Emil Brunner

«Bergkinder»

Aus dem Archiv eines Fotoreporters 1943/44

Mit Texten von Peter Pfrunder und Casimir Schmid
Herausgegeben von der Fotostiftung Schweiz, Winterthur

2004, 184 Seiten, Duplex, 24 × 30 cm, broschiert

ISBN 978-3-85791-473-7

 

 

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Rd_tri.gif (202 Byte) «Tausend Blicke»: Der Auswahlband

Kurze Inhaltsangabe

In den Jahren 1943/44 legte der Glarner Fotoreporter Emil Brunner eine an Umfang und dokumentarischem Wert einmalige Sammlung von fotografischen Kinderporträts aus dem Bünder Oberland an. Er hielt keine Namen fest, sondern gab jedem Negativ eine Inventarnummer und notierte sich dazu den Namen des Dorfes, in dem die Aufnahme entstand.

Die ganze Serie umfasst 1862 Nummern, die Archivschachtel mit den Negativen beschriftete er lapidar mit «Bergkinder». Die Motive Emil Brunners für diese gross angelegte fotografische Recherche liegen heute weitgehend im Dunkeln. Auch spätere Aufrufe, in denen er nach porträtierten Kindern suchte, geben keinen Aufschluss.

Nach der Publikation einer Auswahl unter dem Titel «Tausend Blicke» wird hier zum ersten Mal wird der ganze Korpus «Bergkinder» veröffentlicht. Grundlage dafür bildeten Kontaktkopien der Negative, jeweils im Dutzend auf einem Bogen angeordnet und dem ursprünglichen Inventar von Emil Brunner folgend.

Emil Brunner (1908–1995) brach immer wieder in alle Himmelsrichtungen auf – kaum eine Gegend zwischen Spitzbergen und St. Helena, von der er nicht zahlreiche Aufnahmen über Land und Leute nach Hause gebracht hätte. Im Herbst 2002 erschien das Buch «Tausend Blicke. Kinderporträts von Emil Brunner aus dem Bündner Oberland 1943/44», das in 3. Auflage vorliegt.

Textprobe

Archive sind (auch) Utopien

Peter Pfrunder

«Ich habe während des Krieges, als ich nicht mehr soviel ins Ausland reisen konnte, viele Bergtouren im Bündner Oberland zwischen Flims und dem Oberalp unternommen und dann jeweils nach den Touren die dortigen Bergkinder fotografiert.» Mit diesen Worten erklärte der Fotograf Emil Brunner (1908–1995), wie er in den Jahren 1943/44 zu den 1862 «Bergkinder»- Aufnahmen kam, die in diesem Band zum ersten Mal integral veröffentlicht werden. Brunners Erklärung lässt vieles offen: Zu welchem Zweck hat er die Bilder gemacht? Weshalb hat er immer wieder ganze Serien hergestellt, praktisch ohne die Einstellungen seiner Rolleiflex-Kamera zu verändern? Warum hat er sie so systematisch bezeichnet und geordnet – mit einem Inventar, das die porträtierten Kinder den von ihm besuchten Dörfern zuweist? Standen kommerzielle Überlegungen hinter dem Projekt? Oder war er besessen von der Idee einer vollständigen Bestandesaufnahme – wie ein Botaniker, der möglichst alle Pflänzchen einer bestimmten Gegend zu erfassen und darzustellen versucht? Aber warum hat er dann nicht ihre Namen und ihr Alter aufgeschrieben? Und weshalb hat er die Erwachsenen, mit wenigen Ausnahmen, aus seiner Bestandesaufnahme ausgeblendet?

Die Tatsache, dass wir auf diese Fragen keine sicheren Antworten haben, tut der Faszination, die von Emil Brunners «Bergkinder»-Archiv ausgeht, keinen Abbruch. Im Gegenteil: das Rätselhafte, Unbekannte, Geheimnisvolle steigert gar die Lust, in die Welt der hier versammelten Menschen einzutauchen, ihre Blicke und Gesten zu lesen und sich in ihre Biografien einzufühlen. Dabei sind es nicht nur die einzelnen Porträts, die individuellen Gesichter, die uns heute berühren und fesseln. Ein wesentlicher Teil der Faszination kommt von der schieren Masse gleichartiger Bilder, die in ihrer Geschlossenheit und Ordnung das – etwas trügerische – Gefühl vermitteln, man könne hier eine ganze Generation, die Bevölkerung eines Bergtales, einen sozialen Mikrokosmos überblicken. Archive und Dokumentationen dieser Art – es gibt in der Geschichte der Fotografie berühmtere Beispiele dafür, man denke nur an August Sanders (1876–1964) epochales Projekt «Menschen des 20. Jahrhunderts» – haben eine eigene Ästhetik, die sich erst in der Gesamtschau voll entfaltet. Die Fülle formal ähnlicher Bilder weckt die Lust, diese Bilder nebeneinander zu legen und miteinander zu vergleichen. Gerade in der Gleichförmigkeit entdeckt man Parallelen und feine Unterschiede, beginnt Reihen zu bilden und -Geschichten zu erfinden. Man erlebt das einzelne Bild immer auch als Teil eines Ganzen, als Baustein eines grossen Panoramas – jede Fotografie erhält erst im Verhältnis zu allen anderen ihre Bedeutung. Archive wie das von Emil Brunner angelegte «Bergkinder»-Archiv sind aber auch deshalb besonders attraktiv, weil sie eine Sicht auf die Gesellschaft erlauben, die im richtigen Leben gar nie möglich ist; eine Sicht, die etwas mit Macht und Über-Sicht, Kontrolle und Verfügbarkeit zu tun hat. Es ist, als würden wir aus höherer Warte gleichzeitig auf hunderte von Menschenleben und -schicksale herunterblicken. Solche Archive sind immer auch Utopien.

(…)

(Fortsetzung im Buch)

Danunder ch’jeu sun

Casimir Schmid

Daco s’interessescha el per ses antenats? Eis ei bien da saver danunder ch’ins vegn? Eis ei desperau da saver nua ch’ins vegn a vegnir?
Leo Tuor, Onna Maria Tumera

Cunquei ch’jeu sun dalla regiun nua ch’Emil Brunner ha fotografau persunas, casas e cuntradas ils onns 1943/1944 hai jeu encuretg gl’emprem cau-s-sas enconuschentas, familiaras sillas fotografias. Jeu hai mirau in maletg suenter l’auter – mo reconuschiu hai jeu pauc. Sin singulas fotografias ch’Emil Brunner ha fatg en mia vischnaunca, la Val Tujetsch, sai jeu tgi ch’in pèr paucas persunas ein. Sin fotografias ch’el ha fatg en auters vitgs, reconuschel jeu parts dalla cuntrada, e tscheu e leu sai jeu distinguer baghetgs ch’ein semanteni ed ein caracteristics per il maletg d’in cert vitg.

Las fotografias d’Emil Brunner ein buca mo portrets da persunas, ellas ein è in document visual dalla cuntrada. Sin ina seria da fotos cun affons e giuvenils reconuschel jeu davostier il prau nua che mes geniturs han baghegiau la casa paterna, quei dus decennis suenter che quellas fotos ein vegnidas fatgas. Jeu sun surstaus co la part da Sedrun nua che mia casa paterna stat oz veseva ora l’entschatta dils onns curonta. Ei deva mo la via principala senza asfalt che veva dad ina vart in mir schetg, da l’autra vart ina liunga seiv, duas, treis casas, lunsch ina ord l’autra, e lu aunc vasts praus senza baghetgs.

Quella culissa che para oz idillica ei semidada. Ella part situada egl ost da Sedrun han ins curclau ussa la gronda part dil terren cun blocs d’appartaments, chalets da vacanzas e casas d’ina famiglia. È garaschists, possessurs da firmas da construcziun ed auters che han fatschentas han baghegiau casas funcziunalas all’entschatta dil vitg. Lingias d’aulta tensiun tilan silla spunda el nord e spel Rein el sid lingias regularas tras la cuntrada. Guidem diltut ella val sesaulzan ils cuolms da material digl immens plazzal dalla Neat.

La cuntrada sto survir ozildi sco spazi da viver, object da speculaziun, zona da mistregn e d’agricultura. Ella sto denton è esser sco sin ina carta posta-la e porscher recreaziun per ils turists e garantir la mobilitad sur ils pass. Las vias plein lozza ch’ins vesa sin las fotografias d’Emil Brunner e sillas qualas ils affons ed ils carschi mavan cun calzers da guotas havessen segir stermentau las gruppas che van oz cun töffs da Harley Davidson, las caravanas da rulottas ed ils autists da dumengias. Ils carstgauns vivevan pli baul buca dallas vias e dil turissem, mobein dallas pastiras, dils praus e funs.

(…)

(Fortsetzung im Buch)

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Pressestimmen

Rd_tri.gif (202 Byte) Sonntagsblick vom 19. September 2004
Rd_tri.gif (202 Byte) La Quotidiana vom 20. September 2004
Rd_tri.gif (202 Byte) P.S. vom 16. Dezember 2004
Rd_tri.gif (202 Byte) Schule, März 2005
Rd_tri.gif (202 Byte) Rundbrief Fotografie vom 20. Juni 2006

«Der Bilderschatz, der aus den Bergen kam.

(…) Brunners Arbeit fehlt die Systematik der deutschen Foto-Grossprojekte. Eben das ist ihre Stärke: Die abgebildeten Menschen mögen zwar gemeinsam in einer bestimmten Epoche ein bestimmtes Gebiet bewohnen, sie treten aber nicht als Repräsentanten irgendwelcher Kategorien auf, sondern stehen für sich selbst. Jedes von Bunners Porträts ist allein, für sich genommen stark. Die starke Tradition des Schweizer Individualismus findet sich in diesen Kinderporträts ungebrochen wieder, und Brunners Werk wirkt nicht nur offener, sondern auch fröhlicher und moderner als die visuell verwandten Serien aus Deutschland» Sonntagsblick

«Zu Brunners Bergkindern liegt inzwischen die zweite grosse Publikation vor, erstmals präsentiert am Samstag im Museum «La Truaisch» in Sedrun. Und zwar der komplette Korpus der Serie, von den ersten Versuchen in Brunners Geburtsort Diesbach (Kanton Glarus) weiter nach Trun, Brigels, Sedrun, Rabius, Sumvitg-Cumpadials, Rueras, Segnas, Vals, Uors-Surcasti, Vrin, Lumbrein und Vella, in der Reihenfolge also, in der Brunner die Aufnahmen gemacht hat. Bild um Bild reihen sich die Fotografien als nummerierteKontaktkopien aneinander, jeweils ein Dutzend pro Seite, kommentarlos bis auf die einführenden Texte von Peter Pfrunder, Direktor der Fotostiftung Schweiz, und Casimir Schmid, aufgewachsen in Sedrun und Redaktor bei Radio Rumantsch.» Die Südostschweiz

«Emil Brunners Kinderporträts sind in ihrer photographischen Gestaltung und thematischen Konsequenz (sowohl in seinem Werk als auch) in der Schweizer Photographie einzigartig.» NZZ am Sonntag

«Emil Brunner komponierte seine Kinderporträts mit grosser Intensität und Präzison.» NZZ am Sonntag

«Emil Brunners Bilder von Bergkindern sind von einer seltenen geheimnisvollen Geheimnislosigkeit.» Basler Magazin

«Ein Bilderschatz und ein einmaliges Zeitdokument.» NZZ

«In vorbildlicher Weise aufbereitet und veröffentlicht.» Rundbrief Fotografie

«Die unprätentiösen Aufnahmen von 1943/44 lassen eine Intensität und Wärme spüren, die den Leser im Verbund mit den Kindheitserinnerungen der Dargestellten von der ersten bis zur letzten Seite gefangen hält. Der begleitende Materialband mit der gesamten Serie lässt einen selten gewährten Einblick in ein Fotografenarchiv zu und verrät so ein wenig von der Arbeitsweise des Fotografen. Die in den Sorgfältig gedruckten und gestalteten Editionen erfolgte Offenlegung des Gesamtwerks geht zum Glück nicht so weit, dass die Kinderbilder etwas von ihrer magischen Präsenz verlören.» Kasseler Forum

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