Dark Lady Anne Cuneo
Dark Lady
Ein Roman um Shakespeares große Liebe

Aus dem Französischen von Peter Sidler
Titel der Originalausgabe: «Objets de Splendeur»
1998, 410 Seiten, gebunden
ISBN 3-85791-319-3

Rd_tri.gif (202 Byte) Anne Cuneo Rd_tri.gif (202 Byte) Zum Buch Rd_tri.gif (202 Byte) Text Rd_tri.gif (202 Byte) Stimmen
Kurze Inhaltsangabe
Wer ist die «Dark Lady» der Sonette Shakespeares? Sie heißt Emilia Bassano, ist eine selbstbewußte Frau, Musikerin und erste veröffentlichte Buchautorin Englands. Als solche ist die faszinierende Frau in den neuen Roman von Anne Cuneo eingegangen, einen historischen Roman um eine große Liebe eines großen Theatermannes. Der farbige Alltag der elisabethanischen Epoche ersteht ebenso wieder wie das Globe Theatre in seiner ganzen Lebendigkeit. Und mittendrin Shakespeare beim Schreiben, Spielen, Inszenieren, Reisen, Lieben …
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Textprobe
Nach einer kurzen Pause fährt er fort.

«Sie war eine außergewöhnlich schöne Frau. Schwarze Augen, schwarzes Haar, sehr grazil, groß und schlank, vielleicht etwas mager. Genau das Gegenteil unserer blassen, blonden Schönheiten.

Das Schwarz ward Schönheit, als sie kam zur Welt,
Ihr Anblick läßt die Moden ganz vergessen.

In ihren Augen brannte ein Feuer.»

Ich wollte eine Frage stellen, aber er war ganz in Gedanken an diese Frau versunken. Sie war ihm vielleicht doch nicht so gleichgültig gewesen, wie er vorgab.

«Richard Burbage sagte, außer der Pest und den Puritanern sei sie für unsere Truppe die größte Gefahr gewesen. Ihretwegen hätte uns der Schatzkanzler seine Protektion in einem entscheidenden Augenblick entziehen können, ihretwegen hätten wir einen unserer größten Autoren verlieren können.»

Ein langes Schweigen folgte, während dessen Lowin mich durchdringend ansah, als wollte er mich einer Prüfung unterziehen. Allmählich kannte ich ihn ein wenig.

«Was gibt es denn, mein Herr? Sie zögern, mir etwas zu sagen.»

Er lächelte.

«Ihre Geistesgegenwart verrät mir, daß es Ihnen wieder besser geht. Ja, ich zögerte.»

Er beugte sich über den Bücherstoß zu unseren Füßen und griff nach einem schäbigen, fleckigen Band im Quartformat, aus dem Blätter unterschiedlicher Größe hervorsahen. Er schlug ihn auf und blätterte darin, ohne hinzusehen.

«Merkwürdig, ich habe gar nicht mehr daran gedacht, was Emilia Lanier vor … nun ja, sagen wir vor gut zwanzig Jahren für die Schauspieler des Königs bedeutet hat. Selbst wenn wir uns begegneten, dachte ich nicht mehr daran. Dabei habe ich sie weiß Gott gehaßt für das, was sie Tom angetan hat.»

«Tom? Ich dachte, es gehe um Herrn Shakespeare …»

«Jaja, gewiß, aber Tom war Shakespeare ergeben, er war jung und gutaussehend. Er hat sich die Flügel verbrannt. Er hätte ein großer Schauspieler werden können, statt dessen … Sie hätten Tom als Kate in Der Widerspenstigen Zähmung sehen sollen. So wie er hat nach ihm keiner mehr diese Rolle gespielt. Selbst er nicht, denn eines Tages bekam er den Stimmbruch und trat überhaupt nicht mehr auf.»

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Pressestimmen / Rezensionen
Rd_tri.gif (202 Byte) Pressestimmen
Rd_tri.gif (202 Byte) WochenZeitung WoZ vom 1. Oktober 1998
Rd_tri.gif (202 Byte) Der kleine Bund vom 3. Oktober 1998
Rd_tri.gif (202 Byte) Schaffhauser Nachrichten vom 3. Oktober 1998
Rd_tri.gif (202 Byte) Tages-Anzeiger vom 10. Juli 1999
Pressestimmen

»Vor unseren Augen fügt sich das Puzzle so vollkommen, dass man der funkelnden Interpretation der Sonette beinahe etwas nachtrauert, die Shakespeare voller unvernünftiger, verzehrender Leidenschaft für seinen Gönner sah.« La Libération

»Jede Seite des Buches von Anne Cuneo ist eine Liebeserklärung an das Theater und an die Literatur.« Le Nouveau Quotidien

»Für Liebhaber der Literatur zählt, dass das Leben dieser einzigartigen Frau und ihres Sängers der Autorin eine leidenschaftliche Geschichte schenken: für einen historischen Roman, ergreifend wie ein Liebesroman.« Le Monde des Livres

Rezensionen

WochenZeitung WoZ vom 1. Oktober 1998

Gefundene Liebesmüh

Anne Cuneos zweite Reise ins 16. und 17. Jahrhundert ist eine Hommage ans Theater und an Emilia Bassano, die geheimnisvolle Geliebte Shakespeares.

(...)

Die Westschweizer Schriftstellerin Anne Cuneo ist nach ihrem grossen Roman «Der Lauf des Flusses» (siehe WoZ Nr. 5/96) auf den Spuren der «Dark Lady» erneut in die Ära des elisabethanischen EngLand eingetaucht. In ihrem Nachwort gibt sie ausführlich Auskunft, wie es dazu gekommen ist. Bei den Recherchen zur Lebensgeschichte des Helden von «Der Lauf des Flusses», des Virtuosen und Partiturensammlers Francis Tregian, lernte sie den unorthodoxen englischen Historiker A.L.Rowse kennen, der im Widerspruch zum Kanon der Shakespeareforschung die These aufstellte, bei der «Dark Lady» aus Shakespeares Sonetten habe es sich um die historische Figur Emilia Bassano Lanier gehandelt. Rowse schlug der Besucherin vor, Emilia zur Heldin eines historischen Romans zu machen. Anne Cuneo legt dar, wie sie sich in die Materie vertiefte und wie ihr durch den Vergleich von Shakespeares Werken mit den historischen Erkenntnissen die Identität von Shakespeares verzehrender Flamme immer plausibler wurde.

Eine wichtige Rolle spielte dabei das religiöse Gedicht von Emilia Bassano, «Salve Deus Rex Judeorum», das erste von einer englischen Autorin überlieferte Buch, das anhand der biblischen Geschichte eine Verteidigung der Frauen und damit sehr früh einen emanzipatorischen Standpunkt formulierte. Mit «Dark Lady» hat Anne Cuneo wiederum ein unerhört kenntnisreiches, farbiges Bild jener weit zurückliegenden, aber höchst faszinierenden Epoche gezeichnet. Wiederum ergeben sich bei ihr aus der Geschichte die Geschichten wie von selber, gehen die gesicherten Fakten mit Shakespeare-Zitaten und der Fiktion mühelos eine Verbindung ein. Dass sich das Werk nicht ganz so leicht und selbstverständlich liest wie sein Vorgänger, liegt an der notgedrungen etwas konstruierten Erzählstruktur. Angesichts der immensen existierenden «Shakespeareografie» wäre es ein zu grosses Wagnis gewesen, den genialen Autor selber erzählen zu lassen. Also wählte die Autorin die Perspektive eines jungen Angehörigen von Shakespeares Theatertruppe, Thomas Vincent; in der Rahmenhandlung stösst ein junger Reisender, Baptiste Bordier aus Genf, sechzig Jahre später, zur Zeit der puritanischen Revolution durch Oliver Cromwell und dessen Theaterverbot, auf Vincents Tagebücher.

Aus der Optik dieses Zimmermannslehrlings und jungen Schauspielers erfahren wir eine Fülle von Details aus dem Leben Shakespeares und seinem Umkreis. Er lernt die Rollen, die ihm vom Meister zugedacht werden, fungiert zeitweise auch als sein Diener und begleitet ihn auf einer (historisch nicht belegten, aber denkbaren) Reise nach Venedig. Da er seinen Meister bedingungslos verehrt, fällt seine Darstellung von Shakespeares Wesen entsprechend idealistisch aus. Dem grossen Autor fehlen dadurch paradoxerweise die scharfen Konturen.

Auf der anderen Seite wirkt das Bild von Emilia Bassano am Schluss fast überzeichnet; nach Shakespeare und Southampton hat nämlich auch Thomas Vincent eine Liebesgeschichte mit ihr. Dadurch kommt sie zum ersten Mal direkt zu Wort und kriegt Gelegenheit, ihre unterschiedlichen Affären zu erklären. Allerdings erklärt sie es ihrem zeitgenössischen Geliebten; den RomanleserInnen dürfte vorher schon klar gewesen sein, dass Emilia nicht das «Leichte Mädchen» war, als das sie die Neider und Sittenwächter hinstellten, sondern eine Frau, die sich mit den moralischen und intellektuellen Beschränkungen nicht abfinden wollte, die ihr die Epoche auferlegte.

Trotz dieser Einschränkungen ist «Dark Lady» ein leidenschaftliches Plädoyer für die Freiheit der Kunst und der Menschen und ein opulenter Roman.

© WochenZeitung WoZ

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Der kleine Bund vom 3. Oktober 1998

«Wie Fieber ist, meine Liebe …»

Zu Anne Cuneos Shakespeare-Roman «Dark Lady»

(...)

 Als die französisch schreibende, in Zürich lebende Anne Cuneo vor Jahren Material sammelte für ihren Roman über den um die Wende des 16. zum 17. Jahrhundert lebenden englischen Musiker Francis Tregian («Der Lauf des Flusses»), da kam sie in Berührung mit dem britischen Historiker A.L. Rowse. Dieser, obschon nicht vom Fach der Literaturwissenschaft, hatte sich eingehend mit Shakespeare beschäftigt und dabei die Dark Lady, von der beim Dichter-Dramatiker des öftern die Rede ist, gemäss seinen Angaben identifiziert. Rowse bei einer der Begegnungen mit Anne Cuneo (wie diese im Nachwort ihres neuen Werkes festhält): «Ich helfe Ihnen bei Ihrem Buch über Francis Tregian, weil Sie sich für ihn interessieren, dafür werden Sie meinen Roman über die Dunkle Dame schreiben.- In der Tat: Nachdem Anne Cuneo den umfangreichen Tregian-Roman vollendet hatte, machte sie sich nicht unkritisch, wohl aber offensichtlich mit viel Ausdauer und Gründlichkeit – auf die Suche nach der möglichen Geliebten des Theatergenies. Und vor allem: Sie vertiefte sich in dessen Lebens- und Zeitumstände.

(...)

Anne Cuneo ist den grossen Stoff klug, einleuchtend und souverän angegangen. Sie formt und erzählt ihn nicht selber, sondern lässt ihn formen und erzählen. Folgendermassen geht sie vor: Die 19jahrige, aus Genf stammende Baptiste Bordier muss sich 1654 auf der Reise zu Verwandten in London krankheitshalber längere Zeit in einem Gasthaus aufhalten; dessen Wirt, John Lowin, ist, bevor die Puritaner an die Macht kamen, Schauspieler gewesen und hat Shakespeare noch selbst gekannt. Überdies bewahrt er die Tagebücher des jungen Thomas Vincent auf, und der wiederum ist in der Truppe Shakespeares als Zimmermann, Souffleur, Regisseur und Schauspieler tätig gewesen – und schliesslich noch dessen heimlicher Rivale bei der Dark Lady geworden. Bordier, selbst dem Theater zugetan, beginnt nun Vincents Aufzeichnungen aus dem Englischen zu übersetzen. Auf diese Weise geraten wir unversehens in ein erzählerisches Spiegelkabinett – Bordier, Löwin und Vincent werfen je auf ihre Art ihre Eindrücke zurück –, und so sehen wir uns miteins mitten in einem Romanwerk, das selber halb Tragödie und halb Komödie ist, starke und grossartige Gefühle zum Glühen bringt und, alles in allem, als die Hohe Schule des elisabethanischen Theaters und zeitlos-poetischer Verliebtheit mit allem Drum Dran gelten kann. – Beizufügen bleibt, dass das Buch von Peter Sidler gewandt und einfühlsam übersetzt worden ist und dass es zahlreiche zeitgenössische Illustrationen aufweist. Der historische Boden, das zeigen überdies die chronologischen Anhaltspunkte im Anhang, auf dem das faszinierende Romangebäude fusst, ist durchaus solid.

© Der Bund

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Schaffhauser Nachrichten vom 3. Oktober 1998

Shakespeares heisse Liebe: eine schwarze Schönheit

Um Shakespeares große Liebe kreist der spannende neue Roman von Anne Cuneo.

Shakespeare wolle «studiert, nicht geplündert werden», wer sich ernsthaft auf ihn einlassen wolle, der müsse sich wie der Landschaftsmaler mit der Camera obscura verhalten, meinte Lessing; «er schaue fleissig hinein, um zu lernen, wie sich die Natur in allen Fällen auf eine Fläche projektiert …» Anne Cuneo hat Lessings Rat befolgt und nach anständigem Hinschauen das «Projektierte» zur Lebensgrösse geformt: «Objets de Splendeur» heisst der Titel ihres Romans über Shakespeare und die «Dark Lady» (Titel der deutschen Ausgabe von 1998), die uns in seinen Sonetten begegnet.

(...) 

In der zentralen Handlung sei sie, so Cuneo in den ausführlichen Erläuterungen, «im wesentlichen Shakespeare selbst gefolgt». Dieser schildere in den Sonetten sein Verhältnis zum jungen Lord Southampton, ebenso sein Abenteuer mit Emilia, «sozusagen wörtlich». Das einzige, was fehle, sei der Name dar Frau, doch ihr Charakter, ihr Aussehen, ihre Vorlieben und Zurückweisungen seien ausführlich beschrieben. Die Autorin betont, dass alle Personen, denen man in den Tagebuchaufzeichnungen des Thomas Vincent begegnet, historische Personen sind. Ein Geschenk, all das Authentische über Shakespeare, das uns das Buch bietet: Daten und Fakten, einleuchtende Annahmen und Interpretationen, die auch manche bekannte Spekulation – zum Beispiel über die Homosexualität des Dichters – widerlegen. Einmalig die plastischen, Beschreibungen der Londoner Theaterpraxis! Doch besonders beeindruckend an dem Buch ist, dass seine geballte, sorgfältig montierte Historizität ungemein lebendig ist und seine Form und Sprache wie Kristall.

© Schaffhauser Nachrichten

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Tages-Anzeiger vom 10. Juli 1999

Liebesrätsel

In «Shakespeare In Love«, dem mit Oscar überschütteten Kassenrenner, ist die Freundin des Dichters blond. Im wirklichen Leben hatte sie dunkle Haare, zumindest wenn wir William Shakespeares Sonnetten glauben. Wer die «Dark Lady» war, ist eines der grossen Rätsel der Shakespeare-Forschung. 1973 meinte der Historiker A. L. Rowse, es gelöst zu haben: Nur Emilia Bassano, aus einer italienisch-englischen Musikerfamilie stammend, könne Shakespeares Geliebte gewesen sein. Doch statt Bewunderung erntete Rowse in der Fachwelt Skepsis und Spott. Noch als er 1997 im Alter von 93 Jahren starb, waren die Nachrufe mehr als kritisch.

Die Westschweizer Autorin Anne Cuneo glaubt Rowse. Ihr historischer Roman "Dark Lady" ist eine Hommage an die erstaunliche Emilia. Und weil Cuneo sich lustvoll in die elisabethanische Zeit vertiefte, erfährt man auch viel über das Theater und das Leben von damals. 

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© TA Media AG

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