Fokus 50er Jahre

Yvan Dalain, Rob Gnant und «Die Woche»

Herausgegeben von der Fotostiftung Schweiz

2003, 264 Seiten, 178 Duplex-und 32 4-Farben-Fotos, Grossformat, Pappband
ISBN 3 85791 441 6

 

Ausgezeichnet als eines der schönsten Schweizer Bücher 2003

Rd_tri.gif (202 Byte) Erhältliche Postkarten mit Bildern aus diesem Buch

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Kurze Inhaltsangabe

Foto Rob Gnant Foto Yvan Dalain Foto Rob Gnant

Grosser Fotojournalismus der 50er Jahre

Die 50er Jahre sind ein vergessenes Jahrzehnt zwischen Weltkrieg und 68. Yvan Dalain (geb. 1927 in Avenches) und Rob Gnant (geb. 1932 in Luzern), die zu den herausragenden Schweizer Fotojournalisten der Nachkriegszeit gehören, beleuchten in ihren Bildern die Widersprüche der Zeit: Weltoffenheit neben Heimatidylle, Temporausch neben Rückständigkeit, Dolce Vita neben Arbeitermisere.

Der Band «Fokus 50er Jahre» verbindet die Wiederentdeckung der fotografischen Lebenswerke von Dalain und Gnant mit einer Würdigung der Zeitschrift «Die Woche», die einen Grossteil ihrer Reportagen publizierte. Die 1951 gegründete Illustrierte verhalf dem Fotojournalismus in der Schweiz zu einer letzten eindrucksvollen Blüte vor dem Beginn des TV-Zeitalters. Neben Dalain und Gnant bot sie auch Fotografen wie Henri Cartier-Bresson, Werner Bischof, René Groebli oder René Burri eine engagierte Plattform für einen neuen Reportagestil, vertrauend auf die Kraft der Autorenfotografie.

Textprobe

Risse im Lack

Die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts – ein scheinbar ruhiges Jahrzehnt, auf der Zeitachse eingeklemmt zwischen der Katastrophe des 2. Weltkriegs und den gesellschaftspolitischen Erschütterungen der sechziger Jahre. Aber war das wirklich eine Periode ohne bedeutende Hinterlassenschaften (abgesehen von Nierentischchen, Bikini und CapriSchnulzen)? Der Eindruck trügt. Unter der Oberfläche fanden gerade in den fünfziger Jahren tief greifende wirtschaftliche und gesellschaftliche Umwälzungen statt, die unser Leben und unseren Alltag radikal veränderten und bis heute prägen. «Konsum», «Freizeit», «Mobilität» und «Energieverbrauch» mögen hier als Stichworte genügen; sie verweisen auf einige Kernbereiche, zu denen die westlichen Industriegesellschaften damals ein grundlegend neues Verhältnis entwickelten.

Solche Umwälzungen spiegeln sich, direkt oder indirekt, auch in den Bildern, die eine Zeit hervorbringt – nicht zuletzt in der Fotografie. Sollte es sich da nicht lohnen, diese fünfziger Jahre einmal aus fotografiegeschichtlichem Blickwinkel unter die Lupe zu nehmen? Wer dies versucht, stellt allerdings zunächst einmal fest, dass unsere Kenntnisse über die Fotografie jenes Jahrzehnts – jedenfalls, was die Verhältnisse in der Schweiz betrifft – noch immer recht lückenhaft sind. Gewiss, einige Eckdaten sind bekannt und bilden nach wie vor wichtige Bezugspunkte: René Groeblis eigenwillige Publikation Magie der Schiene (1949) und parallel dazu die in Deutschland aufkeimende «subjektive fotografie» mit Ausstellungen 1951, 1954/55 und 1958; die Gründung des «Kollegiums Schweizerischer Photographen» 1951 in Zürich durch Gotthard Schuh, Paul Senn, Werner Bischof, Jakob Tuggener und Walter Läubli, zu denen später Robert Frank, René Groebli, Kurt Blum und Christian Staub stiessen; die Weltausstellung der Photographie in Luzern 1952; der Tod von Paul Senn 1953 und Werner Bischof 1954, wodurch die junge Schweizer Fotografengeneration innert kurzer Zeit zwei grosse Vorbilder verlor; die 1955 von Edward Steichen kuratierte Ausstellung The Familiy of Man, die 1958 auch in Zürich zu sehen war; das Buch Les Américains von Robert Frank (1958), dessen aufrüttelnde Bilder nicht nur in der Schweiz, sondern auch international einen vollkommen neuen Umgang mit dem Medium Fotografie ankündigten.

Aber was hinter und neben diesen Wegmarken liegt, wurde bis heute weder zusammenhängend gesichtet noch systematisch erforscht. So verlangte das von der Fotostiftung Schweiz vor ein paar Jahren gestartete Projekt «Fotografie der fünfziger Jahre» entweder nach einer breiten Auslegeordnung oder nach einer Tiefenbohrung, die, an der richtigen Stelle durchgeführt, offen legen würde, in welche Richtung man weiterforschen sollte. Wir entschieden uns für den letzteren Weg. Dies umso mehr, als die Fotostiftung Schweiz – durch Zufall und fast gleichzeitig – die Archive von Yvan Dalain und Rob Gnant sowie einen kompletten Satz der illustrierten Zeitschrift Die Woche in ihre Sammlung aufnehmen durfte. Zumindest für einen zentralen Bereich der fotografischen fünfziger Jahre, nämlich den Fotojournalismus, ergab sich daraus fast von selbst ein aufschlussreiches Koordinatensystem. Denn einerseits war die 1951 gegründete Zeitschrift Die Woche eine der interessan testen schweizerischen Publikationsorte für Autorenfotografie, eine Plattform, die – ähnlich wie die Zürcher Illustrierte in den dreissiger Jahren – die klassische Fotoreportage noch einmal zur Blüte brachte; anderseits gehörten Yvan Dalain und Rob Gnant in den fünfziger Jahren zu den herausragenden und fleissigsten Mitarbeitern der Woche. Bezeichnend für die Lückenhaftigkeit unserer Kenntnisse ist dabei der Umstand, dass beide Werke praktisch neu entdeckt und in aufwändiger Kleinarbeit geordnet, erschlossen und inventarisiert werden mussten. Dies war nur dank aktiver Mitarbeit von Yvan Dalain und Rob Gnant möglich. Im Fall von Yvan Dalain wurden überdies mit Unterstützung von Memoriav umfangreiche Restaurierungen durchgeführt, um sein Werk vor dem Zerfall zu bewahren.

Dass Yvan Dalain und Rob Gnant erst heute wieder als wichtige Figuren der Schweizer Fotografie gewürdigt werden, hängt aber auch mit den äusseren Rahmenbedingungen zusammen, unter denen sie Bilder produzierten. Die Beschleunigung der Informationsverbreitung, die zunehmende Konkurrenz im Zeitschriftensektor sowie das Aufkommen neuer Medien und Bildagenturen haben den Fotojournalismus der fünfziger und sechziger Jahre stark geprägt. Vor allem die anspruchsvolleren Fotografinnen und Fotografen litten zunehmend unter der materiellen Geringschätzung ihrer Arbeit und den Zwängen eines Bildermarktes, der ihnen immer weniger Spielraum liess. So ist es auch kein Zufall, dass sowohl Dalain als auch Gnant um 1970 ihrem Metier praktisch den Rücken kehrten und den Schwerpunkt ihrer Aktivitäten auf den Film verlagerten – wie übrigens viele andere Fotografinnen und Fotografen ihrer Generation auch. Kein Wunder, dass ihre Namen heute zum Teil kaum mehr bekannt und ihre Werke in Vergessenheit geraten sind.

Dabei ist leicht zu erkennen, dass die hier erstmals im Überblick veröffentlichten Fotografien von Yvan Dalain und Rob Gnant hohe ästhetische und dokumentarische Qualitäten aufweisen. Beide haben sie einen eigenständigen und wichtigen Beitrag zum fotografischen Schaffen in der Schweiz nach 1945 geleistet: Gnant als engagierter Reporter auf der Schattenseite des Wirtschaftswunders, Dalain als poetischer Beobachter sozialer und individueller Rollenspiele. Scharfsichtig und kritisch erkannten sie die Risse im Lack, humorvoll und sarkastisch beleuchteten sie die Widersprüche der Zeit: Weltoffenheit neben Heimatidylle, Temporausch neben Rückständigkeit, Dolce Vita neben Arbeitermisere. Die volle Bedeutung ihrer Werke erfasst man aber erst in der Rekonstruktion des medialen Kontextes, in dem sie entstanden sind und publiziert wurden. So nimmt denn die Geschichte der Woche in diesem Band einen prominenten Platz ein. Sie ruft in Erinnerung, dass die in den Bildteilen präsentierten Fotografien gemacht wurden, um – in gedruckter Form – das Publikum rasch zu informieren und visuell zu verführen: FernSehen vor dem Fernsehen. Vor diesem Hintergrund ist auch der dynamische, oftmals filmisch wirkende Reportagestil zu verstehen, mit dem sich beide Fotografen profilierten. Weder Dalain noch Gnant produzierten Bilder für die weisse Museumswand. Dass diese dennoch im musealen Raum und im Buch, unabhängig von einem begleitenden Reportagetext, bestehen können, spricht wiederum für ihre Qualität.

«Fotografie der fünfziger Jahre»: Dies hier ist ein Anfang – Fortsetzung folgt.

Peter Pfrunder, Fotostiftung Schweiz

 
 
«Es ist 14 Uhr. Die Schiffssirene heult. Hunderte von Taschentüchern an Bord winken hunderten an Land. Die ‹Anna C.› entfernt sich langsam. 700 Passagiere weinen. Aber morgen schon wird die Hoffnung stärker sein als die Trauer. Die Hoffnung? 700 Hoffnungen.» (Die Woche 21, 1955)

Foto Yvan Dalain

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Pressestimmen / Rezensionen

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Neue Zürcher Zeitung vom 2. Dezember 2003
Rd_tri.gif (202 Byte) Der Landbote vom 31. Dezember 2003
Rd_tri.gif (202 Byte) Le temps vom 17. Januar 2004
Rd_tri.gif (202 Byte) Der Bund vom 13. März 2004
Rd_tri.gif (202 Byte) Rundbrief Fotografie, März 2005

 

Stimmen

«Fokus fünfziger Jahre (…) beleuchtet dreierlei: Schweizer Sozialgeschichte, Mediengeschichte und
Fotogeschichte. Dabei beweisen Gnants und Dalains Bilder, obwohl nicht für Museumswände geschaffen, (auch) in diesem Kontext ihre dokumentarische und ästhetische Qualität. «Notre mission: la vie!», verlangt Dalain von sich. Er glaubt an die moralische und pädagogische Kraft der Fotografie und war fasziniert von fremden Kulturen - die ideale Voraussetzung für den Beruf des Fotoreporters. Er ist der emotionale Geschichtenerzähler, ob er, 1955, Ströme italienischer Auswanderer in Genua porträtiert («Das Schiff der 700 Hoffnungen»), die «entfesselten Fluten im Wallis und im Jura» oder am Rand der Genfer Konferenz der Leibgarde von Eisenhower ein Schnippchen schlägt. Rob Gnants Sympathie gilt den Verlierern. Für die «Woche» entstehen vor allem Sozial- und Alltagsreportagen, er ist der erste Fotograf in der Schweiz, der von dieser Arbeit leben kann. Seine Bestimmung aber liegt
im Film, wo er als Kameramann Ausgezeichnetes in verschiedener Hinsicht leistet. Im Seminarraum des Fotozentrums sind (auszugsweise) zwei Werke zu sehen, die Gnant mit Alexander J. Seiler realisiert hat: «In wechselnden Gefällen», der 35-mm-Farbfilm, der 1963 in Cannes prämiert wurde, und «Siamo Italiani», der wichtige Dokumentarfilm von 1964 über die Menschen in der Schweiz, die man Fremdarbeiter schimpfte.

Sozialgeschichte, Mediengeschichte, Fotogeschichte - und als Nebenprodukt eine Publikation, die der Bewusstseinsbildung in Bezug auf ein missachtetes Kapitel Schweizer Fotografie entscheiden hilft: die Publikation Fokus 50er Jahre›, Robert & Durrer, Zürich, haben ein klar und klassisch gestaltetes Stück Wiedergutmachung geleistet, ein wichtiges Wegstück in der Aufarbeitung schweizerischer Fotografie.» Neue Zürcher Zeitung

«‹Fokus der 50er Jahre› ist ein unkompliziertes, attraktives Buch, das dem Leser das fotografische Schaffen und, ansatzweise, die dahinter stehende Weltsicht zweier Reportagefotografen im Überblick vorstellt.» Der Landbote

«Das Buch macht deutlich, dass guter Journalismus Dokumentation des Zeitgeschehens und damit auch Geschichtsschreibung ist.» Klartext

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