Dokumente zur Dokumentenband zur Schweizerischen Arbeiterbewegung

 

Nachtrag zur Dokumentation: die «Affäre Suhrkamp»

Nach dem Vertragsbruch der Firma Huber lagen der Arbeitsgruppe verschiedene Verlagsangebote vor, u. a. auch des Suhrkamp Verlages Zürich: «Wir sind … an Ihrem Projekt über die Schweizerische Arbeiterbewegung grundsätzlich interessiert» (Brief vom 12. 8.). Nach Prüfung verschiedener Möglichkeiten beschloss die Arbeitsgruppe mehrheitlich, auf das Angebot des Suhrkamp Verlages einzutreten. Dieser bestätigte daraufhin in einem weiteren Brief (16. 8. ), «dass wir uns grundsätzlich entschlossen haben, das Buch im Programm von Suhrkamp Zürich (innerhalb der Suhrkamp Taschenbücher) herauszubringen». Auf Mitte September wurde der Vertragsabschluss zugesagt. Mehrere Lektoren lasen das Manuskript und beurteilten es durchwegs positiv.

Am 24. 9. teilten die Verlagsleiter des Suhrkamp Verlages Zürich anlässlich einer Unterredung mit Mitgliedern der Arbeitsgruppe mit, dass offenbar von dritter Seite Druck auf den Verlag ausgeübt worden sei: so soll beispielsweise die Zentrale des Suhrkamp Verlages in Frankfurt Kenntnisse gehabt haben, dass der Plan bestand, das Buch bei Suhrkamp Zürich zu publizieren, bevor die Zentrale offiziell aus Zürich über das künftige Verlagsprogramm informiert worden war! Bei derselben Besprechung wurde aber von Seiten der Verlagsleiter unmissverständlich klar gemacht, dass am Erscheinen aller vorgesehenen Titel (also inklusive des Quellenbandes) festgehalten würde, und dass keinesfalls auf ein einzelnes Werk verzichtet würde. Der definitive Entscheid wurde auf den 20. 10. zugesagt, d. h. nach einer internen Besprechung zwischen der Zürcher und der Frankfurter Verlagsleitung.

Am 22. 10. wurde der Arbeitsgruppe vorerst telephonisch mitgeteilt, dass der Leiter des Suhrkamp Verlages, Unseld, die Veröffentlichung abgelehnt habe; Gründe wurden keine bekanntgegeben.

Dies macht deutlich, dass der kürzlich gegründete Suhrkamp Verlag Zürich nichts anderes ist als eine Ablage von Frankfurt und in seinen Entscheiden auch von der Zentrale abhängig ist. Der Suhrkamp Verlag Zürich wurde wohl eher aus steuertechnischen Gründen eingerichtet und weniger um die Schweizer Kulturlandschaft zu beleben.

Bei der «Affäre Suhrkamp» ist nicht bekannt, wie und durch welche Kreise Druck auf den Verlag ausgeübt worden ist. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass die Winterthurer Familie Reinhart/Volkart ein bedeutendes Aktienpaket des Suhrkamp Verlages besitzt und auch im Verwaltungsrat vertreten ist.

Es zeigen sich in der «Affäre Suhrkamp» somit die gleichen Mechanismen wie in der «Affäre Huber»: kritische Auffassungen, welche der herrschenden Meinung widersprechen, können von Aussenstehenden aufgrund ihrer Macht und entsprechenden Beziehungen mühelos unterdrückt werden. Die beiden Affären zeigen auch, dass diese Praxis, missliebige Publikationen zu verhindern, systematisch gehandhabt wird.

Zürich, 23. Oktober 1974

Arbeitsgruppe für Geschichte der Arbeiterbewegung Zürich

© Limmat Verlag

Limmat Verlag Homepage

Web-Betreuung