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Jacques-Etienne Bovard Der Nebelreiter Roman Aus dem Französischen von Gabriela Zehnder
2002, 320 Seiten, gebunden |
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In einer Schlucht im Jura wird die Leiche eines streitbaren Anwalts gefunden. «Reitunfall», ergibt die Untersuchung der Waadtländer Polizei, doch verstummen die Gerüchte nicht, es könnte ein Mord gewesen sein. Der Druck wächst, eine zweite Untersuchung vorzunehmen. Da trifft es sich gut, das Jean-Claude Abt mit der Fichenaffäre überflüssig geworden ist. Er wird zu diesem hoffnungslosen Fall abdelegiert. Er beginnt im Reitzentrum Stunden zu nehmen, und dann verliebt er sich. Gegen alle Doktrin und Gewohnheit beginnt er sich zu verwickeln, sein Schicksal mit dem anderer Menschen zu verbinden. Der Spitzel wird zum Mitmensch. Und mit seiner Anteilnahme dringt er immer weiter in die Verstrickungen ein, in deren Tiefe schließlich auch die Lösung des Falls ruht.
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Es ist einfacher als vorhergesehen, Überraschung zu
mimen, wieder hilft ihm dabei das aufkommende Unbehagen. Vorsichtig
drückt er seine Verwunderung aus, erklärt, Inspektor Henriot, sein
Kollege, habe nur routinemäßig Hypothesen aufgestellt, was unerlässlich
sei wegen der Lebensversicherungen, kommt auf den Schlussbericht zurück,
dem zufolge es ein reiner Unfall war. Warum sollte man den Schmerz noch
vergrößern, indem man sich Dinge einbilde? Wenn das Schicksal im Spiel
ist … «Zeigen Sie mir mal, wie es reitet, das Schicksal, wie es Atlas in eine Schlucht stößt! … Sehen Sie sich den Ort an, sage ich Ihnen. Das Schicksal, das ist etwas oder jemand, der Atlas verrückt gemacht hat vor Angst. Ich sage extra: verrückt vor Angst. Bleibt nur noch herauszufinden, wer oder was.» «Ein wildes Tier?» «Die Pferde begegnen bei jedem Ausritt welchen, sie sind an sie gewöhnt.» «Waldarbeiter? Eine Kettensäge?» «Aber nein. Und sowieso, es waren keine in der Gegend.» Der Nagel hat sich am üblichen Ort hinter dem Auge festgesetzt, verkrümmt sich schon gegen die Schläfe hin, als würde er durch die zu wuchtige Stirn abgebogen. Abt massiert sich die Nasenwurzel, ohne Illusionen. Bocion schreit, und das üble Spielchen beschleunigt sich und zieht ihn in seine endlosen Falten und Schichten hinein. «Was sonst kann ein Pferd so erschrecken?» Die Reitgerte knallt auf dem Leder des Stiefels. «Irgendetwas! Eine Peitsche, Knallkörper, Steine, ein Ultraschallgerät, wie das in Amerika schon vorgekommen ist! Es ist schon einfach genug, ein Pferd unabsichtlich zu erschrecken, und wenn man es erst will! …» «Sie sagen, irgendetwas könne ein Pferd in Angst und Schrecken versetzten, und Sie sprechen schon von Mord …» Woher kommt dieser Instinkt, diese perfekt beherrschte Hinterhältigkeit? … Bocions Gesichtszüge haben sich vor Ungeduld verzerrt. «Das habe ich nicht gesagt … Wenn man ihn hätte töten und dabei auf Nummer sicher gehen wollen, hätte man eine noch höhere und steilere Schlucht gewählt … Und vor allem ein weniger ausgefallenes Mittel. Nein, man wollte ihm eine Abreibung verpassen, ihm einen gehörigen Schrecken einjagen, ein bisschen wie jenem jungen Burschen vom WWF im Wallis … Auch Jérôme hatte nicht nur Freunde, mit seiner Politik, mit seiner Zeitung, seinen Umweltschutzgeschichten … Nur, in diesem Fall hat die Einschüchterung allzu gut funktioniert. Quinche ist am Ende gar nicht so dumm …» «Haben Sie eine Idee?» «Wie das, eine Idee?» «Ich meine, wer es getan haben könnte …» «Nicht die geringste, aber auf jeden Fall ist es niemand von hier.» Sehr ungeschickt, Abt. Bocions erweiterte Pupillen sind wieder nach hinten in die Iris zurückgetreten, der Ausdruck wie in der Schwebe. Gleichgültig wirken, belustigt über so viel Naivität. «Ach ja? Und was lässt Sie das glauben?» «Ein Reiter würde nie eine solche Gemeinheit begehen.» Der Nagel ist durch die Schläfe gedrungen und stößt in regelmäßigen Schlägen zum Ohr vor. Das ist die Phase, wo er sein linkes Auge zusammenkneift, um die Ausdehnung der verschwommenen Flecken zu begrenzen, was ihm, wie er nur zu gut weiß, einen unschönen Gesichtsausdruck verleiht. «Aber Sie haben ja schon mit dem Untersuchungsrichter über all das gesprochen, kann ich mir vorstellen, oder mit Henriot …» Bocions Schultern fallen herab. «Sagen wir, ich habe die Fragen beantwortet. Verzeihung, aber diese Herren, die da aufkreuzen, die Kunden ausfragen und überall ihre Nase hineinstecken, um schließlich zu entdecken, dass ich zwei Portugiesen schwarz beschäftige …» Er zögert. «Auf der einen Seite war ich fast froh, dass man Sie geschickt hatte. Das wirkte seriös, so eine geheime Untersuchung … Jetzt, da ich weiß, mit wem ich es zu tun habe und sehe, dass Sie bestimmte Dinge verstehen können, wäre ich auch froh, wenn … Sie sehen, worauf ich hinauswill …» «Ich glaube ja, aber …» Die vorbereiteten Formulierungen kommen nur mühsam über seine Lippen, Bocion schwankt vor ihm. Dabei trifft es durchaus zu, dass er für eine solche Untersuchung überhaupt nicht qualifiziert ist. Er versucht, die Starre abzuschütteln, zu scherzen. Inspektor? Büroangestellter viel eher, eine Art Dokumentar, Archivar, der sein Leben damit zugebracht hat, Papiere zu sichten. In zwei Jahren im Ruhestand, vielleicht sogar früher … «Wenden Sie sich an den Richter, aber ich bezweifle, dass er aufgrund von simplen Überzeugungen eine Akte wieder aufnimmt. Es brauchte etwas Konkretes, genauere Hinweise, einen Vorfall, den Sie vergessen haben …» Zu seiner Überraschung insistiert Bocion nicht. Oder weigert sich, ihm auf den Leim zu gehen … Er legt die Reitgerte wieder auf das Gestell, wirft ihm einen freundschaftlichen Blick zu. «Im Grunde ist es mir lieber so. Und sowieso, nach zwei Monaten … Aber man hat ihm nachgeholfen, davon lasse ich mich nicht abbringen.» Und unter der Tür, wo er sich nochmals umdreht: «Ich bin vor allem froh, dass wir geredet haben. Diese Unklarheiten haben mir keine Ruhe gelassen … Morgen schicke ich Sie auf den Parcours. Oh, keine Angst: vierzig Zentimeter… Das wird ein bisschen Harmonie in Ihre Bewegungen bringen. Ich möchte, dass Sie fest im Sattel sitzen in zwei Wochen, ich glaube nämlich fast, ich habe das Pferd für Ihren Ruhestand.» «Wenn ich Ihnen doch sage, dass ich es mir nicht leisten kann …» Bocion zwinkert mit den Augen. «Warten Sie, bis Sie es gesehen haben … Sie werden schon Mittel und Wege finden …» |
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«Ein glänzender Roman» Yvette
Z’Graggen «Sie sind selten genug, die ‹echten› Romane aus Schweizer Hand; die über eine Erzählung hinausgehen, grosse Bogen schlagen und ohne nennenswerten Durchhänger mehr als dreihundert Seiten spannende Lektüre bieten. Jacques-Etienne Bovards ‹Nebelreiter› fasziniert, verführt - und berührt.» Aargauer Zeitung «Ein anspruchsvoller und vielschichtiger Roman mit eindrucksvollen Naturschilderungen, der sich den Klischees des Kriminalromans auf frappierende Weise entzieht und eine politische Dimension entwickelt.» Der Standard, Wien «Es ist ein feines, ja grossartiges Buch, das man gerne in den eigenen Bücherreihen hat.» Kommission für Schul- und Gemeindebibliotheken des Kantons Luzern |
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Rezensionen |
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