Anne Cuneo

Garamonds Lehrmeister

Antoine Augereau – Schriftenschneider, Drucker, Verleger und Buchhändler

Roman

Aus dem Französischen von Erich Liebi

Titel der Originalausgabe: «Le maître de Garamond.

Antoine Augereau – graveur, imprimeur, éditeur, libraire»

2004, 560 Seiten, gebunden

ISBN 3-85791-463-7

Rd_tri.gif (202 Byte) Anne Cuneo Rd_tri.gif (202 Byte) Zum Buch Rd_tri.gif (202 Byte) Text Rd_tri.gif (202 Byte) Stimmen
Kurze Inhaltsangabe

Am 24. Dezember 1534 wird in Paris der Drucker Antoine Augereau auf dem Scheiterhaufen verbrannt und mit ihm auch seine Bücher ins Feuer geworfen. Er gilt als Ketzer und soll Pamphlete gegen die Heilige Messe verfasst haben. In Wahrheit ist er der Sündenbock für Marguerite von Navarra, deren Drucker und Verleger er ist. Gegen sie selbst, die Schwester des Königs, wagen die mächtigen Theologen der Sorbonne nicht vorzugehen.

Anne Cuneo erzählt das Leben Augereaus aus der Perspektive seines berühmten Lehrlings Claude Garamond, der der heute weltweit in vielen Variationen gebräuchlichen Druckschrift den Namen gegeben hat. Es ist ein abenteuerliches Leben zu Beginn der französischen Renaissance, voller Glauben an den Geist, die Schrift, das Buch, den Humanismus, die Toleranz, aber auch voller religiöser Spannungen und Machtkämpfe. Die Plakate gegen die Hl. Messe sind Vorboten der Reformation, die Bibel wird erstmals in der Volkssprache gedruckt, Luthers Thesen machen auch in Paris die Runde, die Hüter der theologischen Tradition wittern überall Verrat und Ketzerei.

In der Grand-Rue Saint-Jacques in Paris entstehen die neuen Schriften, dort arbeiten die Drucker und Verleger, dort herrscht ein Klima der Offenheit und des Weltbürgertums: Werte, für die Antoine Augereau wie viele andere mit seinem Leben eingestanden ist und bezahlt hat.

Mit «Garamonds Lehrmeister» kehren wir an den Ursprung der modernen Typographie und des Verlagswesens zurück. Im Schmelztiegel von Theologie und Politik, Aufbruchstimmung und Rückständigkeit, Offenheit und Fanatismus schaffen die neuen «römischen» Druckbuchstaben die Voraussetzungen für den Siegeszug des Buches. Es ist auch eine Kampfansage. Wer selber lesen kann, wird von den machthungrigen Verwaltern der schriftlichen Überlieferung unabhängig. Sie kennen keine Gnade. Die «Garamond» geht aus einem «Sumpf aus Blut und Asche» hervor.

Textprobe

Einleitung

Traditionsgemäß werden die Druckbuchstaben, die Sie hier vor Augen haben, nach Garamond benannt. [Anmerkung des Webmasters: Die historische Schrift existiert nicht elektronisch, Sie sehen sie nur im Buch!] Sie stammen aus der Zeit um 1530, und im Gegensatz zu anderen «Garamond»-Schriften handelt es sich hier nicht um eine Interpretation, sondern um die möglichst originalgetreue Nachbildung durch den kanadischen Schriftgestalter William Ross Mills in den Jahren 1994 / 1995. Diese Schrift wird aus Gründen, die ich am Schluss des Buches erläutere, Garamond zugeschrieben. Doch gibt es keinerlei Dokumente, die dies belegen würden, und handfeste Tatsachen legen es bei genauerer Betrachtung nahe, sich dazu Fragen zu stellen. Sicher ist nach Auffassung verschiedener Fachleute, die sich darüber sogar gewundert haben, dass es sich um eine «fotographische Kopie» (sic) von Buchstaben handelt, die ebenfalls aus der Zeit um 1530 stammen, und von Antoine Augereau, Garamonds Lehrmeister, geschnitten worden sind. Es ist in der Tat durchaus möglich, dass diese Lettern das Werk Augereaus sind, dessen Name von der Geschichte verschwiegen wird. Wie auch immer, angesichts der großen Ähnlichkeit der beiden Schriften kann der Leser davon ausgehen, dass die Buchstaben, die er vor Augen hat, von Augereau stammen.

Die Kursivschrift hingegen ist eindeutig Garamonds Werk und stammt aus dem Jahr 1545, was anhand von Dokumenten einwandfrei belegt werden kann. Antoine Augereau selbst hat nie Kursivschnitte hergestellt. Die hier verwendete Nachbildung stammt ebenfalls von William Ross Mills.

Die Initialen (der Schmuckbuchstabe am Anfang jedes Kapitels) stammen von Antoine Augereau.

***

Die Orthographie der alten Texte habe ich zur besseren Lesbarkeit der heutigen Zeit angepasst, im Fall einiger Präpositionen, deren damalige Verwendung unklar war, hielt ich mich jeodch an die Wortwahl der Autoren.

Im 16. Jahrhundert war die Schreibweise von Vor und Eigennamen ebenso wenig eindeutig wie die Orthographie insgesamt. Man begegnet der gleichen Person sowohl als Galiot und Galliot, Garamond, Garramond, Garramont oder Garamont, Marcilhac oder Marcillac, Bocard oder Boucard, Jenson oder Janson, Zwingli oder Zwyngli (und ich verzichte darauf, das Dutzend verschiedener Schreibweisen von Ulrich aufzulisten), ganz zu schweigen von den von ihren Inhabern ins Lateinische übersetzten Namen (beispielsweise wird aus Jean Cauvin Calvinus und dann Calvin). Zur Erleichterung der Lesbarkeit habe ich mich für eine bestimmte Schreibweise entschieden und sie konsequent angewandt.

***

Im 16. Jahrhundert bezeichnete das Wort «Parlament», das in den Texten der damaligen Zeit vorkommt und das ich einzelnen Personen in den Mund lege, die richterliche und nicht wie heute die gesetzgebende Gewalt.

Das Wort «Gelehrter» als Substantiv bezeichnet eine Person mit guter Bildung, «die über viele Dinge Bescheid weiß», und hat noch nicht die heutige Bedeutung des «Wissenschaftlers».

Das Wort «Drucker» bedeutete im 16. Jahrhundert DruckerVerlegerBuchhändler (manchmal sogar, allerdings immer seltener, auch Schriftschneider). Das Wort Verleger, das ich im Text um der Klarheit willen verwende, ist tatsächlich nicht vor etwa 1700 bezeugt, das lateinische Verb edere, von dem es abgeleitet ist, bedeutet hingegen «herstellen, zutage bringen».

Das Wort «Clerc» ist bis zum Trientinischen Konzil (1545–1563) unklar gedeutet. «Für unsere Vorfahren bedeutete es einerseits Kleriker, andererseits wurde es aber auch zur Bezeichnung dessen verwendet, den man für einen Gelehrten hielt, oder für jemanden, den wir heute Sekretär nennen.» (Definition aus dem 17. Jahrhundert) Im 16. Jahrhundert bezeichnet es den Absolventen eines Hochschulstudiums ebenso wie denjenigen, der bloß in den Diensten eines Klerikers steht (und auch dann das Klerikerprivileg genießt, wenn er selbst nicht Geistlicher ist). Auch wer Ehelosigkeit gelobt hat, wird als «Clerc» bezeichnet.

Mit «Cordelier» werden in Frankreich gerne die Mönche des Ordens des Hl. Franziskus von Assisi, die Franziskaner, bezeichnet. («Cordelier» [Seiler] verweist auf den Strick mit drei Knoten, den die Franziskaner um die Hüfte tragen/d. Übers. )

In welchem sich Claude Garamond,
Druckermeister in Paris,
auf der Suche nach der Wahrheit
nach Neuenburg
in der Schweiz begibt.

 

Es war wieder kalt geworden. Tagsüber war es warm gewesen, fast wie an einem Sommertag. Doch gegen Abend hatte sich der Himmel überzogen, und es hatte zu regnen begonnen. Heftiger Schauer zunächst, dann ein feiner Dauerregen. Kurz vor Sonnenuntergang hatte die Bewölkung für einen Augenblick aufgerissen, aber aufgehört zu regnen hatte es nicht. Alles war plötzlich in rosa Farbe getüncht, die Oberfläche des Sees spiegelglatt. Wäre er nicht just zu diesem Zeitpunkt aus seiner Werkstatt getreten, hätte er davon nichts zu sehen bekommen.

Er stieg mit seinen Korrekturfahnen unter dem Arm zur Collégiale hinauf. Õblicherweise hätte er die Fahnen von seinem Lehrling tragen lassen, doch dieser Text hier war etwas Besonderes. Er wollte einen Abschnitt daraus mit Pfarrer Marcourt besprochen. Die Bibel zu übersetzen war in gewissen Ecken der Welt ein gefährliches Unterfangen. Hier, in Neuenburg, war es nur ausgesprochen schwierig. Umso schwieriger auch, da sich bereits früher große Männer der Sache angenommen hatten, und er nicht oder noch nicht sicher sein konnte, es besser machen zu können.

Er klopfte an die Tür des Pfarrhauses. Meisterin Marcourt persönlich kam, um zu öffnen, mit einem kleinen Kind an ihrem Rockzipfel. Er wunderte sich jedes Mal über die Jugend dieser Frau an der Seite eines alt wirkenden Ehemannes, älter wahrscheinlich, als er war. Das kam bei den unter reichen Leuten arrangierten Ehen nicht selten vor, war aber hier nicht der Fall. Marguerite de Crane hatte Antoine Marcourt aus freiem Willen geheiratet.

«Er ist nicht da», sagte sie, kaum dass sie den Mann vor ihrer Tür sah und ohne ihn zu Wort kommen zu lassen. Noch eine Überraschung. Sie war ebenso lebhaft wie Marcourt langsam und würdevoll, außer wenn er predigte, denn dann war er Feuer und Flamme, und so betrachtet, war er dieser adretten Person ein durchaus würdiger Ehegatte.

«Ich überlasse Ihnen die Fahnen, sagen Sie ihm, er möchte die markierten Stellen durchsehen, ich habe den Eindruck, dass wir dort nicht mit dem Original übereinstimmen.»

«Ich werde es ihm ausrichten.»

Auf dem Rückweg ging er beim Zoll vorbei, um nachzusehen (man konnte nie wissen), ob die von ihm bestellten Papierballen eingetroffen und vielleicht dort zurückbehalten worden waren. Nichts. Wenn sich der Papierfabrikant nicht sputete, würde bald nichts mehr da sein, womit man arbeiten konnte.

Es war schon fast Nacht, als er vor der Druckerei ankam; durch die Fensterläden schien flackerndes Kerzenlicht.

Er hörte das Geräusch von Pferdehufen. Und plötzlich tauchte aus dem Schatten ein Mann auf, in einen weiten Mantel gehüllt, die Kapuze bis über die Augen gezogen; er führte sein Pferd am Zaum. Als er ihn sah, blieb er abrupt stehen.

«Guten Abend, mein Herr», klang es aus dem Finsteren.

Ein fremder Tonfall. Kein Neuenburger und kein Genfer. Der Fremde war Franzose.

«Auch Ihnen einen guten Abend.»

«Ich suche Pierre de Vingles Druckerei, man hat mir gesagt, sie befinde sich hier.»

«Nun, Sie haben sowohl die Druckerei als auch Pierre de Vingle gefunden. Was kann ich für Sie tun?»

 

Pressestimmen / Rezensionen

Rd_tri.gif (202 Byte) Schweizer Bibliotheksdienst vom 12. November 2004
Rd_tri.gif (202 Byte) St. Galler Tagblatt vom 29. November 2004
Rd_tri.gif (202 Byte) m-Comedia vom 9. Dezember 2004
Rd_tri.gif (202 Byte) 20 minuten vom 18. Januar 2005
Rd_tri.gif (202 Byte) Der Bund vom 8. März 2005
Rd_tri.gif (202 Byte) Hochparterre, März 2005
Rd_tri.gif (202 Byte) ekz bibliotheksservice, April 2005
Rd_tri.gif (202 Byte) literaturkritik.de
Rd_tri.gif (202 Byte) tm rsi stm, Typographische Monatsbläter, 2/2005
Rd_tri.gif (202 Byte) Akzidenz 4, Informationen der Gilde Gutenberg, November 2005
 

«Anne Cuneo hat einen beeindruckend umfangreichen, grossartigen Roman geschrieben. Sie begeistert die Leser für die spannende Geschichte von Druck und Schrift und beleuchtet die mittlealterliche Kultur, indem sie Berühmtheiten wie François Villon oder Rabelais im Rioman auftreten lässt.» 20 minuten

«Spannender historischer Roman, aber auch ein faszinierender Text zu Geschichte und Entwicklung von Druckschriften.» Typographische Monatsblätter

«Anne Cuneo entwirft mit Garamonds Lehrmeister ein ausführliches soziales und geistesgeschichtliches Porträt über eine von religiösem Fanatismus und den beginnenden Glauben an die menschliche Vernunft geprägte Epoche.» Schweizer Bibliotheksdienst

«In der Zeit von Erasmus, Lefèvre und Luther debattieren die Drucker über die wahrhaft humanistische Schrift, die in ihren Proportionen das Menschliche verkörpert, bis hin zur leichten Wölbung der Füsse, auf denen ein Buchstabe steht Theologie, Typografie, Literaturgeschichte, Architektur: Diese umfassende Gelehrtheit prägt Garamonds Lehrmeister. Anne Cuneo nimmt diesen Universalismus auf, indem sie Themen nicht separat abhandelt, sondern mischt, indem sie in Gesprächen abschweift und Gedanken mit Einfällen durchkreuzt. Der Roman beschreibt eine Wendezeit der westeuropäischen Geistesgeschichte. Er bringt Texte und Namen zusammen, die sich damals vielleicht nicht begegnet sind. Doch wie Cuneo zum Beispiel François Rabelais einbettet und den bärenhaften Diener Oudin als ein Vorbild für Gargantua zeichnet, macht Historie sehr anschaulich. Garamonds Lehrmeister ist ein zutiefst humanistischer Roman: er konfrontiert die menschliche Neugier und den Drang nach Fortschritt mit Traditionen und Machtgefügen - und das alles auf einem selten beachteten Feld, dem Handwerk des Druckens.» St. Galler Tagblatt

«Die Lektüre ist von der ersten Seite an spannend.» Comedia

«Eine sehr lohnenswerte Lektüre, nicht nur für Liebhaber der Buchdruckgeschichte.» Akzidenz

Rd_tri.gif (202 Byte) Zurück zu Pressestimmen

© Limmat Verlag

Limmat Verlag Homepage

Web-Betreuung