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«Eine Welt, die ihre
Wirklichkeit verloren hatte
» Jüdische Überlebende des Holocaust in der Schweiz Herausgegeben von Raphael Gross, Eva Lezzi und Marc R. Richter 1999, 218 Seiten mit 14 Abbildungn,
broschiert |
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| Kurze Inhaltsangabe | |||
Mit dem Holocaust weiterlebenJuden in der Schweiz erzählen, wie sie den Holocaust überlebt haben. Geboren zwischen 1913 und 1935 in Bratislava, Berlin, in Antwerpen oder dem polnischen Kielce, in Rumänien oder Ungarn, aufgewachsen in orthodoxen oder assimilierten Familien, im Handwerkermilieu oder als Kind von Kaufleuten, haben die zehn Interviewpartner einen sehr unterschiedlichen religiösen, kulturellen und auch sprachlichen Hintergrund. In ausführlichen Gesprächen schildern sie ihr Leid während der nationalsozialistischen Verfolgung und ihre Erfahrungen nach der Aufnahme in der Schweiz. Neben der individuell erlittenen Diskriminierung, den Erfahrungen im Versteck oder Konzentrationslager, bei der Zwangsarbeit oder auf der Flucht, zeugen ihre Erinnerungen von der kollektiven Verfolgung und Ermordung des jüdischen Volkes. Zugleich zeigen die Interviews, wie Überlebende in ihren Berufen, den neu gegründeten Familien, der Kunst oder in religiösen wie politischen Verpflichtungen einen Weg finden mussten, mit dem Holocaust weiterzuleben. Die Herausgeber: Raphael
Gross, geboren 1966 in Zürich, Assistent am
Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte der
Ruhr-Universität Bochum. |
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| Textprobe | |||
| Inhaltsverzeichnis
Einleitung «Das
einzige, was mir geblieben ist, ist das Denken. Das hat mir niemand
verbieten können.» «Dieses
völlige Alleinsein so bin ich durch die Welt gegondelt.» «Es war
eine Welt, die ihre Wirklichkeit verloren hatte.» «Ich habe
die Schweiz immer als meine Heimat betrachtet.» «Die
Schweiz hatte gar keine andere Wahl als zu kollaborieren, und
sie kollaborierte
» «Die Welt
muß wissen.» «Ich war
immer Ausländerin, seit meiner Geburt.» «Wie wird
man mit dieser Wut fertig?» «Wenn der
Messias käme, der würde uns hier nie finden.» «In der
Tiefe meines Herzens bin ich ein Jude. Das kann man
nicht aus mir herausschlagen, nicht
einmal Auschwitz.» «Wir
Überlebenden, wir sollten die Toten nicht alleine lassen
» Glossar |
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| Pressestimmen / Rezensionen | |||
| Stimmen | |||
| Rezensionen
Jüdische Rundschau vom 4. November 1999 «Wichtiges Zeichen gegen Revisionismus»Ein neues Buch dokumentiert erstmals Leben und Alltag von Holocaust-Überlebenden in der Schweiz Der Zürcher Rechtsanwalt Dr. Marc R. Richter hat jetzt, gemeinsam mit den Historikern Raphael Gross und Eva Lezzi, im Limmat Verlag ein Buch veröffentlicht, das hierzulande eine eigentliche Premiere ist: In «Eine Welt, die ihre Wirklichkeit verloren hatte ...» schildern jüdische Überlebende des Holocaust, die alle in der Schweiz wohnen, ihren Alltag und ihre Geschichte. Die in diesem Band versammelten Interviews wollen nicht die Erinnerung an den Holocaust wachhalten, sondern auch bewusst ein Zeichen gegen den Revisionismus setzen. Der Historiker Prof. Dr. Jakob Tanner (Universität Zürich) wird dieses Zeitdokument am kommenden 27. November in Zürich der Öffentlichkeit vorstellen. Die Geschichte derjenigen Holocaustüberlebenden, die sich in der Schweiz eine neue Existenz aufgebaut haben, ist bislang nur ungenügend erforscht. Dies lässt s ich zum einen darauf zurückführen, dass Forschung und Publizistik erst vor wenigen Jahren damit begonnen haben, ihr Augenmerk auf diese lang verdrängte Thematik werfen. Zum andern hängt es auch damit zusammen, dass viele Holocaustüberlebende das selbst erlebte Trauma des Zweiten Weltkrieges (Flucht, Aufenthalte in Konzentrationslagern, Verlust von Bekannten und Familienangehörigen) auch über 50 Jahre nach Kriegsende nicht bewältigt haben. Wie wissenschaftliche Untersuchungen der Organisation Amcha die Überlebende des Holocaust in Israel psychologisch betreut zeigen, leidet das Gros dieser von der nazistischen Verfolgung unmittelbar Betroffenen bis heute an den Spätfolgen des Erlittenen. Selbst mittels aufwendiger psychologischer Betreuung können die entstandenen Verletzungen meist nie ganz geheilt werden. Viele Überlebende ziehen es vor, ganz in ein «neues» Leben einzutauchen und die dunkle Vergangenheit zu verdrängen. Oft erzählen sie auch ihren nächsten Nachkommen nichts über das, was sie unter Hitler erlebten. Elf Holocaustüberlebende im GesprächUmso erstaunlicher mag es scheinen, dass im jetzt erschienenen Interview-Band «Eine Welt, die ihre Wirklichkeit verloren hat ... » elf in der Schweiz lebende jüdische Überlebende offen und direkt über ihre schmerzliche Geschichte Auskunft geben. Es sind dies Erfahrungen, die auf unprätentiöse Weise von Verfolgung und Verlust, aber auch dem Aufbau einer neuen Existenz berichten. Was diesen Menschen widerfahren ist, wird meist in einfachen Worten erzählt, ohne Ausschmückung und unnötige Dramatisierung. Stellvertretend für viele stehen die Aussagen des Josef H., der aus Rücksicht auf seine Privatsphäre anonym bleiben will. Als Vierzehnjähriger wurde' er aus der Tschechoslowakei in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert, studierte später in der Schweiz Medizin und praktiziert heute als Arzt in Zürich. Wie viele Zeitzeugen erinnert er sich noch immer präzise an die Details seines Aufenthalts im KZ. «Das wer entsetzlich», antwortet er im Buch auf die Frage, wie es im Lagerblock gewesen sei. «Wir lagen etwa m zweit oder dritt in einem Bett, jeder mit seiner Decke, auf die er aufpasste, denn sonst wäre man erfroren. Wir waren abgestumpft, keiner kümmerte sich um den anderen. Manchmal stand man am Morgen auf, und ein Teil blieb tot liegen. jede Nacht starben fünfzehn bis zwanzig Häftlinge. Es war ein richtiges Vemichtungslagerregime.» Diese einfache und zugleich exakt beschreibende Sprache findet sich in nahezu allen in diesem Band versammelten Interviews und unterstreicht den ausgeprägt dokumentarischen Charakter des 220 Seiten starken Werkes. Viele Interviews sind von einer solchen sprachlichen Dichte, dass man sie mehrmals lesen muss, um die ganze Fülle der Aussagen zu erfassen. Ein Zeitzeugnis schaffen Der Zürcher Dr. Marc Richter ist Anfang 1997- inmitten der Diskussionen um die Schweizer Holocaustgelder - auf die Idee gekommen, das jetzt vorliegende Buch zu erarbeiten. Als Rechtsanwalt beschäftigt er sich oft mit Themen, die mit dem Verhalten der Schweiz im Zweiten Weltkrieg in Zusammenhang stehen. «Damals habe ich realisiert, dass es hierzulande kein historisches Buchdokument gibt, das klar aufzeigen würde, was in der Schweiz lebenden Opfern der Schoah als Einzelschicksal widerfahren ist», sagt er. «Ich habe deshalb beschlossen, gemeinsam mit den Historikern Raphael Gross und Eva Lezzi, die sich in ihrer Dissertation dem Thema (Literarische Kindheitsautobiographien zur Schoah) gewidmet hat, ein aussagekräftiges Dokument zu erarbeiten, das gleichzeitig als Zeitzeugnis dient.» Das Hauptproblem bei den fast zweijährigen Recherchearbeiten lag nicht so sehr darin, Holocaustüberlebende für die sehr persönlich gestalteten Interviews ausfindig zu machen, sondern einen repräsentativen Querschnitt von gesprächswilligen Personen zu finden. «Die im Buch vorgestellten Menschen kommen aus den verschiedensten sozialen Schichten», weiße Richter. «Und sie üben auch die unterschiedlichsten Berufe aus. Viele von ihnen sind in ihrem Tagesprogramm so ausgefüllt, dass es oft nicht einfach war, einen Interviewtermin zu finden.» Dass sie nirgendwo zur Ruhe kommen und von der Geschichte beinahe wieder eingeholt werden, beschäftigt viele der Interviewten. So befassen sie sich auch mit dem hiesigen Antisemitismus, der anlässlich der jüngsten Debatten uni die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg wieder aufgeflammt ist. «Ich glaube», sagt Josef H. stellvertretend für viele andere, «Antisemitismus ist eine Sache des Charakters. Solche Züge werden verstärkt durch Begebenheiten wie beispielsweise die Debatte um die Holocaustgelder. Die Leute sagen dann: Aha, wir haben es ja immer gewusst, die Juden wollen immer nach Geld und Macht greifen! Dass einer ganz plötzlich Antisemit wird, weil amerikanische Juden sich für Zahlungen an die Opfer einsetzen, kann ich mir nicht wirklich vorstellen. Sich Schuld einzugestehen macht niemand gerne. Dass die Schweizer Regierung letztlich nur unter extremem Druck dazu bereit war, ist noch kein Beweis für einen schweizerischen Antisemitismus.» Ein Werk gegen den Revisionismus Dass notorische Holocaustlügner - wie etwa Jürgen Graf - trotz der Einführung des Antirassismus-Gesetzes auch bei uns nach wie vor äusserst aktiv sind, ist eine Tatsache, die auch Anwalt Richter beschäftigt: «Heute genügt es nicht mehr, auf die Geschichte und die verbundenen Fakten hinzuweisen. Denn Zahlen sind oft nur wenig plausibel. Wenn man jedoch anhand von einzelnen, konkreten Schicksalen aufzeigt, dass es den Holocaust und die Judenverfolgungen auch wirklich gegeben hat, dann kann mm die Menschen oft besser informieren als durch das reine Zitieren von Zahlenmaterial.» Das vorliegende Buch will denn auch klar ein historisches Werk sein, «ein Beitrag zum Kampf gegen den Revisionismus». Zudem will es einen kleinen Beitrag zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit bezüglich der geplanten Solidaritätsstiftung leisten. Mit «Eine Welt, die ihre Wirklichkeit verloren hatte ...» liegt jetzt ein Buch vor, das in der Schweiz erstmals in Wort und Bild dokumentiert, wie Überlebende des Holocaust dem Unvorstellbaren entronnen sind und in der Schweiz zu einem neuen Lebengefunden haben - finden mussten. Die unsäglichen Torturen des Naziregimes, die sie vor einem halben Jahrhundert erlitten, haben bis heute ihre Narben hinterlassen. «Leider hat die Vernichtung des europäischen Judentums, der Genozid an den Juden, die Völker Europas auch nach dem Zweiten Weltkrieg kalt gelassen», konstatiert Josef H. «Erst jetzt, 50 Jahre danach, regt sich das Gewissen der Völker, Und dennoch: Man wird immer wieder Zeuge von Genoziden, und was wird dagegen getan?» Marc D. Herzka |
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Neue Zürcher Zeitung vom 30. November 1999 Überlebende des Holocaust in der SchweizJüdische Schicksale - ein Projekt der Oral historyGespräche, in denen Personen unterschiedlicher sozialer und geographischer Herkunft aus ihrem durch den Nationalsozialismus beschädigten Leben erzählen, sind vom einem Historiker-Team aufgenommen und bearbeitet worden. Nun liegt ein Buch vor, das Einblicke in das Erleben der Katastrophe dieses Jahrhunderts aus der Perspektive von elf Opfern gibt und daran erinnert, dass Menschen unter uns leben, die bisher kaum über ihr Schicksal gesprochen haben und die zum Teil auch heute noch anonym bleiben wollen. He. Im Sommer und Herbst 1997 haben Eva Lezzi und Raphael Gross als Zeithistoriker auf Initiative des Zürcher Anwalts Marc R. Richter, der auch die Sponsorensuche für das Projekt an die Hand nahm, Gespräche mit in verschiedenen Landesteilen der Schweiz wohnhaften Überlebenden des Holocaust geführt. Bei der Auswahl der Gesprächspartner - von denen einzelne bis heute staatenlos sind - wurden die Autoren von Gabor Hirsch, dem Leiter der Kontaktstelle für Überlebende des Holocaust, unterstützt. Der nun unter dem Titel «Eine Welt, die ihre Wirklichkeit verloren hatte . . .» vorgelegte Band ist ein Beispiel von Oral history - von mündlich erfragter und erzählter Geschichte -, wie es bisher für die Schweiz fehlte.* Dass die Gespräche während der Zeit stattfanden, als die Schweiz daran war, auf äusseren Druck ihr Verhalten während des Zweiten Weltkrieges umfassend aufzuarbeiten, kommt im aufgezeichneten Material zwar zum Ausdruck - denn mündliche Geschichte ist nie reine Erinnerung, sondern bezieht den aktuellen Kontext unweigerlich mit ein. Doch die Autoren und erst recht die Zeitzeugen möchten die Protokolle nicht für politische Zwecke instrumentalisiert sehen. Erinnerung auch an die TotenDie Arbeit soll Erlebtes und Erlittenes festhalten, an das vielleicht bald niemand mehr erinnert und das für die erzählenden Überlebenden auch Erinnerung an ihre Toten ist. Der Moment, in dem man die Mutter, den Vater, ein Geschwister zum letztenmal sah - meist, ohne zu ahnen, dass es der Abschied auf immer sei -, bleibt ein ständiger Schmerz. Und der Topos, dass man sich mitunter schämt, am Leben geblieben zu sein, wo doch die Nächsten untergingen, kommt in mancher Erzählung vor. Auch die Angst, die eigenen Aussagen könnten falsch aufgefasst werden, wird da und dort zum Thema. Könnte die geschilderte Ambivalenz, in der man sich als Kind befand, das erlebte, dass es als medizinisches Versuchsobjekt eine gewisse Vorzugsbehandlung genoss, als Entschuldigung der Täter aufgefasst werden? Das Erleben der Nazi-Herrschaft und der Zeit im Konzentrationslager manifestiert sich in den verschiedenen Erinnerungen keineswegs uniform. Für einige gab es keine Gefühle mehr in der Zeit, sondern nur noch wache Überlebensstrategie. Lernen aus erlebten Situationen, rasches Reagieren auf Veränderungen konnten helfen, in immer neuer Bedrängnis zu bestehen. Einzelne erzählen von ihren Rettern, die ihnen im letzten Moment zu medizinischer Versorgung oder zu Nahrung verhalfen. Der Überlebenswille wurde bald vom Wunsch genährt, die Angehörigen wiederfinden zu wollen, bald auch vom Wunsch, die Täter als Verlierer zu erleben. Für viele der Opfer bedeutete zwar das Kriegsende Befreiung - einige waren bereits auf einem der Todesmärsche, mit denen die Nazis beim Näherrücken der Alliierten die Konzentrationslager evakuierten -, doch die Odyssee durch die Lager dauerte noch Jahre an. Im günstigeren Fall waren es Flüchtlingslager in der freien Welt, im ungünstigen stalinistische Arbeitslager, wohin jüdische Flüchtlinge aus den von Deutschland besetzten und von der Sowjetarmee befreiten Gebieten zum Teil verschleppt wurden. Die ganze Energie der dem Terror knapp entkommenen Opfer galt der Suche nach Verwandten, nach einem neuen Aufnahmeland. Bleiben konnten nur wenige, manche der Befragten haben viel später ihren Weg in die Schweiz wieder gefunden. Andre Überlebende des Holocaust wiederum sind erst nach einem Lebensabschnitt im kommunistischen Osteuropa erstmals in die Schweiz gekommen. Und die meisten haben Lebenspartner mit einem vergleichbaren Schicksal gewählt, oft nachdem sie den Ehemann oder die Ehefrau im Krieg verloren hatten. Einzelne haben sich gut zu integrieren gewusst, beruflich wie familiär. Andere leben vereinsamt. Die Schweiz: mitunter schwierige HeimatDieses Gespräch sei ein Gedenkstein für die in Auschwitz umgekommenen Eltern, meint eine Frau, die schon lange vor dem Krieg als Kind in der Schweiz eingebürgert worden war und nach der Besetzung Frankreichs vergebens versucht hatte, ihren arbeitshalber in Paris weilenden polnischen Eltern Papiere für eine Wiedereinreise zu organisieren. Die meisten Interviewten sprechen mit Dankbarkeit über die Schweiz, die sie als Flüchtlingskinder, über die grüne Grenze oder als Tuberkulosekranke erreichten. Doch bei vielen blieb auch nach dem Krieg die Angst, es könnte sich wieder eine Katastrophe anbahnen, und sie sprachen wohl auch deshalb kaum über ihr Schicksal. Und manche wollen auch heute anonym bleiben, weil ihr berufliches Umfeld nicht über ihre jüdische Identität, über ihre Leidensgeschichte ins Bild gesetzt werden soll. Mitunter bringt die Diskussion über die Rolle der Schweiz im Krieg manche Erinnerung erst wieder hoch. Dass es heute jedoch mehr Antisemiten geben soll als noch vor wenigen Jahren, bezweifelt ein Arzt: Er glaube, Antisemitismus sei eine Sache des Charakters. Solche Züge könnten verstärkt werden, aber dass einer ganz plötzlich Antisemit werde, weil amerikanische Juden sich für Zahlungen an die Opfer einsetzten, sei unvorstellbar. Ein ehemals rumänischer Sozialist, der vor dem Krieg in Frankreich studiert hatte, bevor ihn das Schicksal der Deportation erreichte, geht mit der Schweiz hart ins Gericht: Schweizer Grenzsoldaten verteidigten wohl die Schweiz vor deutschen Truppen, jedoch auch vor unerwünschten jüdischen Flüchtlingen. Die Biographien sind in ihrer Vielfalt des Erlebten und des Erzählstils beeindruckend. Als Orientierungshilfe ist jedem Gespräch eine Kurzbiographie vorangestellt. Nur schon die Tatsache, dass Menschen unter uns leben, die in Polen, Rumänien, der Slowakei, Ungarn, Belgien, Frankreich oder Deutschland geboren wurden und die Katastrophen dieses Jahrhunderts durchgestanden haben und davon ein lebendiges Zeugnis ablegen, macht die Lektüre des Buches zur Pflicht. Es verleiht der Zeitgeschichte ein Gesicht. Ein schreckliches Gesicht. Nicht von ungefähr sagte einer der Herausgeber bei der Präsentation, es wäre zu wünschen gewesen, dass diese Publikation gar nicht hätte entstehen können. Doch die historische Realität will es anders. © Neue Zürcher Nachrichten |
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Tages-Anzeiger
vom 18. Januar 2000
Was die Welt nicht wissen wollteKZ-Überlebende in der Schweiz: Für sie hat sich kaum je einer interessiert. Jetzt haben zwei Wissenschaftler elf von ihnen interviewt - ein erschütterndes Zeugnis In den vergangenen Wochen war viel von jenen jüdischen Flüchtlingen die Rede, die während der NS-Zeit an der Schweizer Grenze abgewiesen worden waren. Kaum jemand aber hat sich mit dem Schicksal von Überlebenden der Konzentrations- und Vernichtungslager befasst, die irgendwann in der Schweiz gestrandet sind. Ihre Zahl wurde nie genau erfasst. Unmittelbar vor und nach Kriegsende müssen es einige Tausend gewesen sein; die allermeisten sind weitergewandert, weil sie unerwünscht waren. Heute mögen schätzungsweise noch einige Hundert hier leben, still, unauffällig, zurückgezogen, allein mit ihren Erinnerungen an den Horror, die sie höchstens mit ihren Familien teilen konnten. Jetzt haben sich zum ersten Mal andere für ihre Geschichte interessiert mit dem Gedanken, sie einer grösseren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Zwei Schweizer Wissenschaftler der jüngeren Generation, Eva Lezzi von der Universität Potsdam und der Historiker Rafael Gross, Assistent am Lehrstuhl von Norbert Frei an der Universität Bochum, haben elf Überlebende in der Schweiz zu ihrer Lebensgeschichte befragt. Unvermittelbare ErfahrungenSie stammen aus der einstigen Tschechoslowakei, aus Deutschland, Belgien, Rumänien, Polen, Ungarn, kamen aus den unterschiedlichsten Milieus, aus frommem oder aus liberalem Haus, aus Handwerker- oder aus Kaufmannsfamilien. Manche von ihnen sind als Kinder im Lager gewesen, wurden unter traumatischen Umständen von ihren Eltern für immer getrennt, einer gehörte zu den Zwillingen, an denen der KZ-Arzt Mengele seine furchtbaren Experimente durchgeführt hat: Erfahrungen, die nicht wirklich vermittelbar sind. Nicht alle wollten den Namen genannt haben; einige, weil ihre Umwelt von ihrem Schicksal und von ihrer Herkunft nichts wusste und das auch so bleiben sollte, andere hatten Angst, dass ihnen nach dem Skandal um die gefälschte KZ-Biografie von Binjamin Wilkomirski nicht geglaubt würde. Es war deshalb nicht leicht, bei den Gesprächspartnern Skepsis und Angst zu überwinden, wie die Herausgeber schreiben. Aber bei den meisten obsiegte schliesslich die Vorstellung, an die Ermordeten erinnern und ihrer auf diese Weise gedenken zu können. «Die Welt muss wissen», sagte einer der Befragte. In Berlin geboren, 1939 als Kind allein zur Tante nach Paris geschickt, 1943 in die Schweiz geflüchtet, die Eltern ermordet. Oder: mit 14 nach Sachsenhausen deportiert, überlebt, 1953 in die Schweiz gekommen zum Studium. Oder: 1924 in Oberschlesien geboren, 1941 zur Sklavenarbeit nach Deutschland deportiert, danach in KZ-Haft, die Eltern im Lager ermordet, 1947 krank nach Davos gekommen - so und ähnlich sind die Geschichten der Interviewten. Sie erzählen auch, wie es ihnen später in der Schweiz erging. Die Schilderungen wirken wie eine Illustration zum Bergier-Flüchtlingsbericht, soweit sie noch in die Kriegszeit reichen. Diese jüdischen Flüchtlinge, mit allem, was sie hinter sich hatten, wurden manchmal noch auf Jahre hinaus fremdenpolizeilich geplagt, zum Verlassen der Schweiz gedrängt oder einfach des Kantons verwiesen. Das Erschreckende daran sind die gleichbleibende Kälte, die Unfähigkeit, diese zutiefst verwundeten Menschen wenigstens jetzt willkommen zu heissen und ihnen, die alles verloren haben, ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit zu geben. Claudia Kühner |
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WochenZeitung
WoZ vom 20. Januar 2000
Elf Interviews mit Überlebenden des HolocaustDie Suche nach Zeugenberichten in der Schweiz lebender Opfer des nationalsozialistischen Holocaust hat eine erschütternde Ernte eingebracht: Ein interdisziplinäres Forscherteam eine Literatur-
wissenschaftlerin, ein Historiker, ein Rechtsanwalt haben elf Interviews zusammengestellt. Das Buch ist ein Novum bislang waren authentische Zeugenaussagen dieser Art einem breiteren Publikum nicht zugänglich. Thomas Kesselring |
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Der Tagesspiegel vom 7. Februar 2000
Die Schweiz und die Shoah Abgewiesen - jüdische Überlebende erinnern sichDie Schweiz wird von ihrer verdrängten Vergangenheit eingeholt. Inmitten der Diskussion um die Rolle der Schweiz und ihre Immigrationspolitik im Zweiten Weltkrieg erschien kürzlich im Züricher Limmat-Verlag ein Band mit elf autobiografischen Berichten jüdischer Überlebender, die heute in der Schweiz leben. Die Interviews werfen die Frage auf, was mit jenen Menschen geschah, für die die Schweizer Grenze auf der Flucht vor den Nazis verschlossen blieb. Das Land wies laut offizieller Statistik allein zwischen 1939 und 1945 etwa 30000 Flüchtlinge an ihren Grenzen ab.Für das, was die elf in diesem Buch porträtierten, aus den verschiedensten Ländern Europas stammenden Menschen während der Shoah erdulden mussten, gibt es eigentlich keine Worte. Roland Kirilovsky ist einer von ihnen. Als «Linksprogressiver» wurde er nach gerade gelungener Emigration aus Siebenbürgen in Frankreich denunziert und im Camp de Vernet bei Toulouse inhaftiert. Nach der deutschen Besetzung der «zone libre» verschleppte man ihn als Zwangsarbeiter für Dynamit Nobel nach Ingolstadt. Ihm gelang es, seine jüdische Identität zu verbergen, was ihm das erste Mal das Leben rettete. Später verschleppten ihn die Sowjets in den Ural. Er entkam dem Tod nur denkbar knapp, einer Generalamnestie nach Stalins Tod 1953 verdankt er die Ausreise - ausgerechnet nach Deutschland. Das Buch wurde vor kurzem in der Schweiz vorgestellt - zeitgleich mit der Veröffentlichung des vieldiskutierten Flüchtlingsberichts der «Unabhängigen Expertenkommission Schweiz Zweiter Weltkrieg» (UEK). Es ist ein eindringliches Plädoyer für das Zuhören - am besten ohne die verstohlene Hoffnung darauf, dass es so etwas wie eine «Wiedergutmachung» oder einen endgültigen «Schlussstrich» überhaupt geben kann.
Thomas Müller |
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Neue Luzerner Zeitung vom 2. Juni 2000 Die Schweiz als Zufluchtsort«Eine Welt, die ihre Wirklichkeit verloren hatte»: Der unter diesem Titel veröffentlichte Sammelband enthält in Interviewform elf Berichte jüdischer Zeitzeugen, die heute in der Schweiz leben. Die Interviews wurden von zwei Wissenschaftern der jüngeren Generation, Eva Lezzi und Raphael
Gross, geführt und zusammen mit Rechtsanwalt Marc R. Richter herausgegeben. Clemens
Locher |
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Frankfurter
Rundschau vom 27. Februar 2001
Natürliche UnschärfenErinnerungen an den Holocaust: Neuere Debatten über die Figur des Zeugen Schon aus Hans Sahls 1973 verfassten Gedichtzeilen "Wir sind die Letzten/fragt uns aus/Wir sind zuständig" lässt sich die Sorge herauslesen, dass die Zeugen, also die Emigranten und die Überlebenden der Konzentrationslager, aus den Diskursen über die Vergangenheit ausgeschlossen werden könnten. Die "Zuständigkeit" wurde vor allem von Historikern in Anspruch genommen, die sich insbesondere mit der "großen Politik" befassten. Mit der Aufzeichnung und Auswertung der Erinnerung der Überlebenden hingegen beschäftigen sich seit Jahren Literaturwissenschaftler, Psychologen und Soziologen. Die unterschiedlichen Herangehensweisen führten zu dem gegenseitigen Vorwurf, dass die jeweils andere Seite mit ihren Perspektiven Wesentliches ausschließe. Erst mit dem Aufkommen der oral history und der Hinwendung zu neuen Themenfeldern - etwa in den Arbeiten von Christian Gerlach zu Weißrussland, von Dieter Pohl zu Galizien oder von Doron Rabinovici zu den Wiener Judenräten - änderte sich auch das Verhältnis der Geschichtswissenschaft zu den Zeugen. Ein Blick in Publikationen der vergangenen Jahre zeigt allerdings, dass die einstmals innovativen Debatten zwischen den Disziplinen von Positionskämpfen abgelöst wurden. In der Einleitung zu dem Sammelband Niemand zeugt für den Zeugen (Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2000) beansprucht beispielsweise der Herausgeber Ulrich Baer, Germanist in New York, Erkenntnisse, die "über die historische Spezifizität des Holocaust hinausgehen". Was damit gemeint ist, wird deutlich ausgesprochen: "An vielen Zeugenaussagen ist zu erkennen, dass diese selbst ihre Autorität in Zweifel ziehen - deshalb fragen die hier versammelten Autorinnen und Autoren nach der Bedeutung von Zeugenaussagen, die über ein Verständnis der Geschichte als Wissensbildung hinausgeht. Die vorliegenden Beiträge präsentieren theoretisch fundierte und pädagogisch umsetzbare Überlegungen dazu, wie die jetzt aufwachsenden Generationen die Geschichtserfahrungen ihrer Vorfahren bezeugen und Verantwortung für Geschehen in der Gegenwart übernehmen können." Diesen maßlosen Anspruch, dessen Hybris vor allem in der Behauptung "pädagogisch umsetzbarer Überlegungen" beruht, versuchen in dem genannten Band nur wenige Autoren, wie etwa Dori Laub oder Avital Ronell, einzulösen. Die wichtigen Beiträge von Claude Lanzmann, Shoshana Felman oder Lawrence Douglas bewegen sich durchaus auf dem gesicherten Boden der Quellen. Baer und seine Mitstreiter hingegen, die tatsächlich glauben, das titelgebende Zitat von Paul Celan beantworten zu müssen und zu können, überstrapazieren die Rede von "Einzigartigkeit", "Unsagbarkeit" oder "Zeugenschaft" im Zusammenhang mit der Vernichtung der europäischen Juden bis hin zu einer Instrumentalisierung der Überlebenden: Ihre Interpretation mit einer eigenen "zweiten", mit Verantwortung aufgeladenen Zeugenschaft zu verbinden, droht in eine Mystifikation abzugleiten, die schließlich die Überlebenden nicht mehr ernst nimmt. Weder die Rede vom "zweiten Zeugen", wie bei Baer, noch die Versuche Steven Spielbergs, alle Überlebenden-Geschichten mittels eines dubiosen Frageschemas aufzuzeichnen, werden der besonderen Situation des Überlebenden gerecht. Die Bedeutung der Stimmen und Zeugnisse der Überlebenden liegt in ihrer je eigenen Art des Umganges mit dem Erlebten. Dass es auch anders geht, nämlich nüchtern und sensibel, weil den Erzählungen genau den Raum gebend, den die Menschen für sich und ihre Geschichte beanspruchen, zeigen drei Historiker. Raphael Gross, Eva Lezzi und Marc R. Richter haben in ihrem wichtigen Band Eine Welt, die ihre Wirklichkeit verloren hatte ... (Limmat Verlag, Zürich 1999) elf Interviews mit jüdischen Überlebenden in der Schweiz geführt und insistieren überzeugend auf die Bedeutung der Erzählungen für das Wissen über den Holocaust: oral history sei zwar "immer von der Gegenwart mit geprägt", wobei nach "60 Jahren ... historische Ungenauigkeiten" auftreten könnten. Doch gerade diese natürlichen Unschärfen lassen Rückschlüsse zu auf die Geschehnisse und auf die Gesellschaft, in der sie erzählt werden. Das gemeinsame Anliegen der Interviewten ist es, die Authentizität des Berichteten zu belegen. Wer dies ernst nimmt, der muss auch nicht über die Anzahl der Krematorien in Auschwitz-Birkenau diskutieren und historische Wahrheit gegen Erinnerungswahrheit ausspielen, wie dies in dem Band von Baer zum Teil geschieht. In der Auswahl der befragten Überlebenden zeigt sich, wie wenig gerechtfertigt es ist, ihnen eine kollektive Identität zu unterstellen. Die Bildung von Oberbegriffen wie dem des "Zeugen" suggeriert einen Wesenskern, der auf andere Individuen übertragbar ist. Angesichts des Themas, ist ein solcher Schritt allerdings fahrlässig, denn die Zuschreibung "Zeuge" grenzt gerade das Menschsein des jeweiligen Zeugen ein. Von ihm selbst, und dafür ist der Band von Gross, Lezzi und Richter ein zentrales Dokument, muss das Maß seiner Bereitschaft abhängen sich als Zeuge, Zeitgenosse oder Opfer zu präsentieren. Nur der jeweilige Überlebende hat ein Recht, seine Rolle zu bestimmen. Der Vorgriff, ihn stets in ein historisches Ereignis per se zurück zu versetzen, um erinnerungspolitische Schwierigkeiten zu lösen, dürfte kontraproduktiv sein. Zumal diese Zeugen noch leben. Der in Gießen lehrende Germanist Günter Butzer hat in seiner bedeutenden Monografie Fehlende Trauer. Verfahren epischen Erinnerns in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur (Fink Verlag, München 1998) Romane analysiert, in denen die Problematik des Zeugen eine wesentliche Rolle spielt. Unter anderem an Thomas Bernhards Auslöschung, den Jahrestagen von Uwe Johnson und der Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss werden Darstellungsmittel der Literatur analysiert, die den Nationalsozialismus und seine Folgen aus dem Blickwinkel unterschiedlicher Zeugen thematisieren. Butzer zeigt wie durch die Erzählhaltung des "paradoxen Eingedenkens" - dass durch Erinnerung das Zerstörte nicht wieder hergestellt werden kann - eine literarische Zeugenschaft konstituiert wird, die sich nicht anheischig macht, den eigentlichen "Zeugen" ersetzen zu wollen. Rekapituliert man die Diskussion um den "Zeugen", dann fällt auf, wie schmal der Grat zwischen positivistischer Funktionalisierung der Überlebenden und ihrer Mystifikation ist. So droht bei der bloßen Einordnung der Faktizität der Rettung in die historischen Abläufe die Einebnung der unterschiedlichen Erfahrungen, die eine eigene Dignität beanspruchen dürfen. Auf der anderen Seite sind die Aneignungen der einmaligen Erlebnisse von einer unzulässigen Identifikation vorgeprägt. Gerade weil man hier zu recht von der einmaligen Situation der Überlebenden ausgeht, muss auch die relative Vergänglichkeit der Zeugnisse berücksichtigt werden. Damit ist nicht bloß der Blick auf die Zeit gemeint, in der keine Überlebenden mehr leben werden. Dazu gehört auch, anzuerkennen, dass die Geretteten sich die Eigenheiten zuschreiben können, die sie für ihr je eigenes Leben als richtig empfinden. Wissenschaftler wie der Frankfurter Psychologe Isidor Kaminer weisen immer wieder darauf hin, dass es zahlreichen KZ-Überlebenden unmöglich ist, über ihre Erlebnisse zu sprechen, aus den unterschiedlichsten Gründen. Und selbst wenn sie es tun, so fällt das Sprechen oder Schreiben über die Geschehnisse in den Lagern oft aus dem Rahmen gewohnter Formen literarischer Darstellungen. Die unauflösbare Schwierigkeit des "Anti-Subjekts" - so kennzeichnet die Literaturwissenschaftlerin Manuela Günter den Überlebenden - besteht darin, das Undarstellbare darstellen zu müssen. Hier liegt jeweils authentische Zeugenschaft vor, die nur behutsam für die Gegenwart gedeutet werden darf. Vor dem Hintergrund der Einmaligkeit des historischen Ereignisses bedarf die Beschäftigung mit den Zeugnissen nicht nur umfassender Sachkenntnis, sondern auch eines außerordentlichen Fingerspitzengefühls. Thomas Meyer |
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