| Wie
beurteilen Sie im Nachhinein die Reaktionen auf Ihr Buch – die ja intensiv
und heftig waren? Waren Sie darauf gefasst? Sie fielen je nach Land sehr
unterschiedlich aus. Die Heftigkeit in der Schweiz hat mich tatsächlich
erstaunt, ich dachte nicht, dass die Geschichte noch so stark präsent ist.
Nach dreissig Jahren! In Frankreich und Deutschland reagierte man sehr viel
gelassener und verfügt offensichtlich über die zeitliche Distanz zu den
Ereignissen. In Paris bekam ich nur positive Rezensionen – von der
kommunistischen Humanité über L’Express bis zum konservativen Figaro. Man
hält sich an das Buch und dieses für interessant. Frankreich beschäftigt
sich ja gerade mit dem Fall Batisti, und die renommiertesten Verlage sind
bereit, Bücher von ihm zu veröffentlichen – ohne dass dies für die Presse
einen Skandal darstellen würde.
In der Schweiz nahm man Ihr Geständnis sehr viel anders auf.
Die SVP forderte, dass meine Übersetzer und Verleger das Geld
zurückgeben, mit dem die Verbreitung meiner Arbeit unterstützt wurde. Und
falls das nicht geschehe, wolle man ein Gesetz erlassen, das ermögliche, die
Unterstützungsgelder zurückzubekommen, wenn man im Nachhinein entdecke, dass
jemand ein Terrorist gewesen sei.
Und in Deutschland?
Die Springer-Presse hat erstaunlich offen, tolerant und verständnisvoll
reagiert. Ich konnte mich umgehend in einem Interview in der Welt äussern.
Ich habe vom obersten Chef des Hauses einen Brief bekommen, der die Fakten
in den historischen Zusammenhang stellt. Die Einzigen, die mich in
Deutschland angriffen, waren Schweizer, die für deutsche Zeitungen
schreiben. Die Stuttgarter Zeitung ging so weit, dass sie sich ein bisschen
über die Schweiz lustig machte. Und mehrmals habe ich erlebt, dass in diesem
Zusammenhang auch wieder die alten Klischees über die hinterwäldlerische
Schweiz aufgetischt werden – was mich sehr ärgert. Bei France Culture gibt
es eine Diskussionssendung mit vier Teilnehmern. Die Meinungen sind geteilt,
es wird kontrovers debattiert – in meinem Fall haben alle das Buch gelobt.
Und sie fielen über die Schweizer Literaturkritik her, die inkompetent und
zum Verzweifeln sei. Ich bin auch der Auffassung, dass die Schweiz seit dem
Bergier-Bericht und dem Beitritt zu den Vereinten Nationen ein relativ
normales Land geworden ist. Aber bei solchen Geschichten wie meinem Buch
kommen im Ausland erneut die alten Klischees zum Tragen. Man spottet über
die eidgenössischen Moralisten.
Wie fühlen Sie sich nach dem Geständnis? Sie sagten, Sie hätten ohne
dieses Buch nicht mehr schreiben können.
Das stimmt, ich musste es schreiben. Eine andere Frage ist jene der
Veröffentlichung. Ich hatte das Versprechen dieser Frau, die ich liebte und
die gestorben ist, abgegeben. Aber ich dachte wirklich nicht, dass daraus
ein solcher Hass entstehen könnte.
Hass?
Ja, Hass. Und wie! Ich war Juror beim Filmfestival von Nyon. Es gab
Journalisten, die beim Pressebüro oder bei der Stadtverwaltung anriefen und
fragten, wie es dazu komme, dass ich in die Jury gewählt wurde – ich, der
Terrorist. Als ich Gast im Literaturclub war, hat vor der Sendung eine
Zeitung geschrieben, es sei nicht angebracht, de Roulet eine Tribüne zu
bieten. Ich empfi nde diese Reaktionen sehr stark, man will nicht, dass ich
mich zu weiteren Fragen äussere, und stellt mich als Terroristen dar, dessen
Hände mit Blut verschmiert sind. Der schlimmste Artikel war in Le Temps.
Laurent Wolf schrieb, de Roulet hat nicht getötet, aber andere haben es an
seiner Stelle getan. Gewissermassen stellvertretend.
Und wenn die Frau, für die Sie als Liebesbeweis das Chalet angezündet
haben, von Ihnen ein Attentat mit möglicherweise tödlichem Ausgang verlangt
hätte?
Wir vertraten nie die Linie, dass man Klassenfeinde eliminieren, Menschen
töten müsse. Es ging uns wirklich nur um Symbole. Gewalt gegen Menschen
lehnte ich ab. Heute ist der Terrorismus etwas ganz anderes, ich halte ihn
für den absoluten Nihilismus. André Glucksman und andere haben in
Frankreich, wo es nach der Studentenrevolte keinen direkten Terrorismus gab,
die Gefahr gespürt. In Frankreich bewirkte die Revolte Veränderungen, es
gibt eine ganz andere Tradition – und ein Verständnis für den politischen
Kampf auf der Strasse. Diese Toleranz, sagte Glucksman, habe die Extremisten
damals vor der Versuchung des Terrorismus bewahrt. In der Schweiz waren wir
zwischen den beiden Traditionen, der Verhärtung in Deutschland mit den
Berufsverboten und der panischen Angst. Der Anschlag auf das Springer-Chalet
fand ja auch an der Sprachgrenze statt.
Und zur Lancierung des Buchs ist man wieder an diesen Ort gegangen. Es
wurde, gelinde gesagt, sehr professionell vermarktet.
Niemand ist «zur Lancierung» an den Ort gegangen. Das Schweizer Fernsehen
hat ganz von sich aus entschieden, dort zu drehen. Mit einer freien
Mitarbeiterin der Basler Zeitung, die von der Sache gehört hatte, bin ich in
die Nähe gefahren für eine Reportage. Der Vorwurf ist ein bisschen
scheinheilig, schliesslich kann ein Kleinverlag nicht eine Medienkampagne
organisieren, wenn die Medien nicht wollen. Alle waren an der Geschichte –
an der «Story» – interessiert. Aber nicht am Buch. Deshalb musste man die
Sache unter Verschluss halten, bis das Buch da war. Wenn man die Story
verkauft hätte mit dem Verweis auf ein Buch, das in drei Monaten erscheinen
würde, hätte man sich beschwert, dass man meinen Bericht nicht nachlesen
kann. Bis es erschienen wäre, hätte es keiner mehr besprochen, für die
Medien wäre das Thema bereits vorbei gewesen. Was hätte man anders machen
können?
Man hätte das Buch ohne jegliches Tamtam veröffentlichen können. Und
abwarten, was passiert.
Vielleicht hätte niemand die Geschichte zur Kenntnis genommen. Das glaube
ich nicht. Der Wirbel beim Erscheinen war zu gross. Allerdings gibt es viele
Journalisten, die über das Buch schreiben, ohne es gelesen zu haben. Eine
bekannte Kritikerin rief sogar im Verlag an, um das Buch zu bestellen. Was
sie davon halte, wisse sie allerdings bereits. Woher wusste sie das, wenn
sie das Buch noch nicht hatte? Das zeigt doch: Die Story ist wichtiger als
die Literatur. Ich weiss nicht, wie man sonst hätte vorgehen sollen. Man hat
mir auch gesagt, ich hätte unter einem Pseudonym schreiben sollen. Ich habe
Bücher unter Pseudonym veröffentlicht. Und ich habe die Ereignisse längst
auch zu Literatur verarbeitet. Es gab keinen Grund, jetzt noch einmal einen
Roman darüber zu schreiben. Ich habe lange und lautstark vor dem
Bergier-Bericht Aufklärung über die Vergangenheit der Schweiz gefordert, ich
war nicht der Einzige – als dann die Wahrheit gewissermassen offi ziell
aufgedeckt wurde, war ich sehr erfreut darüber. Das ist für mich eine Verpfl
ichtung. Ich will nicht, dass in fünfzig Jahren Historiker die Jahre um 1968
aufklären müssen. Es war mir eine Pfl icht, zu meinem Tun zu stehen. Mich zu
bekennen.
Jene, die zuvor die Vergangenheit kritisiert hatten, wurden als
Nestbeschmutzer empfunden und bewirkten rein gar nichts: «Moskau einfach»
hiess es doch immer.
So war es. Man muss sich an Meienberg erinnern, der Fall ist komplex,
weiss Gott, man soll nichts verallgemeinern – aber sein Suizid hat mit den
Verhältnissen in diesem Land zu tun. Bei meinem Verlag hat man mir gesagt,
die Reaktionen auf mein Buch entsprächen genau dem Muster und den Methoden,
die bei der Kampagne gegen Meienberg zur Anwendung kamen. Man wirft mir vor,
mich mit meinen Verbrechen nun auch noch zu bereichern. Man stellt meine
literarische Qualität in Frage. Ich habe einem Journalisten gesagt, dass ich
mich seinetwegen nicht umbringen werde. Jemand, der zu meinem grossen
Erstaunen sehr intelligent über mich geschrieben hat, ist Hugo Bütler. Er
hatte ja wirklich den Ruf eines Kalten Kriegers. In seinem letzten
Leitartikel als Chefredaktor der NZZ schreibt er über den Kalten Krieg, den
Terrorismus und so weiter. Und der Abschnitt, den er über de Roulet
schreibt, ist ganz erstaunlich – ich könnte ihn unterschreiben, ich bin
völlig einverstanden. Bütler hat offensichtlich verstanden, worum es uns
damals ging.
Da drängt sich die Frage nach der verkauften Auflage auf.
Schlecht – in der Schweiz. Etwas mehr als sonst von meinen Büchern, aber
nicht zehnmal mehr. Der Pressewirbel beeinfl usst den Verkauf nur
unwesentlich. In Frankreich wurde nachgedruckt. Ich glaube, da wird das Buch
ein Erfolg, ich habe sehr viele hervorragende Besprechungen bekommen, auch
in Frauenzeitschriften wie Elle, die sich für die Liebesgeschichte
interessieren. Auch in Deutschland kommt nach der politischen Affäre die
Beschäftigung durch das Feuilleton.
Hatten Sie Kontakt mit der Frau von Springer, die heute den Konzern
leitet?
Nein, ich habe ihr einen Entschuldigungsbrief geschrieben. Der Vorstand
hat sich auf sehr noble Weise bei mir gemeldet. Man werde sich sehen.
Springer will die Geschichte nicht in den Medien strapazieren.
Und wenn Springer wirklich ein Nazi gewesen wäre?
Die 68er Generation war besessen von der Gleichsetzung der Deutschen mit
den Nazis. Bei einer Lesung im Tessin hat jemand erzählt, wie sie früher
Steine auf jeden Mercedes mit deutscher Nummer warfen. Die französischen
Studenten demonstrierten mit Slogans wie «Wir sind alle deutsche Juden», und
die anderen waren eben Nazis: «Springer-Nazi, CRSSS. » Der Springer-Biograf
Michael Jürgs, der Chef des Stern war, glaubte bis 1990, dass der Verleger
ein Nazi gewesen sein sollte. Ich habe das meinerseits etwas leichtfertig
übernommen, es zeigt auch die Naivität der Epoche. So war Die Zeit – und die
Springer-Presse – das absolute Feindbild der Studenten.
Darf man sich auf weitere Enthüllungen aus Ihrer Vergangenheit gefasst
machen?
Nein. Alles, was ich sonst in meinen Büchern erzähle, sind literarische
Aneignungen. Und ich habe auch keine Lust mehr, über mich zu schreiben. Ich
bin zum Roman zurückgekehrt. Momentan beschäftige ich mich mit den
Vierzigerjahren – in den Vereinigten Staaten.
Interview: Georges Neuvecelle |