![]() |
Il lungo addio — Der lange Abschied Una storia fotografica sull’emigrazione italiana in Svizzera dopo la guerra — 138 Fotografien zur italienischen Emigration in die Schweiz nach 1945 Herausgegeben von Dieter Bachmann Zweisprachig Italienisch und Deutsch 2003, 208 Seiten, Pappband, Grossformat, 138 Duplex-Fotografien ISBN 3 85791 420 3
Ausstellung: Roma: 15. Mai bis 11. Juli 2003
|
||||
|
|
|
|
|
||
|
Die Italiener in der Schweiz 50 Jahre Migrationsgeschichte in Fotografien Es waren Hunderttausende, sie kamen tief aus dem Süden, aus Sizilien, Apulien, der Basilicata und Kalabrien, sie kamen aus dem Zentrum der italienischen Halbinsel und viele aus dem Friaul und dem Veneto. Sie suchten nach 1945 Arbeit und Einkommen in der Schweiz und sahen sich konfrontiert mit Entbehrung und Ablehnung. Die Italiener haben das Land ihrer Emigration gebaut, verändert und bereichert, durch Arbeit, aber auch durch Kultur, zuallererst und am unmittelbarsten sicht- und schmeckbar durch ihre Küche. Gastronomisch funktionierte eine Nachbarschaft, die auf anderen Gebieten – Niederlassung, Schulwesen, Integration – auf beiden Seiten schwierig war und ist. Das Buch ‹Il lungo addio – Der lange Abschied›, das die Ausstellung, die in den Räumen des Istituto Svizzero di Roma Mitte Mai 2003 eröffnet wurde, begleitet und ergänzt, lässt diese Geschichte, die gänzlich in Vergessenheit zu sinken droht, wieder aufleben. «Was wir hier vorschlagen, ist eine historische Rückblende im Medium der Fotografie. Das Bedürfnis nach ihr ist entstanden aus Motiven wie Neugier, Scham, dem Wunsch, auf diese Weise zu danken. Unsere Voraussetzung ist ein fast unbegrenztes Vertrauen in die Zeugnisfähigkeit von Fotografie.» F otografien vonTano d’Amico
|
|||||
(...) Zwanglos ergab sich aus dem gesammelten Material – es waren schliesslich etwa 500 Fotos gezielt zusammengetragen worden – erst einmal die Begegnung zwischen italienischen und schweizerischen Fotografen. Schon dabei ist manche Wiederentdeckung zu machen. Ebenso zwanglos, aus dem Material abgeleitet, ergab sich die «Erzählung» der Fotofolge. Die Vorbedingungen der Emigration, wirtschaftliche, politische, kulturelle; die Abreise, die Reise – ein Leitmotiv wie die verschnürten Koffer. Grenzübertritt, Ankunft, Fühlungnahme. Die Arbeitsplätze, die Unterkunft, die Arbeit. Wohngegenden, Freizeit, Feiertage und Feste. Frauen und Männer. Zum Beispiel die Baugrube, in der diese gelandet waren: sie, die schaufeln, die Schweizer, die zuschauen. Viele Sehnsüchte, öfter das Heimweh. Und manchmal der Versuch, zurückzukehren. Dass auch diese Geschichte, die zu Ende ist, nicht zu Ende ist, zeigen die letzten Fotos unserer Reise mit den Bildern. Jede Fotografie sollte eine Geschichte erzählen. Manchmal ergaben sich Paare, kleine Gruppen; dann Kapitel. Insgesamt bilden die Fotos nun einen Kreis – nein, einen Zyklus, eine Art Raumkrümmung, bei der der Anfang beinahe auf das Ende trifft: schliesslich kommt keiner mehr dort an, von wo er einmal aufgebrochen ist. Es ist eine Geschichte, die sich zur späteren nostalgischen Verklärung eignet. Spiel mir die Musik von damals nach …! «Addio Lugano», «Bella Ciao»; es gibt die schwermütigen Lieder der Emigration – freilich auch das wütende Mattmark-Lied –, und es gibt die Erinnerungsfotos, die mit dem Büttenrand und dem Emigranten in der Bildmitte, der aus einer Schweizer Landschaft in die Kamera der Frau oder des Kollegen lacht – nun haben auch sie ein Auto, sie sind Skifahrer geworden, sie fahren zum Vergnügen Dampfer auf einem Schweizer See. Es war ja nicht nur erzwungene Abwendung, Arbeit und Elend, Ausbeutung und Aussonderung. Einer, der jahrelang im fremden Land arbeitet, schlägt Wurzeln, übernimmt Fremdes ins Eigene, passt sich an. Wie umgekehrt die sogenannten Gastgeber sich an die Italiener gewöhnen; sie haben bald andere Fremde, andere Sorgen. Es wäre leicht gewesen, diese Art von Erinnerung wiederaufleben zu lassen. Gruppenfotos italienischer Arbeiter gibt es, vor allem von den frühen Baustellen, zuhauf; wir haben, als sei’s ein Zitat, jenes eine der umbrischen Arbeiter gewählt, die auf der Verzasca-Baustelle samt Bierflaschen in die Kamera lachen, und wer genau hinschaut sieht, wie einer dem andern den Esel macht. Aber im Ganzen herrscht in unserer Auswahl gewiss eine Art Nüchternheit, die Nüchternheit des Alltags, der bewältigt und manchmal durchlitten werden will. Wenn es Nostalgie gibt, ist es die der Trauer der Trennung, des Abschieds, und statt nach Verklärung suchten wir nach Aufklärung, nach Elementen einer gemeinsamen Geschichte. Sie waren überall, sagten wir, und doch nirgends. Hier sind sie noch einmal. Nicht da und nicht dort. Nicht mehr dort, nie ganz da. Weggefahren und nicht angekommen. Zurück gefahren, und nicht nach Hause gekommen. Überall da und nicht da. Aber da. (...) Dal materiale raccolto – in fondo sono state selezionate circa cinquecento foto – è risultato spontaneo prima di tutto un incontro tra fotografi italiani e svizzeri. Già qui sono da fare alcune riscoperte. Altrettanto spontaneamente, per derivazione dal materiale, è emerso il «racconto» della serie fotografica. Le premesse dell’emigrazione, economiche, politiche, culturali; la partenza, il viaggio con il suo «Leitmotiv» delle valigie coi legacci. Il passaggio del confine, l’arrivo, la presa di contatto. L’ambiente di lavoro, l’abitazione, il lavoro. Il territorio dove si vive, il tempo libero, i giorni domenicali e le feste. Le donne e gli uomini. Per esempio lo scavo in cui questi ultimi sono approdati: loro che spalano, gli svizzeri che osservano. Molte malinconie, più spesso la nostalgia di casa. E a volte il tentativo di ritornare. E anche che questa storia finita non è finita ci mostrano le ultime foto del nostro viaggio per immagini. Ogni fotografia doveva narrare una storia. Talora si presentavano coppie, gruppetti; poi il capitolo. Nell’insieme le foto formano un unico cerchio – no, un ciclo, una sorta di curvatura dello spazio dove il principio quasi incontra la fine: in fin dei conti nessuno torna più nel posto da dove una volta se n’è andato. È una storia che si presta a trasfigurazioni nostalgiche a posteriori. Mi risuona all’orecchio la musica d’allora …! «Addio Lugano», «Bella ciao»; ci sono le canzoni malinconiche dell’emigrazione – però anche l’adirata canzone di Mattmark – e ci sono le foto ricordo con il margine di carta a mano e l’emigrante nel mezzo che sullo sfondo di un paesaggio elvetico guarda nella macchina fotografica della donna o del compagno e ride – adesso anche loro hanno un’automobile, sono diventati sciatori, sono in gita sul vaporetto dei divertimenti in un lago svizzero. Non furono però solo lontananza coatta, lavoro e miseria, sfruttamento e emarginazione. Uno che per anni lavora in un paese straniero, mette radici, assorbe e fa diventare sue le cose estranee, si adatta. Come, all’opposto, i cosiddetti ospitanti si abituano agli italiani; presto si procurano altri stranieri, altri assilli. Sarebbe stato facile lasciar ravvivare questo genere di ricordi. Foto di gruppo di operai italiani, soprattutto dei primi cantieri, ce ne sono a mucchi; noi abbiamo scelto, come fosse una citazione, quella degli operai umbri con le bottiglie di birra che nel cantiere di Verzasca ridono all’obiettivo e chi osservi bene vede come si facciano scherzi e sberleffi l’uno con l’altro. Ma nel complesso, certo, nella nostra scelta predomina una sorta di austerità, l’austerità del quotidiano che vuol essere addomesticato e qualche volta anche sofferto. Quando c’è nostalgia, è quella triste della separazione, dell’addio, e più che trasfigurarla noi vi abbiamo cercato gli elementi di una storia comune. Erano dappertutto, abbiamo detto, e però in nessun posto. Di nuovo sono qui. Né qui né là. Non là, mai del tutto qui. Gente che partiva e non arrivava. Che tornava indietro e non giungeva a casa. Erano dappertutto e non c’erano. Ma eccoli, qui. Dieter Bachmann |
|||||
|
Bilder zum vergrössern anklicken. (Zurück mit dem Back-Button des Browsers.) Die Bilder sind urheberrechtlich geschützt: Keine Verwendung irgendwelcher Art ohne Genehmigung des Verlags und der jeweiligen Rechteinhaber. |
|||||
|
|
|||||
|
«Oggi il titolo Il lungo addio - Der lange Abschied suona come un omaggio a quegli italiani che a lungo furono male accolti ma che hanno contribuito fortemente alla crescita della Svizzera.» La Repubblica, 12.05.2003 «Heute klingt der Titel Il lungo addio - Der lange Abschied wie eine Hommage an diejenigen Italiener, die lange Zeit unfreundlich empfangen wurden, die aber wesentlich zum Wachstum der Schweiz beigetragen haben.» «Grazie Italia! E raro che una nazione con una forte presenza di immigrati ringrazi il Paese da cui, quegli immigrati, sono partiti. Lo fa ora la Svizzera con una mostra fotografica di notevole interesse storico organizzata dall’Istituto Svizzero di Roma.» I Viaggi di Repubblica, 15.05.2003 «Danke Italien! Es kommt nicht oft vor, dass sich eine Nation mit einer grossen Anzahl Immigranten, beim Land bedankt, aus dem diese Immigranten losgefahren sind. Jetzt tut es die Schweiz mit einer auch historisch interessanten Foto Ausstellung, die das Istituto Svizzero di Roma organisiert hat.» «I curatori della mostra riconoscono che la ricchezza della Svizzera non sarebbe stata possibile senza i lavoratori italiani.» Corriere della Sera, 13.05.2003 «Die Ausstellungkuratoren bekennen, dass der Reichtum der Schweiz ohne die italienischen Arbeiter nicht möglich gewesen wäre.» «E poi i primi piani di facce che gli italiani di oggi non hanno più e che invece sono molto simili a quelle degli extracomunitari che arrivano a cercare lavoro nel nostro paese.» Corriere della Sera, 13.05.2003 «Und dann die Nahaufnahmen der Gesichter, die die Italiener von heute nicht mehr haben, die aber den Gesichtern jener Leute aus den Nicht EU Staaten sehr ähnlich sind, die in unser Land kommen um Arbeit zu suchen.» |
|||||
|
Rezensionen |
|||||
|
Neue Zürcher Zeitung vom 27. Februar 2004 «(…) Dass die Exposition dieses, wie man meinen könnte, hinlänglich vertrauten Themas zu fesseln und mitunter zu überraschen vermag, ist dem Anspruch zu verdanken, nur Bilder von hoher künstlerischer Qualität auszuwählen, die überdies je eine Geschichte erzählen. So steht man denn vor der Aufnahme von Giancolombo, der mit dem Blick auf eine Dorfstrasse im ariden Sizilien jene zeigt, die 1962 noch geblieben sind: Frauen, Alte, Kinder. Und man bekommt dank Rob Gnant eine Ahnung davon, wie sich in Zürich Aussersihl 1961 das Leben zwischen den Häusern gestaltete: Dass sich der öffentliche kaum zur sozialen und kommunikativen Nutzung anbietet, wussten die Zuwanderer lange vor den Zürchern. (…) Obwohl etwa die Bilder von den Wohnbaracken der sechziger Jahre die Kälte der Aufnahmegesellschaft und Segregation statt Integration signalisieren, ist die Erzählung der italienischen Einwanderer aufs Ganze gesehen eine Erfolgsgeschichte. Die Ausstellung schliesst denn auch mit vier bei Christian Känzig eigens in Auftrag gegebenen Farbbildern von Heimkehrern, die nach einem Arbeitsleben in der Schweiz ihre komfortablen Häuser in Kalabrien tatsächlich bezogen haben. Dass nicht alle diesen Traum realisieren und auch ein Altwerden in der Emigration gelingen kann, zeigen die unter dem Titel «Si pensava di restare poco» von Francesca Cangemi und Daniel von Aarburg gefilmten Interviews mit Italienerinnen und Italienern im Pensionsalter, die in der Ausstellung ausschnittweise gezeigt werden und am 21. März im Kino Riffraff zu sehen sind. Daran, dass die Migrationsgeschichte nie abgeschlossen ist, erinnert das Bild von algerischen Flüchtlingen in einer Notunterkunft im Bahnhof Mailand, jener Stazione Centrale, die einst Sammelstelle für italienische Auswanderer war.» |
|||||
|
Was den Werksfotografen interessiert, ist die Arbeit in der Fabrik, nicht der Arbeiter, und darum ist dies ein sachlich-distanziertes Bild und keines, das man hier zeigen müsste. Und doch ist es vielleicht das wahrste der ganzen Geschichte. An einem schweren Werktisch dieser ältere Italiener, nicht gerade gross gewachsen, Hemd, Krawatte, darüber straff der Arbeitskittel; Stirnglatze und sauber gekämmtes Haar. Falten liegen auf der hohen Stirn, und unter den schweren Augendeckeln tritt ein beflissener, aber irgendwie trübseliger Blick hervor und versenkt sich prüfend in ein ringförmiges Metallstück auf dem Werktisch. Daneben stapelweise gleiche Teile. «Fremdarbeiter in der Qualitätskontrolle» ein Werksfoto der SLM von 1952, der Schweizerischen Lokomotiv- und Maschinenfabrik in Winterthur. Und darum ist dieses Bild vielleicht das wahrste: weil es so gar nichts zu tun hat mit Italianità, dafür so viel mit Schweizer Qualität. Die SLM produzierte in jenen Jahren moderne Lokomotiven für die Gotthardlinie, geschmückt mit Schweizer Kreuzen und Kantonswappen, getauft an Volksfesten mit den Reden von Regierungsräten, gezeigt auf der Weltausstellung 1958 als Europas stärkste Lok. Die Arbeit den Italienern, der Stolz den Schweizern. (…) Aufbruch, Arbeit, Alltag, schliesslich Rückkehr, sobald ihre Arbeitskraft nicht mehr gebraucht war eine nüchterne Geschichte in 138 Bildern von 41 Fotografen, schweizerischen und italienischen, darunter Namen wie Werner Bischof oder Jakob Tuggener. Der Band erscheint zur gleichnamigen Ausstellung im Istituto Svizzero in Rom, das Bachmann, der frühere Chefredaktor des «du», leitet. Klassisch-engagierte Reportagefotografie prägt seine Auswahl, und doch bleibt sie disparat in Bildsprache und Erzählweise. Das macht ihre Vielfalt aus, lässt sie aber manchmal auseinander fallen. Etwas gibt es nicht im Bild: den Umgang der Schweiz mit den Gastarbeitern aus Italien, die in Wirklichkeit Fremdarbeiter waren. Das Saisonnierstatut machte sie zu «beliebig manipulierbarer Menschenware», so Bachmann. Er erwähnt auch die Ungleichheit beim Lohn, die Spitzelei der Bundespolizei oder die Initiativen gegen die «Überfremdung». Und so fragt man sich, wie es zum Beispiel Saverio Serafino erging, damals, als er feierabends vor seinem Bett das Basler Spalentor nachbaute, gut einen Meter hoch, aus Kieselsteinen und Zement und wohl auch viel Heimweh. Kurt Wyss hat ihn 1960 fotografiert, als seine Frau und seine zwei Kinder zu Besuch waren. Abschied und Mahnung 1973 lebten hier 570'000 Italiener. Das war der Scheitelpunkt, dann wechselte die Migration die Richtung; Rückkehr in die Heimat oder aber Niederlassung in der Schweiz. Spuren hat die Zeit des Exils kaum hinterlassen. Und heute, da die Pizzeria zur Grundversorgung in diesem Land gehört, ja das Italienische an sich zur Schweizer Nationalkultur heute verschwindet diese Geschichte im Dunkel der Vergangenheit. «Il lungo addio» ist ein Rückblick, ein Abschied ohne Nostalgie, aber auch eine Mahnung. Das allerletzte Bild: Emigranten von heute, eine Mutter und ihr Kind, registriert von zwei Soldaten in einer unterirdischen Flüchtlingsunterkunft. Daniel di Falco |
|||||
|
© Limmat Verlag |