![]() |
Daniel de Roulet Ein Sonntag in den Bergen Ein Bericht Aus dem Französischen von Maria Hoffmann-Dartevelle
Titel der Originalausgabe: «Un dimanche à la montagne» 2006, 128 Seiten, gebunden ISBN 3 85791 505 6
CHF 24.--; € 15.-- |
||
|
|
|
|
|
|
1975. Auf einem eingeschneiten Berg hoch über Gstaad geht in der Nacht eine Ferienresidenz in Flammen auf, die Helikopter kommen zu spät. Die Polizei lanciert eine internationale Fahndung und setzt ein Kopfgeld auf die Terroristen aus, die ihrer Meinung nach aus dem Ausland gekommen sind. Das Chalet hat dem Pressemagnaten Axel Springer gehört, die Brandstifter werden im Umfeld der Studentenbewegung vermutet. Dreißig Jahre später berichtet der unverdächtige Urheber dieses Anschlags, der Schweizer Autor Daniel de Roulet, wie er seine Straftat geplant und quasi auf einem Sonntagsausflug in die Berge ausgeführt hat. Er schildert, was sein spätes Geständnis ausgelöst hat, berichtet von Irrtümern aus der Befangenheit des Kalten Kriegs heraus und seiner Verblüffung, als er die posthume Nachricht entdeckt hat, die Springer für ihn am Tatort hinterlassen hat. Mit der Veröffentlichung löst er ein Versprechen ein, das er seiner Komplizin und damaligen großen Liebe kurz vor ihrem Tod gegeben hat. |
|||
|
|
|||
|
(…) In den verschneiten Straßen fuhren die Kutscher der Luxushotels ihre in Decken und Pelzmäntel gehüllten Fahrgäste auf Pferdeschlitten durch den Urlaubsort spazieren. Auf einer Anhöhe im Zentrum von Gstaad funkelte das Palace Hotel über alle zehn Etagen wie eine mehrstöckige Sahnetorte. Seine Türmchen und Zinnen und sogar die zu Ehren unserer ausländischen Gäste gehissten Fahnen sahen aus, als seien sie aus Zuckerguss. Wir beschlossen, zu Fuß zum Hotel zu gehen, jeder mit seinen Ski über der Schulter. Meine Freundin hatte bereits Felle unter die ihren gespannt, was das Bild, das sie von sich vermitteln wollte – junge amerikanische Touristin auf Skiurlaub in den wohlbehüteten Schweizer Alpen – ein wenig trübte. Der Rest passte besser: die unter einer Pelzmütze hervorlugenden blonden Haare, der hellrosa Lippenstift (in jenen längst vergangenen Zeiten hochmodern) und die auf die Mütze abgestimmten Fäustlinge. Wir hatten vor, uns im Hotel als Mann und Frau auszugeben, ich selbst würde mich als Arzt vorstellen, mit starkem Zürcher Akzent und einem Namen aus der Zürcher Gegend. Sie freute sich schon auf diese kleine Inszenierung und wiederholte noch einmal meine Begründung dafür: – Man muss also leben wie der Klassenfeind. Ich hatte noch nie in einem Palace Hotel übernachtet, einmal nur war ich ins Zürcher Grandhotel Dolder zu einer Hochzeit eingeladen worden. Wenn ich daran zurückdachte, musste ich jedes Mal lächeln. Ich hatte dem Portier die Schlüssel meiner Ente überlassen, damit er sie ins Parkhaus brachte. Er aber war so einen kleinen Citroën noch nie gefahren, hatte zu stark aufs Gaspedal gedrückt und einen Satz ins Rosenbeet gemacht. Dank jener Einladung wusste ich, wie man sich an einem solchen Ort benimmt. Der Gast eines Grandhotels bekundet mit jeder Geste seine Geringschätzung gegenüber all dem Luxus, der ihm auf Schritt und Tritt begegnet. Er versteht den Eindruck zu vermitteln, die hilfreichen Hände, die sich emsig um ihn bemühen, seien Luft, schlicht und einfach inexistent. Da wir kein Auto hatten, mit dem wir am roten Teppich hätten vorfahren können, nahmen wir einen verschneiten, mit Splitt bestreuten Weg. Vornehme Herrschaften kamen uns entgegen, in Wolfspelze gehüllte Männer um die Fünfzig, russische Comtessen mit Persianerkappen. Wir zwinkerten uns zu und hatten wohl beide Lampenfieber, als wir im Begriff waren, die Bühne des Theaters der Extravaganz zu betreten. Alles an diesem Märchenschloss gefiel ihr. Der Schnee auf unserem Balkon, die Lämpchen an den Zweigen der Parkbäume, die sogar tagsüber leuchteten. Sie mochte das Lächeln der Pagen, die Bücklinge des Chasseurs, die Spiegel im Aufzug, in dem sie mich küsste. Und später, in unserem Zimmer, die Bibliothek mit den Büchern, die sich nicht öffnen ließen, den Fernseher und die Waage im Badezimmer, die Schale mit exotischen Früchten, die Kerzenleuchter auf den Nachttischen, die bereit hängenden Bademäntel, ja, und natürlich die goldfarbene Zahnbürste, die sie gerne mitgenommen hätte. Aber wir waren inkognito hier abgestiegen. Den Uniformierten an der Rezeption hatte ich eine gestohlene Kreditkarte vorgelegt, von der sie einen Abzug erstellt hatten. Am nächsten Tag würde ich bar bezahlen und man würde den Kartenbeleg vor meinen Augen zerreißen. (…) |
|||
|
|
|||
| Pressestimmen | |||
|
|
|||
|
«1944
in Genf geboren, arbeitete er lange als Architekt und Informatiker. Seit
Jahren ist er Autor erfolgreicher und in Frankreich preisgekrönter Romane.
Auch der vorliegende ‹Bericht›
ist mehr als die 130-seitige Selbstbezichtigung eines Brandstifters, der
juristisch keine Folgen mehr zu befürchten hat. Das schmale Bändchen
liefert, in schöner, klarer schnörkelloser Prosa, vor allem eine poetische
Selbstvergewisserung, eine Rückschau in eigener Sache, die zwischen
Gegenwart und Vergangenheit pendelt. Es ist auch eine späte Entschuldigung,
allerdings ohne jeden Kniefall. «(…) Ich will endlich
wissen, warum er das Haus in Brand gesteckt hat. Warum? ‹Böll und Grass
haben zum Boykott der Springer Presse aufgerufen.› Ok. Deswegen ein Haus
anzünden? ‹Sprin-ger Na-zi! skandierte die Linke.› Na und? Warum? ‹Wir
wollten unser Land rein und weiss halten.› Bitte? ‹Es wird mit einem
Menschenfresser kein Gourmet-Gespräch geführt. Es war Krieg!› Ich möchte ihn
korrigieren. ‹Springer gehörte zur Kategorie Kannibalen. Den musste man
kaltstellen.› Kaltstellen im Kalten Krieg, denke ich. Sein spöttischer Blick
zeigt mir schnell, dass ich von seinem Kalten Krieg wohl nicht sehr viel
verstehe. «Dieses glänzende literarische Stück klärt auf , wie ein junger Mann eine so dumme Tat begehen konnte. (...) Das Gebirge, wo das Chalet war, heisst ‹Rodomont›. Das Wort aus dem alten Französisch bedeutet: der Angeber. De Roulet ist kein Angeber. Er schreibt für sich und für uns. Damit wir besser verstehen, wie die Suche nach dem Guten manchmal zum Bösen führen kann.» Blick «Ein kleines Buch, spannend, ironisch und von einer dichten Subtilität. Man wird es wegen seiner Enthüllungen wegen lesen. Man wird sich die Fragen diskutieren, die es aufwirft in Bezug auf die Vergangenheit der so genannten 68er. Aber man wird auch das Vergnügen einer virtuosen Erzählung schätzen.» L'Hébdo «Interesse beansprucht dieses Enthüllungsbuch aber darüber hinaus. Zwei Aspekte drängen sich vor. Der Kalte Krieg forderte damals eine unkritische Einordnung in eines der Lager links oder rechts, die für sich beide das Etikett ‹gut› beanspruchten. So wurde der Nazi-Vorwurf naiv und unbesehen ausgeteilt. Auf der anderen Seite aber konnte de Roulets Tat so erst recht unentdeckt bleiben,. Es durfte dafür nur ein bärtiger deutscher Terrorist mit Ausbildung in einem nahöstlichen Trainigslager in Frage kommen. Der Anschlag glückte somit auch, weil die Polizei das Fahndungsbild längst im Kopf hatte. Aus heutiger Sicht stellt sich nun die Frage, wie viel sich daran verändert hat, angesichts der neuen Konflikte und der neuen kulturkämpferischen Lagerbildung.» Schweizer Feuilletondienst «Eine literaturkritische
Beurteilung, für die es letztlich belanglos ist, ob die erzählte Geschichte
erfunden ist oder sich tatsächlich so ereignet hat, wird zunächst nicht
darum herumkommen, dem Bericht «Ein Sonntag in den Bergen» einige
bemerkenswerte Qualitäten zuzugestehen. So gelingt es de Roulet, den Leser
mit der sukzessive über das ganze Buch verteilten Schilderung der Hin- und
Rückreise zum Tatort und der Durchführung der Brandstiftung bis zur letzten
Seite gespannt bei der Stange zu halten. Weil er aus Tätersicht bis in alle
Details ein nahezu perfektes Verbrechen beschreibt und damit durchaus mit
den Profis des Genres Kriminalroman wetteifern kann. Und weil er die
kriminelle Exkursion von 1975 ebenso geschickt wie zwanglos mit drei
weiteren, im Jahre 2003 durchgeführten Reisen verknüpft, die das
Dargestellte aus zeitlicher Distanz und von neu gewonnenen Erkenntnissen her
kontrastieren und relativieren: einer still-besinnlichen einsamen
Tatortbesichtigung 28 Jahre danach, einem Aufenthalt in Vietnam – dem
Eldorado des Antiamerikanismus von 1975! – und einer Fahrt nach Hamburg zum
Wohnort des 18 Jahre zuvor verstorbenen Axel Springer. «Le truc important, cette semaine. Un livre magnifique est sorti. La couverture a le gris-bleu de la vieille neige quand elle fond. Daniel de Roulet y raconte d’une écriture tendue, légère, précise, qu’il y a trente ans, au-dessus de Rougemont, il a mis le feu au chalet d’Axel Springer, éditeur allemand qu’il prenait pour un ex-nazi. Il s’est trompé sur Springer. (…) Alors je suis révolté lorsque je vois des articles réduire ce livre à du terrorisme dominical, ou des collègues se demander si l’auteur est un «affabulateur» ou un «égotiste». Ils se reconnaîtront, ça ne m’empêche pas de dormir: on ne devrait pas laisser des écrivains ratés critiquer des livres réussis. Celui-là est une putain de magnifique histoire d’amour. Maintenant, posez ce journal, si ce que je dis a le moindre intérêt. Et allez chercher ce livre, ça s’appelle Un dimanche à la montagne, édité chez Buchet Chastel, 25 francs à tout casser, ce sera de l’argent bien investi dans l’émotion et la vérité des mots. Faites-en un best-seller, dites-vous que lorsqu’on fait une énorme bêtise par amour, il reste au moins l’amour.» L'Illustré, Les réflexions quotidiennes du rédacteur en chef
«Die Miene des Romanciers ist einerseits
spöttisch, andererseits distanziert. Man kennt den Typus nur zu gut:
Alt-Linke von romantischer Empfindsamkeit gegenüber globalen
Ungerechtigkeiten, die zu verändern die 68er-Generation angetreten war,
leicht verletzlich in Stolz und Überzeugung. Von de Roulet hört man endlich
wieder einmal den Namen Sartre. Nun wird beim Rückblick aus großen
Hoffnungen große Melancholie; die Zustände sind, wie sie sind:
‹Gesellschaftlich hat sich wenig verbessert!› Beim Eidgenossen rührt der
momentane Frust auch daher, dass er in den Feuilletons wegen der
sensationellen Enthüllung arg rangenommen wird.
Vielleicht, weil er auch einen so poetischen wie
illusionslosen Abgesang auf die wilden Jahre liefert. Seine Elegie handelt
von der Vergeblichkeit von Hoffnung, getragen vom wehmütig-fernen Klang des
Glücks, weil die Utopie machbar schien. Zwischen den Zeilen steht, man habe
sie zwar geliebt, die Revolution, und wie. Aber womöglich nur deshalb, weil
sie nie stattfand. Insbesondere nicht in der Schweiz, einer selbst in den
Extremen politisch gemäßigten Zone. «Dieser kurze Text lässt uns eine Epoche wieder erleben. Es ist auch eine süss-bittere Reflexion über das Vergehen der Zeit und verflogene Liebe.» Le Monde
«Die Motive de Roulets waren von zweierlei
Art. Einmal wollte er seiner Freundin zeigen, dass er ein Mann der Tat sei.
Vor allem aber hielt er Springer für einen Nazi: ‹Ich
konnte nicht ertragen, dass ein Nazi eine Art Berchtesgaden in den reinen
Schweizer Alpen besaß.› Vom peinlichen
Irrtum, dass Springer gar kein Nazi war, will er erst 2003 von einer
Berliner Psychiaterin befreit worden sein. Selbst wenn das stimmt, müsste de
Roulet heute anfangen, darüber nachzudenken, warum er über dreißig Jahre
lang mit so viel Wirrnis im Kopf herumgelaufen ist. «Depuis, il est accablé par les journalistes qui le harcèlent. J’ai entrepris la lecture de ce livre afin de vérifier si Daniel de Roulet mérite vraiment d’être traîné dans la boue en se faisant traiter de terroriste. Sans parti pris politique, n’y entendant rien. (…) Pour toutes ces raisons et mille autres qui m’entraîneraient à recopier intégralement son livre, lisez-le plutôt vous-même, je ne vois rien de scandaleux dans ce récit, rien qui puisse le faire traiter d’écrivain terroriste. Je l’ai lu avec beaucoup d’intérêt et grand plaisir..» Le Courrier de Berne «Ein fast tragikomischer Zeitroman mit erstaunlicher Selbstreflexion von einem schweizerischen Uwe Timm.» Loop «Ein beeindruckendes Buch, das Sie unbedingt lesen sollten, um ein Stück Zeitgeschichte besser verstehen zu lernen.» buchkritik.at
«Un terrorisme de jeunes gens bien élevés, que seule la paranoïa des
services secrets pouvait avoir attribué à des organisations ‹venues du froid›».
Jean-Claude Lebrun, L’Humanité, 16 mars 2006 |
|||
|
© Limmat Verlag |