Friedrich Glauser

Der Kleine

und andere Geschichten aus der Kindheit

130 Seiten, Pappband

ISBN 978-3-85791-586-4

 

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Kurze Inhaltsangabe

Friedrich Glauser hat nicht nur autobiografische Erinnerungen an seine Kindheit in Wien aufgeschrieben, einzelne Episoden hat er gleich mehrmals in Erzählungen aufgenommen.

Seine Geschichten zeichnen ein sehr lebensnahes Bild einer Wiener Kindheit um 1900. Da ist ein gestrenger Vater, der seinen Sohn «abhärten» will fürs Leben. Da ist eine verständnisvolle Mutter, die stirbt, als er vier ist. Da gibt es warmherzige Dienstmädchen, intrigante Gouvernanten, einen Grossvater, der Goldgräber war, eine Stiefmutter, die nett ist und Geld hat und sich bald wieder scheiden lässt. Dass da Lehrer sind, die ihre Prügel nach elterlichem Einkommen der Schüler bemessen, nimmt der Sohn aus gutem Haus mit wachem Gerechtigkeitsempfinden wahr. Glausers Erzählungen sind ein bohrendes Suchen nach den Ursprüngen seines unsteten Lebens.

«Der Glauser mit seinem gläsernen Herzen noch heute sieht man in diesen klaren, wahren Kern hinein» Vogue

Inhalt

Alle Text sind der vierbändigen Ausgabe Friedrich Glauser: Das erzählerische Werk. Herausgegeben von Bernhard Echte und Manfred Papst des Limmat Verlags entnommen und folgen den dort wiedergegebenen Fassungen. Auskunft über Entstehung und textkritische Anmerkungen findet sich dort in den Anhängen. Alle vier Bände sind als Taschenbuch lieferbar im Unionsverlag.

Damals in Wien

Gesprungenes Glas

Der Kleine (I)

Der Kleine (II)

[Ohne Titel]

Damals in Wien

Meine Eltern mieteten eine Wohnung in der Starhemberggasse, und dort habe ich meine ersten Jahre verbracht. Die Starhemberggasse liegt im vierten Bezirk, läuft parallel der Favoritenstraße, in der es das berühmte Theresianum – eine Art Kadettenschule – gab, und ganz in unserer Nähe war der Südbahnhof. Als erste Erinnerung ist in mir das Pfeifen der Züge haften geblieben, und fast hat es mich froh gemacht, daß nun die Bahnen elektrisch betrieben werden. Die Pfiffe der Maschinen weckten immer zuviel alte Dinge in mir auf.

Da ist die Erinnerung an das Mädchen Frieda, das eines Morgens im Speisezimmer weint, weil es entlassen worden ist. Ich hocke in einem kleinen Stuhl, der mit einem Tischlein verbunden ist, und dieses Gestell besitzt an seinen sechs Beinen winzige Röllchen, auf denen es weitergeschoben werden kann. Das Ganze ist eigentlich ein kleiner Wagen, und ich sitze darin, bearbeite mit einem Suppenlöffel eine feuchte Semmel, bis sie wie ein kleiner Kuchen auf dem Holze klebt. Die Mutter aber geht herum im Zimmer, trägt einen roten Schlafrock und wischt den Staub von den vielen Möbeln.

Da betritt Frieda das Zimmer und ist angekleidet zum Ausgehen – sonntäglich eigentlich. Das ist merkwürdig, denn ich habe die Frieda nie so gesehen, ein großer Hut, auf dem Blumen kleben, schwankt auf ihrer Frisur, die ein ‹Chignon› ist – und dann nimmt Frieda Abschied von mir.

«Mama! Warum muß die Frieda fort?»

«Darum!»

Die Antwort wundert mich, denn sonst spricht meine Mutter nie in so verärgertem Tone zu mir. Frieda aber hat verweinte Augen und schneuzt sich in ein großes Taschentuch.

«Bist du traurig, Frieda?»

Da nickt das Mädchen, und ich spüre, daß sie mir etwas erzählen will. Aber sie wagt es nicht, weil die «gnädige Frau» (wie man in Wien sagt) im Zimmer ist. Frieda kommt ganz nahe zu mir, beugt sich über mich und sagt: «Leb wohl, junger Herr …» Das sagt sie laut, dann schielt sie zur Seite, um zu wissen, ob die «gnä’ Frau» sie hören kann, und flüstert mir dann zu: «Weil ich einen lieb hab, muß ich fort.»

«Gehen Sie jetzt!» sagt meine Mutter. Und das Mädchen geht zur Tür, ihr Hut schwankt auf ihrem Kopf, der lange Rock schleift auf dem Boden nach. Draußen pfeift ein Zug.

«Weil ich einen lieb hab, muß ich fort …»

Warum sind diese Worte in den Teich gefallen, als seien sie ein einziger großer Stein? Warum bleibt dieser Stein auf dem Grunde liegen, wendet sich bisweilen, läßt Blasen aufsteigen, schillernde Blasen …? Kaum dreijährig, hab ich sicher nicht gewußt, was das heißt: «Weil ich einen lieb hab …»

Und doch. Ich weiß gut, daß nach dem langen Pfiff des Zuges von der Südbahn drunten ein Fiaker über die Pflastersteine gefahren ist. Es war kein Gummiradler, ich hörte die Räder klappern, die Hufe der Pferde – ich weiß sogar noch, daß es sicher ein Zweispänner war – klopften, klopften … Und dann fiel die Gangtüre zu.

Meine Mutter aber hält das Staubtuch in der Hand und steht mitten im Zimmer. Sie starrt zu Boden. Dann schreckt sie auf, blickt mich an und geht zum Schreibtisch. Dort fängt sie wieder an, mit dem Staubtuch zu wischen, denn dieses Möbel ist wichtig. Es ist der Tisch, an dem mein Vater arbeitet, den ich «Patschika» nenne – warum, weiß ich nicht, es ist eine Erfindung wie eine andere auch – und mit dem ich französisch spreche, während ich mit der Mama nur deutsch rede.

Nach einer Weile fragt mich die große Frau: «Was hat dir die Frieda zugeflüstert, Bub?»

Ich schweige. Die Mama putzt weiter am Schreibtisch; er hat viele Säulchen und ist aus hellbraunem, maseriertem Holze gebaut. Sie dreht sich nicht um, wischt und wischt.

Und da ich nicht antworte, schweigt auch sie. Ein paar Minuten später beginnt sie mir das Märchen vom «Schatzhauser im grünen Tannenwald» zu erzählen. Von der Frieda haben wir nie mehr miteinander gesprochen.

Pressestimmen

Rd_tri.gif (202 Byte) Sax, das Dresdner Stadtmagazin, Nr. 11, November 2009

«Glausers Kindheitserinnerungen sind ein Suchen nach den Ursachen seines unsteten Lebens, das ihn in Erziehungsheime, Gefängnisse und Anstalten führen wird.»  Sax, das Dresdner Stadtmagazin

 
 

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