Dokumente zur Dokumentenband zur Schweizerischen Arbeiterbewegung

 

Badener Tagblatt Samstag 8. Juni 1974

Die Alternativuniversität

Von Marcel Beck

Die jüngsten Vorkommnisse am Publizistischen Institut der Universität Zürich liessen manchen aufhorchen, weil dabei von Seiten der unzufriedenen Studenten das Wort «Alternativuniversität» in die Diskussion geworfen wurde. Zwar hat der Rektor der Universität Professoren und Studierende der Journalistik zu konstruktiven Gesprächen vorläufig an einen Tisch gebracht. Dem Frieden ist aber nicht zu trauen, und man darf bezweifeln, ob das Gespräch wirklich ein Gewinn für die Universität sein kann. Denn solange noch die Alternativuniversität gefordert wird, bedeutet Diskussion mit deren Befürwortern soviel wie die Preisgabe der freien Universität. Auf letztere müssen wir aber bestehen, wenn innerhalb einer pluralistischen Gesellschaftsordnung jeder Akademiker nach seiner Façon selig werden will. Und das dürfte der Wunsch der meisten sein.

Was aber heisst nun Alternativuniversität? Die rebellischen Studenten pflegen bei Demonstrationen gegen die Erhöhung der Mensapreise eine Alternativverpflegung anzubieten. Würstchen und Ähnliches werden da zu billigsten Preisen abgegeben. Man setzt anstelle der offiziellen Mensa, mindestens zeitweilig, den Studenten einen andern, von deren progressiven Angehörigen organisierten Mittagstisch vor. Ganz ähnlich ist die Alternativuniversität zu verstehen, als ein Unternehmen nämlich, das, von Studenten geleitet, diesen einen Hochschullehrgang ohne Rücksicht auf die Promotionsordnung der bestehenden Universität gestattet. Letztere ist, progressiver Auffassung nach, abzulehnen, weil in den Ideen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung befangen. Die Alternativuniversität aber würde einen guten Schritt vorwärts zum marxistischen Idealstaat der klassenlosen Gesellschaft führen.

Man möchte meinen, die Idee der Alternativuniversität sei derart absurd, dass für deren Realisierung in der Schweiz eine Möglichkeit überhaupt nicht bestehe. Und es wird ja wohl Herr Dröge, der Vertreter des marxistischen Journalismus aus Bremen die Herren Padrutt und Saxer nicht von ihren Sitzen verjagen. Angestrebt bleibt aber bei einem Teil der Studenten der Journalistik mindestens ein Studiengang marxistischer Richtung in ihrem Fach, selbstverständlich vorläufig noch neben einem traditionellen, der den bisherigen Vertretern überlassen bliebe, so etwa im Stile theologischer Fakultäten, wo vielfach ein und dasselbe Fach von zwei Professoren vertreten ist: einem Positiven und einem Liberalen. Mag sein, dass der gegenwärtige Rektor, ein Theologe, aus den Erfahrungen in der eigenen Fakultät sich im Falle der Publizistik um das obgenannte Gespräch bemühte.

Eine Umschau in andern Fakultäten, in der Phil. I, bei den Historikern etwa, müsste Herrn Rektor Leuenberger aber eher skeptisch stimmen. Da existieren zum Beispiel sogenannte freie Tutorate, wo vom Staate bezahlte ältere Studenten (Tutoren), ohne wesentliche Kontrolle durch Professoren, jüngere Semester an Stoffe wie Methodologie, Kolonialismus, Imperialismus usw. ausgiebig mit Artikeln aus dem marxistischen Katechismus berieseln. Gelegentlich hängen Plakate im Korridor des Seminars: «Studenten, nehmt eure Lehrveranstaltungen selbst in die Hand, besucht die Tutorate». Das schon hört sich an wie Alternativuniversität. Hier spürt man nichts mehr vom Willen, als Universitas von Lehrern und Schülern zusammenzuarbeiten. Dabei wurden die freien Tutorate durch die tripartite Seminarkonferenz (Professoren, Mittelbau und Studenten zu gleichen Teilen vertreten) beschlossen. Ein Antrag dafür, an die Fakultät weitergeleitet, daselbst aber weder besprochen noch begutachtet, wurde von dieser an die Historiker zurückgegeben mit der Aufforderung, , direkt mit der Erziehungsdirektion darüber zu verhandeln. Letztere, damals unter der Leitung von Dr. Walter König – es war dies nach meiner Erinnerung 1969/70 – und noch im Gelde schwimmend, gewährte die Kredite für die freien Tutorate sofort. Ich meine, es wäre gut, wenn man angesichts der gegenwärtigen Knappheit an staatlichen Geldmitteln die freien Tutorate – sie sind schliesslich bisher ein blosses Experiment – etwas schärfer unter die Lupe nähme, namentlich auch weil dank deren Existenz im Historischen Seminar der Universität Zürich bereits eine Art oder mindestens der Vorläufer einer Alternativuniversität besteht.

Ich brauche dafür bloss auf den jüngsten Verlagskatalog der Firma Huber in Frauenfeld hinzuweisen. Da wurde ein Buch angezeigt unter dem Titel «Schweizerische Arbeiterbewegung. Dokumente zu Lage, Organisation und Kämpfen der Arbeiter von der Frühindustrialisierung bis zur Gegenwart», für das eine «Arbeitsgruppe zur Geschichte der Arbeiterbewegung Zürich» verantwortlich zeichnete. Zu diesem Werke entnehmen wir dem oben erwähnten Katalog folgende Sätze: Proletarier in der Schweiz? – hat es nie gegeben. Bei uns gibt es Angestellte, Mitarbeiter, Arbeitnehmer, schlimmstenfalls Arbeiter. Klassenkampf? – erst recht nicht. Wir haben Tarifverhandlungen, Gesamtarbeitsverträge, Arbeitsfrieden.

So oder ähnlich mögen heute Antworten auf entsprechende Fragen ausfallen; Antworten, die auf erschreckende Weise deutlich machen, welch einseitiges Geschichtsbild an unseren Schulen und in den Massenmedien vermittelt wird. In unsern Geschichtsbüchern steht die Geschichte der Herrschenden, diejenige der Beherrschten wird weitgehend verschwiegen. Der grösste Teil der Bevölkerung, die Arbeiterklasse, lebt ohne das Bewusstsein, in der Geschichte jemals eine aktive Rolle gespielt zu haben.» Ferner heisst es zum Dokumentenband: «Er eignet sich ausgezeichnet als Lehrmittel, Lektüre für Politiker, zum Selbststudium sowie für Schulungskurse von Parteien und Gewerkschaften».

Gegen dieses Buch wäre nichts einzuwenden als die blosse Tatsache, dass sich in der Arbeitsgruppe zwar sehr viele Studenten befinden, jedoch kein einziger Zürcher Professor, wohl aber ein aus Paris geholter, als Gastdozent der Universität Zürich während des Wintersemesters 1973/74 wirkender Marxist – Prof. Georges Haupt – der die 40 Mitglieder umfassende Arbeitsgruppe mit dem reinsten Öl seiner Lehre salbte. Dies ist schon Alternativuniversität «per definitionem». Man wartet gespannt auf Auswahlprinzipien und Kommentare der Texte. Dem Vernehmen nach soll eine vorläufig lediglich vervielfältigte Auflage des Werkes in der gestelzten Fachsprache des marxistischen Sozionesischen geschrieben sein, das von unsern Arbeitern kaum verstanden wird – was immerhin beruhigend wirkt.

Dagegen ist zu beachten, dass das an Raum knappe Historische Seminar der Universität Plätze zur Verfügung stellte für die Bearbeiter eines allem Anscheine nach marxistischen Lehrmittels. Viele von den 40 Mitgliedern der Arbeitsgruppe sind Überständer, das heisst Studierende mit 12, 14 und mehr Semestern – von der «schweigenden Mehrheit» die «progressive Lobby» genannt – die nicht einmal das auf 8 Semester berechnete Lizentiatsexamen bestanden haben, sich jedoch als ehrwürdige Propheten des Marxismus gebärden und jüngeren Semstern den Platz versperren. Ein schönes Beispiel für das rücksichtslose Schmarotzertum, mit dem sich die im Entstehen begriffene Alternativuniversität in die eigentliche Universität einnistet. Zudem schlichen sich in die Übungen von Herrn Haupt Elemente ein, darunter solche aus der Umgebung des Herrn Pinkus, die nicht einmal die Auditorengebühren bezahlen wollten, obwohl sie längst nicht mehr der Studentenschaft angehören. (A propos: Ein Musterbeispiel dafür, wie die Universität in eine marxistische Indoktrinationsanstalt «umfunktioniert» werden kann, auf Kosten des kapitalistischen Staates selbstverständlich. ). Unter Verwendung fadenscheiniger Ausflüchte verweigerten sie es, ordnungsgemäss ihren Obolus hinzulegen. Ein jämmerliches Gebaren für Staatsbürger, die die Änderung der gesellschaftlichen Ordnung im Schilde führen. Und das geschieht alles um ein Werk herum, das – der Geisteshaltung der «Arbeitsgruppe» nach zu schliessen – mit einseitig marxistischem Kommentar durch den Verlag Huber in Frauenfeld dem schweizerischen Publikum als Lehrmittel angeboten wird.

Das Buch trägt aber auch das Signet der Universität Zürich. Zu dessen Entstehen steht nämlich im Prospekt geschrieben: «Die … Arbeitsgruppe für Geschichte der Arbeiterbewegung Zürich, Studenten (doch wohl der Universität), Lehrer und Assistenten (doch wohl von der Universität und vom Staate bezahlt), forscht seit drei Jahren in diesem von der Geschichtsschreibung vernachlässigten Bereich» und ferner. «Durchführung eines Forschungsseminars an der Universität Zürich mit Prof. Georges Haupt, Paris». Universität Zürich! Professor Haupt, Paris! Da greift jeder ungesäumt in die Tasche. Zudem ist der Band aussergewöhnlich billig: 20 Franken bei ca. 400 Seiten und vielen Faksimiles. Subvention? Und wenn ja, woher? Was ging da wohl alles hinter den Kulissen vor? Es wäre sicher richtig, wenn die zürcherischen Behörden sich des Falles annähmen, mir scheint nämlich, als befinde sich die Alternativuniversität wie ein trojanisches Pferd schon innerhalb der Mauern der Alma Mater Turicensis.

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