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Martin Widmer Krawattenende Die Geschichte des Createurs Alfred Bruder und seiner Cravatex AG 1954–1974 2004, 232 Seiten, gebunden ISBN 3-85791-450-5
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Revolution im Krawattengewerbe «Ich war die Katze, die vor dem richtigen Mausloch sass.» 1954 gründet Alfred Bruder mit 5000 Franken eine Firma zur Herstellung von Krawattenstoff. Mit Stoffen aus Nylon, Grilon und Helanca fordert er die traditionsreichen Seidenstoffwebereien Zürichs heraus und ist Europas Modeschöpfern oftmals eine Nasenlänge voraus. Die gewobenen Polyesterstoffe der Cravatex erleben einen Höhepunkt, als die Krawatten Ende der 1960er-Jahre breiter werden und damit Platz für wilde Muster aus Amerika bieten. Die Gefahr, dass der Rollkragen und die 68er-Bewegung das schmale Stück Stoff der Männermode zum Verschwinden bringen, ist fürs Erste gebannt. Doch 1974 sieht Bruder das Ende der Krawattenkultur kommen und liquidiert seine Firma kurz nach der Ölkrise. Martin Widmer liess sich von Bruder, der heute teils in Kanada, teils im Tessin lebt, seine Geschichte erzählen. Entstanden ist ein Porträt eines risikofreudigen Kleinunternehmers, der sich von ganz unten hochgearbeitet hat. Und erzählt wird die Geschichte dieses prominenten Stücks Stoff in einer turbulenten Phase. |
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Er wollte nochmals in Ruhe alle Faktoren auflisten. Dass die Ölkrise der Krawatte den Todesstoss geben würde, hielt er für eine abwegige Idee. Je schlechter es der Autoindustrie ging, desto besser lief das Krawattengeschäft. Leistete man sich weder ein neues Auto noch einen neuen Anzug, so liess sich wenigstens mit einer neuen Krawatte Staat machen. Und dass die Krawatte am Ende sei, hielt er für ein Märchen der Modeschöpfer aus dem Freizeitbereich. Hingegen irritierte ihn, dass die Nachrichtensprecher am Fernsehen immer öfter im Rollkragenpullover auf der Mattscheibe erschienen. Auch in der Kronenhalle ist ihm der Rollkragen aufgefallen, diese dünnen weissen Pullover mit niedrigem Kragen unter den schwarzen Jacketts der Kulturprominenz, die Smoking-Leibchen. Doch das war eine Welle, wie er schon viele erlebt hatte. Heute war er im Wellental, morgen würde er wieder auf dem Kamm reiten. Der Rollkragen würde wieder verschwinden, da war er sich sicher. Und auch die Konjunktur würde sich wieder erholen. Dass zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg gleichzeitig in Europa, Japan und Amerika während zweier Jahre die Wirtschaft nicht mehr wuchs, beunruhigte die Bankiers. Das Wort «Rezession» machte die Runde, Bruder fürchtete sich jedoch nicht davor. Ein anderes Zeichen hingegen wusste er nicht zu deuten. Als er dieses Mal in Paris die Musterkoffer auspackte, fragte Monsieur Lafrage zuerst nach den Preisen. Bisher schaute sich der kultivierte, aus altem französischen Adel stammende Cravatier, immer zuerst die Ware an. Gewiss, der Schweizer Franken war hoch und verteuerte – auf künstliche Art – seine exklusiven Krawattenstoffe. Seit dem Ende der festen Wechselkurse war Bruder einem Spiel ausgeliefert, das er weder beeinflussen noch vorhersehen konnte. Doch der Preis war nur ein Faktor. Etwas Weiteres hatte sich verändert. Eine Strömung, die er spürte, aber nicht benennen konnte. Etwas Barbarisches. |
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«Mit grosser Neugierde erforscht, mit Lust und ausserordentlich gut geschrieben.» Schweizer Radio DRS 2 «Ein Juwel von einem Sachbuch.» Schweizer Radio DRS 2 |
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Rezensionen |
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«Der mit den wildesten Mustern» Die Geschichte Alfred Bruders und seiner Cravatex AG: ein Abenteuerroman aus der Textilbranche. Und ein Juwel von einem Sachbuch. (…) Hier endet Bruders Geschichte, und hier beginnt das Buch, das der Historiker und Journalist Martin Widmer geschrieben hat: «Krawattenende. Die Geschichte des Créateurs Alfred Bruder und seiner Cravatex AG 1954–1975». Ein unscheinbarer Titel, doch er verbirgt ein Juwel von Sachbuch. Aus einem Stoff, der auf den ersten Blick gar nicht dazu taugt, hat Widmer eine betörende historische Reportage geschrieben. Den Roman eines Abenteuers in der Textilbranche. Und die Lebensgeschichte eines Bähnlersohns, der im zürcherischen Obfelden aufwächst, in einer kleinen Mietwohnung hinten in einem Bauernhof. Der Textilzeichnen lernt, dann Créateur und Verkäufer wird und schliesslich Prokurist, bevor er mit 31 Jahren und 2000 Franken seine Firma gründet. Cravatex AG, Entwurf und Herstellung von Krawattenstoffen. Widmer hat sich die Geschichte von Bruder erzählen lassen, in vielen Gesprächen und 33 handgeschriebenen Faxbriefen aus dem Tessin und aus Kanada, wo Bruder heute lebt. So auch die Geschichte, wie er damals, 1954, die synthetischen Garne Nylon und Crylor mischt. Ein Stoff, so fein wie Seide und doch Kunstseide: Bruder lässt die herkömmlichen Polyesterkrawatten billig aussehen. Das ist seine USP, die Unique Selling Proposition, wie es im Marketing heute heissen würde, oder eben einfach: seine geniale Idee. Deren andere Hälfte sind die Dessins. «Création Concert des Couleurs» heisst der Slogan der Cravatex, und Bruder ist «der mit den wildesten Mustern». So sagt es ein Krawattenfabrikant, der bei der Cravatex einkauft. Bruders Stoffe sind modern, aber stets gediegen. Und sie sind teuer. (…) Das Ende der Krawatte Was ebenfalls so besticht an diesem Buch, neben der durchdachten Dramaturgie: die enorme Anschaulichkeit. Mit Bruders Augen sieht Widmer die Muster und Farben auch auf Rolltreppen und Fassaden. Und er achtet auf die Indizien, in denen sich das Grosse im Kleinen zeigt. Was das für eine Zeit war, in der Bruder gewirtschaftet hat, das wird nirgends so plastisch, wie wenn sein Sekretär auf seiner elektrischen Addier und Saldiermaschine arbeitet, einer Oerlikon-Bührle. Und kann man mehr sagen über einen Charakter, als dass Bruder in seinem Hut eine Notiz befestigt hat: «Wer kein freundliches Gesicht hat, soll keinen Laden aufmachen»? Im Kleinen sieht man denn auch das Ende kommen. 1973, die erste Ausstrahlung von Mäni Webers Rateshow «Wer gwünnt?». Und Weber trägt einen Rollkragenpullover. Dann bemerkt Bruder auch den ersten TagesschauSprecher ohne Krawatte. Sogar Jeans und T-Shirt hätte die Cravatex vielleicht noch überlebt, nicht aber die Ölkrise und die Rezession. Alfred Bruder macht einen Spaziergang am Atlantik und rechnet ab. Beim Hinweg die Vor, beim Rückweg die Nachteile. Dann schickt er das Telegramm nach Zürich: «Sehe nur noch Liquidation.» Daniel di Falco |
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