Anne Cuneo

Herz aus Eisen

Der erste Fall der Marie Machiavelli

Aus dem Französischen von Peter Sidler

2000, 240 Seiten, gebunden
ISBN 3-85791-340-1

 

Vergessen ist Gold: Der zweite Fall der Marie Machiavelli
Lisas Lächeln: Der dritte Fall der Marie Machiavelli

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Kurze Inhaltsangabe

Sie glaubte ihre Stadt Lausanne zu kennen. Ein Blick hinter gutbürgerliche Fassaden eröffnet jedoch ungeahnte Abgründe …

«Als er mein Büro betrat, sich im schäbigen Sessel niederliess und mit filmreifer Eleganz die untadelige Bügelfalte seiner Hose zurechtrückte, war er im Begriff, mein Leben zu verändern.»

Und so wird die Finanzberaterin zur Detektivin. Voll Ironie und Spannung erzählt Anne Cuneo diesen ersten Fall der Marie Machiavelli. Der Gegenstand ist ernst, eine Familie aus besten Kreisen wird plötzlich mit einer Vergewaltigung konfrontiert, es kommt zu einem Mord. Marie Machiavelli muss sehr behutsam ans Werk gehen. Anne Cuneos neues Buch ist ein Kriminalroman und ein Versuch, mit grimmigem Humor und Leichtigkeit zugleich ein schmerzliches Erlebnis zu verarbeiten.

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Textprobe
Thomas Carlyle also.

Er betrat mein Büro an einem Frühlingsmorgen. Er trug ein breites Lächeln zur Schau. 

»Soso, Sie heißen also Machiavelli«, sagte er auf englisch anstelle eines Grußes.

Zuunterst in meiner Tasche steckt ein vergoldetes Feuerzeug. Es ist für jenen Menschen bestimmt, dem zum Namen Machiavelli ein noch nie dagewesenes Wortspiel einfällt. Bislang hat noch keine Veranlassung bestanden, es auszugraben.

»Mein Name ist Carlyle«, fuhr er fort. »Thomas Carlyle. Die Begegnung zweier großer Philosophen.«

Ich gab mir nicht einmal die Mühe zu lächeln.

Thomas Carlyle ist ein englischer Schriftsteller des neunzehnten Jahrhunderts. Ich hatte meinen Schulunterricht noch nicht ganz vergessen.

»Sehr komisch. Sie haben gerade ein Feuerzeug verloren«, bemerkte ich leutselig.

»Ich? Keineswegs. Übrigens rauche ich nicht.« Seine perfekt maniküierte Hand streckte mir eine geprägte Visitenkarte entgegen. »Thomas D. Carlyle, Esq.«

Das war nun wirklich nicht alltäglich. Er hiess tatsächlich Carlyle. Einen Augenblick lang war ich versucht, ihm das Feuerzeug zu schenken, aber dann tat ich es doch nicht. Zum einen war er Nichtraucher. Dazu kamen seine tadellose Eleganz, sein Oxford-Englisch und die ausgesuchte Höflichkeit, die ihm aus allen Poren drang, die mich davon abhielten.

Ich pflege mich zu waschen und zu schminken, ich gehe zum Friseur und von Zeit zu Zeit zur Kosmetikerin und zur Masseuse. Aber ich kämme mich nicht zehnmal am Tag. Das Schminken nach dem Mittagessen gehört nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Ich sage gerne, es komme nicht auf das Äußere an. Doch in Gegenwart einer Person (ob männlich oder weiblich), die aussieht, als wäre sie einer Modezeitschrift entlaufen, fühle ich mich immer etwas gehemmt.

Thomas Carlyle war sich zweifellos der Wirkung bewußt, die er ausübte, und ich möchte wetten, daß er meine momentane Verwirrung zu seinem Vorteil nutzte.

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Pressestimmen / Rezensionen
Pressestimmen / Rezensionen
Rd_tri.gif (202 Byte) Tages-Anzeiger vom 11. April 2000
Rd_tri.gif (202 Byte) Basler Zeitung vom 20. April 2000
Rd_tri.gif (202 Byte) Der Bund vom 29. April 2000
Pressestimmen
«Lesetipp: Nach zwei grossen historischen Romanen kehrt Anne Cuneo in die schweizerische Gegenwart zurück, in der sie den Kriminalroman ansiedelt, der auch noch etwas mehr ist, nämlich ein Versuch, mit grimmigem Humor und Leichtigkeit zugleich ein schmerzliches Erlebnis zu verarbeiten.» Der Toggenburger
Rezensionen

Tages-Anzeiger vom 11. April 2000

Ein Mord in der Zürcher Zentralbibliothek

Die Westschweizer Erfolgsautorin Anne Cuneo wählt zum ersten Mal das Genre des Kriminalromans. Eine düstere Geschichte und doch ein modernes Märchen.

Sie ist Italienerin, heisst Marie Machiavelli und kann die ständigen Anspielungen auf ihren berühmten Vorfahren nicht leiden. Darum hält sie für den besten Witz über ihren Namen jederzeit ein kitschiges Feuerzeug in der Handtasche bereit. Kriminalistin wird sie nur durch Zufall, denn eigentlich arbeitet sie als Finanzberaterin in Lausanne, deckt im Auftrag ihrer Kunden windige Geschäfte auf oder treibt unbezahlte Schulden ein. Doch am Ende des Romans trägt man ihr eine Stelle bei der Polizei an, so klug hat sie den kniffligen Fall gelöst.

Die Westschweizer Erfolgsautorin Anne Cuneo betrat 1998 mit diesem Buch zum ersten Mal das Feld des Kriminalromans, und es liegt in der Logik der Gattung, dass so was Folgen hat: Letztes Jahr erschien mit «D'or et d'oublis» bereits der zweite Fall der Hobby-Kommissarin Marie Machiavelli. «Herz aus Eisen», jetzt von Anne Cuneos bewährtem Übersetzer Peter Sidler auf Deutsch übertragen, setzt einen neuen Akzent im erstaunlich vielfältigen Werk der Schriftstellerin und Journalistin. Eben schien Anne Cuneo sich definitiv dem historischen Roman zu verschreiben, bestärkt vom immensen Publikumserfolg ihres Buchs «Der Lauf des Flusses» über den elisabethanischen Musiker Francis Tregian. Nun setzt sie den Fuss in das ziemlich überlaufene Gebiet des Kriminalromans. Muss sie da nicht die Konkurrenz fürchten? Schliesslich gibt es heutzutage, von den Klassikern mal abgesehen, mehr gute Kriminalromane, als man lesen kann, und gar ganze Taschenbuchreihen von Frauenkrimis.

Ganz verleugnen will Anne Cuneo auch hier nicht zwei Tendenzen, die immer schon ihre Bücher und auch ihre Filme und Reportagen ausgezeichnet haben: die starke (auto)biografische Ausrichtung und den direkten Bezug zur gesellschaftlichen und politischen Aktualität.

Postraub und Politskandal

Marie Machiavelli weiss als Finanzberaterin um die nicht immer sauberen Transaktionen, die hier zu Lande nicht selten sind. Doch als eine Freundin das Opfer einer scheusslichen Vergewaltigung wird, setzt sie ihren ganzen Scharfsinn ein, um das Verbrechen aufzuklären. Daraus wird dann ein komplexer Mordfall - und zwar in der alten Zürcher Zentralbibliothek -, Postraub, Drogen, Erpressung und Sex-Business, mit dem auch noch ein Justizirrtum und ein drohender Politskandal verknüpft sind. Viel Arbeit für die tapfere Marie Machiavelli, und viel Stoff für einen einzigen Roman.

(...)

Anne Cuneo erzählt ein modernes Märchen, in dem das Gute über die düstere Perversität des Bösen siegt und wo man zuletzt, fair und human, auch noch die persönliche Ehre der Schuldigen bewahrt. Doch trotz Happyend will die Idylle sich schliesslich nicht glaubhaft einstellen. Denn: Ob Gerechte oder Ungerechte, Opfer sind wir in dieser Welt alle, Opfer der Moderne. Nicht umsonst sinniert am Ende Marie Machiavelli über Lenin nach, der im Predigerhof mit seinen Freunden ein letztes Glas trank, bevor er den Zug nach Russland bestieg; nicht umsonst bemerkt sie, nach getaner Arbeit in ihr Lausanner Büro heimkehrend, dass die Bulldozer begonnen haben, das gemütliche Quartier niederzureissen, um Platz zu schaffen für Hochhäuser und Schnellstrassen.

Die Welt ist gefährlich!

Diese nostalgische Sehnsucht nach einer intakten, idyllischen Vergangenheit spürt man allenthalben in Anne Cuneos Roman. Sie passt schlecht zur Gattung des Kriminalromans, der ja zusammen mit dem Bewusstsein der Moderne entstanden ist und dessen Botschaft lautet: Vorsicht, die Welt ist gefährlich! Das Verbrechen lauert überall! Vielleicht hat sich deshalb der Kriminalroman, trotz einiger bemerkenswerter Beispiele, nie recht in der Literatur der Suisse romande einbürgern können. Dass Anne Cuneo sich den dunklen Seiten des helvetischen Alltags zuwendet, ist wohl nicht bedeutungslos. Die französischen Néo-Polars beweisen es seit Jahren: Unter dem Deckmantel der Fiktion nennt der Kriminalroman Dinge beim Namen, die man sonst geflissentlich verschweigt. Da öffnet sich ein weites Feld: Marie Machiavellis zweiter Fall, vorerst nur auf Französisch lesbar, handelt von einem erfolgreichen Genfer Anwalt, der in den Dreissigerjahren viele jüdische Kunden hatte und dessen Archive auffällige Lücken zeigen . . .

Gérald Froidevaux
© TA-Media AG

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Basler Zeitung vom 20. April 2000

Sie macht aus dem Handwerk kein Geheimnis

Die Westschweizer Autorin Anne Cuneo las im Basler Literaturhaus

Berge sind auch schön. Aber Berge kann man abtragen. Dann sind sie weg. Oder wenigstens kleiner. Flüsse kann man allenfalls ableiten. Oder überbauen. Am Fliessen hindern kann man sie nicht. So ein Fluss ist der Flon mitten in Lausanne, der ein Opfer der Verkehrsplanung geworden ist, was die Lausannerin Anne Cuneo unmöglich vergessen kann.

Vielleicht gewinnt sie ihm aber gerade deswegen das schöne Schlussbild ihres neuen Buches ab, das auch ein Lausanne-Buch ist. Da fliesst der Flon unter seinem Betondeckel wie die Erinnerung, deren Strom auch niemand aufhält: Ein traumatisierendes Erlebnis, im vorliegenden Fall eine Vergewaltigung, kann beredet, «verarbeitet» - und gerächt werden. Man kann sogar ein Buch darüber schreiben. Aber beim kleinsten Anstoss ist es doch wieder erlittene Gegenwart.

(...)

Anne Cuneo macht aus ihrem Handwerk kein Geheimnis. Wenn man ihr glaubt, gibt es überhaupt kein aufregenderes. «Wie haben Sie das gemacht, Madame», das braucht man nicht gross zu fragen, und das ist auch deswegen ein Glück, weil sie an diesem ersten Abend der dialogisch konzipierten «Ortszeit»-Reihe im neuen Literaturhaus gewissermassen für zwei reden muss. Erst liest sie ein bisschen deutsch, das Deutsch ihres Übersetzers Peter Sidler, dann französisch, endlich plaudert sie. Ein Buch über Lausanne also. Längst überfällig war das. Die Stadt spielt in «Herz aus Eisen» die zweite Hauptrolle. Unter anderem auch deswegen, weil Anne Cuneo sich überhaupt am liebsten an Realitäten hält - und an reale Schauplätze.

London und Lausanne

(...)

Anne Cuneo recherchiert. Marie Macchiavelli ermittelt. Fleissig sind sie beide. Und Glück haben sie auch. Marie unter anderem deswegen, weil sie sich nicht durch Scheuklappen am Denken hindern lässt, und weil sie die richtigen Leute kennt: Nicht nur hat sie eine Menge ausgefallene Freunde mit nützlichen Fertigkeiten, die ihr ab und zu die Kastanien aus dem Feuer holen, sie hat auch eine Sekretärin, die als grundsolide Spiesserin das rechte Gegengewicht zu all diesen Luftikussen bildet.

In so einem Beziehungsnetz bleiben dann notgedrungen eine Menge Tatsachen hängen. Das Glück der Autorin steht dagegen sogar in den Schlagzeilen. Kaum braucht sie eine Situation, in der ein Päckchen verloren gehen könnte, schon überfallen Posträuber im wirklichen Leben den Zug von Fribourg nach Lausanne. Und voilà. «Eine Romansuppe zusammenkochen. Das kann ich schon. Aber ohne richtiges Gemüse geht es nicht.»

Von Dorothee Hammerstein
© Basler Zeitung

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Der Bund vom 29. April 2000

Ein furioser Wirbel schier unglaublicher Ereignisse

Bei Limmat erscheint Anne Cuneos Roman «Herz aus Eisen» auf Deutsch.

«Gewiss, alle Situationen entstammen dem Ozean der vermischten Nachrichten, die uns täglich überschwemmen», betont die seit vielen Jahren ebenso renommierte wie produktive Westschweizer Autorin Anne Cuneo im Nachwort ihres ersten Kriminalromans, «Herz aus Eisen». Aber diese «faits divers» würden, so Anne Cuneo, «im Rahmen einer Fiktion verwendet». In der Tat: In einem furiosen Wirbel schier unglaublicher Ereignisse zieht die Story, in deren Mittelpunkt eine Vergewaltigung steht, am Leser vorüber. Phantastische Kombinationen treiben die in knappen, präzisen Sätzen geschriebene Handlung voran.

Das Ganze beginnt scheinbar harmlos: Der Engländer Thomas Carlyle beauftragt die Finanzberaterin und Ermittlerin Marie Machiavelli, die zusammen mit ihrer Sekretärin Sophie im Lausanner Quartier du Rôtillon als weibliches Sherlock Holmes/Dr. Watson-Duo tätig ist, eine mittelgrosse Geldsumme für ihn einzutreiben. Marie, seit ihrem zwanzigsten Lebensjahr geschieden und heute an die achtunddreissig, verfügt über einen sicheren Instinkt und zudem über ein breit gefächertes Beziehungsnetz - die wohl wichtigste «Masche» darin ist der gefürchtete Anwalt Jean-François Clair, der als goldglitzernde Schlange in Nachtclubs auftritt und seine Freizeit mit dem Schausteller Girot und dessen Kumpels verbringt -, so dass sie Carlyles Schuldner problemlos zur Strecke bringt. Ebenso harmlos wirkt zunächst die Suche nach einer Kinderrassel; Marie und ihre Helfer finden den in einem aufgeschlitzten Postpaket verklemmten Gepäckschein, der sie auf die Spur eines mit Pornokassetten dealenden Politikers führt, ohne dass sich der Fall sofort klären lässt.

(...)

Schritt für Schritt kommt es zur Fokussierung auf zwei Personen und damit zur endgültigen Klärung des Falles. Selbst Jean-Marc Léon kann Marie seine Bewunderung nicht versagen. Falls sie Interesse habe, Kripo-Inspektorin zu werden, werde er ihre Bewerbung unterstützen. Der «action»-geschüttelte Leser kann den spannenden Text beruhigt aus der Hand legen: Von Marie Machiavelli wird man nach diesem «ersten Fall» noch hören.

Beatrice Wolf-Furrer
© Der Bund
Rd_tri.gif (202 Byte) Tages-Anzeiger vom 11. April 2000
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Pressestimmen
«Lesetipp: Nach zwei grossen historischen Romanen kehrt Anne Cuneo in die schweizerische Gegenwart zurück, in der sie den Kriminalroman ansiedelt, der auch noch etwas mehr ist, nämlich ein Versuch, mit grimmigem Humor und Leichtigkeit zugleich ein schmerzliches Erlebnis zu verarbeiten.» Der Toggenburger
Rezensionen

Tages-Anzeiger vom 11. April 2000

Ein Mord in der Zürcher Zentralbibliothek

Die Westschweizer Erfolgsautorin Anne Cuneo wählt zum ersten Mal das Genre des Kriminalromans. Eine düstere Geschichte und doch ein modernes Märchen.

Sie ist Italienerin, heisst Marie Machiavelli und kann die ständigen Anspielungen auf ihren berühmten Vorfahren nicht leiden. Darum hält sie für den besten Witz über ihren Namen jederzeit ein kitschiges Feuerzeug in der Handtasche bereit. Kriminalistin wird sie nur durch Zufall, denn eigentlich arbeitet sie als Finanzberaterin in Lausanne, deckt im Auftrag ihrer Kunden windige Geschäfte auf oder treibt unbezahlte Schulden ein. Doch am Ende des Romans trägt man ihr eine Stelle bei der Polizei an, so klug hat sie den kniffligen Fall gelöst.

Die Westschweizer Erfolgsautorin Anne Cuneo betrat 1998 mit diesem Buch zum ersten Mal das Feld des Kriminalromans, und es liegt in der Logik der Gattung, dass so was Folgen hat: Letztes Jahr erschien mit «D'or et d'oublis» bereits der zweite Fall der Hobby-Kommissarin Marie Machiavelli. «Herz aus Eisen», jetzt von Anne Cuneos bewährtem Übersetzer Peter Sidler auf Deutsch übertragen, setzt einen neuen Akzent im erstaunlich vielfältigen Werk der Schriftstellerin und Journalistin. Eben schien Anne Cuneo sich definitiv dem historischen Roman zu verschreiben, bestärkt vom immensen Publikumserfolg ihres Buchs «Der Lauf des Flusses» über den elisabethanischen Musiker Francis Tregian. Nun setzt sie den Fuss in das ziemlich überlaufene Gebiet des Kriminalromans. Muss sie da nicht die Konkurrenz fürchten? Schliesslich gibt es heutzutage, von den Klassikern mal abgesehen, mehr gute Kriminalromane, als man lesen kann, und gar ganze Taschenbuchreihen von Frauenkrimis.

Ganz verleugnen will Anne Cuneo auch hier nicht zwei Tendenzen, die immer schon ihre Bücher und auch ihre Filme und Reportagen ausgezeichnet haben: die starke (auto)biografische Ausrichtung und den direkten Bezug zur gesellschaftlichen und politischen Aktualität.

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Anne Cuneo erzählt ein modernes Märchen, in dem das Gute über die düstere Perversität des Bösen siegt und wo man zuletzt, fair und human, auch noch die persönliche Ehre der Schuldigen bewahrt. Doch trotz Happyend will die Idylle sich schliesslich nicht glaubhaft einstellen. Denn: Ob Gerechte oder Ungerechte, Opfer sind wir in dieser Welt alle, Opfer der Moderne. Nicht umsonst sinniert am Ende Marie Machiavelli über Lenin nach, der im Predigerhof mit seinen Freunden ein letztes Glas trank, bevor er den Zug nach Russland bestieg; nicht umsonst bemerkt sie, nach getaner Arbeit in ihr Lausanner Büro heimkehrend, dass die Bulldozer begonnen haben, das gemütliche Quartier niederzureissen, um Platz zu schaffen für Hochhäuser und Schnellstrassen.

Die Welt ist gefährlich!

Diese nostalgische Sehnsucht nach einer intakten, idyllischen Vergangenheit spürt man allenthalben in Anne Cuneos Roman. Sie passt schlecht zur Gattung des Kriminalromans, der ja zusammen mit dem Bewusstsein der Moderne entstanden ist und dessen Botschaft lautet: Vorsicht, die Welt ist gefährlich! Das Verbrechen lauert überall! Vielleicht hat sich deshalb der Kriminalroman, trotz einiger bemerkenswerter Beispiele, nie recht in der Literatur der Suisse romande einbürgern können. Dass Anne Cuneo sich den dunklen Seiten des helvetischen Alltags zuwendet, ist wohl nicht bedeutungslos. Die französischen Néo-Polars beweisen es seit Jahren: Unter dem Deckmantel der Fiktion nennt der Kriminalroman Dinge beim Namen, die man sonst geflissentlich verschweigt. Da öffnet sich ein weites Feld: Marie Machiavellis zweiter Fall, vorerst nur auf Französisch lesbar, handelt von einem erfolgreichen Genfer Anwalt, der in den Dreissigerjahren viele jüdische Kunden hatte und dessen Archive auffällige Lücken zeigen . . .

Gérald Froidevaux
© TA-Media AG

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Basler Zeitung vom 20. April 2000

Sie macht aus dem Handwerk kein Geheimnis

Die Westschweizer Autorin Anne Cuneo las im Basler Literaturhaus

Berge sind auch schön. Aber Berge kann man abtragen. Dann sind sie weg. Oder wenigstens kleiner. Flüsse kann man allenfalls ableiten. Oder überbauen. Am Fliessen hindern kann man sie nicht. So ein Fluss ist der Flon mitten in Lausanne, der ein Opfer der Verkehrsplanung geworden ist, was die Lausannerin Anne Cuneo unmöglich vergessen kann.

Vielleicht gewinnt sie ihm aber gerade deswegen das schöne Schlussbild ihres neuen Buches ab, das auch ein Lausanne-Buch ist. Da fliesst der Flon unter seinem Betondeckel wie die Erinnerung, deren Strom auch niemand aufhält: Ein traumatisierendes Erlebnis, im vorliegenden Fall eine Vergewaltigung, kann beredet, «verarbeitet» - und gerächt werden. Man kann sogar ein Buch darüber schreiben. Aber beim kleinsten Anstoss ist es doch wieder erlittene Gegenwart.

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Anne Cuneo macht aus ihrem Handwerk kein Geheimnis. Wenn man ihr glaubt, gibt es überhaupt kein aufregenderes. «Wie haben Sie das gemacht, Madame», das braucht man nicht gross zu fragen, und das ist auch deswegen ein Glück, weil sie an diesem ersten Abend der dialogisch konzipierten «Ortszeit»-Reihe im neuen Literaturhaus gewissermassen für zwei reden muss. Erst liest sie ein bisschen deutsch, das Deutsch ihres Übersetzers Peter Sidler, dann französisch, endlich plaudert sie. Ein Buch über Lausanne also. Längst überfällig war das. Die Stadt spielt in «Herz aus Eisen» die zweite Hauptrolle. Unter anderem auch deswegen, weil Anne Cuneo sich überhaupt am liebsten an Realitäten hält - und an reale Schauplätze.

London und Lausanne

Sie dürfen noch so überbaut und von Geschichte überwuchert sein, wie zum Beispiel das London der Shakespeare-Zeit, wo sie ihre beiden historischen Romane «Der Lauf des Flusses» und «Dark Lady» hat spielen lassen. - Lausanne kennt sie im Schlaf, das alte London zu rekonstruieren war dagegen natürlich eine Heidenarbeit. Solange nicht geklärt ist, wie die das damals gemacht haben ohne Toiletten im Globe Theatre, solange fängt eine wie sie nicht an zu schreiben.

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Von Dorothee Hammerstein
© Basler Zeitung

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Der Bund vom 29. April 2000

Ein furioser Wirbel schier unglaublicher Ereignisse

Bei Limmat erscheint Anne Cuneos Roman «Herz aus Eisen» auf Deutsch.

«Gewiss, alle Situationen entstammen dem Ozean der vermischten Nachrichten, die uns täglich überschwemmen», betont die seit vielen Jahren ebenso renommierte wie produktive Westschweizer Autorin Anne Cuneo im Nachwort ihres ersten Kriminalromans, «Herz aus Eisen». Aber diese «faits divers» würden, so Anne Cuneo, «im Rahmen einer Fiktion verwendet». In der Tat: In einem furiosen Wirbel schier unglaublicher Ereignisse zieht die Story, in deren Mittelpunkt eine Vergewaltigung steht, am Leser vorüber. Phantastische Kombinationen treiben die in knappen, präzisen Sätzen geschriebene Handlung voran.

Das Ganze beginnt scheinbar harmlos: Der Engländer Thomas Carlyle beauftragt die Finanzberaterin und Ermittlerin Marie Machiavelli, die zusammen mit ihrer Sekretärin Sophie im Lausanner Quartier du Rôtillon als weibliches Sherlock Holmes/Dr. Watson-Duo tätig ist, eine mittelgrosse Geldsumme für ihn einzutreiben. Marie, seit ihrem zwanzigsten Lebensjahr geschieden und heute an die achtunddreissig, verfügt über einen sicheren Instinkt und zudem über ein breit gefächertes Beziehungsnetz - die wohl wichtigste «Masche» darin ist der gefürchtete Anwalt Jean-François Clair, der als goldglitzernde Schlange in Nachtclubs auftritt und seine Freizeit mit dem Schausteller Girot und dessen Kumpels verbringt -, so dass sie Carlyles Schuldner problemlos zur Strecke bringt. Ebenso harmlos wirkt zunächst die Suche nach einer Kinderrassel; Marie und ihre Helfer finden den in einem aufgeschlitzten Postpaket verklemmten Gepäckschein, der sie auf die Spur eines mit Pornokassetten dealenden Politikers führt, ohne dass sich der Fall sofort klären lässt. 

...

Schritt für Schritt kommt es zur Fokussierung auf zwei Personen und damit zur endgültigen Klärung des Falles. Selbst Jean-Marc Léon kann Marie seine Bewunderung nicht versagen. Falls sie Interesse habe, Kripo-Inspektorin zu werden, werde er ihre Bewerbung unterstützen. Der «action»-geschüttelte Leser kann den spannenden Text beruhigt aus der Hand legen: Von Marie Machiavelli wird man nach diesem «ersten Fall» noch hören.

Beatrice Wolf-Furrer
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