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Friedrich Glauser Beichte in der Nacht und andere Geschichten von der Liebe 128 Seiten, 2 Illustrationen von Hannes Binder, Pappband ISBN 978-3-85791-557-4
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«Alles, was die Liebe berührt, ist
vor dem Tod gerettet.» Dieses Motto steht vor Glausers allererster
Erzählung, und es hätte auch vor vielen anderen stehen können. Ich möcht probieren, ob es nicht möglich ist, ohne sentimentalen Himbeersyrup, ohne sensationelles Gebrüll Geschichten zu schreiben, die meinen Kameraden, den Gärtnergehilfen, den Maurern und deren Frauen, den Versicherungsbeamten und Reisenden – kurz, der großen Mehrzahl gefallen, weil sie spannend sind und doch so geschrieben, daß auch Leute, denen alles Höhere fremd ist, sie verstehen. Sie werden beide sagen, das sei ein Unsinn und unmöglich. Ich glaube das nicht einmal. Man muß sich nur geduldig hinsetzen und lernen. Lernen zu erzählen, lernen aufzubauen, lernen klar zu sein.» Friedrich Glauser an den Fotografen Gotthard Schuh, 10. Mai 1937 |
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Alle Text sind der vierbändigen Ausgabe Friedrich Glauser: Das erzählerische Werk. Herausgegeben von Bernhard Echte und Manfred Papst des Limmat Verlags entnommen und folgen den dort wiedergegebenen Fassungen. Auskunft über Entstehung und textkritische Anmerkungen findet sich dort in den Anhängen. Alle vier Bände sind als Taschenbuch lieferbar im Unionsverlag. Musik Das uneinige Liebespaar Sanierung Die Verschwundene Fräulein Doktor Totenklage Ein Denker Rettung Ein altes Jahr
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Beichte in der Nacht Nun, junger Mann? Was sagen Sie jetzt? Sie haben wohl nicht gedacht, dass ich mich an Ihren Tisch setzen würde, jetzt, wo Sie allein sind. Sie waren tapferer, als Sie mit Ihrer Suite zusammensaßen, den aufgedonnerten Mädchen – obwohl aufgedonnert ein altmodisches Wort ist und abgedonnert für Ihre Begleiterinnen besser passen würde. Als Sie in Gesellschaft waren, da hatten Sie ein besseres Maul. Warum sind Sie auch zurückgeblieben, allein? Ein wenig Kater gehabt? Die Gesellschaft ist Ihnen auf die Nerven gegangen? Ja, Sie waren sehr lustig, und ich war die gegebne Zielscheibe Ihrer Witze. Mein altmodischer Smoking, meine Leibesfülle. Glauben Sie mir nur, die täuscht. Ich bin gar nicht so dick, wie Sie meinen, gepolstert könnte man eher sagen, und es gibt Frauen, die dies zu schätzen wissen. Natürlich spreche ich nicht von der Art Dämchen, die Sie da um sich versammelt hatten. Richtige Frauen meine ich, die noch ein Gefühl haben für den Wert eines Mannes, den transzendentalen Wert eines Mannes. Und der liegt nicht in einer modischen Kleidung, liegt nicht in der Tatsache, dass einer gut tanzen kann – der Wert, von dem ich spreche, liegt tiefer, glauben Sie mir. Aber das versteht die Jugend nicht, das verstehen die Frauen nicht, solange sie noch jung sind, Ausnahmen gibt es natürlich; wissen Sie, was ein großer Dichter über uns Männer sagt, die der Schlankheit entbehren? Natürlich wissen Sie es nicht. Sie sind nur orientiert über den Demi-Final und den letzten Boxsieg, aber dass es einmal einen Dichter gegeben hat, der Shakespeare hieß – was? Sie haben den Namen auch gehört? Den Namen? Haha. Aber sonst wissen Sie nichts von dem Herrn? Oder? Wann er gelebt hat? … Schulweisheit, selbstverständlich, und Sie stehen im praktischen Leben. Da war doch Ihr Doppelgänger ein anderer Kerl … Ah, hier kommt der Wein … Aber Emmy, ich habe Ihnen doch deutlich gesagt, dass ich den Wein temperiert will, und er ist eiskalt … Nein, nein liebes Kind, wo denken Sie hin, ihn wieder mitnehmen, wo er doch schon da ist? Nein, da wärme ich lieber mein Glas in den Händen. Hübsches Kind, nicht wahr? … Nicht Ihr Geschmack? Sie sind diffizil. Sie sind wählerisch, aber auf eine falsche Art. Im Grunde sind Sie ein Vielfraß, Sie nehmen jede, die sich Ihnen anbietet, hab ich nicht recht? … Nein? … Aber ein Feinschmecker sind Sie nicht, ich sehe das an der Art, wie Sie diesen Wein hinunterschütten. Den Wein lässt man auf der Zunge zergehen, man kostet ihn aus. Und mit den Frauen? … Haha, lieber Herr, mit den Frauen dito, desgleichen. Wie heißt das schöne Lied? ‹Wenn man fünfzig ist, man noch gerne küsst, besonders wenn man spaaaarsam gewesen ist›, aber ‹wenn man sechzig ist, schmeckt allaaain nur der Waaain›. Hehe. Sie hören, wir alten Herren sind auch noch auf der Höhe, wenn es sich um die neusten Schlager handelt. ‹Schmeckt allaaain nur der Waaain.› Verzeihen Sie, ich singe nicht mehr gut, aber es gab eine Zeit, da hatte ich eine schöne Stimme, eine richtige Baritonstimme. Und ich habe sogar einmal in unserer Kirche gesungen, im Chor versteht sich, aber ich hatte ein Solo. Alle Leute haben mich nachher beglückwünscht. Sie waren ergriffen. Ich habe mich manchmal gefragt, ob ich nicht hätte zur Oper gehen sollen, mich ausbilden lassen. Theater, Erfolg, das wäre etwas für mich gewesen. Aber ich habe eben die ernstere Seite des Lebens vorgezogen. Lassen Sie sich sagen, und beherzigen Sie meine Worte, das Leben ist kein Kinderspiel. Ihr Doppelgänger, der Mann, dem Sie ähnlich sehen, er glaubte auch, das Leben sei da, um zu spielen, aber er hat sie bitter bereut, seine Einstellung. Er ist verdorben und vielleicht gestorben, das weiß ich nicht. Und ich hatte mir so Mühe gegeben, ihn vor dem Abgrund zu retten, aber er war undankbar, hat mich betrogen, bestohlen, seine Schulden habe ich zahlen müssen. Er war nur sechs Jahre jünger als ich, damals, ich war wie ein älterer Bruder zu ihm, ich habe ihn bei mir aufgenommen, ich habe ihn aus der peinlichen Situation gerettet, und wie hat er mir gedankt? … Haben Sie die Dame bemerkt, mit der ich getanzt habe? Es war meine Frau … Das täuscht, sie ist gar nicht soviel jünger als ich, obwohl sie so aussieht. Sie versteht es eben, sich zu schminken, herzurichten. Sie haben wohl bemerkt, wie begehrt sie war, nur einmal habe ich mit ihr tanzen können, sonst waren alle ihre Tänze versprochen. Ja, es war meine Frau, sie heißt Emilie mit dem Vornamen, aber ich nenne sie immer Mowgli, das hat sich so gegeben mit der Zeit. Der Name stammt ja nicht von mir. So heißt ein Junge in einem Buch des englischen Dichters Kipling, von dem Sie wahrscheinlich auch nie etwas gehört haben … … |
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«Der Band versammelt die schönsten Geschichten Glausers, in
denen die Liebe mit dieser ihr ureigenen Kraft den Protagonisten eine Ahnung
von Glück schenkt. Ein Glück, das manchmal sogar gelingt, das aber als
Hoffnung den Liebenden auch im Scheitern bleibt und selbst den Tod
überdauert.» Bonner Krimi Archiv, August 2008 |
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© Limmat Verlag |