Interview

Daniel de Roulet

Ein Sonntag in den Bergen

Kein Blut an den Händen

Ein Interview mit Daniel de Roulet: Nachdem sich der Wirbel um sein Buch ein bisschen gelegt hat, zieht der Schriftsteller Bilanz. Daniel de Roulet erklärt sein Vorgehen und reagiert auf die Vorwürfe, die ihm gemacht wurden. Aufschlussreich ist die unterschiedliche Aufnahme des Buchs im deutschen und frankophonen Kulturraum.

Von Georges Neuvecelle, erschienen im Bücherpick, Sommer 2006

Wie beurteilen Sie im Nachhinein die Reaktionen auf Ihr Buch – die ja intensiv und heftig waren? Waren Sie darauf gefasst?

Sie fielen je nach Land sehr unterschiedlich aus. Die Heftigkeit in der Schweiz hat mich tatsächlich erstaunt, ich dachte nicht, dass die Geschichte noch so stark präsent ist. Nach dreissig Jahren! In Frankreich und Deutschland reagierte man sehr viel gelassener und verfügt offensichtlich über die zeitliche Distanz zu den Ereignissen. In Paris bekam ich nur positive Rezensionen – von der kommunistischen Humanité über L’Express bis zum konservativen Figaro. Man hält sich an das Buch und dieses für interessant. Frankreich beschäftigt sich ja gerade mit dem Fall Batisti, und die renommiertesten Verlage sind bereit, Bücher von ihm zu veröffentlichen – ohne dass dies für die Presse einen Skandal darstellen würde.

In der Schweiz nahm man Ihr Geständnis sehr viel anders auf.

Die SVP forderte, dass meine Übersetzer und Verleger das Geld zurückgeben, mit dem die Verbreitung meiner Arbeit unterstützt wurde. Und falls das nicht geschehe, wolle man ein Gesetz erlassen, das ermögliche, die Unterstützungsgelder zurückzubekommen, wenn man im Nachhinein entdecke, dass jemand ein Terrorist gewesen sei.

Und in Deutschland?

Die Springer-Presse hat erstaunlich offen, tolerant und verständnisvoll reagiert. Ich konnte mich umgehend in einem Interview in der Welt äussern. Ich habe vom obersten Chef des Hauses einen Brief bekommen, der die Fakten in den historischen Zusammenhang stellt. Die Einzigen, die mich in Deutschland angriffen, waren Schweizer, die für deutsche Zeitungen schreiben. Die Stuttgarter Zeitung ging so weit, dass sie sich ein bisschen über die Schweiz lustig machte. Und mehrmals habe ich erlebt, dass in diesem Zusammenhang auch wieder die alten Klischees über die hinterwäldlerische Schweiz aufgetischt werden – was mich sehr ärgert. Bei France Culture gibt es eine Diskussionssendung mit vier Teilnehmern. Die Meinungen sind geteilt, es wird kontrovers debattiert – in meinem Fall haben alle das Buch gelobt. Und sie fielen über die Schweizer Literaturkritik her, die inkompetent und zum Verzweifeln sei. Ich bin auch der Auffassung, dass die Schweiz seit dem Bergier-Bericht und dem Beitritt zu den Vereinten Nationen ein relativ normales Land geworden ist. Aber bei solchen Geschichten wie meinem Buch kommen im Ausland erneut die alten Klischees zum Tragen. Man spottet über die eidgenössischen Moralisten.

Wie fühlen Sie sich nach dem Geständnis? Sie sagten, Sie hätten ohne dieses Buch nicht mehr schreiben können.

Das stimmt, ich musste es schreiben. Eine andere Frage ist jene der Veröffentlichung. Ich hatte das Versprechen dieser Frau, die ich liebte und die gestorben ist, abgegeben. Aber ich dachte wirklich nicht, dass daraus ein solcher Hass entstehen könnte.

Hass?

Ja, Hass. Und wie! Ich war Juror beim Filmfestival von Nyon. Es gab Journalisten, die beim Pressebüro oder bei der Stadtverwaltung anriefen und fragten, wie es dazu komme, dass ich in die Jury gewählt wurde – ich, der Terrorist. Als ich Gast im Literaturclub war, hat vor der Sendung eine Zeitung geschrieben, es sei nicht angebracht, de Roulet eine Tribüne zu bieten. Ich empfi nde diese Reaktionen sehr stark, man will nicht, dass ich mich zu weiteren Fragen äussere, und stellt mich als Terroristen dar, dessen Hände mit Blut verschmiert sind. Der schlimmste Artikel war in Le Temps. Laurent Wolf schrieb, de Roulet hat nicht getötet, aber andere haben es an seiner Stelle getan. Gewissermassen stellvertretend.

Und wenn die Frau, für die Sie als Liebesbeweis das Chalet angezündet haben, von Ihnen ein Attentat mit möglicherweise tödlichem Ausgang verlangt hätte?

Wir vertraten nie die Linie, dass man Klassenfeinde eliminieren, Menschen töten müsse. Es ging uns wirklich nur um Symbole. Gewalt gegen Menschen lehnte ich ab. Heute ist der Terrorismus etwas ganz anderes, ich halte ihn für den absoluten Nihilismus. André Glucksman und andere haben in Frankreich, wo es nach der Studentenrevolte keinen direkten Terrorismus gab, die Gefahr gespürt. In Frankreich bewirkte die Revolte Veränderungen, es gibt eine ganz andere Tradition – und ein Verständnis für den politischen Kampf auf der Strasse. Diese Toleranz, sagte Glucksman, habe die Extremisten damals vor der Versuchung des Terrorismus bewahrt. In der Schweiz waren wir zwischen den beiden Traditionen, der Verhärtung in Deutschland mit den Berufsverboten und der panischen Angst. Der Anschlag auf das Springer-Chalet fand ja auch an der Sprachgrenze statt.

Und zur Lancierung des Buchs ist man wieder an diesen Ort gegangen. Es wurde, gelinde gesagt, sehr professionell vermarktet.

Niemand ist «zur Lancierung» an den Ort gegangen. Das Schweizer Fernsehen hat ganz von sich aus entschieden, dort zu drehen. Mit einer freien Mitarbeiterin der Basler Zeitung, die von der Sache gehört hatte, bin ich in die Nähe gefahren für eine Reportage. Der Vorwurf ist ein bisschen scheinheilig, schliesslich kann ein Kleinverlag nicht eine Medienkampagne organisieren, wenn die Medien nicht wollen. Alle waren an der Geschichte – an der «Story» – interessiert. Aber nicht am Buch. Deshalb musste man die Sache unter Verschluss halten, bis das Buch da war. Wenn man die Story verkauft hätte mit dem Verweis auf ein Buch, das in drei Monaten erscheinen würde, hätte man sich beschwert, dass man meinen Bericht nicht nachlesen kann. Bis es erschienen wäre, hätte es keiner mehr besprochen, für die Medien wäre das Thema bereits vorbei gewesen. Was hätte man anders machen können?

Man hätte das Buch ohne jegliches Tamtam veröffentlichen können. Und abwarten, was passiert.

Vielleicht hätte niemand die Geschichte zur Kenntnis genommen. Das glaube ich nicht. Der Wirbel beim Erscheinen war zu gross. Allerdings gibt es viele Journalisten, die über das Buch schreiben, ohne es gelesen zu haben. Eine bekannte Kritikerin rief sogar im Verlag an, um das Buch zu bestellen. Was sie davon halte, wisse sie allerdings bereits. Woher wusste sie das, wenn sie das Buch noch nicht hatte? Das zeigt doch: Die Story ist wichtiger als die Literatur. Ich weiss nicht, wie man sonst hätte vorgehen sollen. Man hat mir auch gesagt, ich hätte unter einem Pseudonym schreiben sollen. Ich habe Bücher unter Pseudonym veröffentlicht. Und ich habe die Ereignisse längst auch zu Literatur verarbeitet. Es gab keinen Grund, jetzt noch einmal einen Roman darüber zu schreiben. Ich habe lange und lautstark vor dem Bergier-Bericht Aufklärung über die Vergangenheit der Schweiz gefordert, ich war nicht der Einzige – als dann die Wahrheit gewissermassen offi ziell aufgedeckt wurde, war ich sehr erfreut darüber. Das ist für mich eine Verpfl ichtung. Ich will nicht, dass in fünfzig Jahren Historiker die Jahre um 1968 aufklären müssen. Es war mir eine Pfl icht, zu meinem Tun zu stehen. Mich zu bekennen.

Jene, die zuvor die Vergangenheit kritisiert hatten, wurden als Nestbeschmutzer empfunden und bewirkten rein gar nichts: «Moskau einfach» hiess es doch immer.

So war es. Man muss sich an Meienberg erinnern, der Fall ist komplex, weiss Gott, man soll nichts verallgemeinern – aber sein Suizid hat mit den Verhältnissen in diesem Land zu tun. Bei meinem Verlag hat man mir gesagt, die Reaktionen auf mein Buch entsprächen genau dem Muster und den Methoden, die bei der Kampagne gegen Meienberg zur Anwendung kamen. Man wirft mir vor, mich mit meinen Verbrechen nun auch noch zu bereichern. Man stellt meine literarische Qualität in Frage. Ich habe einem Journalisten gesagt, dass ich mich seinetwegen nicht umbringen werde. Jemand, der zu meinem grossen Erstaunen sehr intelligent über mich geschrieben hat, ist Hugo Bütler. Er hatte ja wirklich den Ruf eines Kalten Kriegers. In seinem letzten Leitartikel als Chefredaktor der NZZ schreibt er über den Kalten Krieg, den Terrorismus und so weiter. Und der Abschnitt, den er über de Roulet schreibt, ist ganz erstaunlich – ich könnte ihn unterschreiben, ich bin völlig einverstanden. Bütler hat offensichtlich verstanden, worum es uns damals ging.

Da drängt sich die Frage nach der verkauften Auflage auf.

Schlecht – in der Schweiz. Etwas mehr als sonst von meinen Büchern, aber nicht zehnmal mehr. Der Pressewirbel beeinfl usst den Verkauf nur unwesentlich. In Frankreich wurde nachgedruckt. Ich glaube, da wird das Buch ein Erfolg, ich habe sehr viele hervorragende Besprechungen bekommen, auch in Frauenzeitschriften wie Elle, die sich für die Liebesgeschichte interessieren. Auch in Deutschland kommt nach der politischen Affäre die Beschäftigung durch das Feuilleton.

Hatten Sie Kontakt mit der Frau von Springer, die heute den Konzern leitet?

Nein, ich habe ihr einen Entschuldigungsbrief geschrieben. Der Vorstand hat sich auf sehr noble Weise bei mir gemeldet. Man werde sich sehen. Springer will die Geschichte nicht in den Medien strapazieren.

Und wenn Springer wirklich ein Nazi gewesen wäre?

Die 68er Generation war besessen von der Gleichsetzung der Deutschen mit den Nazis. Bei einer Lesung im Tessin hat jemand erzählt, wie sie früher Steine auf jeden Mercedes mit deutscher Nummer warfen. Die französischen Studenten demonstrierten mit Slogans wie «Wir sind alle deutsche Juden», und die anderen waren eben Nazis: «Springer-Nazi, CRSSS. » Der Springer-Biograf Michael Jürgs, der Chef des Stern war, glaubte bis 1990, dass der Verleger ein Nazi gewesen sein sollte. Ich habe das meinerseits etwas leichtfertig übernommen, es zeigt auch die Naivität der Epoche. So war Die Zeit – und die Springer-Presse – das absolute Feindbild der Studenten.

Darf man sich auf weitere Enthüllungen aus Ihrer Vergangenheit gefasst machen?

Nein. Alles, was ich sonst in meinen Büchern erzähle, sind literarische Aneignungen. Und ich habe auch keine Lust mehr, über mich zu schreiben. Ich bin zum Roman zurückgekehrt. Momentan beschäftige ich mich mit den Vierzigerjahren – in den Vereinigten Staaten.

Interview: Georges Neuvecelle

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