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Urs Bircher Vom langsamen Wachsen eines Zorns Max Frisch 19111955 Unter Mitarbeit von Kathrin Straub 1997, 288 Seiten, zahlreiche Fotos, Pappband ISBN 3-85791-286-3 vergriffen |
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Eine Biographie über Max Frisch? Wie Dichtung und Wahrheit bestimmen bei diesem Autor? Wie die «Dorfschnüffelattitüde» (Frisch) vermeiden? Während vieler Gespräche mit Max Frisch hat Urs Bircher einen spannenden Ansatz gefunden: Max Frisch hat jede Lebensentscheidung, die ihm bevorstand, literarisch durchgespielt, um danach den gefundenen Weg einzuschlagen. So lag es nahe, Frischs Werk als ein einziges, großes Tagebuch zu lesen. Allerdings interessierten Bircher nicht Schlüsseltexte, sondern der künstlerische und intellektuelle Werdegang eines Menschen, der immer wieder in besonderem Maß sich selber befragt hat. Zum Vorschein gekommen ist ein Zeuge dieses Jahrhunderts, der, indem er sich zum Gegenstand von Literatur gemacht hat, dieses in seiner Entwicklung repräsentiert. Zum Vorschein kommen auch die heute relativ wenig bekannten frühen Jahre von Max Frisch, nicht zuletzt dank neu erschlossener Quellen. Jahrgang 1911, beginnt Frisch künstlerisch da, wo die Avantgarde aufhört: im konservativen Antimodernismus. Mit seinem Schreiben und Denken ist er ein Kind desjenigen Geistes, der die Experimente der klassischen Moderne zum Abbruch gebracht hat. Nicht Asphalt beschäftigt ihn, sondern die «Erdfremdheit» des «überfeinerten» und «vergeistelten» Stadtmenschen. Seine frühe Poetik verbietet ihm die Verbindung von Kunst und Politik, während seine frühen Werke (erst recht) bürgerlich-konservative Ideologie der dreissiger Jahre wiederspiegeln. Aber im Gegensatz zur Mehrheit dieser bürgerlichen Elite in die er auch einheiratet beginnt Max Frisch sich während des Zweiten Weltkrieges aus dem national-konservativen Denken zu befreien und wird damit früh zu einem beispielhaften Intellektuellen für die später (wieder) anbrechende Liberalisierung der europäischen Gesellschaften. In einer packenden Darstellung zeigt Bircher, wie Frisch zu dem Frisch wurde, als der er berühmt geworden ist.
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»Vom langsamen Wachsen
eines Zorns« Am 4. April 1991, einen guten Monat vor seinem achtzigsten Geburtstag, starb Max Frisch. Er hatte den Ablauf der Totenfeier in der Kirche St. Peter in Zürich bis ins Detail geregelt. Kein Vertreter der »Religion« und keiner der »Macht« sollte das Wort ergreifen. Freunde sprachen Abschiedsworte. Da Frisch weder an ein Weiterleben der Seele noch an die Auferstehung glaubte, da ihm auch der Gedanke an eine Gedenkstätte zuwider war, ordnete er an, seine Leiche zu verbrennen und die Asche der Luft und der Erde zu übergeben. Wenige Monate zuvor war Dürrenmatt gestorben mit Max Frischs Tod ging eine Epoche der Schweizer Literatur zu Ende. Die Nachrufe waren zahlreich und kontrovers. Doch bald schon wurde es still um Frisch. Die Taschenbuchausgabe seiner Gesammelten Werke verschwand aus dem Handel, seine politischen Mahnungen gerieten in Vergessenheit. Max Frisch ein Unzeitgemäßer? Als Dramaturg der Uraufführung von Frischs letztem Theaterstück Jonas und sein Veteran am 19. Oktober 1989 am Schauspielhaus Zürich und am Théâtre Vidy, Lausanne (Regie Benno Besson), führte ich ab Sommer 1989 zahlreiche Gespräche mit Max Frisch: Gespräche über das Stück und seine Themen, das heißt über den moralischen Zustand der Schweiz, über Sinn und Unsinn ihrer Armee, über die Zukunft des Landes. Diese Gespräche fanden eine zwanglose Fortsetzung bis wenige Tage vor seinem Tod. Vom Sterben sprach er selten, obschon er wußte, daß es kurz bevorstand. Und wenn, dann nur in Randbemerkungen: »Man bekommt ein ganz anderes Verhältnis zur Zeit«, oder: »Ich warte jeden Tag auf die Schmerzen, dann kommt das Morphium und dann « Statt des Wortes die italienische Geste für va via. Aber auch gallenbittere Sätze haften in der Erinnerung: »Heute ist dieses Land zum Davonlaufen. Ich möchte eine Million abheben und verschwinden. Es liegt nicht an der Million, aber ich kann nicht mehr laufen.«1 Im Mai 1990 schenkte Frisch mir sein Buch Schweiz als Heimat mit der Widmung: »Vom langsamen Wachsen eines Zorns«. Als ich mich bedankte, ergänzte er: »Der Zorn ist schon fast ein Haß geworden.« Als Achim Benning als neuer Schauspielhausdirektor im Sommer 1989 von Wien nach Zürich kam, war es für ihn selbstverständlich, Frischs Jonas und sein Veteran auf den Spielplan zu setzen. Ein neues Stück mit einem aktuellen Thema, geschrieben von einem weltberühmten Schweizer Autor mit einer besonderen Beziehung zum Schauspielhaus, inszeniert von einem der größten Schweizer Regisseure solche Sternstunden sind am Theater selten. Benning war daher vom Widerstand überrascht, auf den sein Plan im Verwaltungsrat des Schauspielhauses stieß. Eine Gruppe konservativer Verwaltungsräte um die Herren Gilgen, Meng und Bieri versuchte das Stück, vor allem aber den geplanten Zeitpunkt seiner Uraufführung zu verhindern. Der Grund: Die Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (gsoa) hatte eine Volksinitiative zur Armeeabschaffung lanciert, die wenige Wochen nach der Jonas-Premiere zur Abstimmung gelangen sollte. Jonas und sein Veteran, so das Argument der Gegner, sei eine unstatthafte politische Einmischung des Theaters in die Abstimmungskampagne. Frisch hat sich über solche Pressionen nicht gewundert, er kannte seine Landsleute, doch Wut sprach auch aus seinen Worten: »Da lernen Sie, wie die Freiheit der Kunst bei uns funktioniert. Wir brauchen keine Zensur.« Und er reagierte auf seine Weise, indem er größten Wert auf erstklassige künstlerische Arbeit legte. Jede Form politischer Polemik lehnte er ab, auch im Programmheft: »Das ist die Ebene unserer Gegner und auf diese Ebene lassen wir uns nicht hinab. Bedenken Sie, auch wir sind die Schweiz, und unsere Schweiz ist nicht repressiv, nicht aggressiv, nicht polemisch. Und das zeigen wir vor.« Im Anschluß an einige Jonas-Vorstellungen fanden kontroverse Diskussionen zum Thema »Schweizer Armee wozu?« statt. Ich telefonierte, schrieb Briefe und erhielt bemerkenswerte Absagen von prominenten Kaderleuten der Schweizer Armee. »Ich lasse mich für Schaukämpfe im Theater nicht mißbrauchen«, schrieb der ehemalige Brigadegeneral Gustav Däniker. Politiker sprangen in die Bresche. Vor vollem Theater zog der ehemalige Justizminister, Altbundesrat Rudolf Friedrich, vom Leder: »Jonas und sein Veteran«, verkündete er, »ist ein wortreiches, aber es ist ein ebenso seichtes Geplauder. Es ist Polemik, Verdächtigung, Gerücht, Lächerlichmachung, Sarkasmus bis zur banalen Primitivität. Da erscheint ein alter, ein verbrauchter, müder und resignierter Max Frisch, der sich vor einen fremden Karren hat spannen lassen. Aus einem ehemals großen Geist ist ein kleiner geworden. Sein geistiger Niedergang wird vordemonstriert. Max Frisch ist nicht faktisch, aber er ist geistig erledigt.«2 Später berichtete Frisch von infamen Telefonanrufen, zeigte mir anonyme Schmähbriefe. Die Feigheit solcher Attacken hat ihn immer von neuem empört. Schließlich kam die Initiative »Schweiz ohne Armee« zur Abstimmung. Das Resultat ein Drittel der Schweizer votierte für die Abschaffung war auch für Frisch eine Riesenüberraschung. Anfänglich hatte er nämlich die Initiative abgelehnt, denn er prognostizierte eine Ablehnung durch das Volk, die so wuchtig ausfallen werde, daß auf Jahre hinaus jede Kritik an der Armee unmöglich würde. Erst allmählich ließ er sich von den gsoa-Initianten überzeugen und stieg schließlich mit dem Text Schweiz ohne Armee? Ein Palaver und einem selbst finanzierten Plakat aktiv in den Abstimmungskampf ein. Der Wille zum und die Lust am politischen Kampf hatten noch einmal über Skepsis, Alter und Krankheit gesiegt. Wenige Tage nach dieser Abstimmung fiel in Berlin die Mauer, der kalte Krieg ging zu Ende. »Wir haben recht gehabt und wir haben es erlebt, daß wir recht hatten.« Frisch erhoffte sich nun auch für die Schweiz eine größere politische Toleranz. Doch schon im Frühjahr 1990 schickte er mir die Kopie eines Gutachtens vom »Stab der Gruppe Generalstabsdienste«, worin Strategien diskutiert wurden, den populären Schriftsteller in der Öffentlichkeit zu bekämpfen. Frischs Kommentar: »Das Gutachten kommt ins Archiv. Die Nachwelt soll auch was zum Lachen haben.« Zur selben Zeit zeigten sich die ersten Finanzengpässe im Budget des Schauspielhauses. Auf der Suche nach Sponsorengeldern gab es neue Erfahrungen mit der Kunstfreiheit. Niemand war gegen diese Freiheit, aber da und dort pochte man auf die Freiheit, gewisse sogenannte künstlerische Unternehmungen nicht unterstützen zu müssen Jonas und seine Folgen. Im Laufe des Jahres 1990 wurde auch das Ausmaß des sogenannten »Fichenskandals« offenkundig. An die 900000 Bewohnerinnen und Bewohner der Schweiz waren in der Nachkriegszeit vom Verfassungsschutz wider Recht und Gesetz bespitzelt und auf Karteikarten Fichen erfaßt worden. Tausende von Schweizerinnen und Schweizern hatten Denunziantendienste geleistet. Der Schock und die Empörung erschütterte das politische Gefüge des Landes. Der Umfang des Denunziantensystems und das Fehlen jedes Unrechtsbewußtseins empörten Frisch: »Auf diesem Sumpfboden wächst jede Gemeinheit.« Zusammen mit zahlreichen anderen Kulturschaffenden unterzeichnete er den »Kulturboykott«, das heißt er verpflichtete sich, nicht an der 700-Jahr-Feier der Schweiz mitzuwirken, die für 1991 vorbereitet wurde. »Mit der Jubelfeier dieser Leute habe ich nichts zu tun. Ihre Schweiz ist nicht meine.« Er unterstützte die Einberufung eines gesamtschweizerischen Kultursymposiums, welches unter dem Titel Welche Schweiz braucht die Kultur? am 3. und 4. November 1990 im Schauspielhaus und in der Roten Fabrik Zürich stattfand. Nur sein schlechter Gesundheitszustand verhinderte eine persönliche Teilnahme. Frisch war sich über den baldigen tödlichen Ausgang seiner Erkrankung im klaren. Er setzte alle Hebel in Bewegung, um Einsicht in seine Fiche zu bekommen. »Ich habe meinen Anwalt beauftragt, daß meine Akte nicht vernichtet wird, falls ich sie nicht rechtzeitig zu sehen bekomme. Ich betrachte es als Beweis für die politische und moralische Integrität, in der Fichenkartei registriert zu sein.« Als ihm schließlich die Unterlagen ausgehändigt wurden, staunte er über die zahlreich darin enthaltenen dilettantischen Fehler ebenso wie über den wiederholten Verfassungsbruch. Sein Kommentar: »Die Fichenaffäre zeigt immer deutlicher, daß der Bundesrat sich über Jahrzehnte hinweg nicht nur als Verfassungsbrecher, sondern geradezu als Verfassungsverbrecher betätigt hat.« Er versuchte einen Kommentar zu seiner Fiche zu verfassen, doch er fand den richtigen Ton nicht: »Erst habe ich mit Wut geschrieben, doch da kam ich mir so lächerlich vor, dann habe ich es mit Ironie versucht, doch indem ich die anderen lächerlich machte, fühlte ich mich auch nicht besser.« Die Zürcher Stadtratswahlen vom Frühjahr 1990 beendeten eine vierzigjährige bürgerliche Vorherrschaft und brachten eine rot-grüne Koalition an die Regierung. Ein junger Sozialdemokrat wurde Stadtpräsident. Frisch setzte große Hoffnungen in diesen Wechsel. Doch die neue Regierung fand einen Schuldenberg vor und verkündete als erstes einen rigorosen Sparkurs auch in der Kultur. Frisch hielt dies für kurzsichtig. Die Linken, meinte er, litten unter dem unsinnigen Zwang, den Bürgerlichen beweisen zu wollen, wie sparsam sie mit Geld umgehen könnten. Zwar gewänne man in diesem Land mit Kulturpolitik leider keine Wahlen, doch sei eine Politik ohne Kultur auf die Dauer nichts wert. Frisch signalisierte den neuen Machtverwaltern seine Bereitschaft zu Rat und Gespräch. Seine Signale wurden monatelang ignoriert. »Keine Reaktion ist auch eine Reaktion. Man erfährt so den Stellenwert der Kultur in der neuen Politik. Im Ausland schätzt man mein Wort, hier gelte ich wohl schon als alter Schwätzer.« Frisch konnte sarkastisch sein, doch er war nie ein Extremist. Sein ganzes Denken, auch da, wo es der Sozialdemokratie nahestand, wurzelte tief in der europäischen Aufklärung, in den Wertvorstellungen eines liberalen, kulturverständigen Bürgertums. »Als es in die Geschichte eingetreten war, unser Bürgertum, und das war ja keine Geldwäscher-Connection, das weißt du hoffentlich, das waren Männer freien Sinns, Jonas, und die meinten ja tatsächlich Demokratie«, räsoniert der Großvater in Jonas und sein Veteran. Frischs Zorn, sein Fast-Haß, seine Bitterkeit, das waren nicht Folgen des Alters, der Krankheit und der Enttäuschung, sie waren Folgen zunehmender Einsicht in die Tatsache, daß die heutigen Nachfahren jenes gelobten Bürgertums ihre eigenen moralischen, politischen und kulturellen Werte verlassen, ja verraten und die Schweiz zu einem »internationalen Finanzplatz, der langsam zum Himmel stinkt« verödet hatten. Frischs Zorn und Bitterkeit waren die Kehrseite seiner politischen und künstlerischen Integrität. Diese Integrität hat ihm, über sein schriftstellerisches Können hinaus, Respekt bei seinen Gegnern, Zuneigung und Vertrauen bei seinen Anhängern verschafft. Frisch war eine Instanz. Als wir im Oktober 1990 mit der Vorbereitung seines achtzigsten Geburtstags am 15. Mai 1991 begannen, dachten wir erst nur an eine Veranstaltung im Schauspielhaus. Gespräche mit Freunden in anderen Kulturorganisationen ergaben überall die spontane Bereitschaft, diesen Geburtstag gemeinsam zu gestalten. So entstand die Idee eines Max-Frisch-Tags in Zürich. Die ganze Stadt sollte ihren größten Dichter seit Gottfried Keller feiern. Frisch, der sich jede offizielle Feier verbat, freute sich über diese Pläne und arbeitete am Programm mit. Gefreut hat ihn auch, daß Achim Benning ihn am Geburtstag zum Ehrenmitglied des Schauspielhauses ernennen wollte, und er versprach lachend, sich Mühe zu geben, so lange zu leben. »Und wenn ich es nicht schaffe, feiert trotzdem.« Frisch starb am 4. April 1991. 1 Alle Frisch-Zitate sind
Gesprächsnotizen. zurück © Limmat Verlag, Zürich |
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| Pressestimmen / Rezensionen | |||
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| Stimmen | |||
«Plastisch wird geschildert, wie der junge Journalist und Schriftsteller erst spät der Kunst eine politische Dimension einräumte ... Dieses Buch wartet weniger mit funkelnden neuen Einsichten auf, als dass es Licht wirft auf eine Entwicklung. Frisch erscheint darin als Selbstbefrager, der die Konsequenzen zieht. Was Vom langsamen Wachsen eines Zorns leistet, ist, über die Biographie des Schriftstellers hinaus, die Stationen eines Schweizers und Schweiz-Denkers darzustellen, dessen Zeit merkwürdig schnell vergessen zu sein scheint. Die sich indes noch lange nicht als passé erweist.» Die Weltwoche, Zürich «Urs Birchers neue Max-Frisch-Biografie erweitert das Bild des kritischen Autors gehörig: der junge Frisch war ein ungeahnt konservativer Landesverteidiger. Die Biografie ein Schweizer Lehrstück zeigt aber genauso Frischs eindrückliche Wandlungsfähigkeit.» Berner Zeitung «Was ist nun erstaunlich an dieser Biografie? Dass Frisch in jenen Jahren bürgerliche bis rechte Töne absondert und noch wenige Wochen vor der grossen Wende des Zweiten Weltkrieges im Kessel von Stalingrad die Nazi-Aggression als Durchbruch in die Befreiung des lebendigen Triebes und der Tat feiert? Oder ist es erstaunlich, dass Max Frisch aus jenem Milieu herausgefunden hat? Bircher will nicht schockieren, er will dokumentieren, und zwar Frischs weite Reise vom konservativen Schweizerdichter zum linkskritischen, europäischen Intellektuellen. Ihm nötigt Respekt ab, was man heute Lernprozess nennt.» Facts, Zürich «Anhand von teils noch unveröffentlichten Dokumenten, vor allem aber anhand von Max Frischs literarischen Texten zeigt der Autor, wie sich der zwischen Künstlerehrgeiz und Bürgersehnsucht hin und zerrissene Heimatdichter zum kritischen Denker wandelt. Dank der verständlichen Sprache, der klaren Strukturierung und der ausführlichen Beschreibungen der jeweiligen Frisch-Werke bietet es einem breiten Publikum einen spannenden Einblick in das Leben des berühmten und noch immer umstrittenen Dichters.» Die Sonntagszeitung, Zürich «Im ersten Band einer neuen Frisch-Biografie werden jetzt weitere Einzelheiten geliefert. Der Verfasser, Urs Bircher, Dramaturg am Schauspielhaus Zürich, wo er 1989 die Uraufführung des letzten Frisch-Stücks Jonas und sein Veteran betreute, war als junger Mann mit den Söhnen von Käte Rubensohn-Schnyder befreundet und ging im Hause ein und aus. So konnte er jetzt aus Briefen zitieren, die Frisch in den dreissiger Jahren an seine Freundin geschrieben hat und die bisher der Forschung unbekannt waren.» Der Spiegel, Hamburg «So umfangreich auch die Literatur über Max Frisch ist: die Biographie von Urs Bircher versucht erstmals sein Leben und Werk im zeitgeschichtlichen Zusammenhang und für ein breites Publikum darzustrellen. Er vollzieht damit den Weg vom kleinbürgerlichen Heimatdichter zum europäischen Intellektuellen nach.» Der Landbote Winterthur «Frischs Werk ist in der heutigen Debatte um die brüchige Identität der Schweiz und ihre Rolle im Zweiten Weltkrieg aktueller denn je ... Aber nicht nur Frischs Werk ist von Interesse, sondern sein Lebenslauf. Urs Bircher entfaltet Frischs Werdegang wie ein Schweizer Lehrstück. Anhand von Frischs Anfängen als Verfechter der geistigen Landesverteidigung zeigt Bircher die Enge und Blockiertheit auf, die damals in vielen Schweizer Köpfen verbreitet war. Mit Frischs erstaunlichem Entwicklungsprozess zum kritischen Denker demonstriert Bircher gleichzeitig die Revision festgefahrener Mythen.» Berner Zeitung «Ein ehrliches, gut lesbares und spannendes Buch. ... Urs Bircher beschreibt in knapper und lebendiger Form Max Frisch den Journalisten, den Architekten, den Reisenden, Stückeschreiber, Denker und den untauglichen Ehemann. Ein ausgezeichnetes Dokument, für den interessierten Laien geschrieben, auch handlich, immer wieder zum Nachschlagen.» Sonntagsblick, Zürich |
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| Rezensionen Berner Tagwacht vom 22. November 1997 Von der Genese eines kritischen Bewusstseins«Vom langsamen Wachsen eines Zorns» - der erste Teil der Max Frisch Biographie von Urs Bircher Der kritische Linksintellektuelle Frisch, der zornige alte Mann, der die Schweiz als einen «verluderten Staat» bezeichnete und der angesichts des Fichenskandals empört ausrief: «Auf diesem Sumpfboden wächst jede Gemeinheit», dieser Frisch war in seiner Jugend ein anderer, ein glühender Patriot nämlich, ein «geistiger Landesverteidiger», ein kleinbürgerlicher Konservativer. Seine Frühwerke - der erste Roman «Jürg Reinhart» (1934) etwa - waren im Ton der Blut- und Bodenliteratur gehalten, «Frisch war erd- und heimatverbunden, antiintellektuell, konservativ» (Bircher). Einige Stellen aus «Jürg Reinhart» gerieten gar in fatale Nähe zu faschistischem Gedankengut: Da tritt arisches Herrenpersonal in Gegensatz zu «dunklen», «verschlagenen», «faulen», «fetthändigen» Slawen und einem «schmierigen Jüdlein mit Dreckhals». Der junge Germanistikstudent Frisch, von seinen Professoren bald gefördert und vom Feuilleton gelobt, befand sich mit seiner Haltung in illustrer Gesellschaft: Die Literaturwissenschaft der Zeit wollte von Politik nichts wissen, propagierte das unabhängige Künstlertum oder war gar offen profaschistisch eingestellt - so der Frisch-Freund und spätere Literaturprofessor Emil Staiger, aktives Mitglied der «Nationalen Front». Erst die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs erschütterte Frischs Glauben an ein unpolitisches Geistesleben, und Bertolt Brecht, den Frisch 1947 am Schauspielhaus Zürich kennenlernte, demontierte die bürgerliche Haltung des jungen Autors vollends. 1949 formulierte Frisch schliesslich einen komplett neuen Kulturbegriff: «Wer sich nicht mit Politik befasst, hat die politische Parteinahme, die er sich sparen möchte, bereits vollzogen: er dient der herrschenden Partei.» Urs Bircher, Dramaturg am Schauspielhaus Zürich und Freund Frischs in dessen letzten Lebensjahren, zeichnet diesen Wandel in «Vom langsamen Wachsen eines Zorns - Max Frisch 1911-1955» subtil nach. Der erste Band einer auf drei Bände angelegten Biographie geht von der Leitfrage aus: «Warum schrieb Frisch in dieser Situation diesen Text in dieser Form?» Bircher verweigert sich bewusst dem indiskreten Wunsch des Lesers nach intimen Details, er erzählt keine pikanten Anekdoten, er betreibt Biographie nicht als «dilettantische, kunstfremde, kleinbürgerliche, langweilige Dorfschnüffelattitüde» (Frisch). Ihn interessiert die intellektuelle Entwicklung Frischs und nicht das definitive und damit verkürzende Beschreiben eines Lebens. Dagegen öffnet Bircher Räume, historische, soziale, und ist höchst aktuell, wenn er das enge, profitgierige und feige Klima der Schweiz der Vorkriegs- und Kriegsjahre umreisst. Dass dieses zugleich diskrete und politische Schreiben Birchers gewissen RezensentInnen sauer aufstösst, verwundert nicht. Um so weniger, wenn man weiss, dass manche Verwalter von Frischs Nachlass mächtige Leute mit Professorenwürde sind, die sich nur ungern ihre Germanistenkreise stören lassen. So wird pikiert bemängelt, der Biograph sei «kein genuiner Schreiber» (TA vom 18. Aug. 97) oder schlicht: «gut geschrieben ist die Biographie nicht» (NZZ vom 1./2. Nov. 97) Dabei bietet Bircher einen äusserst lesefreundlichen, spannenden Text und vor allem eine bestechende These: Er liest Frischs Literatur als «Probehandeln» und zeigt, dass Frisch immer wieder seine Lebenssituationen literarisch vorwegnahm, getreu der eigenen Maxime: «Jeder Mensch erfindet sich eine Geschichte, die er dann, oft unter gewaltigen Opfern für sein Leben hält (...)» Bircher will Frisch nicht demontieren oder blossstellen, er will eine intellektuelle Genese nachvollziehen, die er ohne Zweifel auch als eine Leistung anerkennt. Immerhin hat Frisch, aufgewachsen in ärmlichen, kleinbürgerlichen Verhältnissen, seine enge, rückwärtsgewandte Geisteshaltung hin zu einem kritischen, weltoffenen Bewusstsein entwickelt, etwas, was nur wenigen gelingt, vielen aber gut anstände. Hans Schill |
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Facts vom 14. August 1997Der lange Marsch von rechts nach linksMax Frisch als konservativer Landesverteidiger: Eine Biografie beleuchtet die Anfänge des späteren Vorzeigelinken. Gallenbitter redet der todkranke Autor über die Schweiz. Der Fichenskandal ist in seinem langen Leben 1990 die letzte grosse Erschütterung; Max Frisch gehört zu den Hunderttausenden Bürgern, welche die Staatsschützer bespitzelten, wider das Gesetz. Das Land sei «zum Davonlaufen», sagt er in jenen Monaten. Das ist der Max Frisch, den wir kennen. Max Frisch, 1911 bis 1991. Intellektueller, Autor, Dramatiker. Engagierter Demokrat und Schweiz-Kritiker. Linker. Es gibt aber auch einen anderen Max Frisch. Den Konservativen. Den Rechten. Zum Beispiel am 4. August 1938. Da setzt der 27-jährige Journalist und Romanautor einen bösen Brief auf. «Unser Volk hat zur Zeit wieder ein sehr waches Empfinden», teilt Frisch dem «Nebelspalter»-Karikaturisten Gregor Rabinovitch mit. «Unser Volk» spüre «sehr bald, ob ein Mann für uns kämpft oder uns nur benützt, um gegen andere zu kämpfen». Bei Rabinovitch sei leider das Zweite der Fall. «Das Schweizerische» sei ihm, Rabinovitch, «sekundär», spüre er, Frisch. In dieses Bild passe bestens, dass Rabinovitch «unserer schweizerischen Landessprache nicht nur fremd, sondern vollkommen gleichgültig» gegenüberstehe. Rabinovitch ist ein Antifaschist. Ein russischer Jude, der im Ersten Weltkrieg in die Schweiz emigrierte. Für ihn ist Neutralität unmöglich, spätestens seit in Deutschland die Nazis an der Macht sind. Sein ätzender Stil stösst einem Teil des Zürcher Bürgertums sauer auf. Frisch nimmt auf, was die Leisetreter «gesundes Volksempfinden» nennen. Er macht sich zum Sprecher der schweigenden Mehrheit. Er sagt «wir», nicht «ich». Ein geistiger Landesverteidiger ist dieser Max Frisch. Ein aggressiver. Der wesentlich weniger bekannte, der geahnte und verdrängte Max Frisch wird jetzt endgültig ins Licht gerückt. Urs Bircher, 50, als Zürcher Schauspielhaus-Dramaturg ein später Freund des Autors, legt die Biografie «Vom langsamen Wachsen eines Zorns» vor. Er zeigt den frühen Frisch als Kleinbürger, der sich aus der protofaschistischen Blut-und-Boden-Ideologie seine erste Ästhetik zimmerte, als antiintellektuellen Verklärer heimischer Scholle und Schwärmer vom reinigenden und Sinn stiftenden Krieg. Auch dieses Bild hat noch Facetten. Was schockiert besonders am jungen Frisch, kann man sich fragen. Dass Frisch erschreckend unpolitisch war? Dass er Antifaschismus als oberflächliche Mode abtat und fand, «dass hier in jener leichtfertigen Deutschfeindlichkeit gemacht wird, bloss weil es rentabel ist»? Dass er die Frage aufwarf, warum eigentlich die Schweizer «im Geistesleben lieber Bananen kaufen, solange es noch Äpfel gibt»? Oder ist es der explizit rechte Frisch, der schockiert? Derjenige Frisch, der in einem frühen Text in Blut und Boden sumpft, als eine Art Bauerndichter von der «überfeinerten, bis zur Erdfremdheit vergeistelten, unvitalen Stadtseele» spricht und als Kriegsphilosoph existenzialistischer Prägung findet, «alles Leben» wachse «aus der Gefährdung»? Vom Pazifismus späterer Jahre keine Spur. Es ist auch dieser rechte Frisch, welcher in seinem ersten Roman «Jürg Reinhart. Eine sommerliche Schicksalsfahrt» von 1934 vor dem Hintergrund «dunkler», «verschlagener», «fauler», «animalischer», «fetthändiger» Slawen wenige Vollarier in den Hauptrollen agieren lässt. Ein «schmieriges Jüdlein mit Dreckhals» kommt auch vor. «Rassismus als wirkungsvolles Mittel für eine literarische chiar'oscuro-Technik» nennt das Bircher. Er will aber nicht schockieren, er will dokumentieren, und zwar Frischs weite Reise «vom konservativen Schweizerdichter zum linkskritischen, europäischen Intellektuellen». Ihm nötigt Respekt ab, was man heute «Lernprozess» nennt. «Die meisten Leute können sich nicht so revidieren. Sie verdrängen nur», sagt Bircher. Den Ausgangspunkt dieser fast 80 Jahre langen Reise hat sich Frisch nicht ausgesucht. Er wird in Hottingen geboren, einem Kleinbürger-Quartier am Fuss des Zürichbergs. Der Vater ist ein gefallener Architekt, der sich als Makler durchschlägt. Die Mutter, eine Mehrbessere, eine Schulthess von Basel, schämt sich, wenn der kleine Max über Zäune klettert, um Fallobst zu sammeln. Frisch wird ein Zerrissener zwischen Künstlerehrgeiz und Bürgersehnsucht. An der Uni gerät er ab 1930 ins Milieu der Antidemokraten und Rechten. Demokratie sei «Herrschaft der Mittelmässigen», der Ausspruch von Gonzague de Reynold geht um. Bei C. G. Jung, der mit dem Nationalsozialismus liebäugelt, hört Frisch Psychologie. Eduard Korrodi, NZZ-Feuilletonchef, wird Frischs grosser Förderer. Der junge Dichter freundet sich zudem mit dem Germanisten Emil Staiger an, Antisemit und bis 1934 aktives Mitglied der profaschistischen Nationalen Front; mit Robert Faesi, Schriftsteller und Konservativer, versteht er sich ebenfalls bestens. Das linke Milieu am Schauspielhaus ist in diesen Kreisen ein Ärgernis. Dichtung, lernt Frisch und glaubt Frisch, hat unpolitisch zu sein, ist dem Schönen und Guten verpflichtet. Bisweilen kommt dann einer und stört die Harmonie: Der Schauspielhaus-Akteur Wolfgang Langhoff war im KZ und hat 1935 im Bericht «Die Moorsoldaten» Schreckliches berichtet. Frisch findet die Nazibewegung geschmacklos und ein bisschen vulgär. Er sieht in ihr aber auch positive Elemente. «Ein notwendiges Zurückdämmen der Juden» gesteht er den Nazis in einem Zeitungsbericht aus Berlin zu. Immerhin findet er, der Selbstruhm der Nazis sei «empörend», «indem er alles andere in den Schmutz stösst». Schliesslich ist seine Freundin damals die Jüdin Käte Rubensohn, die aus Deutschland weg musste. 1936 will Frisch nicht mehr länger freier Journalist und freischwebender Künstler sein. Er beginnt an der ETH sein Architekturstudium. Aus dem Aussenseiter wird binnen sechs Jahren ein Insider. 1942 heiratet er Gertrude «Trudy» Anna Constance von Meyenburg, eine Frau von bester Herkunft. Was ist nun erstaunlicher an dieser Biografie? Dass Frisch in jenen Jahren bürgerliche bis rechte Töne absondert und noch wenige Wochen vor der grossen Wende des Zweiten Weltkrieges im Kessel von Stalingrad die Nazi-Aggression als «Durchbruch in die Befreiung des lebendigen Triebes und der Tat» feiert? Oder ist es erstaunlich, dass Frisch aus jenem Milieu herausgefunden hat? Der Wandel beginnt im Aktivdienst. Von 1939 bis 1945 leistet Frisch 650 Diensttage. Heldenpathos spricht noch aus einzelnen der «Blätter aus dem Brotsack», und nicht von ungefähr jubeln die rechtsbürgerlichen «Schweizer Monatshefte», wenige Bücher reichten «so in den Grund menschlichen Daseins hinab wie dieses». Doch anderseits lernt Frisch im Aktivdienst auch viel über das einfache Volk und über Klassengegensätze und kritisiert verhalten die soziale Ungleichheit. «Wo gehöre ich hin?», fragt er sich. Dann kommt er in Kontakt mit Bertolt Brecht. Der bringt ihm Klassenanalyse und marxistische Ästhetik nahe. Und er führt Frisch näher an die Schauspielhaus-Bühne. Vor Kriegsende lernt Frisch die Giehse und die Becker, Gretler und Knuth persönlich kennen, Vorurteile verblassen, neue Urteile greifen. 1945 taucht der erste politisch bewusste Proletarier in Frischs Werk auf. Thomas heisst er und ist in «Nun singen sie wieder» eine Nebenfigur. Dann ist der Krieg zu Ende. Noch vermeidet der Dramatiker jede direkte Schuldzuweisung an die Nazis und handelt die Schuldfrage ganz allgemein ab, zeigt Bircher. Wie sollte Frisch auch die Faschisten anklagen, da er sich selber nicht als Antifaschist hervorgetan hat? 1946 reist Frisch nach Deutschland. Vor Ort erkennt er die Ungeheuerlichkeit des Geschehenen. Deutschland mag das Land der Dichter und Denker sein, doch die grösste aller Barbareien, den Mord im Industriestil an den Juden, hat das nicht verhindert. Ganz Europa liegt am Boden. Der Beitrag der Kultur zu diesem Menschheitsdesaster, erkennt Frisch, war es, nur Kultur gewesen zu sein und nicht auch Politik. Auch sein Beitrag. 1951 wird der «Graf Öderland» aufgeführt, die Moritat vom Mann, der mit der Axt umgeht. Frischs Befreiungsschlag im wahren Leben kommt fast vier Jahre später. Als Mittvierziger, mit dem Welterfolg «Stiller» im Rücken, verkauft er sein Architekturbüro, verlässt bald Frau und Familie. Neue Quellen Über 100 Briefe hat Max Frisch Mitte der dreissiger Jahre an seine Freundin Käte Rubensohn geschrieben. Viele Bemerkungen zu Zürich, der Schweiz und der Welt stehen da. Diese Briefe, bis anhin ungenutzt, sind eine Quelle, aus der Biograf Urs Bircher geschöpft hat. Aus ihnen fliesst Licht auf den «frühen Frisch» mit Tendenz von apolitischer Bürgerlichkeit zu Konservatismus und geistiger Landesverteidigung. Rubensohn gewährte Bircher begrenzten Einblick. Ausgespart blieb das Private, Intime. Birchers Buch tut umso mehr Not, als es um Frisch ein biografisches Malaise gibt. Eine kluge, Leben und Werk berücksichtigende und auch für Laien lesbare Darstellung fehlte bis anhin. Einzig Volker Hages kleine Rowohlt-Monografie «Max Frisch» (160 Seiten, 12.50 Franken) ist brauchbar. Sie geht aber wenig auf den Zeithintergrund ein, die Schweiz von damals. Vergriffen ist die eher schludrige Biografie von Karin und Lutz Tantow bei Heyne. Andere Werke sind ebenfalls nicht mehr lieferbar, oder dann sind sie für Laien ungeniessbar oder veraltet. Motiviert zu seiner auf drei Teile angelegten Biografie war Bircher auch, weil einige Weggefährten des grossen Autors hochbetagt oder krank sind. Thomas Widmer |
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Gespräch mit Urs Bircher in Facts
vom 14. August 1997«Sein Werk wird Weltliteratur bleiben»Max Frisch sei momentan nicht gross in Mode, werde aber wieder kommen. Das prophezeit sein Biograf Urs Bircher. FACTS: Sie wollen laut eigenen Worten verhindern helfen, dass Frisch auf dem «Müll der Geschichte» landet. Riskiert er das? URS BIRCHER: Im Moment ja, auf die Dauer nicht. Wie die anderen grossen Schweizer Autoren Dürrenmatt, Keller, Gotthelf wird Frisch bestehen bleiben. Im Moment ist er aber gar nicht in Mode. FACTS: Woran liegts? BIRCHER: Nach dem Zusammenbruch des Sozialismus triumphiert der Neokapitalismus. Vom härtesten Stalinisten bis zum klügsten und differenziertesten Intellektuellen werden alle Linken in einen Topf geworfen und verworfen. Frisch ist auch in diesem Topf. Zudem opponieren die heutigen Jungen gegen ihre Eltern, die politisierte 68er-Generation. FACTS: Bis zur erneuten Gegenreaktion? BIRCHER: Innerhalb einiger Jahre wird man wieder anfangen, stärker politisch zu denken. Mit dem Streit um die Holocaust-Gelder fing das schon an. FACTS: Wird dann der Prosaautor oder eher der Dramatiker Frisch aufleben? BIRCHER: Natürlich überdauern die Theaterstücke «Biedermann und die Brandstifter» oder «Andorra». Aber speziell Frischs grosse Romane sind wahrscheinlich von Bestand. Sie, auch die späten Geschichten, sind von einer intelligenten, leichten, ironischen Kritik an unseren kleinbürgerlichen Verhaltensweisen geprägt. Das wird Weltliteratur bleiben. FACTS: Frisch umriss Befindlichkeit und Probleme des Intellektuellen. Gegen ein Frisch-Revival spricht, dass dieser Intellektuelle als Seher, Warner, Prophet der Allgemeinheit an Gewicht verliert. BIRCHER: Der universelle Intellektuelle löst sich in der Tat auf. Aber als soziale Klasse entstand in diesem Jahrhundert eine Art neues Kleinbürgertum der Intellektuellen. Die klassischen Kleinbürger waren die kleinen Warenproduzenten in der Zange zwischen Proletariat und Grossindustrie. Heute gibt es eine neue Schicht von Warenanbietern, auf der Ebene der intellektuellen Dienstleistungen. Es gab noch nie so viele freie Journalisten, Freelancetexter, Werbetexter. Diese Kopfarbeiter in unsicherer Lage hat Frisch beschrieben, ihre Abstürze und Ängste und Anfälligkeiten. FACTS: Wie standen Sie zu Frisch? BIRCHER: Ich lernte ihn 1989 kennen bei den Arbeiten zu «Jonas und sein Veteran». Ich pendelte zwischen dem Zürcher Schauspielhaus und Frischs Wohnung an der Stadelhoferstrasse, war der junge Kollege, mit dem er offen reden konnte. Ich erfuhr viel über ihn, sah ihn bis zu seinem Tod ein- bis zweimal pro Woche, bekam mit und war beeindruckt, wie er mit Krankheit und Sterben umging. FACTS: Sie zeigen den jungen Frisch als Rechten. Wäre ihm das heute peinlich? BIRCHER: Er sah vieles als Jugendsünde an. Er sprach nicht viel davon, oder dann erzählte er wenige Legenden immer neu. FACTS: Was halten Sie als Biograf von Frischs politischem Wandel? BIRCHER: Für mich war es enorm spannend zu sehen, wie jemand am einen Rand der Gesellschaft, einer bornierten, konservativen, aufgewachsen ist und wie er zum anderen Rand kommt, durch sein Denken. Hut ab vor dieser Leistung. Die meisten Leuten können sich nicht so revidieren. Sie verdrängen nur. |
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Tages-Anzeiger vom 9. August 1997Versuch, den Undurchschaubaren zu durchschauenKaum Neues, das Bekannte ohne Glanz: Urs Bircher veröffentlicht den ersten Teil einer Frisch-Biographie"Vom langsamen Wachsen eines Zorns" heisst das Buch. Es erscheint in diesen Tagen und befasst sich mit den Anfängen Max Frischs. Wenig neue Einsichten, viel Aufgewärmtes. Urs Birchers Versuch enttäuscht über weite Strecken. Im Dezember 1991 widmete die Zeitschrift "du" Max Frisch, der am 4. April des gleichen Jahres, kurz vor seinem 80. Geburtstag, gestorben war, ein Heft. "du" wartete mit einer klug getroffenen Auswahl von überraschenden Bildern und Texten auf, die das Heft bis heute zu einer ergiebigen Quelle für jeden, der sich mit Frisch beschäftigt, machen. Im Editorial zitiert Dieter Bachmann Frischs Freund und Kollegen Martin Walser: "Er war nicht entgegenkommend oder freundlich, sondern abgründig interessant. Ich habe seine Undurchschaubarkeit dreissig Jahre lang studiert . . ." Man kann Frisch so kurz nicht besser charakterisieren. Zeitlebens hat Max Frisch Zonen seines Ichs literarisiert und gleichzeitig schon im "Tagebuch 1946-1949", dem ersten grossen Wurf, seine späteren Exegeten indirekt davor gewarnt, sich Bilder von ihm zurechtzubiegen. Einerseits hat der Aufklärer Frisch schonungslos geklärt, was zu klären er imstande und willens war, auch innerhalb seiner mit wachsender Berühmtheit öffentlicher werdenden Biographie. Andrerseits war er geradezu obsessiv und zunehmend virtuos damit beschäftigt, sein Innerstes zu maskieren, zu verbergen, zu beschreiben "bis zur Unkenntlichkeit", wie er sich ausdrückte. Kunststück, dass Frischs Spiel mit der Biographie die Exegeten gekitzelt hat - die Sekundärliteratur übertrifft das Werk an Quantität um einiges, und die Mutmassungen über Bezüge zwischen erzähltem und gelebtem Ich füllen wahrscheinlich Tausende von Seiten. Was tatsächlich fehlt, ist eine ausführliche, Leben und Werk beschreibende Biographie. Zwei Schweizer haben sich vorgenommen, dem Undurchschaubaren auf den Leib zu rücken. Julian Schütt, der mit seiner Untersuchung über schweizerische "Germanistik und Politik" in der Zeit des Nationalsozialismus Furore gemacht hat, arbeitet an einer Frisch-Biographie. Der 50jährige Urs Bircher, Dramaturg und Regisseur, der Frisch in seinen letzten Lebensjahren gut gekannt und 1989 die Zürcher Aufführung von "Jonas und sein Veteran" betreut hat, ist ihm mit dem ersten Band einer auf drei Teile angelegten Studie zuvorgekommen. "Vom langsamen Wachsen eines Zorns" handelt von den ersten 40 Jahren Max Frischs (1911-1955). Bircher ist, dies vorweg, kein genuiner Schreiber. Sein Text erscheint oft floskelhaft, im Stil banal. Nichts von der Brillanz, nichts vor allem vom Sarkasmus, der Ironie des Beschriebenen. Nun braucht ein Biograph kein begnadeter Stilist zu sein - man ist ja schon froh, wenn er sich Faktenhuberei, akademische Trockenheit und nervende Besserwisserei versagt. In dieser Hinsicht enttäuscht Bircher nicht. Sein Buch ist leserfreundlich konzipiert, die paar Anmerkungen lassen sich ohne weiteres verkraften. Auch soll an seiner Seriosität - soweit das ohne Kenntnis wichtiger Quellen nachzuprüfen ist - nicht gezweifelt werden. Bircher begegnet dem Gegenstand seiner Forschung mit dem Respekt und der Bewunderung dessen, der den zugleich radikalen und abgeklärten alten Frisch gekannt hat - jene "Instanz", wie Bircher zu Recht sagt, jene geistige Autorität, von der man nach erst sechs Jahren schon kaum mehr eine Vorstellung hat. Was freilich die Quellenlage angeht, so erscheint sie etwas dürftig. Birchers Hauptinformantin ist Frischs Jugendliebe, Käte Rubensohn-Schnyder. Sie hat dem Autor teilweisen Einblick in die Briefe gestattet, die sie von Frisch besitzt. Des weiteren beruft sich Bircher auf Gespräche, die er mit Frischs erster Frau, Trudy Frisch-von Meyenburg, und Hannes Trösch, Kompagnon im Architekturbüro, geführt hat. Das sind wenige und, was die beiden Letztgenannten betrifft, erst noch ziemlich unergiebige Quellen. Das meiste von dem, was Bircher sonst noch heranzieht, ist bekannt oder vermittelt keine neue Einsichten. Zu einfachDaraus resultiert ein Problem. Bircher stützt sich, um den Undurchschaubaren zu durchschauen, zu sehr auf die Rubensohn-Briefe. Sein Frisch-Bild ist zu einfach. Ich denke nicht, dass er dem schon in der Jugend schwer zu Fassenden gerecht wird. Das hat vor allem damit zu tun, dass Bircher darauf fixiert scheint, seine zweifelhafte These, nach der Frisch wiederholt Lebenssituationen vorgängig literarisch durchzuspielen versuchte, beweisen will. Liest man - um ein einziges Beispiel zu geben - den vom 21jährigen (!) unter dem Titel "Was bin ich?" geschriebenen Text (er ist im oben genannten «du» zu Recht an zentraler Stelle abgedruckt und wird auch von Bircher herausgestellt), so wird man schnell gewahr, dass dieser bereits erstaunlich clever formulierte, anscheinend biographische Text, der mit jener hinterhältigen Fragerei anfängt, die Frisch später zur Meisterschaft treiben wird, lauter Fallen aufstellt. Bircher will sie nicht sehen. Dass er im übrigen viel zu viele Seiten seines Buchs dazu benutzt, Frischs hinreichend interpretierte Jugendwerke ein weiteres Mal nachzuerzählen und zu deuten, mag verstehen, wer will. Ansatz leuchtet einBirchers Ansatz leuchtet ein. Er beginnt, um den langen Weg, den Frisch zurückgelegt hat, drastisch zu dokumentieren, mit dem Alterszornigen, der ein armeekritisches Stück verfasst, sich am Boykott der 700-Jahr-Feier beteiligt und auf dem Totenbett von der Schweiz als von einem "verluderten Staat" schreibt. Dann blendet er zurück in die beengte Jugend, in die Studentenzeit, in die journalistischen, literarischen, theatralischen Anfänge, ins Architekturbüro. Wir erfahren, wie gesagt, was wir wissen: dass Frischs kleinbürgerliche Verhältnisse ihn geprägt haben, dass er sich auf sein unpolitisches Künstlertum etwas einbildete, dass sich sein Stil kaum vom damals angebrachten Ton im Intellektuellen-Milieu unterschied, dass er rechtskonservativ argumentierte, erschreckend lang "gesinnungsneutral" gegenüber Nazi-Deutschland blieb, sich zum militanten geistigen Landesverteidiger wandelte, bevor er gegen Kriegsende erwachte und begann, ein anderer zu werden. Frisch war nie Sympathisant des Faschismus und Nationalsozialismus, er war, trotz einzelner übler Passagen im Frühwerk, kein Rassist und kein Antisemit. Seltsam, dass Bircher, wenn er sich eifrig in die nur zum Teil ins Gesamtwerk aufgenommenen journalistischen Arbeiten des jungen Frisch einwühlt, nicht stärker betont, dass es sich dabei um Texte eines begabten 20- bis 25jährigen handelt, der vom damals allmächtigen und überaus autoritären Eduard Korrodi, Feuilletonchef der NZZ, gegängelt und gefördert wird, was selbstredend zu einer weitgehenden, auch ökonomisch bedingten Abhängigkeit führen musste. Irrungen, WirrungenFrisch hat es schon deshalb nicht nötig, für seine "Jugendsünden" absolviert zu werden, weil er sie nicht verdrängt, sondern oft, schriftlich wie mündlich, wenn auch ausgesprochen selektiv, eingestanden hat. Aber anschaulich machen und betonen müsste ein Biograph trotzdem, aus welcher Lebenssituation heraus, welcher Einflusssphäre, welcher Lebensreife solche Texte entstanden sind. Welcher Schreiber möchte schon aufgrund von Aufsätzchen durchschaut werden, die er mit zwanzig verfasst hat? Grauenhafte Vorstellung . . . Und Frisch wird schon gewusst haben, warum er in nicht mehr ganz jungen Jahren ein Feuerchen entfacht hat, dem ein schöner Haufen gebündelter Schriftsachen zum Opfer fiel. Bircher macht in der Sache eigentlich nichts falsch, wenn er, verständnisvoll und doch mit deutlichen Fingerzeigen, die Irrungen und Wirrungen des Korrodi-Zöglings Frisch beschreibt (der, zum publizistischen Ausgleich sei's erwähnt, auch von einem Mitglied der "Tages-Anzeiger"-Besitzerfamilie gefördert wurde). Er schafft es aber nicht, ein Klima herzustellen, das Geflecht aufzuzeigen, in dem man sich diese Biographie vorzustellen hat. Sein Buch bringt faktenmässig wenig Neues und wirft auf das Altbekannte keine Glanzlichter. Christoph Kuhn |
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