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Friedrich Glauser Ich bin ein Dieb und andere Kriminalgeschichten 136 Seiten, 2 Illustrationen von Hannes Binder, Pappband ISBN 978-3-85791-558-1 |
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Ob Diebstahl oder Mord, Glausers ‹kriminelle› Stoffe stammen immer wieder aus seinem eigenen Leben. Ob er selbst kleinere Diebstähle zur Finanzierung seiner Sucht beging oder Zeuge wurde von gewaltsamen Konfliktlösungen – etwa in der Fremdenlegion –, einige Vorfälle verarbeitet Glauser gar mehrfach in verschiedenen Erzählungen. Vielleicht nicht zuletzt deshalb, weil sie ihm nahe gingen, waren die Delikte und ihre Enttarnung bei Glauser nicht primär ein Element für kriminalistische Rätsel und simple Spannung, sondern stets verknüpft mit der Suche nach Motiven und Erklärungen für das Handeln der Menschen. Der vorliegende Band präsentiert Glausers beste Kriminalgeschichten von der frühesten Wachtmeister-Studer-Geschichte bis zur Titelgeschichte über einen kleinen Diebstahl aus Gerechtigkeitsempfinden. «Spannung ist ein vorzügliches Element; sie erleichtert dem Publikum die Anstrengung des Lesens. Sie lenkt den Geist, den von Sorgen geplagten Geist, von den Widerwärtigkeiten des Lebens ab, sie hilft vergessen. Genau wie irgendein Schnaps, genau wie irgendein Wein. Aber wie es auch echten Kirsch und Façon gibt, gerade so gibt es die echte Spannung und die Fuselspannung – verzeihen Sie das neue Wort. Und Fuselspannung nenne ich jede Spannung, die nur ein Ziel kennt: die Auflösung, das Ende des Buches. Sie gestattet nicht, diese Ersatzspannung, jede Seite des Buches als Gegenwart zu betrachten, in welcher der Leser minuten- oder sekundenlang lebt. … Diese Hast nach der Zukunft auf Kosten der Gegenwart – ist sie nicht der Fluch unserer Zeit? Wir haben überhaupt vergessen, daß es eine Gegenwart gibt, die gelebt werden will.» Friedrich Glauser: Offener Brief über die «Zehn Gebote für den Kriminalroman» |
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| Alle Text sind der vierbändigen Ausgabe Friedrich Glauser:
Das erzählerische Werk. Herausgegeben von Bernhard Echte und Manfred Papst
des Limmat Verlags entnommen und folgen den dort wiedergegebenen Fassungen.
Auskunft über Entstehung und textkritische Anmerkungen findet sich dort in
den Anhängen. Alle vier Bände sind als Taschenbuch lieferbar im
Unionsverlag.
Der alte Zauberer Knarrende Schuhe Kriminologie Verhör Ich bin ein Dieb Kuik Pech Offener Brief über die «Zehn Gebote für den Kriminalroman» |
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Es war von Anfang an die trostlose Affäre par excellence gewesen, wie Polizeikommissar Kreibig sofort am Tatort feststellte. Schiebermilieu – der Tote, der am Boden lag, mit einer Stichwunde in der Brust, an der er verblutet war, hieß Jakob Kussmaul, stammte nach seinem Pass aus Riga, aber vielleicht hieß er gar nicht Kussmaul, vielleicht stammte er aus Bukarest, bei diesen Leuten war man nie sicher … Und der Kommissar Kreibig seufzte. Es war vier Jahre nach dem Weltkrieg, Wien war ausgehungert, und alle Welt schob. Seufzend dachte Kreibig daran, dass er wahrscheinlich Hofrat geworden wäre, wenn die alte Monarchie noch geblieben wäre, aber so … Und da war also dieser Jakob Kussmaul, der vielleicht gar nicht so hieß, lag am Boden, sein rosa Seidenhemd war auf der linken Seite der Brust zerrissen, und ein großer Blutfleck hatte das zarte Gewebe starr und bräunlich gemacht. Der Tote lag neben einem Tisch, und auf dem Tisch stand ein Schachbrett mit Figuren. Eine begonnene Partie. Neben dem Brett zwei Tassen mit schwarzem Kaffee, halb geleert, daneben (Luxus!) zwei Silberschälchen für den Zucker: auf dem einen eins jener viereckigen Päckchen, in welchen drei Stückchen sogenannten Würfelzuckers verpackt sind, das andere leer. Auf dem Boden aber lag der Jakob Kussmaul und hielt in der Rechten den schwarzen König des Schachspiels, in der Linken ein viereckiges Päckchen Würfelzucker, das Päckchen, das offenbar auf dem leeren Silberplättchen auf dem Tisch gelegen hatte. «Wie lang hat er noch gelebt?» fragte Kommissar Kreibig den Gerichtsarzt. «Oh, so zwei, drei Minuten, glaub ich …» «War er noch bei Besinnung?» «Glaub schon, glaub schon. So einer, der hat ein zähes Leben, das können Sie mir glauben, Herr Hofrat.» «Und Sie glauben, das hat etwas zu bedeuten, das, was er da in der Hand hält?» «Möglich wär’s schon … Aber was? Ein schwarzer Schachkönig und drei Stückerln Würfelzucker? … Was soll das bedeuten? … Verstehen Sie das, Herr Hofrat?» «Vielleicht», sagte der Kommissar, dem der ‹Hofrat› des Doktors angenehm die Ohren streichelte. «Vielleicht hat uns der Ermordete damit einen Fingerzeig geben wollen, einen Fingerzeig, verstehen Sie, Herr Doktor, wie wir zum Mörder gelangen. Denn etwas bedeutet der Zucker doch …» «Und die Schachfigur …» wagte bescheiden der Polizist Hochroitzpointner einzuwerfen. Er trug einen armseligen roten Schnurrbart, und seine Stirne war gefurcht. «Ja», sagte der Kommissar, «der schwarze König … Ich kenn einen König Haber, ich kenn einen König Lear und wie die Könige alle bei Shakespeare heißen, Heinrich und Richard, und auch den König Ottokar kenn ich – aber einen König Zucker. König Zucker …» wiederholte er und schüttelte den Kopf. Er sah sich im Zimmer um. Ein Hotelzimmer, wie viele andere. Abgewetzter Teppich auf dem Boden, eine grünliche Tapete an den Wänden, verblichen bis auf ein Rechteck über dem Bett, wo sicher einmal ein Kaiserbild gehangen hatte. Das Fenster ging auf einen Lichthof, es war ein trübes Licht im Raum, es regnete draußen, und dann wollte es bald Abend werden. Der Doktor verabschiedete sich, der Kommissar Kreibig studierte lange die angefangene Partie, schüttelte manchmal den Kopf, der Polizist in Zivil Hochroitzpointner verhielt sich still, endlich flüsterte er: «Soll ich den Kellner rufen?» … |
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«Die Auswahl von Kriminalgeschichten führt unmittelbar ins Herz von Glausers Erzählwelt. » Mittellandzeitung «In zwei ansprechenden Bänden präsentiert der Limmat Verlag eine Auswahl aus dem erzählerischen Werk, wichtige Geschichten: ‹Beichte in der Nacht› und ‹Ich bin ein Dieb›. In beiden Bänden wird nach Möglichkeit auf die ursprünglichen Fassungen der Texte zurückgegriffen, soweit sie überhaupt erhalten sind. Und in beiden Bänden wird man aufs Angenehmste unterhalten, einmal mit Kriminalgeschichten, einmal mit ‹Geschichten von Liebe›.» Neue Zürcher Zeitung |
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