Daniel de Roulet

Sturz ins Blaue

Roman

Aus dem Französischen von Maria Hoffmann-Dartevelle

 

Titel der Originalausgabe: «L´homme qui tombe»
2011, 152 Seiten, gebunden
sFr. 34.–, € 28.30

ISBN 978-3-85791-638-0

 

Ein Roman aus der Blauen Serie der Simulation Humaine

 

Rd_tri.gif (202 Byte) Daniel de Roulet Rd_tri.gif (202 Byte) Zum Buch Rd_tri.gif (202 Byte) Text Rd_tri.gif (202 Byte) Stimmen

Kurze Inhaltsangabe

Georges vom Pokk ist Ingenieur, Experte für nukleare Sicherheit. Geschieden nach einer lauen Ehe, lebt er für die Arbeit und reist für seine Firma in der Welt umher. Seine Gefühle hat er im Griff wie die Mailbox, die seinen Freunden automatisch zum Geburtstag gratuliert.

Nach dem Rückflug aus Japan wird er mit anderen Passagieren am Flughafen in Quarantäne zurückgehalten. Da ist auch Tschaka, eine Tschetschenin auf der Flucht. Und plötzlich schlägt vom Pokks erst sachliche Neugier am Schicksal der Asylsuchenden in Liebe um, es kommt zu einer emotionalen Kernschmelze. Sein Sicherheitssystem bricht zusammen, er verliert die Kontrolle, beginnt sich für sie zu engagieren. Er tut Dinge, die in seinem Leben bisher nicht vorgesehen waren – aber da ist sein neues Leben auch schon zu Ende.

«Daniel de Roulet zieht alle Register des Tragikomischen und erinnert gleichzeitig daran, dass es nie zu spät ist, seinem Leben einen Sinn zu geben.»  Le Figaro

Textprobe

Meine Lieblingsträume sind die, in denen ich fliege. Mit ein paar Flügelschlägen gleite ich von einer Talflanke zur nächsten, steige mühelos in den Himmel, überfliege das Firmenhochhaus, weiche Schornsteinen und Hochspannungsleitungen aus, hänge meine Verfolger ab, schwebe durch Fensteröffnungen und durchfliege Wolken, als seien sie transparent. Bürotürme schaue ich mir in jedem Traum mehrmals an, scheue mich nicht, wie ein neugieriger Fensterputzer zu beobachten, was drinnen vor sich geht. Im Saal dösen die Passagiere, genau wie ich, dann öffnet sich Auge um Auge. Routine macht sich breit, vorbei das Aufbegehren. Die Frau mit der roten Tasche steht auf und durchmisst die zehn Meter, die uns trennen. Ihr Gang ist weder wiegend noch steif wie der eines Ingenieurs, der mit einer Akte unterm Arm und einer Strategie im Kopf den Meetingraum betritt. Zum ersten Mal fallen mir ihre hohen, eher klobigen als modisch dünnen Absätze auf. Sie hat es tatsächlich auf mich abgesehen, das sagen ihre Augen über dem maskierten Mund.

Entschuldigung, hätten Sie vielleicht ein Ladegerät?

Für Ihr Handy? Hängt vom Modell ab.

Nur für eine Stunde, wir haben im selben Flugzeug gesessen.

Ja, ich komme aus Osaka.

Auf dem Hinflug, letzten Freitag.

Ach so. Sie hatten mich bemerkt?

Ich heiße Tschaka. Und Sie?

Ich bin Herr vom Pokk, das heißt, Georges.

Mit Doppel-K, ich sehe es auf Ihrem Namensschild.

Mit dem gleichen bestimmten Schritt kehrt sie zu dem Sessel zurück, der ihr als Domizil dient. Ich beobachte sie, wie sie eine Steckdose sucht, das Ladegerät einsteckt, ihr Handy anschließt, zu telefonieren beginnt. Ihre Arme geraten in Bewegung, begleiten ihre Sätze. Dann öffnet sie ihre Reisetasche und durchwühlt sie lange. Hat sie etwas verloren?

Spricht sie mit jemandem, der sie hier rausholen soll? Erstattet sie ihren terroristischen Vorgesetzten Bericht? Leute, die telefonieren, starren einen an, ohne einen zu sehen, ganz durch den Gesprächspartner abgelenkt. Tschaka scheint mich zu mustern, während ihre Hand ferne Sätze unterstreicht. Dieser Name. Ist sie Russin? Ihr leichter Akzent ist mir aufgefallen. Bei «Ladegerät » hat sie das R gerollt. Das Rot ihres Kleides beißt sich mit dem ihrer Tasche. Aber das geht mich nichts an.

Später ertönt die Durchsage, Reisende, die dies wünschten, könnten jetzt ihre Zimmer beziehen. Sie bräuchten nur am Schalter ihren Zimmerschlüssel in Empfang zu nehmen. Da die Ladezeit für das Handy noch nicht um ist, zögere ich aufzustehen, studiere weiter schwarze Zahlen, bunte Grafiken, Quellenangaben im hinteren Teil des Ordners. Verstohlen, aber regelmäßig werfe ich einen Blick auf Tschaka.

Nach und nach leert sich der Saal. Die Reisenden gehen auf ihre Zimmer. Ich muss mich entscheiden. Tschaka steht auf, ich ebenfalls, schwer zu sagen, wer die Initiative ergriffen hat. Sie streckt mir das Ladegerät entgegen, an dem das Kabel herunterbaumelt.

Danke, Georges.

Behalten Sie es ruhig noch.

Nein. Hatten Sie meine Handschellen bemerkt?

Stoffhandschellen.

Ich hatte versucht, in Ihr Land einzureisen.

Das ist schwierig geworden.

Ich versuche es gerade wieder.

Pressestimmen

Rd_tri.gif (202 Byte) St. Galler Tagblatt, 14. September 2011
Rd_tri.gif (202 Byte) ekz Bibliotheksservice, 10. Oktober 2011 
Rd_tri.gif (202 Byte) WOZ, 3. November 2011

«Weniger das Drehbuch des Geschehens, das sich für einen Actionfilm anbieten würde, steht im Vordergrund, sondern die emotionale ‹Kernschmelze›, die Georges durchmacht. Dabei grenzt sich de Roulets Figur von aller ideologischen Vereinbarung ab.» St. Galler Tagblatt

«In geschliffener klarer und leicht ironischer Sprache verbindet Daniel de Roulet aktuelles tagespolitisches Geschehen mit einer aus der Sicht des Ich-Erzählers geschilderten intensiven Beziehungesgeschichte.» ekz Bibliotheksservice

«Mit ‹Sturz ins Blaue› setzt der Genfer Autor Daniel de Roulet die als ‹Blaue Serie› angelegte fünfteilige Reihe um den Familienclan vom Pokk fort und beweist wieder einmal sein Gespür für die wichtigen Themen der Gegenwart.» WOZ

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