Christof Dejung, Thomas Gull, Tanja Wirz

Landigeist und Judenstempel

Erinnerungen einer Generation 1930–1945

Mit Fotoporträts von Hans Peter Jost
und Fotografien von Emil Brunner, Hans Peter Klauser, Marie Ottomann-Rothacher, Gotthard Schuh, Paul Senn und Hans Staub

2002, 504 Seiten, Pappband
ISBN 3-85791-414-9 

 

   

Das Gedächtnis einer Generation

Mit Mikrofon und Kabelrolle, Filmkamera und Scheinwerfern stehen wir im Vorgarten. Im Kopf viele Fragen und ein paar Eindrücke vom ersten Telefongespräch: Wie sieht die Zeitzeugin, der Zeitzeuge wohl aus? Und was wird sie uns über die Zeit des Zweiten Weltkrieges erzählen? Die Türe geht auf, wir werden in die gute Stube gebeten. Der Kameramann baut seine Geräte auf, während wir bereits ins erste Gespräch verwickelt sind. Fotos werden gezeigt, alte Zeitungsartikel hervor gesucht, Kaffee wird serviert.

Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Oral-History-Projektes Archimob öffnete sich seit 1999 manche Türe. Wir waren unterwegs, um Erinnerungen an die Kriegszeit zu sammeln. Die einen erzählten bereitwillig ihr ganzes Leben, andere waren zurückhaltender, manche misstrauisch. Was wollen diese «Jungen»? Kommen sie, um Vorwürfe zu erheben, um zu verurteilen? Oder wollen sie wissen, wie es damals «wirklich» war? Werden sie überhaupt in der Lage sein, die persönlichen Erinnerungen zu verstehen?

Seit 1996 bewegte eine Geschichtsdebatte die Schweiz. Plötzlich wurden Dinge thematisiert, für die sich die breite Öffentlichkeit bisher kaum interessiert hatte: Die Zurückweisung von Flüchtlingen an der Grenze, die wirtschaftliche Kollaboration mit Nazi-Deutschland, das Verhalten der Schweizer Banken gegenüber Nachkommen von Holocaust-Opfern, die Konten in der Schweiz besessen hatten. Während eines halben Jahrhunderts hatte das Land als Hort der Neutralität und als humanitäre Insel gegolten, entschlossen zum Widerstand gegen das Dritte Reich. Nun fühlten sich viele ältere Schweizerinnen und Schweizer durch die international geführte Debatte um die Rolle der Schweiz im Weltkrieg persönlich angegriffen und sahen ihre damaligen Leistungen und Entbehrungen in Frage gestellt. «Wer nicht dabei gewesen ist, kann sowieso nicht verstehen wie es damals war!» verteidigten sich manche Zeitzeuginnen und Zeitzeugen.

In diesem Kontext wurden die Interviews geführt, die die Grundlage dieses Buches bilden. Sie entstanden im Rahmen des gesamtschweizerischen Projektes Archimob (Association pour la collecte et l'archivage audiovisuel des témoignages sur la période de la Deuxième Guerre mondiale en Suisse), das 1998 vom Westschweizer Filmemacher Frédéric Gonseth initiiert wurde. Zwischen 1999 und 2001 führte die Association Archimob 557 Interviews mit Zeitzeuginnen des Zweiten Weltkrieges in der Schweiz. Rund vierzig Schweizer Filmemacherinnen und Filmemacher, Historikerinnen und Historiker haben – zum Teil in Fronarbeit – dazu beigetragen, die Erinnerungen der Kriegsgeneration aufzuzeichnen. Archimob ist damit das grösste je in der Schweiz durchgeführte Oral-History-Projekt.

Viele der von Archimob gesammelten Erinnerungen wären mit dem Tod der Menschen, die den Krieg miterlebt haben, für immer verloren gegangen. Dies wäre umso bedauerlicher gewesen, als es sich dabei vielfach um Zeugnisse von Menschen handelt, deren Erinnerungen und persönlichen Unterlagen kaum Eingang in Archive oder gar die Geschichtsschreibung gefunden hätten. Viele der Befragten gehören nicht zu jenen Teilen der Gesellschaft, deren autobiografische Zeugnisse in die Öffentlichkeit gelangen. Ihre Erzählungen ermöglichen somit eine Ausweitung des historischen Blickfeldes. Geschichten werden zugänglich gemacht, für die sich die historische Forschung bisher wenig interessiert hat: Die Erlebnisse der Hausfrau, des Soldaten, des Internierten oder Flüchtlings, des Verdingkindes stehen neben jenen der Diplomatengattin, der Flüchtlingshelferin, des Offiziers und des Spions. Ihre Erzählungen spiegeln den damaligen Alltag und geben Einblick in das Denken und Fühlen der Menschen jener Zeit.

Erinnerungen haben jedoch ihre Tücken. Sie sind immer eine nachträgliche Rekonstruktion der Vergangenheit. Verwechslungen, Auslassungen, Retuschen an unangenehmen Details kommen vor. Zudem findet Erinnern immer in einem sozialen Kontext statt, in unserem Fall der Begegnung zwischen Zeitzeugin und Interviewer. Die von uns aufgezeichneten Lebenserinnerungen sind geprägt durch die Intentionen der Erzählenden genauso wie durch die Interessen der Fragenden. Und die Interviews entstanden in einem spezifischen historischen Moment: In der Zeit, als die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg öffentlich heftig debattiert wurde. Der jeweils neuste Stand der Diskussionen, aktuelle Zeitungsberichte, angebliche oder tatsächliche Enthüllungen: Dies alles hatte einen Einfluss darauf, woran sich die Zeitzeugen zum Zeitpunkt des Interviews erinnerten und was davon sie als besonders erzählenswert erachteten.

Mit ähnlichen Problemen muss sich allerdings auch die Geschichtswissenschaft auseinandersetzen. Genauso wie die persönliche Erinnerung kann die Geschichtsschreibung, wie sie von Historikerinnen und Historikern betrieben wird, nie mehr als der Versuch einer Rekonstruktion der Vergangenheit sein, der niemals vollständig gelingen kann: Auch der Horizont der Historikerinnen und Historiker ist begrenzt. Weder einzeln noch als Gruppe können sie jemals die Totalität dessen erfassen, was geschehen ist – sei es, weil viele der möglichen Quellen, auf denen ihre Rekonstruktion basiert, verloren gingen, zerstört wurden, nicht zugänglich sind, oder sei es, weil einfach nicht alle Quellen berücksichtigt werden können, die existieren. Wohl kann die Geschichtswissenschaft Fakten finden und belegen, doch in der Regel müssen diese Fakten interpretiert und in Zusammenhänge gestellt werden. Und solche Interpretationen sind – innerhalb eines gewissen Spielraums – immer verhandelbar. Es ist unvermeidlich, dass die Geschichte, die dabei entsteht, geprägt ist von der Haltung und dem Wissen derer, die sie schreiben. Geschichtsschreibung bleibt immer etwas Fragmentarisches und Vergängliches. Und was schliesslich die absolute Wahrheit und endgültige Urteile über Gut und Böse betrifft: Dies kann die Geschichtswissenschaft nicht liefern. Es ist Aufgabe der ganzen Gesellschaft, zu entscheiden, welche Handlungen in der Vergangenheit moralisch richtig und welche falsch waren, und was die damaligen Ereignisse heute zu bedeuten haben.

Persönliche Lebensgeschichten beinhalten jedoch eine eigene Art von Wahrheit, die von jedem Menschen selber hergestellt wird. Sie machen seine Identität aus. In vielen Fällen verankern Menschen ihre persönlichen, sinnstiftenden Lebenserzählungen in den allgemein geteilten Geschichten über die Vergangenheit. Und wenn diese sich wandeln, ist unter Umständen eine Neubeurteilung auch der eigenen Lebensgeschichte unumgänglich. Das ist schwierig und tut – wie einer unserer Zeitzeugen im Kapitel über den Patriotismus sagt – oft weh. Dass zwischen der Geschichte einer ganzen Gesellschaft und jener einzelner Menschen vielfältige Wechselbeziehungen bestehen, zeigt sich auch in den feinen sprachlichen Varianten zwischen denen viele der hier Erzählenden mäandrieren: Mal heisst es «Ich hatte damals Hunger», dann «Man hatte damals Hunger», mal  «Ich wusste von nichts», dann wieder «Man wusste von nichts». Das mag zeigen, dass Menschen gerne von sich auf andere schliessen, aber es rührt auch daher, dass die von uns Befragten sich als Zeuginnen und Zeugen für die damalige Zeit verstanden. Als Auskunftspersonen, die über die Befindlichkeiten einer ganzen Generation berichten wollen.

Wie sind die Archimob-Interviews zustande gekommen? Die meisten der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen haben sich aufgrund von Aufrufen in den Medien aus eigenem Antrieb bei Archimob gemeldet; insgesamt waren es über 1000. Davon wurden 557 für ein längeres, jeweils rund zweistündiges Interview ausgewählt, das auch filmisch aufgezeichnet wurde, denn das Archimob-Material soll künftig auch für Dokumentarfilme und Ausstellungen genutzt werden. Die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen wurden einerseits gebeten, frei ihre Erinnerungen an die Kriegszeit zu erzählen, andererseits wurden ihnen von den Interviewenden Fragen zu spezifischen Themen gestellt. Dadurch sollte eine gewisse Vergleichbarkeit der Interviews untereinander gewährleistet werden.
Für das vorliegende Buch haben wir aus dem von Archimob gesammelten Material achtzig Interviews ausgewählt. Dabei versuchten wir, Personen aus möglichst allen sozialen Schichten und Landesteilen zu berücksichtigen. Die Gespräche wurden von uns verschriftlicht und der besseren Lesbarkeit zuliebe redigiert, gekürzt und zum Teil umgestellt. Sollten dabei trotz aller Sorgfalt Fehler und Ungenauigkeiten entstanden sein, tragen wir dafür die Verantwortung. Viele Eigenheiten der gesprochenen Sprache und auch manche Dialektausdrücke finden sich nach wie vor in den Texten – und tragen zum Reiz dieser Erzählungen bei. Einen Teil der Interviewpassagen haben wir in thematischen Kapiteln vereinigt, die zeigen, wie unterschiedlich die damalige Zeit zum Teil wahrgenommen wurde und beurteilt wird. Daneben stehen vierzehn Porträtkapitel, die den Lebensgeschichten einzelner Personen Raum geben.
Mit dem Titel «Landigeist und Judenstempel» soll die Spannweite und Widersprüchlichkeit der Lebensumstände angedeutet werden, von denen die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen berichten: Hier die Ideologie der Geistigen Landesverteidigung, die Idee eines eidgenössischen Verteidigungswillens, die vielen Menschen in jener schwierigen Zeit Kraft gab. Dort der latente Antisemitismus, der die schweizerische Flüchtlingspolitik prägte. Sichtbarer Ausdruck dieser Haltung war der Judenstempel, der 1938 von Deutschland mit dem Einverständnis der Schweiz eingeführt wurde, mit dem die Pässe jüdischer Menschen gekennzeichnet wurden. Dieser Gegensatz prägt viele der hier versammelten Erzählungen: Einerseits wird noch heute mit leuchtenden Augen davon berichtet, welche positiven Gefühle gegenüber dem eigenen Land damals möglich waren, wie die Menschen in der Schweiz zusammenstanden, und einander oft auch uneigennützig halfen. Andererseits zeigt sich in vielen der Geschichten auch die Kehrseite dieses Zusammenstehens: Der Umgang mit den Anderen, den Fremden, den Verfolgten war vielfach von grosser Abwehr geprägt.

Dieses Buch ist ein historisches Lesebuch und kein Forschungsbericht. Dennoch ergab sich für uns eine wichtige Einsicht: Die viel beschworene Aktivdienstgeneration, deren selbst ernannte Sprecher und Sprecherinnen sich während der Debatte um die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg so vehement und sehr oft einstimmig in den Leserbriefspalten zu Wort meldeten, existiert nicht. Für die meisten unserer Zeitzeuginnen und Zeitzeugen war die Kriegszeit durchaus prägend für ihr weiteres Leben, doch das öffentliche Bild einer homogenen Aktivdienstgeneration ist wohl in erster Linie ein Ergebnis der Geistigen Landesverteidigung und des Kalten Krieges. Während unserer Recherchen in der ganzen Schweiz fanden wir diese gleichgeschaltete Generation nicht vor. Wir erlebten sehr unterschiedliche, zum Teil sehr reflektierte, zum Teil auch sehr widersprüchliche Menschen, deren Lebensgeschichten und Ansichten sich stark voneinander unterscheiden. Manche dieser Unterschiede beruhen auf den persönlichen Umständen, manche auch an der Herkunft aus unterschiedlichen Regionen der Schweiz oder – was heute vielleicht zu leicht vergessen geht – an den damals ausgeprägteren Unterschieden zwischen den sozialen Schichten. Und nicht zuletzt unterscheiden sich die Aussagen der Befragten zum Teil auch recht stark, je nachdem, ob es sich dabei um Frauen oder Männer handelt. Zwar hielten nicht wenige Zeitzeuginnen und Zeitzeugen auch in den Interviews das Bild einer geeinten, jederzeit zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus bereiten Generation hoch. Wenn sie dann aber konkrete Erlebnisse schilderten und Gefühle beschrieben, die sie damals bewegten, mischten sich nicht selten auch bei diesen Befragten Zweifel und Widersprüche in das harmonische Bild, und es wurden neben sehr viel Positivem auch Ungerechtigkeiten, Ausgrenzungen und Tendenzen zur Anpassung an den faschistischen Zeitgeist geschildert.

Nicht mit allem, was hier erzählt wird, sind wir einverstanden. Wir haben durch unsere Zeitzeuginnen und Zeitzeugen viele faszinierende Einblicke in die Kriegszeit und in heute fremd erscheinende Lebensrealitäten erhalten, doch manches blieb uns weiterhin schwer verständlich, manche politischen Ansichten halten wir für falsch. Beispielsweise wenn in Bezug auf die neuere historische Forschung zur Rolle der Schweiz während des Zweiten Weltkrieges argumentiert wird, sie sei erstens überflüssig, weil man ohnehin schon alles Relevante wisse, zweitens seien die betreffenden Historikerinnen und Historiker inkompetent, weil sie die damalige Zeit nicht miterlebt hatten. Diese Argumente lassen wir nicht gelten. Keine Generation hat das alleinige Recht, einen bestimmten Teil der Vergangenheit zu interpretieren – ganz abgesehen davon, dass die Ansicht, nur diejenigen, die eine bestimmte Epoche selbst miterlebt haben, dürften über sie urteilen, der Tod jeglicher Geschichtswissenschaft wäre.
Dieses Buch möchte einen Beitrag leisten zum besseren Verständnis der Zeit des Zweiten Weltkrieges, indem es die Stimmen von Menschen zugänglich macht, die diese Epoche als Kinder oder junge Erwachsene miterlebt haben. Es war uns ein Anliegen, möglichst das gesamte Spektrum der Ansichten der Männer und Frauen wiederzugeben, die wir bei unseren Recherchen angetroffen haben. An einigen wenigen Stellen haben wir uns jedoch dazu entschlossen, auf den Abdruck von offen antisemitischen Äusserungen zu verzichten, da wir diesen keine Plattform bieten wollten.
Wir, die wir jene Zeit nicht miterlebt haben, haben im Verlauf der letzten drei Jahre unzählige Fragen gestellt und vor allem lange und ausführlich zugehört. Die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen erzählen, argumentieren, rechtfertigen, behaupten, bedauern, verteidigen, klagen an, entschuldigen, erklären. Ihre in diesem Buch versammelten Geschichten zeigen, dass es auf die Frage «Wie war es damals wirklich?» höchst unterschiedliche Antworten gibt.

Zürich, im Herbst 2002
Christof Dejung, Thomas Gull und Tanja Wirz

 

  Landigeist und Judenstempel

© Limmat Verlag

Limmat Verlag Homepage

Web-Betreuung