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Daniel de Roulet

Die blaue Linie

Roman

Aus dem Französischen  von Maria Hoffmann-Dartevelle

1996, 190 Seiten, gebunden
ISBN 3-85791-269-3

Die blaue Serie

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Daniel de Roulet über Jörg Haider am NY-Marathon 99

Kurze Inhaltsangabe

Die blaue Linie auf den Strassen New Yorks markiert den Weg durch die fünf Stadtteile, die die 250'000 Marathonläufer durchqueren, bevor sie nach 26 Meilen beim Central Park das Ziel erreichen.

Max, der im Widerspruch zwischen erfolgreichem Architekten heute und politischem Aktivisten damals lebt, hat sich eine Zeit unter vier Stunden vorgenommen. Während des Rennens wird Vergangenes wieder gegenwärtig – sein Lauf durch die Nacht von K. nach Olten, nachdem der Pavillon auf dem AKW-Gelände gesprengt worden war, eine Frau, die sich ihm während des Laufes unvermittelt in Erinnerung ruft, die Flucht Gustave Courbets in die Schweiz, weil er in der Pariser Commune die Vendôme-Säule umgestürzt haben soll.

In diesem Roman zwischen Fiktion und literarischer Aneignung schildert Daniel de Roulet die Biographie einer Generation.

Textprobe
10. Lynch Street

Doch ich lief jetzt beinahe, ich hatte nicht mehr die nötige Puste, um ein solches Wort auszusprechen. Wenn er nur etwas langsamer liefe, Marcus, oh, nur ein kleines bisschen. Wenn er nur die Beschleunigung seines Tempos mässigte, dann könnte es schon gehen. Aber nein, er lief, er flog sozusagen, es gab Augenblicke, Momente, immer längere und gleichzeitig, wie soll ich sagen, immer kürzere Momente, in denen er beschleunigte, sich seine Beschleunigung beschleunigte, kurze Phasen, während deren keiner seiner beiden Füsse den Boden berührte.

Gilles Carpentier, Haussmann m'empêche de dormir

Man leert seine Blase beim Start, die Frauen in Toilettenhäuschen, die Männer in langen Reihen vor einem Pissoir mit Rundblick. Man scheidet nicht nur durch Schwitzen aus. Die Nieren werden auf eine harte Probe gestellt, und jeder Marathonläufer hat bei der Ankunft schwache Spuren Blutes im Urin, winzige, durch die Erschütterungen verursachte Verletzungen. Auf der zehnten Meile haben die Veranstalter Toiletten aufgestellt. Immer besetzt, wo doch jede Warteminute zählt. Darum kommt es am Rande eines unbebauten Geländes an der Bedford Avenue, das zwischen vom schleichenden Bürgerkrieg zerstörten oder verbrannten Wohngebäuden liegt, zu einem kollektiven Halt. Wenig Publikum in Sicht. Die Frauen hocken sich in nur geringem Abstand ungeniert hin, die Männer stehen mit heruntergelassener Hose unter freiem Himmel. Die, deren Magen durch die Anstrengung angegriffen ist, nutzen die Gelegenheit ebenfalls und wischen sich mit Grasbüscheln ab. Man findet das sehr witzig, beglückwünscht sich zur wiedergefundenen Leichtigkeit, die Sprache wechselnd, wenn man den Eindruck hat, nicht verstanden zu werden. »Was für eine Erleichterung!«

Max hat beim Urinieren sein blaues Nylontrikot angeboben, läßt seinen Kopf langsam über seine Schultern rollen, entspannt seinen Nacken, während er die wenigen, rasch vorbeiziehenden weißen Wolken an einem Herbsthimmel beobachtet, der strahlender ist als die blaue Linie. Er muß nicht wirklich, aber so hat er es hinter sich. Homo supiens non urinat in ventum.

Drei Japaner mittleren Alters, die ihre durchsichtigen Seidenstrümpfe heruntergelassen haben, zeigen kichernd mit dem Finger aufeinander. Man weiß nicht so genau, ob sie ein Tabu durchbrochen haben oder ob die japanische Kultur besonders grob ist.

Ihre Ähnlichkeit ist so groß, daß sie den Lauf unter falschem Namen mitmachen könnten. Wie 1936 in Berlin dieser umgetaufte Koreaner, den das Reich der aufgehenden Sonne zwang, unter seiner Sonne zu laufen. Man wird ihn vierundfünfzig Jahre später auf der Tribüne des Olympiastadions in Barcolona wiedersehen als einen rachsüchtigen Greis, der endlich seinen wahren Namen trägt. Er ist gekommen, um einem jungen Landsmann zuzujubeln, der auf der Ziellinie einem Sohn seines einstigen Besatzers die Goldmedaille raubt.

Ein falscher Name, wie Ingeborg. Das Doppelspiel ist manchmal notwendig, wenn die Sache gerecht ist. Max hätte gern gesehen, wie der Schwarze Owens bei den Olympischen Spielen den Nazis eine lange Nase drehte. Doch von Berlin kennt er nur die Ankunft in Tempelhof, den Lebensschmerz der Fixer und die Sehnsucht nach der Mauer, die jetzt weiter nach Osten verschoben ist.

Im Augenblick liegt die Mauer der zwanzig Meilen vor ihm, und der einzige Lebensschmerz, der ihn befallen könnte, ist der, den er manchmal gegen fünf Uhr abends beim Verlassen seines Büros verspürt, wenn eine rasche Kopfrechnung ihm klarmacht, daß er mehr Stunden damit verbracht hat, für das Leben zu arbeiten, so wie es ist, als dagegen. Mehr Zeit damit, zu überleben als in Frage zu stellen. Wo doch sein Intellektuellenglück darin besteht, den Zweifel zwischen die Ordnung der Dinge und ihr Werden zu schieben. Das überkommt ihn in seinem BMW oder schon, wenn er die Lampe an seinem Zeichentisch ausmacht: »Was hast du aus diesem Tag gemacht?« Das ist der richtige Augenblick, sich einen Gin Tonic hinter die Binde zu kippen.

Es gibt aber auch Tage, an denen die Rechnung aufgeht, jene, an denen du, laut Ingeborg, Punkte gegen die Lobby machst. Du hast der Notwendigkeit Zeit gestohlen, um sie den neuen Möglichkeiten zu schenken, du hast keine Zufahrten für die unterirdischen Parkhäuser einer Frachthalle ermöglicht, kein Hochsicherheitsgefängnis geplant noch ein Heim entworfen, um Alte drin sterben zu lassen. Du hast einen Architekturstudenten empfangen und in ihm den Keim der Utopie, der Nichtunterwerfung unter den herrschenden Geschmack angelegt. Und niemand hat dich entdeckt.

*

Seit Jahren hatten sie diesen Alptraum: »Wo warst du in der Nacht der Explosion?« Das Ganze spielte sich im allgemeinen in einem Keller der Bundespolizei ab, eine Lampe im Gesicht, der Rauch der Inspektoren in der Luft und das Strafgesetzbuch auf dem Tisch. Sie packten nie aus, trotz der Gefängniskälte im Rücken. Bewahrten die Fassung, um nicht unnötig zu provozieren, und konzentrierten sich auf die Gerechtigkeit ihrer Sache.

Sie schreckten aus dem Schlaf hoch, um diese immer unwahrscheinlicher gewordene Szene noch einmal durchzuspielen. Der Inspektor sagte: »Wir haben Beweise, wir werden dir ein Telefongespräch vorspielen.« Und man ließ das Band laufen, auf dem ihre Frau einem anderen zärtliche Worte zuraunte. Oder die kaum verschlüsselten Worte: »Vergiß deine Handschuhe nicht, denn es wird kalt heute abend.«« Oder eine unbekannte Stimme, die sie beschuldigte: »Die, die ihre Besorgungen auf den Baustellen am Fuß des Juras erledigen.« Sie verbesserten ihre psychologische Prüfungsvorbereitung: nicht kollaborieren, weder Erstaunen noch Interesse vortäuschen. »Ich will auf Ihre Fragen nicht antworten, ich habe nichts dazu zu sagen.«

Bullenfragen, die nicht kamen. Sie hatten die Partie verloren, die Sache zu den Akten gelegt. Der in Gips gegossene Schubabdruck ruhte in einem Regalfach. Der schlecht getippte Bericht enthielt ihr Gewicht, ihre Art, sich gebückt zu halten, ihre Geschwindigkeit zum Zeitpunkt des Fußabdrucks, ihr angenommenes Geschlecht. Genau wie das Identifikationsprotokoll ihrer Manuskriptfragmente. War das G von »Gefahr« linkshändig geschrieben worden? Polizeiliche Auffassung von Literaturgeschichte.

Sie schliefen mit brühwarmen Erinnerungen wieder ein, während der Ermittlungsrichter ein letztes Mal die ganze Mannschaft in seinem Bundesbüro zusammenrief, auf die fünfzehn Bundesordner zeigte, für die freundeidgenössische Hilfe dankte und alle auf ein Glas im Bundescafé gegenüber einlud. Weggetreten!

Stimmen zum Buch
Pressestimmen

«Daniel de Roulet beweist, daß ein Mann, der sich erfolgreich vornimmt, 4219500 Zentimeter in weniger als vier Stunden zu durchlaufen, auch fähig ist, den Leser über diese Distanz zu halten – selbst wenn er nur über eine blaue Linie schreibt.» Libération

«Daniel de Roulet ist es gelungen, das fluoreszierende Bewusstsein seiner Figur mit seismographischer Präzision zu inszenieren, wobei er in seinem packenden, spannungsgeladenen Drama Ost und West, Gegenwat und Vergangenheit, konkrete, sinnliche und seelisch-geistige Wirklichkeit zu einem komplexen Gebilde verdichtet, das die vielschichtigen Persönlichkeitsstrukturen des Helden mit grosser Plastizität sichtbar werden lässt.» Der Bund

 «In Wirklichkeit ist ‹Die blaue Linie› ein – das Wort drängt sich auf – ganz leichtfüssiges und spannendes, einfallsreiches Buch. Es greift mitten hinein in die Geschichte der Schweiz und in die konfliktreiche Befindlichkeit einer Generation, aber ihm fehlt die Schwere der historischen Demonstration. De Roulet hat sich bei den Postmodernen die Ironie ausgeliehen, die er auf seinen Heden ebenso wie auf sein eigenes Schreiben anwendet und, ein ziemlich paradoxes Verfahren, mit einer eminent politischen Thematik verknüpft. Es klingt angesichts dieses knappen und so spielerisch leichten Romans masslos, aber ‹Die blaue Linie› hinterlässt den Eindruck eines ungewöhnlich zeitgemässen und zeitbezogenen, fast epochalen Werks.» Tages-Anzeiger

«Daniel de Roulet kommt das Verdienst zu, auf sehr eigenständige Weise die Biographie der inzwischen von der Kritik eingeholten 68er Generation um ein gekonntes Stück Prosa weitergeschrieben zu haben.» Der Schweizer Buchhandel

«Ich kenne Max. Max ist kein Einzelfall. Max gehört zu meiner Generation, trotz der paar Jahre, die er älter ist als ich. Das Buch handelt von Max. Von meiner Generation. Von mir. Max als Vertreter unserer Generation erzählt von sich und seiner Sicht der Dinge. Gespannt folge ich seinem doppelten Weg. Dem Tageslauf zum Ziel hin. Dem Nachtmarsch vom Ziel weg.

(...)

Wir hatten uns aufgemacht, irgendwann Mitte der sechziger Jahre. Ich hatte an der Antikriegs-Bewegung geschnuppert, war als Nachmittagshippie herumgegammelt, hatte mir von einem Arbeitskollegen, der sich inzwischen umgebracht hat, den Blues beibringen lassen, hatte auf die freie Liebe gehofft, mit den Hungernden gelitten und mich Autoritäten verweigert. Die Beatles traten in mein Leben und knallten Farbe rein.

Ich war Lehrling und sah Max zum erstenmal auf dem Barfüsserplatz. Spätnachmittags, Basel Innenstadt. Er sass gemeinsam mit anderen Maxen und Mäxinnen auf den Schienen. Inmitten staunender Passagiere, Passanten, Polizisten. Gratistram für alle! Gefiel mir. Ich selber hatte ihre Forderung bereits umgesetzt. Privat, für mich. Schwarzfahren.

Monate später sass Max mir gegenüber und klärte mich auf. Über die Scheisskapitalisten. Die Aasgeierlobby. Die Fights for Your Rights. Kampf um die Macht. Che. Brigate Rosse. Longo Mai. Ich hörte zu. Ging zurück zu meinen Barfüsser-Hippies und sang den Blues. Liebeslieder. Klagelieder. Worüber soll ich sonst singen? Schau dich um, schrie Max mich an. Ich war ein wandelndes Fragezeichen. Wie kam der Max zu seinem Wissen? Er kennt seinen Weg, bevor er ihn gegangen, kannte sein Ziel, bevor er angekommen war. Ich war fasziniert.

*

Heute. Max ist Architekt und baut Flughafengebäude auf allen Kontinenten. Ich arbeite in einer internationalen Multimedia-Firma und entwickle interaktive Lernprogramme. Die «Lobby» hat uns angestellt. Eingestellt. Aber uns stellt dies nicht ab. Im Gegenteil. Wir arbeiten viel. Mit Einsatz. Gerne. Zum Wohle der Gesellschaft, der Anonymen.

Sind wir zu denen geworden, die wir früher bekämpft und verachtet haben? Haben wir resigniert? Aufgegeben? Unsere Ziele verraten? Hat uns die Gesellschaft kleingekriegt? Korrumpiert? Wir bewegen uns in dieser Gesellschaft, als wäre sie auf uns zugeschnitten.

Wir fühlen uns gut. Stark. Kompetent. Wir spielen mit. Akzeptanz der Spielregeln. Möglichkeiten, Punkte zu sammeln. Chancen auf kleine Siege. An solch erfolgreichen Tagen hat Max dann «kein Hochsicherheitsgefängnis gebaut und kein Heim entworfen, um Alte darin sterben zu lassen».

Auch ich versuche zu punkten. Jage Satiren in den Äther. Pumpe Herzblut in die Gewerkschaftsschule. Mache mir in neuen Songs einen Reim aufs Display. Keine Big Points. Sie hauen auch keinen gross vom Stuhl. «Sie sind nicht aktuell, Herr Born», so die Absage eines schweizerischen Magazins diese Woche.

(...)

Max stellt keine Fragen. Max läuft die blaue Linie ab. Kurve für Kurve. Linientreu. Vorbereitet. Fit. Er kennt seine Geschwindigkeit. Er kennt seine Belastbarkeit. Er weiss sogar, dass ihn nach zwanzig Meilen die innere psychologische «Mauer» erwartet und dass er sie überwindet.

Max läuft Marathon. Metapher für Leben. Leben ist planbar. Wie die Flucht von Kaiser-augst nach Olten. Max war auch diesen Weg auf der 1:50 000er Karte mehrmals minuziös durchgegangen. Und siehe da: Sogar die Natur verhielt sich nach Plan. Na, wer sagt's denn!

(…)

Das Buch kennt durchaus witzige Sätze. Erzählerische Stellen. Es ist über weite Teile unterhaltsam geschrieben. Es zehrt von seinem bestechenden Ansatz. Aber Max ist Max. Er stellt sich selber nicht in Frage. Er stellt überhaupt nichts in Frage. Max beschert uns die Ästhetik eines Dia-Nachmittags mit Tantenkommentar. Sein Fluchtbericht erreicht die Qualität eines Veteranentreffens der Aktivdienstgeneration. Ich lese einen etwas lang geratenen Sportbericht. Keine Analyse. Keine Kritik. Keine Fragen. Geschweige denn Antworten.

Max, mit Verlaub, das ist mir zu wenig. Wo ist Dein Zorn auf die Zustände geblieben? Wo Deine Sehnsucht nach besseren Zeiten? Warum schreibst Du nichts über die Jahre zwischen Deiner Flucht und dem Marathon? Da liegen doch Welten dazwischen, Niederlagen, abgebrochene Brücken.

Wo ist Dein Herzblut? Wo bleibt Dein Spass an der Sache? Du hast keine Freundin. Hast keine Kinder. Machst Dich zwischen den Zeilen lächerlich über diesen kleinbürgerlichen Kleinkram. Dir fehlen Humor und Zärtlichkeit. Dir fehlt Musik. John Lennon erwähnst Du bloss im Zusammenhang mit seinem Tod. Weil Du an seiner Strasse vorbeirennst.

Du rennst vorbei und davon. Planst Häuser, in denen Du nicht wohnst. Die Menschen stehen am Strassenrand und applaudieren. Liebst Du nur den Applaus oder auch die Applaudierenden? War Kaiseraugst bloss eine Kurve Deiner blauen Linie?» Ernst Aernschd Born, Facts

Haider wird disqualifiziert

Monsieur, am Sonntag werden Sie in New York die Startnummer 5777 tragen, und Sie haben vor, bis zum Schluss der Linie zu folgen, die über eine Länge von 42 Kilometern auf die Fahrbahn gemalt ist.

Soweit ich weiss, laufen Sie weder für Geld - Ihnen reichen die Einnahmen aus Ihren Immobilien -, noch um das Auto zu gewinnen, das der Sieger neben der Prämie erhält - Sie begnügen sich mit Ihrem Porsche. Mit Ihren 49 Jahren gehören Sie nicht mehr zur Elite, sondern zu Ihrer Lieblingskategorie, den volkstümlichen Veteranen.

Ein paar robuste Bodyguards werden an Ihrer Seite laufen und wie Sie die Farben eines «Österreich zuerst» tragen - ein besonders lächerlicher Wahlspruch in einem multinationalen Kontext, in dem keiner für sein Vaterland, sondern jeder mehrere Stunden lang allein, nur mit seinem Kopf und seinen Beinen, läuft.

Wie alle dreissigtausend Personen, die sich frühmorgens am Fort Wadsworth zusammendrängen, werden Sie im Geiste die Strecke durch fünf Stadtbezirke durchgehen, jede Kurve, jeden Höhenunterschied, jede endlose Gerade. Ich nehme an, Sie sind gut durchtrainiert, glattrasiert, und Ihr T-Shirt stammt von Versace.

Was diesen dreissigsten New-York-Marathon so faszinierend macht, ist nicht die Zahl der Teilnehmer, sondern sein Publikum, das sich in den volkstümlichen Vierteln entlang der Strecke am Strassenrand versammelt. Selbst bei stärkstem Regen, wie 1997, quellen die Bürgersteige von den mindestens vier Millionen New Yorkern über (mehr als Sie jemals Wähler hatten), die gekommen sind, um jeden Läufer anzufeuern. Sogar Sie wird man wahrscheinlich, obwohl Sie noch nicht so bekannt sind wie der damalige Kanzler - der Österreicher aus dem Dritten Reich -, wie alle anderen als Helden bejubeln.

Ab der dritten Meile geht es los, dort, wo das Feld die Verrazano-Brücke verlässt und in Brooklyn einläuft. Die jungen Juden, die in diesem Bezirk wohnen, haben die Angewohnheit, die Startnummern zu lesen, um den Läufern persönlichen Beifall zu spenden. Stellen Sie sich vor, einer von ihnen schreit: «He du, 5777, nur noch 23 Meilen, und du bist unser Champion.» Das wäre in Ihrem Fall ein nicht sehr komisches Versehen, wo Sie doch vor dem österreichischen Parlament verkündet haben, für die Juden seien die Nazi-KZs einfache Straflager gewesen. Nicht alle Mitglieder der chassidischen Gemeinde, die sich im Zuge der Pogrome nach und nach hier niedergelassen haben, schätzen es, dass hier Scharen halb nackter Leute vorüberziehen. Selbst bei grosser Hitze tragen die Frauen Perücken und die Männer grosse Pelzmützen. Es ist fast schon ein Affront, im T-Shirt durch ihr Wohnviertel zu laufen. Wenn sie erfahren, dass Sie sich auf die Seite ihrer Henker stellen, werden Sie das möglicherweise nicht gutheissen. Der Gemeindesprecher Isaac Abraham hat angekündigt, er werde sich dafür einsetzen, dass Sie nicht bei ihnen vorbeikommen.

Angenommen, Ihre Bodyguards schaffen es, Sie bis nach Williamsburgh zu geleiten, dann werden Sie sich dort die spöttischen Bemerkungen der Künstlergemeinde anhören müssen. Die weiss von Ihren Schmähreden gegen die Grössten unter ihnen. Elfriede Jelinek, die Sie durch den Schmutz ziehen, hat vielleicht ein paar Freunde dort. Diese Leute haben ihre Verbindungsnetze, und wenn Sie die Schimpfwörter lesen würden, mit denen sie Sie im Internet bedenken, wüssten Sie, dass sie durchaus fähig wären, Ihnen an den Kragen zu gehen.

Stellen wir uns vor, Sie kommen ungeschoren auf der nach dem polnischen Freiheitshelden benannten Pulaski-Brücke an und gelangen in den Stadtbezirk Queens. Achtung, die Leute dort sprechen teilweise deutsch, und wenn sie «Nazis raus!» schreien, schwingt eine Kampfeslust mit, die Ihren Bodyguards zu schaffen machen könnte.

In dieser Gegend lebten die Freunde Ihres Landsmannes Robert Musil. Er selbst starb im Exil, ohne sie wieder sehen zu können. Seine Asche wurde auf dem Berg verstreut, auf den ich schaue, während ich Ihnen diese Zeilen schreibe. Ohne Sie zu kennen, hat er detailliert den Opportunismus eines Mannes Ihres Schlages beschrieben. Ihr Vater bekleidete seit 1930 einen SA-Rang, und Ihre Mutter leitete eine nationalsozialistische Frauenorganisation. Sie führen die Familientradition fort, indem Sie sich weigern, eine Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht zu besuchen, und verkünden, es habe sich um «bewunderungswürdige Soldaten» gehandelt. Sie verteidigen den Pangermanismus. Mit den gleichen Worten, die Hitler benutzt hat, behaupten Sie, Österreich sei eine «ideologische Fehlgeburt». Solche Töne sind nicht nach dem Geschmack der deutschen Auswanderer, die seit mehreren Generationen hier leben.

Sie, der Sie die Meinung vertreten, Frauen seien nur dazu da, sich um Kinder und Haushalt zu kümmern, werden möglicherweise am eigenen Leib erfahren, dass sie schneller laufen als Sie. Einerseits werden die Besten unter ihnen Sie schon lange überholt haben (obwohl sie bis 1984 nicht zum olympischen Marathonlauf zugelassen waren). Andererseits ist es, falls die eine oder andere Bewohnerin von Queens Sie wieder erkennt, wahrscheinlich um Ihre ohnehin verlorene Ehre geschehen.

Nun gut, Sie haben es geschafft, sich bis zur Queensboro-Brücke durchzuschlängeln, die Sie zur Second Avenue in Manhattan bringen wird, mitten in den Luxus des Weltreichs. Diesen Stadtteil kennen Sie vermutlich besser, hier lassen Sie Ihre eleganten Anzüge schneidern, hier treffen Sie Ihre Bankiers, hier bewegen Sie sich in Ihrer feinen Gesellschaft. Denn Sie sind nicht nur der Volkstribun mit Lederhose und Tirolerhut, Sie verstehen es, sich zu verkleiden. Sogar als Marathonläufer.

Letzte Woche haben Ihre Freunde vom Ku-Klux-Klan versucht, hier eine Demonstration zu organisieren, die jedoch gescheitert ist. Selbst die Polizei konnte sie nicht vor der wütenden Menge schützen. Amerika ist nicht mehr so weiss, wie Sie es gerne hätten.

Das werden Sie feststellen, falls Sie es schaffen sollten, Harlem zu durchqueren und nach der Brücke der Willis Avenue die Bronx zu erreichen. Dort werden Ihre Bodyguards Sie möglicherweise im Stich lassen, wenn Sie ihnen nicht erklären können, wie Sie dazu kommen, die Sonntagsruhe des Gettos zu stören. Ich erinnere mich an 1991, als die Organisatoren des Marathonlaufs (die jetzt sagen, sie wollten Sie nicht diskriminieren) zum ersten Mal Südafrikaner zugelassen hatten. Ein junger Zulu rannte an der Spitze, sein Alter entsprach den Jahren, die Mandela im Gefängnis verbracht hat. Dicke schwarze Mütter empfingen ihn mit Bluesgesängen und Tränen in den Augen. Sie hatten Kuchen gebacken und schrien: «Afrika ist wieder da! Vorwärts, Afrika!» Sollten sie erfahren, dass ein Rassist von Ihrer Sorte wieder da ist, wären sie fähig, Ihnen ihre Kuchen und ihre Verachtung ins Gesicht zu schleudern.

In Ihrer Marathonverkleidung werden Sie vielleicht tatsächlich den Central Park erreichen. Sie werden einige Buhrufe einstecken müssen, wenn Ihre Nummer auf dem Riesenbildschirm am Columbus Circle erscheint. Dann bleibt Ihnen noch der Zieleinlauf.

Ihre Freunde, mein Landsmann Blocher und der Franzose Le Pen, haben nicht gerade die zum Laufen geeignete Figur. Deshalb werden Sie nicht dort sein, um sich an Ihrer Seite fotografieren zu lassen.

Nehmen wir schliesslich an, Sie hätten die Stoppuhr an der Ziellinie passiert, dann bleibt noch die Dopingkontrolle. Da gibt es kein Entkommen. Ihnen dringt das Nationale aus allen Poren, Sie haben den Rassenhass im Urin: Ihr Test wird positiv ausfallen. Stellen Sie sie sich vor, diese ganze Mühe, um am Ende des Rennens disqualifiziert zu werden! Überlegen Sie es sich am Sonntag noch mal, bleiben Sie zu Hause!

Deutsch von Maria Hoffmann-Dartevelle.

Erschienen im Tages-Anzeiger vom 5. November 1999

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