie legten Noldi auf den Boden, hielten ihn fest, damit er sich nicht verletzte. Sein Körper wand und bäumte sich. Die Hände waren in den Gelenken verdreht. Mutter versuchte zu beruhigen. Ohne Erfolg. Schaum trat aus dem zugepressten Mund. Auch aus der Nase.

Minuten später war der Spuk mit einem Schnarcher vorbei. Ein benommener, ahnungsloser Onkel glotzte von einem zum anderen, als sei er eben aus dem Tiefschlaf gerissen worden.

«Noldi, willst du dich ein wenig hinlegen?», fragte Mutter, nachdem sie ihm sein Pülverchen in einem Glas Wasser aufgelöst und verabreicht hatte. Noldi gähnte, schüttelte den Kopf. Betreten setzten alle die Mahlzeit fort.

 

Ein zusätzliches hungriges Maul fiel in der grossen Runde nicht auf.

«Dann giess ich halt noch eine Kelle Wasser mehr an die Magronen!», lachte Mutter, wenn kurz vor dem Zmettag ein unerwarteter Gast auftauchte, der, wie es sich gehörte, die Einladung zunächst dankend ausgeschlagen hatte.

«Man will ja keine Umstände machen», sagte der Vieh oder der Holzhändler, der Viehdoktor, der Stoffreisende oder der Ausläufer, bevor er sich an den Tisch setzte. Ein anderes Mal war es der Klauenputzer oder die Störschneiderin, ein bettelnder Priesterseminarist oder ein Kapuziner in Begleitung des Kirchensigristen, der wusste, wo es protestantische Häuser zu meiden gab und bei welchen Katholiken man das Betteln versäumen konnte.

Uns Eihölzlern waren die Gäste recht. Wir freuten uns darauf, statt der bekannten neue Geschichten zu hören.

«D’Rainer send die ehrlichschte Lüt im Kanton», sagte der wuchtige, rotgesichtige Schweinehändler, als er sich setzte. Man sagte von ihm, er sei steinreich und mache früh morgens schon mit seinem Opel Kapitän und etlichen Promillen Öl am Hut die staubigen Strassen unsicher. Er wusste, dass Mutter in Rain aufgewachsen war und wollte sich wohl mit seinem ungelenken Lob fürs Essen bedanken. Er sagte, er habe während seines Wirtshausaufenthaltes in Rain mit seinem Militärhegel einen Hunderter ans «Kreuz»-Scheunentor geheftet. Die Note sei nach drei Stunden noch dort gehangen.

Einen Hunderter! Wir Kinder staunten mit offenen Mündern.

«Wenn er in den anderen hundert Dörfern des Kantons gegenteilige Erfahrungen gemacht hat, ist ihn das teuer zu stehen gekommen», meinte Meier beim Nachtessen.

Zum Vergrössern anklicken. Die Bilder sind urheberrechtlich geschützt: Keine Verwendung irgendwelcher Art ohne Genehmigung des Verlags.

Viehhüten, zusammen mit dem Melker

Fredi, Otti und Peter und während einer Arbeitspause

Sonntagsjass auf der Hausmatte. V.l.n.r. der Melker Agnell, Mutter, Fredi, Heiri, die Magd Josi, Vater Scherer

Pressestimmen / Rezensionen

Rd_tri.gif (202 Byte) Rigianzeiger vom 1. April 2005
Rd_tri.gif (202 Byte) Basler Zeitung vom 8. April 2005
Rd_tri.gif (202 Byte) Neue Luzerner Zeitung vom 9. April 2005
Rd_tri.gif (202 Byte) Der Bund vom 16. April 2005
Rd_tri.gif (202 Byte) Aargauer Zeitung vom 19. April 2005
Rd_tri.gif (202 Byte) PHZ Luzern, Fachstelle Lesen, 1. Mai 2005
Rd_tri.gif (202 Byte) Spatz, Die Monatszeitung für Basel und die Region
Rd_tri.gif (202 Byte) 20 minuten vom 17. Mai 2005
Rd_tri.gif (202 Byte) Neue Zuger Zeitung vom 12. August 2005
Rd_tri.gif (202 Byte) Hochparterre 9/2005
Rd_tri.gif (202 Byte) Zuger Arena vom 23. September 2005
Rd_tri.gif (202 Byte) BauernZeitung vom 23. September 2005
Rd_tri.gif (202 Byte) Neue Zuger Zeitung vom 24. September 2005
Rd_tri.gif (202 Byte) Die Grüne 25/2005
Rd_tri.gif (202 Byte) Der Landbote vom 2. November 2005
Rd_tri.gif (202 Byte) Neue Zürcher Zeitung vom 16. Februar 2006
Rd_tri.gif (202 Byte) Schaffhauser Nachrichten vom 26. Mai 2006
Rd_tri.gif (202 Byte) Tessiner Zeitung, 9. Oktober 2009

«Es genügt, dieses Buch aufzuschlagen, schon liegt es vor uns in seiner ganzen Sinnenfreude: das ‹Eiholz›, dieser Hof in Meggen am Vierwaldstättersee. Scherer führt uns durch alle Winkel des Hofs und schildert Mühsal, Stolz und Lust des bäuerlichen Alltags von damals. Durchatmen, loslesen, Heu riechen.» Basler Zeitung

«Ein eindrückliches Leseerlebnis. (…) Die Erlebnisfähigkeit Otto Scherers ist eindrücklich, ebenso sein Feingefühl, das ihn all die Nuancen nicht nur erleben, sondern auch in vielfältig sinnlicher Sprache schildern lässt. Dafür stehen all die Natureindrücke, aber auch die liebevollen Erinnerungen an die Menschen, an die Grossmutter zum Beispiel, an den kranken Bruder des Vaters oder an den betagten Knecht.

Otto Scherers Welt ist bei aller Schönheit keine reine Idylle, sondern auch voller Spannungen, Gefahren und Sorgen(…) ‹Eiholz› ist ein schönes und offenes Buch, das Unscheinbares ins Zentrum rückt.» Neue Luzerner Zeitung

«Wenn heute der Sohn eines Landwirts zurückblickt, entrollt er den Bilderbogen ländlich geprägter Erinnerungen. ‹Eiholz› nannte sich das väterliche Anwesen, und wie man hier in den Vierziger- und Fünfzigerjahren gelebt und gearbeitet hat, steht repräsentativ für die Lebensform einer Generation.

Dieses Buch erfreut ausserdem mit seiner sorgfältigen Gestaltung; erste Hilfe für Nicht-Luzerner leistet ein ausführliches Dialektglossar. Lange verweilen möchte man bei den beredten Schwarz-weiss-Aufnahmen» Der Bund

«Ohne Verklärung und Nostalgie erzählt Scherer vom harten Leben und zeigt auch ganz neue Aspekte auf. Dieses durchaus auch wichtige Stück Schweizer Geschichte sei den Jugendlichen von heute dringlich zur Lektüre empfohlen.» 20 minuten

«Köstlich und kostbar.» Neue Zuger Zeitung

«Scherer schildert, wie es war; wir wissen, wie es heute ist, und staunen über die Differenz: In Tat und Wahrheit ist die Schweiz viel rabiater untergegangen als in unseren Köpfen.» Hochparterre

«Eine Reise in die noch gar nicht weit zurückliegende Zeit, welche aber doch als längst vergangen anmutet, ist unbedingt empfehlenswert.» Schaffhauser Nachrichten

«Nicht alles, was kostbar im Erinnern festgehalten wird, braucht einen Verlag. Aber es gibt Perlen, die glücklicherweise den Weg in gute Verlage fanden und die uns erbauliche Stunden der Lektüre schenken und uns eintauchen lassen in eine farbige, lebendurchpulste, aber entschwundene Welt. Ein solches Lesevergnügen schenkt uns beispielsweise Otto Scherer mit seinen Kindheitserinnerungen ‹Eiholz, eine Kindheit im Zentrum der Welt›. Er setzte sich mit seinen Brüdern zusammen, um den Erinnerungsschatz detailgetreu zu heben und alsdann mit literarischem Geschick in unzähligen Entwürfen schlussendlich zu einem gelungenen Ganzen zu gestalten.» Tessiner Zeitung

«Endlich einmal ein biografisches Buch, das sich fast ohne Familienpsychologie, Konflikte und Frustrationen mit Lust und Präzision auf die genau beobachtete Umwelt eines Heranwachsenden konzentriert. (...)

Otto Scherer ist kein Literat, aber ein genauer und kluger Beobachter, dessen wichtigstes Stilmittel die Aufzählung ist, die den Text immer wieder unterbricht, um den fabelhaften Reichtum dieser Bauernwelt wenigstens in Stichworten zu dokumentieren. So widmet er eine ganze Seite den 719 Obstbäumen, die laut der Hofchronik im Jahr 1942 auf dem Eiholz standen: Dem Zauber ihrer Namen entzieht man sich noch heute nicht; man denke an die Anna-Späth-Zwetschge, die Erstfrühe und die Adamsparmäne, die Champagner Bratbirnen und die Schweizer Wasserbirnen. In eher missmutigem Ton werden die Kinderarbeiten aufgelistet: vom Parkettspänen und Schuheputzen bis zum Schneiden des Klosettpapiers. Und lakonisch zusammengefasst im Satz: ‹Nie hatte man nichts zu tun.›

Hie und da gibt der Autor auch seinen Geschwistern das Wort; der Bericht wird vielstimmig; auch der Protest, das Unbehagen im patriarchalischen Familienverband und in den Zwängen von Schule und Kirche artikulieren sich.» Neue Zürcher Zeitung (Alice Vollenweider)

«Meine Sommerlektüre, eine ganz und gar freiwillige, von jeder Verpflichtung freie Lektüre, einfach so zur Unterhaltung gelesen, langsam, in kleinen Appetithäppchen. Die haben aber so gut geschmeckt, dass wir auch unsere Lester gluschtig machen wollen, sich in diese Kindheit im Zentrum der Welt zu begeben, von der Otto Scherer in seinem Buch Eiholz berichtet.» Der Landbote

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