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Urs Bircher Mit Ausnahme der Freundschaft Max Frisch 19561991 2000, 288 Seiten, zahlreiche Fotos, Pappband ISBN 3-85791-297-9 |
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Vom Weltautor mit der «durchschlagenden Wirkungslosigkeit des «Klassikers» zum zornigen alten Mann1955 wird Max Frisch mit «Stiller» berühmt, im selben Jahr verlässt er Frau und Kinder und verkauft sein Architekturbüro. Fortan wird er nur noch schreiben. Seine Bücher werden in unzählige Sprachen übersetzt und seine Bühnenwerke auf der ganzen Welt gespielt. Und Max Frisch wird zu einem klassischen Intellektuellen, der mit der kritischen Hellsichtigkeit eines Aufklärers das Zeitgeschehen beobachtet und sich einmischt, wo er Missstände sieht. So umfangreich die Literatur über Max Frisch ist: Urs Bircher stellt erstmals sein Leben und Werk im zeitgeschichtlichen Zusammenhang und für ein breites Publikum dar.
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| Textprobe | |||
| Inhalt
Vorwort 7 »Sie sollen mich am Arsch
lecken«
»Durchschlagende
Wirkungslosigkeit des Klassikers«
»Machen Sie Gebrauch von der
Freiheit«
»Ich bin nicht ganz allein«
Anmerkungen 237 »Sie sollen mich am Arsch lecken«Der Weltautor(1955–1960) »1955 hat Frisch zwei ehrgeizige Ziele erreicht: Er ist ein international bewunderter Schriftsteller und ein national bekannter Architekt und Architekturtheoretiker geworden. Er hat einen großen Weg vom kleinbürgerlichen Heimatdichter zum europäischen Intellektuellen zurückgelegt, er hat seine Themen und seinen Stil gefunden, und er hat sich als Schriftsteller, wie als Gesellschaftskritiker Positionen erarbeitet, denen er bis an sein Lebensende treu bleiben wird. Mit vierundvierzig Jahren schickte er sich an, im schweizerischen und im europäischen Geistesleben eine Instanz zu werden. In Zukunft wird jedes seiner Worte in der Öffentlichkeit (und im Schweizer Polizeiapparat) aufmerksam verfolgt werden, seine Voten erhalten staatspolitisches Gewicht, er selbst wird die Ambivalenz erfahren, zugleich gefürchtet wie bewundert, zugleich verhaßter Staatskritiker wie umjubelter Staatsdichter zu sein. Er wird erleben, wie er selbst zum Monument versteinert und wie eine neue Generation ihn wieder zum Vorbild nimmt.« Mit diesem Fazit und Ausblick schloß der erste Band dieser Biographie. Mit Stiller hatte sich Frisch 1954/55 in die Liste der zeitgenössischen Weltautoren eingeschrieben. Der Roman war kein spektakulärer Marktdurchbruch, eher ein feiner Auftritt im Kreis der internationalen Literaturelite. Erst das nächste Buch, der Homo Faber, wurde ein Bestseller im herkömmlichen Wortsinn. Auch privat vollzog Frisch in diesen Jahren eine entscheidende Wende: Der Mittvierziger verließ Frau und Kinder, bezog in Männedorf am oberen Zürichsee eine eigene Wohnung, verkaufte das Architekturbüro dem langjährigen Mitarbeiter Hannes Trösch und beschloß, Berufsschriftsteller zu werden. Das lange Schwanken um »Was bin ich?« ging zu Ende. Schließlich steckte in diesen Jahren auch der politische Denker Frisch seine Positionen neu aus: Er verweigerte trotz kaltem Krieg sowohl dem kapitalistischen Westen wie dem sozialistischen Osten seine kritiklose Gefolgschaft und setzte sich bewußt und betont zwischen alle Stühle. Der Geist der dreißiger Jahre hatte den jungen Frisch geprägt, die Geistige Landesverteidigung war sein großes Credo. Sein Bild der Schweiz war ein Ideal, das noch kaum vom Schmutz und Staub der Realitäten getrübt war. Erst die Reibung mit der Kriegs- und Nachkriegswirklichkeit erzeugte kritische Erkenntnisfunken, und von 1943 bis 1950 vollzogen sich bei Frisch jene geistigen Umbrüche, die im ersten Band beschrieben wurden. Die Schriften des frühen Frisch wurzelten im Geist der dreißiger Jahre, affirmativ zu Anfang, zunehmend kritisch zu Ende der vierziger Jahre. Die fünfziger Jahre wurden in mancher Hinsicht bestimmend für den späteren Frisch. ...© Limmat Verlag, Zürich |
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| Pressestimmen / Rezensionen | |||
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| Stimmen
«All in all, Bircher's tow volumes provide a lively, unpedantic, economical, and well-founded introduction to the life and works of one of the foremost writers of the thwentieth century.» World Literature Today «Bircher schafft es geradezu beispielhaft, Leben und Werk in ihren gegenseitigen Einflüssen darzustellen. Die hier beschriebenen Jahrzehnte sind nicht nur gekennzeichnet vom Aufstieg eines Schriftstellers, sondern auch von Prüfungen, die den Menschen geprägt haben.» Darmstädter Echo «Bircher stellt den ‹Weltautor› Frisch , den Verfasser von ‹Stiller› und ‹Homo faber›, zunächst einmal der Welt und der Schweiz der Fünfziger-und Sechzigerjahre gegenüber und schafft damit das eindrückliche Bild eines nüchternen, sich zwischen dem herrschenden Konservativismus und dem Rock 'n' Roll seinen eigenen Weg bahnenden Intellektuellen.» Der Bund |
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| «Wie
frisch ist Frisch? Auf diese
Frage weiss Urs Bircher auch im zweiten Teil seiner Max Frisch-Biografie
keine klare Antwort. Dafür hat
er sonst eine Menge zu erzählen, diesmal über die Zeit zwischen
1955 und 1991, Frischs Todesjahr. Erst in diesen Jahrzehnten wird
Frisch zum Berufsschriftsteller, der international Beachtung
findet und privat ebenfalls einigen Trubel erlebt. Obschon Bircher
beim Psychologisieren und Interpretieren mitunter übers Ziel
hinausschiesst, ist ihm ein informatives und gut lesbares
Frisch-Porträt gelungen.» Metropol
«Eine grosse Biografie über das Monument der Schweizer Literatur: anekdotenreich, einfühlsam und dennoch kritisch nähert sich der Autor der turbulenten zweiten Lebenshälfte von Max Frisch. Viele Aha-Erlebnisse über die Persönlichkeit, die Bücher und die ganze Epoche sind auch beim zweiten Teil der Biografie garantiert.» bol.ch |
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Tages-Anzeiger vom 22. April 2000 Vom Zähmen des UnzähmbarenGelobt und geschmäht: Der zweite Teil der Max-Frisch-Biografie, die der Dramaturg Urs Bircher vorlegt, deckt die Risse im Leben des ungewöhnlichen Intellektuellen auf. Ein Weltautor - und doch ständig davon bedroht, von helvetischen Spiessern auf ein verträgliches Mittelmass zurechtgestutzt zu werden. Ein umjubelter Staatsdichter - und gerade darum gefürchtet und abgelehnt. Eine Instanz im schweizerischen Politalltag - und deshalb umso verbissener von missgünstigen Biedermännern verfolgt und gehasst. Max Frisch, der grosse Schweizer Autor, einer der wenigen Intellektuellen von Weltformat, den das Land hervorgebracht hat, erlebte Ruhm und Ablehnung zu gleichen Teilen. Ein typisch schweizerisches Schicksal, möchte man beinahe sagen. Und Max Frisch reagierte, wie viele renommierte Schriftsteller vor und nach ihm auch: Er zog den Kopf unter dem Trommelfeuer von Misstrauen nicht ein; er weigerte sich, in der helvetischen Miniaturlandschaft auf die geforderte Harmlosigkeit zurechtzuschrumpfen. Er sprengte im Gegenteil mit einem Schlag das Korsett von kläglicher Missachtung und entkam der helvetischen Falle mit einem kühnen Sprung über die Schweizer Grenze. Ein Befreiungsschlag, den schon, mit je unterschiedlicher Durchführung, aber gleicher Wirkung Gottfried Keller, Robert Walser oder Ludwig Hohl praktiziert hatten. Als sie sich dann Jahre später - inzwischen im Ausland zu Ruhm und Ehren gekommen - wieder an der Schweizer Grenze meldeten, wurden sie nicht selten in den Stand von Helden erhoben. Ein typisches Schweizer Schicksal, auch das. Wenn Urs Bircher mit seiner Biografie «Mit Ausnahme der Freundschaft. Max Frisch 1956-1991» eines gelingt, dann ist es die glasklare Aufdeckung all dieser Risse und Ambivalenzen im Leben dieses Autors. Bircher hatte vor zwei Jahren die Anfänge dieses Künstlerlebens beleuchtet in «Max Frisch. 1911-1955. Vom langsamen Wachsen des Zorns». Der zweite Teil der Biografie, die er jetzt vorlegt, knüpft in den 50er-Jahren an, einer Ära, in der dem Schriftsteller der Durchbruch gelungen war. Er hatte auf einen Schlag zwei ehrgeizige Ziele erreicht: Er war ein international bewunderter Schriftsteller und ein national bekannter Architekt und Architekturtheoretiker geworden. Mit 42 Jahren, auf dem Höhepunkt seines Lebens, ragte er als unübersehbarer Leuchtturm aus dem europäischen Geistesleben und wurde von den schweizerischen Intellektuellen als Vordenker respektiert. Jedes Wort, auch das zufälligste, wurde von jetzt an misstrauisch auf Hohlräume abgeklopft und argwöhnisch auf seine subversive Essenz hin abgehorcht - aber auch geprüft auf seine Verwendbarkeit für Glaubenssätze zu Politikerreden und Schulbuchtexten. Und fast jeder Satz - und das ist die ironische, schon beinahe wieder amüsante helvetische Kehrseite - wurde vom Schweizer Polizeiapparat aufmerksam verfolgt und, wo es sich aufdrängte, fichiert. Lob des MittelmassesIn den 50er-Jahren, so schreibt Urs Bircher, waren alle Stellenbesetzungen in Bund und Kantonen einem Überprüfungs- und Spitzelsystem unterworfen: «Der Bundesrat liess von der politischen Polizei hochgeheime Listen verdächtiger Intellektueller und anderer potenziell «landesgefährlicher Personen» anlegen sowie Lager zu deren Internierung planen. Auch Frisch stand auf einer dieser Listen und rechnete es sich später zur Ehre an, seit 1949 von der Schweizer Geheimpolizei (vierzig Jahre lang) observiert worden zu sein.» Es waren die Jahre, in denen sich Frisch mit dem Roman «Stiller» (1954) in die Liste der zeitgenössischen Weltautoren eingeschrieben und mit dem Bestseller «Homo Faber» (1957) einen Publikumserfolg errungen hatte. Das änderte nichts am zwiespältigen Verhältnis seiner Zeitgenossen zu ihrem international erfolgreichsten Mitbürger. Biograf Urs Bircher sieht hier einen der Gründe, warum der Schriftsteller in diesen Jahren die Schweiz verlassen und nach Rom umgezogen ist: «(Frisch) machte die schmerzliche Erfahrung, dass auch der internationale Erfolg sein Renommee zu Hause nicht sonderlich hob. ( . . .) In einem Land, wo der Kompromiss und die Suche nach einem gemeinsamen Nenner das politische Leben bestimmen, sind alle Extreme, auch herausragende Persönlichkeiten, suspekt. Jedes Streben nach dem Aussergewöhnlichen, jeder Anspruch auf das Ausserordentliche, jede Radikalität kollidiert zwangsläufig mit dem nationalen Bestreben, ( . . .) im Gewöhnlichen das Ordentliche, im Mittelmass das Rechte zu suchen.» Gewiss, eine ernüchternde, eine illusionslose Einschätzung. Aber konnte der kleinkarierte Aufstand der selbstgewissen Aufrechten Max Frisch in die Knie zwingen? Resignierte der wortgewaltige und fantasiebegabte Selbstdenker unter der Attacke der hochfahrenden, engstirnigen Kleinbürger? Urs Birchers Protokoll eines Künstlerlebens ist dort am lustigsten zu lesen, wo es - in der Distanz der Jahre - die Ausschläge des Widerborstigen dokumentiert. Max Frisch nämlich dachte nicht an Verbitterung. Wenige Monate nach dem Erscheinen von »Homo Faber« wollte die Stadt Lausanne Frisch mit dem damals renommiertesten Literaturpreis, dem Prix Charles Veillon, auszeichnen. Der Verleihung war eine Kontroverse vorangegangen. Der Zürcher Literaturprofessor Karl Schmid - dem Autor nicht nur wohl gesonnen - hatte Frisch aufgefordert, sich um den Preis zu bewerben. Der Schriftsteller reagierte empört. Früher habe man ihn als «Nestbeschmutzer» verschmäht, jetzt, da er arriviert sei, klopfe man ihm auf die Schulter. Er bewerbe sich aber nicht um Preise, er lasse sie sich als Überraschung schenken, schrieb er furios zurück und schloss den legendären Brief an die Zürcher Instanz mit dem denkwürdigen Satz: «Sie sollen mich am Arsch lecken! So viel zur Sache.» Hassliebe zur SchweizDass Max Frisch zeit seines Lebens in einem verwickelten, widersprüchlichen Verhältnis zu seiner Heimat stand, weiss man nicht nur aus seinen Büchern. Auch die Stationen seiner Biografie geben davon Zeugnis. Nachdem seine Beziehung zu Ingeborg Bachmann in die Brüche gegangen war, kehrte Frisch 1965 doch wieder in die Schweiz zurück. In den Römer Jahren hatte er sich aller politischen Äusserungen enthalten. Jetzt flammte die alte Hassliebe erneut auf. Er habe, meint Marianne Frisch, in Rom unter dem Defizit an politischer Einmischung gelitten; sie wäre schon an seinen schlechten Italienischkenntnissen gescheitert. Zwar lehnte der Schriftsteller eine Kandidatur für das Amt des Zürcher Stadtpräsidenten ab, das ihm die Sozialdemokratische Partei antrug. Aber in der Rede «Die Schweiz als Heimat« und in den Texten «Wilhelm Tell für die Schule» und «Dienstbüchlein» liess er keinen Zweifel an seinem streitlustigen Engagement aufkommen. Alle Kritik an der Schweiz, meinte er einmal, sei das Resultat «persönlicher Frustration». Seit dem Vorliegen des Briefwechsels «Max Frisch/Uwe Johnson 1964-1983», den Eberhard Fahlke vor einem Jahr publiziert hat, weiss man auch, was damit gemeint ist. Fahlke hat einen von Lektor Uwe Johnson gestrichenen Text, der ursprünglich für das zweite Tagebuch bestimmt war, wieder präsentiert: eine Selbstbefragung des Autors mit dem Titel «Symposium für eine Person». Max Frisch wettert hier laut und deutlich über das verlogene Selbstbewusstsein der Schweiz: «Legt einer Wert darauf, als Schweizer empfunden zu werden, so kann er nicht bescheiden genug sein. Als Person. Ihre Angst, dass ihnen der eine oder andere über den Kopf wächst, wählt ja auch das Parlament, das im gleichen Sinne wiederum den Bundesrat wählt. Ob Lehrer oder Landesplaner oder Bundesrat, die Hauptsache bleibt, dass er mittelmässig ist, und ist er nicht Mittelmass, so hat er sich wenigstens wie Mittelmass zu verhalten. Das halten sie für demokratisch. Wo man vorgibt, dass alle das gleiche Recht haben, soll ja auch keiner mehr Glanz haben.» Es wäre weit übertrieben, zu behaupten, Urs Bircher würde mit seiner Biografie und der Darstellung der Brüche im Leben von Max Frisch verborgene Seiten aufdecken oder gar unbekanntes Gelände betreten. Fast alles an Stoff, Daten und Fakten, was in diesem zweiten Teil der Frisch-Biografie präsentiert wird, ist bereits bekannt. Immerhin dient dieses Buch jenen Lesern, die sich einen ersten Überblick über die Sprünge, Extravaganzen und Träume des Schweizer Künstlers machen wollen, als bequemer Reiseführer. Wo Urs Bircher seine Texte anekdotisch anreichert, sind sie am spannendsten. Wo er bloss zeitpolitische, soziologische und literaturhistorische Hintergründe zusammenrafft, wird sein Panorama dieses ungewöhnlichen Künstlerlebens langweilig. Bircher arbeitet akkurat in den Details, aber ohne Glanz in der Sprache. Viel FleissarbeitBesonders irritierend sind die vielen Paraphrasierungen von Frisch-Texten, die grossen Raum einnehmen. Gewiss, die Methode wird in der Vorrede als Programm deklariert. Das Buch soll auch als Nachschlagewerk dienen. Ein Unternehmen, das den geneigten Leser auf die Länge aber mehr als verstimmt, streifen doch die «Nacherzählungen» nur gerade die Oberfläche der komplexen Frisch-Texte und verraten vor allem eines: dass sich hier jemand konsequent geweigert hat, in die Tiefe zu bohren und die verborgenen Inhalte der fein strukturierten literarischen Vorlagen zu enträtseln. Da helfen auch die artig zusammengetragenen Rezeptionszeugnisse nicht weiter. Urs Bircher scheint über eine umfangreiche Pressedokumentation zu verfügen und zögert nicht, zu jedem Text, zu jedem Theaterstück ein paar Rezensenten zu zitieren. Ein notwendigerweise beschränktes und zufälliges Unternehmen, da unter der Fülle von Zeugnissen nur ein paar wenige zur Sprache kommen können. Und viel Fleissarbeit, wo man Interpretation und Analyse des Biografen erwartet hätte. Das heisst nun wiederum nicht, dass Urs Bircher mit seiner Frisch-Biografie nicht einen Kompass zur Verfügung stellen würde, der dem unvoreingenommenen Leser auf dem Weg durch die zerklüftete Lebenskarte des grossen Schweizer Schriftstellers eine erste Orientierungshilfe bietet. Pia Reinacher |
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Neue Zürcher Zeitung vom 16.
Mai 2000Sein Name war Max FrischDer zweite Teil von Urs Birchers Biographie 1986 verabschiedete der fünfundsiebzigjährige Max Frisch anlässlich der Solothurner Literaturtage das Projekt einer politisch wirkungsmächtigen Literatur, das ihn im Verlauf von gut dreissig Jahren zum Wortführer der schweizerischen linken Intelligenz, zum weltweit gelesenen Schriftsteller - und zum wohlhabenden Mann gemacht hatte. Frischs Rede vom «goldenen Kalb», das am Horizont aller aufklärerischen Intentionen deren Ende signalisiert, gipfelte in der Vision eines nächsten Jahrhunderts, das ihm «ohne einen Durchbruch zur sittlichen Vernunft» nicht denkbar erschien. Frischs Solothurner Rede endete mit einem Zitat von Voltaire; es steht als Titel über dem zweiten Band von Urs Birchers Frisch-Biographie. «Mit Ausnahme der Freundschaft» behandelt die Zeit von 1956 bis 1991. Im Vorwort gibt Bircher die Kurzfassung seines Bildes des Schriftstellers, der «ebenso zur politischen, literarischen und moralischen Instanz wie zum Staatsfeind Nr. 1 avancierte, der als moderner Klassiker sich selbst überlebte und am Ende seines Lebens von einer neuen Generation wiederentdeckt und zum Mentor erhoben wurde». Der vom Buch umrissene Zeitraum ist nahezu identisch mit Frischs zweiter Lebenshälfte. Sie beginnt mit seinem auf Mitte der fünfziger Jahre zu datierenden Durchbruch als Romancier wie als weithin beachteter Architekturtheoretiker; sie führt von da über den rasch zu Weltruhm gelangten Dramatiker bis zur Leitfigur der europäischen Sozialdemokratie; ihren Ausklang findet sie in einem kunstvollen Alterswerk und den letzten Vorschlägen zur Verbesserung der Schweiz. Am 4. April 1991 stirbt Max Frisch im Alter von achtzig Jahren in seiner Wohnung in Zürich, die Leiche wird verbrannt, die Asche verstreut. Eine Gedenktafel in Berzona, Frischs Tessiner Wahlheimat, erinnert an den Schriftsteller, dessen letzter provokativer Akt darin bestand, sich mit dem Hinweis auf eine mehr als vierzig Jahre währende behördliche Bespitzelung von allem, was ihn mit dem politisch «verluderten» Geburtsland verbunden hatte, loszusagen. Das Bild eines aufrechten Linksintellektuellen zeichnet Bircher in seinem zweiten Band; als «prototypischen Kleinbürger des zwanzigsten Jahrhunderts» sieht er ihn. Der Blick zurück in eine kaum vergangene und doch schon weit zurückliegende Epoche fällt auf einen Schriftsteller, der mitzureden sich stets und fast überall aufgerufen fühlte, auch und vorzugsweise da, wo er gar nicht gefragt worden war. Frischs vielbeschworene «Öffentlichkeit als Partner» ist heute Geschichte. Im Rückblick stellt sie sich als Gemeinde von Gleichgesinnten einerseits, von Konsumenten ideologisch attraktiver Sinnangebote andererseits dar. Ihre Bestrebungen verpufften weitgehend wirkungslos: sie gelangten kaum über die Reichweite der Medien hinaus; die Macht des Kapitals vermochten sie nie ernsthaft zu tangieren (vom Autor am Beispiel der Auflösung der Zürcher Suhrkamp-Dépendance vielsagend-lapidar illustriert). Auch wo Frisch bezüglich des Projekts der Aufklärung von «Preisgabe oder Widerruf» nicht reden mochte, waren seine letzten Lebensjahre von Enttäuschung, ja Bitterkeit geprägt. Nur in der literarischen Arbeit, im Alterswerk eines Erzählers, kam sie zum Ausdruck. «Ich schreibe für mich», konstatiert er in «Montauk» eher ernüchtert als nur verblüfft. Ein denkwürdiger Satz, der zeigt, dass Frisch sein lebenslang geübtes Talent zum Umdenken auch auf die eigene, im steten Beschuss durch die restaurativen Kräfte so gesicherte Position anzuwenden in der Lage war. Man darf Birchers Darstellung übers Ganze gesehen Seriosität, auch Unvoreingenommenheit bescheinigen. Die Arbeit zeugt von eingehendem Studium primärer wie sekundärer Quellen, die seinerzeit tonangebende Literaturkritik kommt ebenso zu Wort wie ein Chor prominenter Stimmen aus Frischs nächstem persönlichem Umfeld. Die Frauen, die Mitstreiter, Freunde und Gegner werden zitiert, Bircher selbst liefert kurze Inhaltsangaben vieler massgeblicher Texte jener Jahre. Auf Inhalte ist der Biograph nicht nur in seinen Nacherzählungen aus; auch in der Beschreibung des Menschen Frisch bleibt er stets an der Oberfläche des Faktischen. Eines tiefergehenden Blicks auf sprachlich-formale Aspekte des Werks - soweit sie nicht von Frisch selbst explizit formuliert wurden - entschlägt er sich weitgehend. Auch Frischs bis heute nachwirkender, lange Zeit stilbildender Einfluss auf andere Schweizer Autoren, man denke an Rolf Niederhauser, an Peter Bichsel, an Jörg Steiner (und etliche andere mehr), wird nicht thematisiert. Einen wissenschaftlichen Anspruch kann man Bircher nicht unterstellen. Jenes «breite Publikum» will er erreichen, das Frischs Werk und Leben «auf dem Hintergrund der historisch-politischen Zusammenhänge kennenlernen möchte». Der Autor, Jahrgang 47, war mit Frisch persönlich bekannt, 1989 betreute er am Schauspielhaus die Uraufführung von Frischs letztem Theaterstück. Aus zahlreichen Gesprächen im Umfeld dieser Produktion gewann er die Grundzüge seines biographischen Projekts, dessen erster Band 1997 unter dem Titel «Vom langsamen Wachsen eines Zorns» erschienen ist. Konnte der erste Band noch mit einer originellen Sicht auf Frischs Entwicklung vom «konservativen Schweizer Dichter zum linkskritischen, europäischen Intellektuellen» überraschen, entsteht im Folgeband nur wenig mehr als das Phantombild jener «Leerstelle», als die sich Frisch schon im ersten literarischen Tagebuch beschrieben hatte. Das Generalthema Identität - Bircher spricht von «Identitätskrise» - wird nun aber schwerpunktmässig überlagert vom Bild eines Intellektuellen, der individuell-literarisches «Probehandeln» auf gesamtgesellschaftliche Prozesse auszudehnen versuchte. Auch damit - oder zumindest in der Erinnerung daran - müsste dieses sich mehr und mehr als denkbar komplex erweisende schriftstellerische Lebenswerk noch heute Aufmerksamkeit und Interesse finden.
Bruno Steiger |
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Frankfurter Allgemeine
Zeitung vom 29. Juni 2000
Bröselndes AlpengesteinBiedermann und Kleinbürger: Das Leben von Max FrischErst kurz vor Max Frischs Tod im Jahr 1991 erfuhr die Öffentlichkeit, dass der Autor über fast vierzig Jahre hinweg aufgrund seiner «staatsgefährdenden» Schriften von der schweizerischen Geheimpolizei observiert worden war. Tatsächlich hatte Frisch jahrzehntelang an dem Ruhm gearbeitet, der «Staatsfeind Nr. 1» zu sein, und ließ keine Gelegenheit aus, sich als «Nestbeschmutzer» unbeliebt zu machen – dabei wusste er erst von einem Teil des Sprengstoffs, der in den Tresoren der Banken lagerte. Man verzieh dem Kritiker der Landesverhältnisse wohl auch nicht das Ansehen, das er als Autor in der Welt genoss. Mit dem Roman «Homo faber» (1957) war ihm der Durchbruch gelungen, und um das Jahr 1970 erreichte seine schriftstellerische Laufbahn, etwa mit dem Empfang durch Henry A. Kissinger im Weißen Haus, den Zenit. Ich habe in dieser Zeit jeder neuen Veröffentlichung von Frisch entgegengefiebert. Aber schon seine letzten anderthalb Lebensjahrzehnte waren für den Frisch-Liebhaber kaum noch aufregend. Und heute? Seien wir ehrlich: Manches haben wir überschätzt. Und längst hat ihn die Ironie der Literaturgeschichte ereilt. Eines seiner bekanntesten Verdikte bewahrheitet sich weniger an Brecht als an ihm selbst, das Wort von der «durchschlagenden Wirkungslosigkeit des Klassikers». Gerade recht kommt da der zweite Teil von Birchers Darstellung, drei Jahre nach dem ersten mit dem Titel «Vom langsam Wachsen eines Zorns. Max Frisch 1911 bis 1955». Urs Bircher, zehn Jahre lang Dramaturg am Schauspielhaus Zürich und wesentlich an der Uraufführung von Frischs letztem Stück «Jonas und sein Veteran» (1989) beteiligt, bringt für eine Biografie die nötige Literaturkenntnis und eine erfreuliche Praxisnähe mit. Er ist Anwalt in der Verteidigung Frischs gegen selbstgerechte schweizerische Polemik und begegnet Frisch mit Hochachtung, ohne vor ihm zu knien. Skeptisch bilanziert er das literarische Werk. Seltsam steril wirken heute Stücke, mit denen Frisch bis in die Klassenzimmer der Schulen vordrang: «Biedermann und die Brandstifter», «Lehrstück ohne Lehre» «Andorra». Türen, die «offiziell weit offen standen», habe er eingerannt, meint Bircher. So offen waren die Türen damals durchaus noch nicht. Aber ein Wertkriterium der Literatur, ihre Vieldeutigkeit, er wies sich hier als fatal. Was die einen als antifaschistische, die anderen als antikommunistische und wieder andere als Kleinbürger-Parabel verstanden» war von solcher Allgemeinheit, dass sich niemand betroffen fühlen musste. Die überzeitliche Wahrheit hat niemals ihre Zeit. Aus dem Dilemma des Parabeltheaters und auf der Flucht vor der Welle von Dokumentarstücken geriet Frisch mit seinem Spiel «Biografie» in eine neue Sackgasse. Was im Roman «Mein Name sei Gantenbein» (1964) zur Gesellschaftssatire hin durchsichtig war: Rollen- und Vatiantenspiel, wird hier zum Lebensexperiment. Aber das Stück widerlegt am Ende seine eigene These von der Wiederholbarkeit und Revision existenzieller Entscheidungen. Unwiederholbar waren von nun an auch die Theatertriumphe. Der Stückeschreiber Frisch überließ sich für ein Jahrzehnt der Resignation. Dass er mit «Montauk» (1975) noch einmal an frühere Erfolge anknüpfen konnte, begründet Bircher vor altern mit den stark autobiografischen Zügen dieser Erzählung. Tatsächlich scheint im Rückblick jene Textgruppe Frischs am haltbarsten, die sich nicht dem Spiel mit Fiktionen, sondern den unmittelbaren Erfahrungen des intellektuellen, leidenden und begehrenden Individuums verdankt.'Deshalb zählen seine Tagebücher mit ihrer Verknüpfung von Beobachtung, Reflexion und Imagination gewiss zu seinen fesselndsten Schriften. Bircher sieht Frisch als Autor des neuen Kleinbürgertums. «Kleinbürgertum» war ein Passepartout, mit dem die Achtundsechziger-Bewegung gern hantierte. Aber mit ihm lässt sich nur ein Teil des Werkes aufschließen. Wohltuend die sachliche Einordnung der inspirierenden, aber tragisch endenden Liebesepisode Frischs mit Ingeborg Bachmann oder der scheiternden Ehe mit Marianne Oellers in den Lebens- und Werkzusammenhang. Entschieden Partei ergreift Bircher im «Zürcher Literaturstreit», der sich 1966 an Emil Staigers Rede zur Verleihung des Literaturpreises der Stadt Zürich entzündete. Staiger verwechselte offenbar seinen Lehrstuhl mit dem Richterstuhl und urteilte die neueren Schriftsteller als Psychopathen und die Gegenwartsdichtung als Kloakenliteratur ab. Frisch beschwor als Gespenst die Erneuerung des Kampfes gegen «Entartete Literatur» und brach für immer das freundschaftliche Verhältnis mit Staiger ab. Schmerzlicher traf ihn der Riss in der Freundschaft mit Dürrenmatt. Immer war diese Freundschaft von Rivalität durchsäuert. Doch verstanden sich beide als die Dioskuren der schweizerischen Gegenwartsliteratur. Beide waren im eigenen Land nicht beliebt, aber Dürrenmatt war geduldet als «Hofnarr», Frisch abgestempelt zum «Staatsfeind». Was der Biograf nicht ausspricht, sei rundheraus gesagt: Uns erscheint der Autor von Stücken wie «Besuch der alten Dame» und «Die Physiker» als das dauerhaftere Urgestein der Alpenrepublik. Walter Hinck |
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«Ich weiss, was ich mir zutrauen darf»
Eben noch ist Dürrenmatt in aller Munde, das kommende Frühjahr aber dürfte eine Saison für Max Frisch werden. Die Jugendbriefe an die Mutter und der zweite Teil von Urs Birchers Frisch-Biografie stimmen auf nüchtern-unpathetische Weise darauf ein. CHARLES LINSMAYER
Wie sich die Dinge gleichen! Zu Beginn des
20. Jahrhunderts sah sich die deutsche Schweiz mit dem Nachlass zweier Autoren konfrontiert, die beide im letzten Jahrzehnt des vorangehenden Jahrhunderts gestorben waren und zusammen mit dem in jenen Jahren neu entdeckten Gotthelf als einzige über die Landesgrenzen hinaus berühmt gewesen waren: Gottfried Keller und C. F. Meyer. Und so bescheiden bis kauzig die beiden - von Gotthelf nicht zu reden! - zu Lebzeiten waren: nach ihrem Tod wurden sie auf viele Jahrzehnte hinaus zur Beute der Professoren und Literaten. In Werkausgaben wurde jedes nachgelassene Blättchen für klassisch und sakrosankt erklärt, wer an der Uni Karriere machen wollte, legte mit Vorteil editorische und biografische Arbeiten über sie vor, und das Schlimmste war, dass die Gelehrten und ihre journalistischen Schüler generationenlang an den Grossen des neunzehnten
massen, was im zwanzigsten Jahrhundert in der Schweiz geschrieben und gedichtet wurde. Bis anhin aber verläuft die postume Rezeption so unaufgeregt und unspektakulär wie Frischs Auftritt zu Lebzeiten. Seine Werke gehören nach wie vor zur Lektüre der jungen Generation, und wenn Unveröffentlichtes wie der Briefwechsel mit Uwe Johnson oder die Notizen und Notate «Jetzt ist Schaffenszeit» herauskam, eignete es sich kaum je zur Heroisierung, sondern liess hinter dem Bild, das sich die Zeitgenossen von Frisch machten, einen unsicheren, suchenden, irritierten, über keinerlei absolute Wahrheiten verfügenden Menschen und Intellektuellen erkennen. Das gilt auch von Urs Birchers kühl resümierender Frisch-Biografie und von dem Band, in dem Urs Obschlager unter dem Titel «Im übrigen bin ich immer völlig allein» Frischs Briefwechsel mit der Mutter sowie die journalistischen Arbeiten von 1933 ediert und kompetent kommentiert hat. ...
Frisch-Biografie, Teil zwei Am bewegendsten ist Birchers Buch in den Jahren, die er selbst als Freund und Dramaturg miterlebt hat: bei der Beschreibung von Frischs letzten, mit dem Jubeljahr 1991 in Zusammenhang stehenden Auftritten und seines einsamen Todes am 4. April 1991 an der Zürcher Stadelhoferstrasse. «Ich plane es Schiff», lautete an jenem Morgen, als er schon halb im Koma lag, einer seiner letzten Sätze, und auf die Frage, ob er da dann der Kapitän sein werde, antwortete er: «Nei, jetzt müend d Lüt sälber für sich luege . . .» © Der Bund |
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