Chudi Bürgi
Exotin in der Schweizer Buchwelt
Paula Charles Erfahrungen als Autorin
Aus dem Buch rd_tri.gif (899 Byte) Küsse und eilige Rosen rd_tri.gif (899 Byte) Paula Charles: Go, Josephine, go
rd_tri.gif (899 Byte) Paula Charles: Schwarze Frau – weisser Prinz

«Sprache ist wichtig; ohne sie können wir nichts erreichen.» Paula Charles kann nicht sagen, woher die Idee kam, ein Buch zu schreiben. Bücher hatten in ihrer Jugend in der Karibik und in London und auch in ihrem Erwachsenenleben als Tänzerin in Schweizer Gogo-Bars kaum eine Rolle gespielt. Und dennoch: Nachdem sie mit dem Tanzen aufgehört und als Hausfrau und Ehefrau eines Schweizers erneut eine Identitätskrise durchlitten hatte, setzte sie sich eines Tages hin und begann auf der Schreibmaschine im Zweifingersystem beharrlich zu schreiben. Schreiben schien ein Weg aus der Not, ein Versuch, die Last des Erlebten loszuwerden und zu verstehen. Immer wieder setzte sie an. Schliesslich lag ein dreihundertseitiges Manuskript vor ihr. «Who am I?» betitelte sie es.

«Wer bin ich?» hiess es später im Vorwort des Buches. «In meinem Leben gab es viele Momente, in denen ich ein Buch schreiben wollte über diese Frage. Nur wusste ich in diesen Momenten gar nichts; ich wusste nur, es gab mich.»

Bis das Buch mit dem Titel «Go, Josephine, go» 1993 wirklich erscheinen konnte, waren noch einige Hürden zu überwinden, insbesondere auf der Suche nach einem Verleger. Das Manuskript lag zwei Jahre bei dem Verlag, der sich nach langem Zögern doch entschied, das Buch herauszubringen. Er beschritt damit neue Wege: Das Manuskript war Englisch geschrieben; eine kostspielige Übersetzung und Bearbeitung auf Deutsch war nötig.

Die Buchvernissage fand in einem Dancing statt. Eine Reggaegruppe spielte – Freunde von Paula. Ein Porträt im «Magazin», ein Bericht in der Infosendung «Zehn vor zehn», ein Gespräch im «Radio 24» und weitere Medienpräsenz weckten rechtzeitig zum Erscheinen des Buches die Neugier auf die Exotin in der Schweizer Buchwelt. Die Feuilletons berichteten wohlwollend bis positiv.

«Charles’ Ton ist trocken und sachlich, selbstsicher, gelegentlich kalt: die gerade in ihren Härten glaubwürdige Verteidigung einer nie (an)erkannten Integrität.» (nzz)

«Paula Charles schreibt ein hässliches Kapitel über dieses Land, das sich gerne als anständig und seriös gibt.» (Der Kleine Bund)

«Grosse Literatur ist es nicht. […] Aber Paula Charles schuf mit ihrem autobiografischen Bericht ein wichtiges und vor allem mutiges Dokument, in dem den vielen Vorurteilen und Romantisierungen, die über das Tanz- und Animationsgewerbe kursieren, endlich ein Erfahrungsbericht entgegengestellt wird.» (lnn)

Paula wurde zu Lesungen eingeladen. Sie nahm an Tagungen teil, unter anderem beim Fraueninformationszentrum fiz, an der Frauensynode in Österreich, an einer Tagung zu Sprache und Rassismus der Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz. Sie figurierte als Referentin in den Unterlagen der Fastenkampagne der beiden Hilfswerke Fastenopfer und Brot für alle und nahm in der Folge an zahlreichen Gottesdiensten und anderen kirchlichen und schulischen Anlässen teil.

Dass sie von Kirchen eingeladen wurde, fand sie zu Beginn irritierend. Eigentlich müssten diese ja gegen sie sein – bei dem Leben, das sie geführt hatte! Aber die Leute kamen. «Aus Neugier? Oder weil ich ihnen Anlass gab, wieder einmal auszugehen?» In Schulen ging sie gerne. Zu Jugendlichen findet sie schnell einen Draht. Den Kleinen erzählte sie von ihrer Kindheit in der Karibik. Als eine, die selber nicht allzu lange zur Schule gegangen war, war sie verblüfft und fühlte sich geehrt, dass man sie als Referentin einlud, sie auf diesem Weg in die Schule zurückkehrte. Im Kanton Baselland wurde ihr Buch von einem Englischlehrer gar in mehreren Klassen in verschiedenen Formen als Schulstoff eingesetzt.

«Zu Beginn war die Aufmerksamkeit enorm», sagt Paula, «ständig Telefone, Termine, Aufregung.» Doch Paula lernte die Schnellebigkeit des Erfolgs kennen. «Nach einigen Monaten Hektik plötzlich Stille. Nichts mehr passiert. Niemand interessiert sich mehr für dich. Und du musst vom Trip runterkommen, zurück in die Normalität.» Paula ist stolz darauf, dass sie mit dieser Situation zurechtkam und sich nicht darin verlor. «Alle halten dich für berühmt und erfolgreich, weil du im Fernsehen aufgetreten bist, aber es ist nur Oberfläche. Und du wirst auch als exotischer Seitenfüller benutzt. Ich war bekannt, aber auch das nur oberflächlich. Man kennt mein Bild aus dem Fernsehen oder aus Zeitschriften, aber mein Buch haben sie nicht gelesen.»

Dennoch hat sich «Go, Josephine, go» mit drei Auflagen gut verkauft. Das Buch hat breite Leserkreise angesprochen. An die Lesungen kamen oft auch Betroffene. Paula habe längst nicht die ganze Wahrheit gesagt, verkündete zum Beispiel eine Brasilianerin, die gekommen war, um Paula beizustehen und sie zu unterstützen. «An dieser Veranstaltung brauchte ich nichts mehr zu sagen. Die Frau hat von ihrem Leben als Ausländerin in der Schweiz erzählt. Ich fühlte mich nicht mehr allein.» Peinlich fand sie den Auftritt eines Nachtclubbesitzers, der ihr an einer Veranstaltung eine Flasche alkoholfreien Champagners überreichte, um öffentlich kundzutun, dass die Frauen in den Bars nicht zum Alkoholkonsum verpflichtet seien. «Es war mir peinlich. Ich wurde daran erinnert, mit was für Leuten ich zu tun gehabt hatte, als ich noch tanzte. Leute, die sich damit brüsten, dass sie ihren ‹Meitli› fünfzig Franken Weihnachtsgeld geben!»

Oft kamen «Betroffene» im weiteren Sinne an die Lesungen: vorwiegend Frauen, oft aus besseren Kreisen, die mit ihrem Leben und ihren Männern nicht zufrieden waren. «Es ist unglaublich, was ich im Anschluss an Lesungen alles zu hören bekam. Frauen aus allen Schichten schütteten mir ihr Herz aus, breiteten ihr Leben aus. Es war berührend und zugleich erschöpfend.» Diese Erfahrungen bestätigten ihr, wie wichtig es ist, als Frau und als schwarze Frau im besonderen die Stimme zu erheben. Doch zugleich fühlte sie sich ausgelaugt und benutzt: «Sie saugten meine Energie aus. Sie hörten nicht wirklich, was ich zu sagen hatte. Viele sahen nur meine schwarze Haut und meine Geschichte als Tänzerin. Sie fanden es geil, eine tolle Show. Ich bin auch heute noch vor allem die Extänzerin. Sie sehen nicht, dass ich gewachsen bin und mich verändert habe.»

Warum ein Buch schreiben, Paula? Um reich zu werden? Paula lacht. Geld erhalte man mit Büchern, wenn überhaupt, erst spät. Sie wusste, dass man damit nicht reich wird; es erinnerte sie an die Zeit, als sie in einer relativ glücklosen Soulband gesungen hatte. «Ausser dass ich mittlerweile zwei Bücher geschrieben habe, hat sich nichts geändert. Ich gehöre noch immer zu denen, die unten sind in der Gesellschaft.» Paula arbeitete nach Erscheinen des Buches weiterhin in einem Spielsalon, bis sie infolge des Volksentscheids im Kanton Zürich, der Spielautomaten verbot, ihre Stelle verlor. «Es gab Zeiten, besonders als ich arbeitslos war, da reichte das Geld knapp fürs Essen, aber die Leute, für die ich eine Berühmtheit war, merkten das nicht.» Dann fand sie über Bekannte eine Stelle als Modeschmuckverkäuferin in einem Warenhaus.

In erster Linie, sagt Paula, habe sie mit dem Buch sich selber etwas beweisen wollen. «The little me, the nothing me war zu etwas fähig.» Sie, ein Nobody, habe etwas erreicht – und das gab anderen Auftrieb. «Viele Schwarze waren stolz auf mich, weil noch nie bisher eine Schwarze so etwas erreicht hatte. Aber sie fürchten auch, dass ich ‹sterbe›, dass die Aufmerksamkeit sich Neuem zuwendet und meine Bücher vergessen gehen. Sie fürchten, dass sich nichts ändert. Nichts ist entstanden; nichts wurde aufgebaut.» Es gab auch Neid und Ablehnung von Schwarzen. Natürlich sei sie ehrgeizig gewesen, wollte erfolgreich sein mit Schreiben. «Ich wollte niemandem die Show stehlen. Ich ging an die Öffentlichkeit, weil ich wütend war, wie die anderen Schwarzen auch.»

Ein Buch schreiben, das wird in den Gesprächen mit Paula immer wieder klar, heisst für sie: eine Botschaft haben, sie aussprechen und damit im täglichen Leben etwas verändern, aufbauen und verbessern. Und hier liegt die eigentliche Enttäuschung.

Sie erwartete mehr. Mehr Solidarität. Die Schweizer nahmen die Botschaft entgegen, aber sie taten nichts. Und niemand bot ihr die Chance, ihre Arbeit weiterzuführen: die ausländischen Frauen hier, und da, wo sie herkommen, bilden und informieren. «Sie denken, sie haben mir ein Zückerchen gegeben, und ich sollte nun zufrieden sein. Aber ich bin nicht zufrieden.»

Eigentlich glaubte sie, in der Schweiz müsste vieles möglich sein. Die Schweiz sei ein junges Land, was Multikultur anbelangt, und das sah sie als Chance. Mit ihrer Botschaft hat sie jedoch nicht die Leute erreicht, die sie erreichen wollte. Sie wünschte sich, dass Politiker und Frauenorganisationen mit dem Buch arbeiteten. Gelegentlich wurde sie zu politischen Veranstaltungen eingeladen und hörte danach nie mehr von den Politikern, die ihr dort die Hände geschüttelt hatten. Doch Wohltätigkeit habe sie nicht nötig. Irgendwie fühlt sie sich verloren und unerfüllt. Sie sieht keine Fortschritte. «Die Leute sagen, ich habe Glück, und ich sollte zufrieden sein. Aber es ist nicht so. Es gibt noch so viel zu tun. So viele von uns erhalten nirgends Respekt, und ich werde nicht ruhen, solange es so ist. Mich hat niemand unterstützt in meinem mangelnden Selbstvertrauen. Und dann stelle man sich erst andere Frauen vor!»

Von Respekt zeugte für sie unter anderem der Werkbeitrag, den die Pro Helvetia ihr zusprach. «Dies war ein Höhepunkt. Ich konnte es fast nicht glauben. War ich es wirklich wert? Hatte ich es wirklich verdient? Hatten sie es mir wirklich gegeben, weil meine Arbeit gut ist, oder nur als Gefallen? Ich zweifelte, dachte dann aber doch, ich habe es verdient.»

Drei Jahre nach «Go, Josephine, go» erschien Paula Charles’ zweites Buch «Schwarze Frau – weisser Prinz», in dem sie ihre langjährige Ehe mit einem Schweizer beschreibt. Diesmal gab es weniger Öffentlichkeit. Das Buch verkaufte sich weniger gut. Möglicherweise seien die Menschen noch nicht bereit für eine Geschichte, die so persönlich sei und der man nicht aus Distanz zuhören könne. Aber sie sei deswegen nicht enttäuscht. «I am still on journey.» Sie habe eine Chance bekommen und Erfolg gehabt. Sie sei sicher, dass sie etwas bewegt habe in der Schweiz. Sie habe viel gelernt, viele Antworten bekommen. «Tot» sei sie bestimmt nicht, sagt sie, nur abwartend. Sie habe noch viele Ziele, doch sei noch alles offen – ob sie in der Schweiz bleibe oder woanders hingehe, ob sie ein eher stilles oder lautes Leben führen wolle. Ihr nächstes Buch werde anders sein, radikaler. Aber nur um Aufmerksamkeit zu kriegen, brauche sie kein weiteres Buch zu schreiben.

Das war das Wichtigste: in der Lage sein, etwas auszusprechen. Heute kann Paula Charles anders als vor zehn, zwanzig Jahren durch die Strassen gehen, weil sie die Chance hatte, herauszukommen mit dem, was in ihr war, und dabei von anderen unterstützt und bestätigt zu werden. «Und es bleibt die ewige Frage: Wer bin ich. Ich muss weiterfahren. Man muss die Chancen wahrnehmen, auch wenn die Enttäuschungen gross sind.»

Anfang 1998 hat Paula Charles ihre Arbeit wiederum verloren – als Folge von Veränderungen im Warenhaus, das von einem anderen Konzern übernommen worden ist. Ans Schreiben ist vorerst nicht mehr zu denken.

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