Martha Farner
Alles und jedes hatte seinen Wert
Mit einem Porträt der Autorin von Laure Wyss

2000, 128 Seiten, 20 Abbildungen, Pappband
ISBN 3-85791-352-5

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Kurze Inhaltsangabe
Martha Farner erzählt genau und liebevoll, wie es damals im Schwyz ihrer Kindheit und Jugend war. In schlichter und präziser Sprache berichtet sie über das werktägliche Leben zu Anfang des Jahrhunderts: Waschtage, Fahrende, die Grabbeterin, den Zahnarzt, der auch ein Schmuckhändler ist, die Fastenzeit, Bergbäuerinnen und anderes mehr.

Inhalt

  • Alles und jedes hatte seinen Wert, nichts wurde weggeworfen

  • Über die Fecker

  • Die Grabbeterin in Schwyz — es war ein anspruchsvoller Beruf

  • Fastenzeit in Schwyz

  • Vetter Stutzer

  • Zahnärztliches von damals

  • Zwei Schwestern

  • Zingle

  • Waldegg

  • Vater L. oder das Milchbänkli

  • Martha Farner
    Porträt von Laure Wyss

 

Foto Georg AnderhubMartha Farner, geboren 1903 in Schwyz. Nach dem Tod ihres ersten Gatten bildete sie sich 1930 als Heimweberin aus und arbeitete anschliessend als Weblehrerin mit Bergbauernfrauen im Kanton Schwyz. Ende der siebziger Jahre begann sie mit der Aufzeichnung ihrer Erinnerungen. Martha Farner starb 1982.

Textprobe

Alles und jedes hatte seinen Wert, nichts wurde weggeworfen

Im Frühjahr und im Herbst war der grosse Waschtag, das heisst, alle grossen Wäschestücke wie Leintücher, Tischtücher, Bettanzüge wurden nur zweimal im Jahr gewaschen. Dies bedingte eine grosse Aussteuer der Braut, und in der Tat war es ein «Puntenöri» (Ehrensache) einer jeden Braut, eines jeden Mädchens, soviel wie nur möglich für die Aussteuer zu sammeln; es gab sogenannte Aussteuer-Truhen, in welchen man alles aufbewahrte, wie Eichhörnchen die Nüsse vor der Winterszeit. Ich kenne Frauen, welche bis zu zwölf Dutzend Leintücher in die Ehe brachten. Meine Mutter brachte 86 Paar handgestrickte Strümpfe in die Ehe, aus ganz feinem blauweissem Leinen gestrickt. Sie passten ausgezeichnet zur FHD-Uniform, und meine Schwester trug sie während des Krieges zur Arbeit als Fahrerin. Entsprechend den Leintüchern auch ebenso viele Tischtücher, vom Damast bis zu den Werktagstischtüchern, die aus Baumwolle waren; ungezählte Servietten, Handtücher, Unterwäsche, von Taschentüchern nicht zu reden, lagen doch zwischen den beiden Wäschen fünf bis sechs Monate. Zwischendurch gab es die sogenannte «Kinderwäsche» einmal im Monat, wo man Nötiges noch beilegen konnte, aber strikte waren die beiden Frühjahrs- und Herbstwäschen.

Die Hauptperson und Verantwortliche für die gesamte Wäsche war die «Sechterin». Was dieses Wort bedeutet, werden wir später lesen. Also die Sechterin kam am Stephanstag (26. Dezember) zur Herrschaft, brachte gleich den Zugerkalender mit, um diese wichtigen Waschtage einzuschreiben, denn es warteten noch viele andere Frauen auf das Eintragen in den Kalender. Natürlich wurde diese Frau gut bewirtet mit Kaffee oder Wein, Käs' und Brot oder Süssem, je nach Jahreszeit. Die Sechterin hatte viele Aufgaben und war eigentlich die Regentin in der Waschhütte.

Die Waschhütte befand sich meistens in einem Nebengebäude, im «Büüli» oder «Schopf», oder in der Dorfwaschhütte, welche allen Frauen zugänglich war.

Die grosse Vorbereitung begann mindestens eine Woche vor der Wäsche. Die hölzernen Zuber mussten «verlächt» werden, d.h. die Zuber hatten offene Spälte, also legte man sie ins Wasser; es waren deren viele und in allen Grössen, runde und ovale. Der grösste Zuber, in welchem gesechtet wurde, hiess «Stande? und konnte nur mittels eines hölzernen Kännels bewässert werden; er war mindestens 1,50 mal 2 Meter gross. Es brauchte einige Tage, bis diese Stande das Wasser nicht mehr durchliess.

Eine weitere Vorbereitung war das Einweichen der Wäsche. Im Estrich waren exakt an Eisenhaken Holzstangen angebracht, wo man die schmutzige Wäsche das Halbjahr durch «verlüften» liess. Alles schön geordnet: die Leintücher, die Baumwollenen, die Tischtücher, die Servietten, die kleine Bettwäsche, Herrenhemden und so fort. Die Dienstwäsche hing an einer extra Stange, in einem Sack die Monatsbinden. Aus den groben Leintüchern band man mit der sortierten Wäsche Bündel und schlitterte diese über das Treppenhaus in die Waschhütte hinunter, wo alles schön verteilt in den Holzzubern eingeweicht wurde. Dies mindestens zwei Tage vor dem Beginn des Waschtages. Es gab ja damals noch kein Waschpulver, welches «schaumleicht» die Flecken wegzauberte.

Die Sechterin, eben die Regentin der Wäsche, dingte noch drei Wäscherinnen für diesen Termin. Ausser diesen kam vor der Wäsche immer das Bethli — sie war verantwortlich für das richtige Einweichen, später auch für das Spülen und Stärken der Wäsche. Die Herrenhemden waren stets die Hauptsache; denn so ein Ratsherr oder Landammann musste eine gut gestärkte Hemdenbrust und Manschetten haben ? also kam Bethli mindestens einen Tag vor der Wäsche.

Nebst allem traf man im Haushalt Vorbereitungen für die fünf zusätzlichen Esser (wir waren bereits eine Grossfamilie); nach althergebrachter Meinung »zehrt» das Wasser und macht Hunger. Ohne Auto, mit Handwägeli — oder der Knecht mit Ochsengespann — holte man alles aus dem Dorf, was nötig war. Es brauchte vieles, denn eine Waschfrau hatte im Tag sechs Essen: Morgenessen, Znüni, Zmittag, Zabig, Zfüfi und das Nachtessen. Znüni und Zfüfi brachte man in die Waschhütte, die andern Mahlzeiten wurden in der Küche serviert.

Hier die Menukarte: Morgenessen um halb sieben Uhr: Milchkaffee, Brot, Butter, Confiture und Biräschnitz. Um neun Uhr: ein Glas Wein (leichter), ein Stück Kuchen. Mittagessen: Suppe, Fleisch, Gemüse, Kartoffeln, gekochte Äpfel. Um 3½ Uhr (Zabig): Milchkaffee, Brot, Käse und gekochte Schnitz. Um fünf Uhr (eben Zfüfi): ein Glas Wein, ein Stück Kuchen (Griess oder Polenta). Nachtessen: wer wollte, Suppe oder Milchkaffee mit Butter, Käse und Confiture, gesottene «Gumeli» (Kartoffeln) durften nie fehlen.

Erster Waschtag

Am ersten Waschtag kamen ausser dem Bethli nur zwei Wäscherinnen. Frühzeitig, ich möchte sagen um fünf Uhr, musste in der Waschhütte Feuer gemacht werden, wenn die Frauen um sieben Uhr die «Arbeit in die Hände nahmen», so kann man wohl sagen! Die eingeweichte Wäsche wurde Stück für Stück vorgewaschen und besonders schmutzige Stellen mit guter Kernseife eingerieben (Weinflecken, Herrenmanschetten usw.) und wieder wohlgeordnet in die Zuber gelegt, jede Sorte für sich. So den ganzen Tag.

Zweiter Waschtag

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Pressestimmen / Rezensionen
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Schaffhauser Nachrichten vom 7. Oktober 2000 
Rd_tri.gif (202 Byte) Neue Zürcher Zeitung vom 7. November 2000 
Stimmen

«Ihre Erinnerung ist so genau, ihre Sprache so träf, dass aus ihrer Schilderung eine Art Volkskunde der Innerschweiz zu Beginn dieses Jahrhunderts entstanden ist.» Die Weltwoche

«Laure Wyss stellt in ihrer unnachahmlichen persönlichen Art Martha Farner vor und schildert die Höhen und Tiefen des Lebens der Schwyzer Patrizierin, die einen kommunistischen Intellektuellen geheiratet hatte.» Tages-Anzeiger

«Sie wuchs in Schwyz auf, im herrschaftlichen Maihof, verlor 1931 nach sechs Jahren Ehe mit 28 Jahren ihren Mann, heiratete zehn Jahre später ein zweites Mal: den marxistischen Intellektuellen Konrad Farner. Mit ihm durchlebte Martha Farner, geborene Gemsch, verwitwete von Reding, die Jahre der Anfeindung und des Pogroms von Thalwil. «Er hat ja nichts anderes gemacht, ausser dass er Marxist war und Bücher schrieb», sagte sie im Rückblick. In den Dreissiger- und Vierzigerjahren belebte sie im Raum Schwyz das Weben, half den Frauen, ihre eigenen Stoffe zu kreieren, durch Heimarbeit zu Geld und Selbstständigkeit zu kommen. Und sie schrieb volkskundliche Texte über das Leben und Werken damals in Schwyz. Eine Sammlung dieser Texte ist 1986 erstmals erschienen, ergänzt mit einem Porträt der Autorin von Laure Wyss. Eine Neuauflage des Bändchens ist jetzt mit Fotos ausgestattet, die das
Erzählte noch anschaulicher machen. bug Neue Luzerner Zeitung

Rezensionen
Schaffhauser Nachrichten vom 7. Oktober 2000

Lebendige Zeitgeschichte 

Volkskundliche Berichte in einer glasklaren Sprache: Das sind Martha Farners kleine und beeindruckende Geschichten aus der Innerschweiz.

Dieses Jahrhundert hat technische Riesensprünge gemacht. Das zeigt, nicht zuletzt, ein kleines Bändchen, das der Limmat Verlag jetzt neu aufgelegt hat: Martha Farners «Alles und jedes hatte seinen Wert ist neu mit Fotos der Autorin aus verschiedenen Lebensphasen versehen worden und beeindruckt durch seine schlichte, träfe Sprache und die Authentizität der Schilderungen. Ihr Bericht über den Waschtag zu Beginn des Jahrhunderts ist ein eindrückliches Stück Sitten- und Zeitgeschichte und ein unverzichtbares volkskundliches Dokument. Wo die heutige Hausfrau die Dreckwäsche einfach in die Waschmaschine steckt und einen Knopf drückt, mussten die Frauen zu Beginn dieses Jahrhunderts eine Woche Arbeit investieren, Wäscherinnen und Glätterinnen kamen, um die Schwerstarbeit zu erledigen. Waschtag aber war auch ein kommunikatives Ereignis, bei dem Neuigkeiten ausgetauscht und Nachrichten übermittelt wurde.

In Martha Farners Schilderungen steht der Alltag, das Gewöhnliche im Vordergrund, akribisch genau geschildert, mit Liebe zu den Leuten und zum Detail. Ob sie über die Fecker (Jenische), die letzte Grabbeterin im Kanton Schwyz schreibt, über den Zahnarzt und den Apotheker, so spürt man stets die Verbundenheit zu den Leuten, zur Gegend und ihren Gewohnheiten. Und doch sind es keine beschönigend idyllisierende Geschichten, sondern Kabinettstücke individuell erlebter Zeitgeschichte. Im Nachwort hat die Journalistin Laure Wyss ein berührendes Porträt über Martha Farner geschrieben, das die Umstände und Entstehungsgeschichte dieser volkskundlichen Aufsätze erhellt, die schon Anfang der 70er-Jahre im «Tages-Anzeiger»-Magazin und in der «Zeitschrift für Volkskunde» erschienen sind. Dieser ungewöhnlichen Frau, die sich grosse Verdienste ums Handwerk der Weberei verdient machte und die Heimarbeit im ganzen Kanton revolutionierte, um den Frauen zu einem Stück Emanzipation zu verhelfen, gebührte eigentlich ein ganzes Buch. Denn das Leben Martha Farners, die verheiratet war mit dem Kommunisten und Kunstgeschichtler Konrad Farner, ist selbst eine Stück lebendige Zeitgeschichte, unrühmliche Schweizer Zeitgeschichte. Sie zeigt auch, wie eine Familie noch in den 50er- und 60er-Jahren wegen ihrer politischen Überzeugung stigmatisiert, gequält und beleidigt wurde. Martha Farner, so schreibt Laure Wyss, «wurde in den Läden nicht mehr bedient, man redete nicht mehr mit ihr». Und die Kinder wurden in der Schule nicht mehr aufgenommen. Das alles ist noch nicht einmal ein halbes Jahrhundert her. «Er hat ja nichts anderes gemacht, ausser dass er Marxist war und Bücher geschrieben hat», stellte Martha Farner fest, die der politischen Einstellung ihres Mannes Konrad nie etwas angekreidet hat. All diesen furchtbaren Erlebnissen zum Trotz hat sich die tapfere Frau, die dem Land eine komplette Sammlung über die Geschichte der Schweizer Weberei hinterliess, nicht unterkriegen lassen und behielt ihre Würde, so, wie sie die Leute in ihren Geschichten porträtiert. Dieses Buch müsste eigentlich zur Pflichtlektüre im Unterricht erklärt werden.

Edith Fritschi
© Schaffhauser Nachrichten

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Neue Zürcher Zeitung vom 7. November 2000

Die Mitte der Welt

Martha Farners Erinnerungen

1986 hat Martha Farner erstmals ihre Erinnerungen an den einstigen Schwyzer Alltag vorgelegt. Von der Sorgfalt, die man dieser Lebenswelt angedeihen liess, zeugte allein schon der Titel: «Alles und jedes hatte seinen Wert». Nun liegen diese ethnographischen Skizzen in einer um Photographien erweiterten Neuauflage vor.

Im Haus begannen die Geschichten, im stattlichen Maihof ausserhalb von Schwyz. Ruhe lag in jenen ersten Jahrzehnten noch über dem Dorf, welches eigentlich als Kleinstadt gelten mochte, aber «Flecken» genannt wurde. «. . . wir werden unser Dasein, die Ruhe, nie mehr zurückholen können», schreibt Martha Farner in einem jener seltenen Momente, da sie sich Wehmut gestattet. Denn ihre Rückschau gehorcht der Sachlichkeit. Genau, aber mit innerer Teilnahme holt sie die Bilder aus ihrem Gedächtnis zurück: jene an das Leben im Maihof, dem Zentrum ihrer Kindheit, jene an das Dorf mit seinen Bewohnern.

Da seit dem Erscheinen der Originalausgabe die Historiographie des Alltags eine neue Bedeutung gewonnen hat, liest man heute Martha Farners Reminiszenzen anders - weniger auf die individualtypische Gültigkeit hin, mehr auf eine Epoche bezogen. Wenn sie etwa ausführlich die Grabbeterin würdigt, die bis 1960 ihren Dienst in Schwyz versehen hat, so beschwört sie damit noch einmal eine Kultur des Totengedenkens, deren Verlust wir heute beklagen. Das Ritual der Wasch- und Bügeltage auf dem Maihof wiederum erscheint als innerschweizerisches Gegenstück zum Erfolgsbuch «Bach- u Wöschtag» (1999) der Bernerin Hanni Salvisberg. Und wenn Martha Farner berichtet, dass Teig und Füllung für den Käsekuchen zum Dorfbäcker getragen wurden, weil die Backöfen noch in den meisten Haushalten fehlten, so sieht man plötzlich jenen Knaben, der durch die Strassen Algiers läuft und aus den gleichen Gründen ein Ofengericht zum Bäcker bringt. Albert Camus hat diese Szene in seinem postum erschienenen Erinnerungsbuch «Der erste Mensch» festgehalten.

Dennoch sind die Texte mit Persönlichem und Lokalem durchwirkt, und in der Sprache lebt die dialektale Fügung und Musik weiter. Man entdeckt herrliche Wortprägungen wie etwa das «Puntenöri» (Point d'honneur), welches die schwyzerischen Reisläufer als sprachliches Importgut in die Heimat zurückgebracht haben. Die einzelnen Figuren dieses Schwyzer Kosmos, alle längst dem Totenreich zugehörig, gewinnen ihr Leben zurück - der Apotheker und der jüdische Zahnarzt C. Ginsberg (der Letztere eine singuläre Erscheinung innerhalb der geschlossenen Katholizität), das fahrende Volk der «Fecker», vor allem aber all jene Bergbäuerinnen in ihrer matriarchalen Würde, die Martha Farner als Weblehrerin angeleitet und denen sie in den dreissiger Jahren den dringend notwendigen Zusatzverdienst ermöglicht hat.

Beatrice Eichmann-Leutenegger
© Neue Zürcher Zeitung

© Limmat Verlag

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