Dilney Cunha

Das Paradies in den Sümpfen

Eine Schweizer Auswanderungsgeschichte nach
Brasilien im 19. Jahrhundert

Herausgegeben und mit einem Vorwort von Hans-Jürg Fehr
Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Beat Grüninger
und Hans Peter Waltisberg

Titel der Originalausgabe: «Suiços em Joinville. O duplo desterro»
272 Seiten, 43 Fotos, 3 Karten, Pappband
ISBN 3-85791-471-8

Rd_tri.gif (202 Byte) Dilney Cunha

Rd_tri.gif (202 Byte) Zum Buch

Rd_tri.gif (202 Byte) Text

Rd_tri.gif (202 Byte) Stimmen

Kurze Inhaltsangabe

Im Auftrag der Stadt Joinville hat der brasilianische Historiker Dilney Cunha die Entstehungsgeschichte der 150-jährigen südbrasilianischen Stadt aufgearbeitet. Seine Recherche führt ihn in die Schweiz, in die Region Schaffhausen. Von dort brachen im 19. Jahrhundert 444 der 739 Schweizerinnen und Schweizer auf, die der Armut durch Auswanderung entfliehen
wollten.

Ihnen wurde das Paradies auf Erden versprochen, die Realität präsentierte sich anders: Im Sumpfgebiet mitten im dichten atlantischen Regenwald wurden die Schweizer Auswanderer zum Spielball der Interessen einer deutschen Kolonisationsfirma, der brasilianischen Regierung und der Schweizer Gemeinden, die ihre Reisevorschüsse zurückerhalten wollten. Durch die brasilianische Sicht Cunhas auf die damalige Schweiz hebt sich das Buch überraschend von bestehenden Auswanderungsbüchern ab. Und jenseits von Brasilienklischees schildert es die Entstehung einer Stadt, die heute zu den zukunftsträchtigsten Wirtschaftsmetropolen Brasiliens zählt.

Dilney Cunha, geboren 1971, Studium in Geschichte und Historiographie in Joinville. Arbeitete im Historischen Archiv Joinvilles, das über eine der grössten Sammlungen zur europäischen Einwanderung in Brasilien verfügt. Heute als Lehrer an einer öffentlichen Schule tätig.

Textprobe

Inhalt

Vorwort von Hans-Jürg Fehr

Die «vergessenen» Schweizer

Betrachtungen zur Schweizer Geschichte

Die Auswanderung

Ursachen der Auswanderung

Der brasilianische Kontext

Die Interessen Hamburgs in Brasilien und das Zustandekommen der späteren Kolonie Dona Francisca

Propaganda

Reisevorbereitungen

Abschied und Reise

Die Siedlung

Der schwierige Anfang im «verheissenen Land»

Wirtschaftliche Organisation

Politische Organisation

Religion und Unterricht

Gesellschaft und Kultur

Schlussbemerkungen

Anmerkungen

 

Vorwort

Mitten in der brasilianischen Stadt Joinville steht seit wenigen Jahren ein Denkmal. Es wurde im Jahr 2001 aus Anlass des 150. Geburtstages der Stadt feierlich enthüllt. Es zeigt eine Art Tanne mit sieben übereinander liegenden weissen Schweizer Kreuzen mit nach oben abnehmender Grösse. Darunter als Fundament die stilisierte Nationalflagge mit dem weissen Kreuz im roten Feld und darunter nochmals ein weisses Kreuz. Die «Tanne» steht auf einem quadratischen Sockel und dieser wiederum ruht auf einem grossen, runden, in die Erde gelegten Körper. Auf der Oberfläche dieses von Pflanzen umrankten Steins sind die Namen der Gründerinnen und Gründer der Stadt eingeritzt: Storrer, Greutmann, Vogelsanger, Baumer, Schmidlin, Stamm, Tanner, Wanner und Dutzende andere. Die Namen verraten die Herkunft der Siedler: die Schweiz, vor allem der Kanton Schaffhausen.

Die Auswanderer waren allesamt arme Leute, die keine Zukunft sahen in ihrer Heimat. Sie wurden zwar nicht gerade vertrieben, aber die Gemeindebehörden förderten die Auswanderung der Armen nach Kräften. Das war billiger, als ihnen zu Hause eine Lebensperspektive zu schaffen oder sie mit Sozialhilfe über die Runden zu bringen. Die Gründerinnen und Gründer von Joinville waren genau das, was wir heute als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnen.

Die stilisierte Schweizer Fahne des Denkmals und das darunter liegende Kreuz symbolisieren die Herkunft und die Wurzeln der Eingewanderten, die sieben oberen Ringe beziffern die Zahl der Generationen, die seit der Gründung in dieser Stadt lebten und leben. Die Eingewanderten waren die erste Generation, die heutigen Kinder sind die siebente. Sie sprechen nicht deutsch, sie verstehen diese Sprache nicht einmal mehr. Ihre Eltern verstehen die Sprache noch, ihre Grosseltern können noch beides, deutsch reden und verstehen. Dieser Sprachverlust geht einher mit dem Erinnerungsverlust.

Wo die überlieferte Erinnerung verblasst, wächst das Bedürfnis nach schriftlicher Fixierung, nach Geschichtsschreibung. Was nicht mehr in den Köpfen ist, gehört wenigstens aufgeschrieben. Darum gibt es dieses Buch. In Auftrag gegeben und finanziert von Joinvilles Regierung. Erforscht und verfasst vom dort lebenden Historiker Dilney Cunha, einem Wissenschafter mit perfekten Deutschkenntnissen, der sogar mühelos die in der alten deutschen Schrift geschriebenen Dokumente zu lesen vermag und im Stadtarchiv von Joinville einen beeindruckenden Bestand an deutschsprachigen Dokumenten erschlossen hat. Cunha hat über Einwanderung geschrieben, nicht über Auswanderung, und genau dieser Perspektivenwechsel ist es, der dieses Buch von anderen mit ähnlicher Thematik grundlegend unterscheidet.

Das Bedürfnis, die eigene Geschichte lebendig zu erhalten, erschöpft sich aber nicht in diesem Buch. Die Behörden von Joinville wünschen sich Partnerschaften mit den schweizerischen und deutschen Gegenden, aus denen die Immigrantinnen und Immigranten einst kamen. Sie möchten Beziehungen aufbauen, die in der Gegenwart angesiedelt und auf die Zukunft ausgerichtet sind. Joinville ist eine blühende Stadt mit 500000 Einwohnerinnen und Einwohnern im hoch entwickelten Südosten Brasiliens. Sie hätte uns einiges zu bieten. Wenn dieses Buch dazu beiträgt, auf der Basis der gemeinsamen historischen Wurzeln solche partnerschaftliche und lebendige Beziehungen aufzubauen, dann hat es mehr erreicht, als der Verfasser und der Herausgeber zu hoffen wagten.

Hans-Jürg Fehr

Die «vergessenen» Schweizer

Das vorliegende Werk erzählt von der Schweizer Einwanderung und Siedlung in Dona Francisca/Joinville zwischen 1851 und dem Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Es ist das Resultat meiner Forschungen in den Jahren 2000 bis 2002 in der Schweiz und in Brasilien.

Zuerst ging ich in Schweizer Archive und Bibliotheken, vor allem in den Herkunftsgemeinden der Einwanderer, die sich im neunzehnten Jahrhundert auf der ehemaligen Kolonie Dona Francisca, der heutigen Stadt Joinville, niederliessen. Deshalb konzentrierte ich mich in meinen Nachforschungen auf die Dörfer und Städte der Kantone Schaffhausen, Bern, Aargau, Fribourg und Zürich.

Ich forschte in den kleinen und gut organisierten Archiven der Landgemeinden sowie in den Stadt- und Kantonsarchiven. Dabei stiess ich auf eine grosse Vielfalt an Dokumenten – grösstenteils bislang unveröffentlichte –, die von Korrespondenzen zwischen den Schweizer Behörden und dem Colonisations-Verein in Hamburg, Berichten und Auswandererbriefen über Kirchenregister, Protokolle und Sitzungsakten bis zu Propagandamaterialien, Büchern und Zeitungsartikeln von damals bis heute reichen. In Brasilien setzte ich die Arbeit im Historischen Archiv von Joinville fort, bearbeitete aber auch die Archive der lutheranischen Kirchgemeinden der Stadt.

Meinen Nachforschungen lagen eine Feststellung sowie ein Zweifel zugrunde: Unzählige Nachkommen Schweizer Einwanderer wohnen noch immer in Joinville, doch bezeichnen sie sich selbst als «deutschstämmig». Individuelle und kollektive Erinnerungen scheinen verloren gegangen oder «gelöscht» worden zu sein. Was waren die Gründe für diesen Prozess?

Die Schweizer Einwanderung war in den Anfängen der Besiedlung von Dona Francisca von grosser Bedeutung. Die Schweizer machten selbst die Mehrheit der Koloniebevölkerung aus. Trotzdem wurden sie praktisch aus der lokalen Geschichtsschreibung verbannt. In Randbemerkungen wurde auf sie verwiesen, eine tiefer schürfende spezifische Studie wurde jedoch nie durchgeführt. Immer standen die deutschen Einwanderer im Mittelpunkt und nicht selten wurden diese als die «wirklichen Gründer» von Joinville bezeichnet. Daraus abgeleitet sei Joinville eine «deutsche» Stadt, ein Bild, das zudem in der Fremdenverkehrswerbung noch verstärkt wurde.

In der lokalen Geschichtsschreibung bestand die Tendenz, die Beiträge der weiteren Einwanderergruppen – zum Beispiel der Schweizer, Norweger, Belgier, Holländer, Franzosen, Österreicher und Finnen – und der «eingeborenen» Bevölkerung wie der Portugiesen, Afrobrasilianer und Indios nur zweitrangig zu berücksichtigen oder gar zu «löschen». Dadurch erstellte man eine «Geschichte der Einheitserinnerung», der Erinnerung der Mehrheit, konstruiert durch die in ihr dominierende Elite.

Die vorliegende Arbeit weicht von der genannten Geschichtsschreibung, die man in diesem Fall als herkömmlich bezeichnen könnte, ab. Es soll hier eine andere Erinnerung, das Wissen und Schaffen und die Beteiligung einer anderen Gruppe, die der Schweizer und ihrer Nachkommen, am Aufbau und der Entwicklung der Kolonie und der Stadt dargestellt werden. Hiermit soll weder eine neue «offizielle Geschichte» geschrieben noch die vorliegende Fragestellung abschliessend behandelt werden.

(…)

Pressestimmen / Rezensionen

Rd_tri.gif (202 Byte) Klettgauer Zeitung / Schaffhauserland vom 16. Oktober 2004
Rd_tri.gif (202 Byte) Schaffhauser AZ vom 21. Oktober 2004
Rd_tri.gif (202 Byte)
Schaffhauser Nachrichten vom 22. Oktober 2004
Rd_tri.gif (202 Byte) Schleitheimer Bote vom 23. Oktober 2004
Rd_tri.gif (202 Byte) Rheinfall-Woche vom 16. Dezember 2004
Rd_tri.gif (202 Byte) Bücher zu Lateinamerika 2006

Stimmen

«Ein lesenswertes Buch über ein wenig bekanntes Thema.» Bücher zu Lateinamerika 2006, Köln

«Das Buch setzt neue Massstäbe in der brasilianischen Einwanderungsforschung und ist zudem auch für Laien amüsant zu lesen.» Schaffhauser AZ

«Das Restaurant Schützenstube schien aus allen Nähten zu platzen, als Nationalrat und Herausgeber Hans-Jürg Fehr die Vernissage eröffnete. (…) Er habe das Buch in einem Zug gelesen und sei tief bewegt, sagte Regierungspräsident Erhard Meister.» Schaffhauser Nachrichten

«Cunha beleuchtet alle Facetten von der unwirtlichen Wirklichkeit des zu kolonialisierenden Landes über das Leben und die Einflüsse und Beeinflussungen und was daraus geworden ist.» Schleitheimer Bote

 

Rezensionen

 
 

Rd_tri.gif (202 Byte) Zurück zu Pressestimmen

 

© Limmat Verlag

Limmat Verlag Homepage

Web-Betreuung