Daniel de Roulet

Blaugrau

Roman 

Aus dem Französischen  von Maria Hoffmann-Dartevelle

Titel der Originalausgabe: «Gris-bleu» (Edition du Seuil 1999)

2001, 240 Seiten, gebunden
ISBN 3-85791-366-5

Die blaue Serie

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Kurze Inhaltsangabe

Blaugrau sind die Augen des jungen Mannes, der rastlos durch die Welt treibt, den Tod im Nacken. Er ist ein Retortenkind mit einem Fehler im genetischen Code, der ihn vorzeitig altern lässt: Ein moderner Odysseus, dessen Irrfahrt der verzweifelte Versuch ist, den programmierten Tod, die ultimative Heimkehr zu verhindern.

Seine beiden Brüder, wie er im Reagenzglas gezeugt, sterben innerhalb eines Jahres exakt im gleichen Alter. Sein Professor vermutet Manipulationen am Sperma, er verdächtigt eine kanadische Sekte. Der junge Tsutsui soll der Sache nachgehen. Aber er ist kein Held. In einer Mischung aus Verlorenheit und Trotz steigt er aus und begibt sich auf eine Reise, auf der Suche nach sich selbst. Aber im fernen Kanada stolpert er direkt in die Sekte, von der er nichts hören wollte. Es beginnt eine Irrfahrt über die Kontinente und durch die Verästelungen einer zwielichtigen Organisation alter Männer mit ihrem Traum vom ewigen Leben. 

«Ich widme diesen Roman allen Kindern, deren Väter in der Zeit ihres Heranwachsens abwesend waren. Sie sollen wissen, dass sich hinter der kühlen Figur des O-Blau (der ist ja ganz schön allein, hat mein Sohn zu mir gesagt) diese eine Frage verbirgt, die mir am Herzen liegt: Werden wir eines Tages fähig sein, über frischen Schnee zu laufen, ohne Spuren zu hinterlassen?» Daniel de Roulet

Der rasante Text ist der dritte Roman aus Daniel de Roulets fünfteiliger «blauer Serie». Es ist das Tagebuch eines jungen Japaners, dem Geliebten der Wolkenforscherin und Kumos unbekannter Vater aus «Blaues Wunder».

Textprobe

begib dich auf die Fahrt und suche nach deinem lange verschollenen Vater! Vielleicht kann es dir einer von den Sterblichen sagen, oder du hörst ein Gerücht ...     Odyssee, I, 280—283

 

Was soll ich von einem Typen wie mir halten?

Bei mir hat alles Standardformat, die Vergangenheit — bis achtzehn im Gymnasium —, die Gegenwart — seit einem Jahr an der Universität von Tsukuba — und sogar die Zukunft: ein Diplom in Gentechnik, eine feste Stelle, eine kleine Familie und eine Wohnung mit genügend Komfort, damit Mutter und Großmutter möglichst oft zu Besuch kommen.

Ich trage Sportschuhe aus der Fernsehsendung Gefühle live!

Meine T-Shirts sind mit hippen Sprüchen bedruckt: »Ich hab Walfische zum Fressen gern!«

Meine engen Hosen mit den fünf Taschen behalten ihre Bügelfalten, weil ich sie unter die Matratze lege.

Mutter versorgt mich nach wie vor mit Socken und Unterwäsche.

Der Friseur stutzt mir die Haare auf die Standardfrisur der Campusstudenten: ausrasierter Nacken, darüber längeres Oberhaar.

Was die Zukunft betrifft, werde ich vielleicht doch mal anders sein als meine Kollegen, etwas weniger standardisiert. Mutter jedenfalls behauptet, das Gelb meiner Haut unterscheide sich von dem der anderen, weil es mit weiß vermischt sei. Sie glaubt, dass der Inhalt des Reagenzglases, den man ihr in die Eileiter gegossen hat, nicht hundertprozentig made in Japan war. Daher meine überdurchschnittliche Größe, meine zu runden Augen und mein verfrühter Bartwuchs, der nach täglicher Rasur verlangt. Der fehlende Vater ist kein Handikap, in der Hinsicht geht es mir wie den Söhnen der Kamikazeflieger. Mutter hat ihren Vater, dessen letztes Foto mit der weißen Uniform des Marineoffiziers pietätvoll unser Wohnzimmer schmückt, nicht gekannt.

Jetzt unternehme ich einige Anstrengungen, um herauszubekommen, was ich von mir halten soll: An meinem Handheldcomputer sitzend, schreibe ich mit so wenig Gefühl wie möglich meine Tageserlebnisse auf. Die Technik ist neutral, sie speichert. So erzähle ich ihr von meiner Leidenschaft für Mützen mit großem Schirm, von meiner Liebe zu blauen Brillen und meinen Neid, wenn jemand Handschuhe aus einem neuen Material trägt.

*

Heute morgen, als ich gerade dabei bin, die Entwicklung des geklonten Gewebes von Zellen afrikanischer Frösche unterm Mikroskop zu beobachten, lässt der Assistent mich wissen, dass Herr Professor Takeda mich in seinem Büro erwartet. Jetzt gleich.

Was kann er von mir wollen? Meine Semesternoten liegen über dem Durchschnitt, meine Hausarbeiten hab ich fristgerecht abgegeben. Herr Professor Takeda hat mir sogar ein persönliches Lob auf das von der Universität ausgegebene Formular geschrieben. Ich tue mein Bestes, um mich nicht von meinen Kollegen zu unterscheiden. In meinem Zimmer im Studentenwohnheim dusche ich weder nach zweiundzwanzig Uhr noch vor sechs Uhr morgens und benutze die Handtücher nicht für meine Kulis. Ich verstopfe das Waschbecken nicht mit Kippen. Was den Genetikunterricht betrifft, halte ich Abstand von den extremistischen Sprüchen anonymer Kritiker, die die Toilettentüren und den unteren Teil der Pulte zieren. Ich verstreue auch nicht die Eier dreibeiniger Frösche in der Natur.

...

Stimmen zum Buch

  • Le Magazine littéraire Jean-Claude Renart, 6.99

  • Tages Anzeiger Christine Lötscher 16.4.99

  • Le Soir Pierre Maury 31.5.99

  • Le Monde Philippe-Jean Catinchi 25.6.99

  • France Culture Colette Fellous 7.6.99

  • France Info Philippe Vallet 27.5.99

  • France Culture Panorama Claire Pouly 27.5.99

  • Radio France Internationale Catherine Rousseau 27.6.99

  • Radio Alligre Philippe Vanini 26.5.99

  • Politis Marie-Odile Dupé 27.5.99

  • La Tribune de Genève Alain Penel 17.4.99

  • La Tribune de Genève Thierry Mertenat 17.4.99

  • Le Temps Isabelle Martin 1.5.99

  • Le Courrier Francine Collet 24.4.99.

  • L’Hebdo Michel Audétat 20.5.99

  • Espace 2 Isabelle Rüf 7.4.99

  • Radio Suisse Romande 1 Geneviève Bridel 10.4.99

  • 24 Heures Jean-Louis Kuffer 20.4.99

  • La Liberté Eliane Waeber 25.4.99

  • Le Magazine littéraire Jean-Claude Renart 6.99

  • Télévision Suisse Romande Florence Heiniger 15.4.99

  • Scène Magazine Jean-Michel Olivier 5.99

  • Tages Anzeiger Gérald Froidevaux 11.10.99

  • Le Républicain Lorrain Nickie Bardat 6.8.99

  • Tages-Anzeiger, Gérald Froidevaux, 8.10.01

Pressestimmen

«Eine Abenteuergeschichte und Analyse der Gegenwart, grell beleuchtet durch de Roulets exakte Fantasie.» Tages-Anzeiger

«Diese vergnügliche Scharade dürfte noch komplizierter werden, wenn einmal die beiden noch ausstehenden Romane vorliegen.» Neue Zürcher Zeitung

«‹Blaugrau› ist der dritte Roman, in dem de Roulet, nach ‹Die blaue Linie› und ›Blaues Wunder›, die Saga der Jahrhundertwende fortschreibt, hart am Nerv einer Zeit, die sich anscheinend mit dem Verschwinden der Realität abfindet und dennoch zunehmend die Macht über Leben und Tod ergreift. Genügt es da, sich modischer und mediengerechter Versatzstücke zu bedienen, Bilder, Slogans und Allüren zu einer Parabel zu montieren, die uns letztlich eine Antwort schuldig bleibt? Witzig, brillant und fantasievoll setzt de Roulet obskure Sekten und nicht minder obskure Wissenschaftler in Szene, aber die Irrfahrt seines Helden, unsere Irrfahrt im Roman, und wohl auch im Leben, wird schliesslich doch vom Zufall bestimmt. Sollen wir uns, verblüfft und angenehm überrascht, mit dem Happyend begnügen?

Doch vielleicht hat Tsutsuis Geliebte darauf eine Antwort. Sie, die er Frau Amati nennt, weil sie einmal sagt, sie wäre mit ihrer Amati verheiratet, ist eigentlich nicht Geigerin, sondern Nephologin, Wolkenforscherin, und die Enkelin des schwerreichen, allmächtigen Herrn vom Pokk, dem Protagonisten des vorigen Romans ‹Blaues Wunder›. In ‹Blaugrau› spielt sie die Rolle der heimlichen Organisatorin, welche die Fäden des Schicksals spannt und den ahnungslosen Protagonisten immer weiter treibt. In der Formation der Wolken, im Blau des Himmels, erkennt vielleicht sie die letzte Wahrheit, die uns der genetische Code vorläufig vorenthält.» Gérald Froidevaux, Tages-Anzeiger

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