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Friedrich Glauser Die Speiche Herausgegeben und mit einem Nachwort von Bernhard Echte 168 Seiten, Leinenband
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«Ich muss also kürzen, ziemlich viel, das Sentimentale rausschmeissen», schreibt Glauser am 9. Juli 1937 seufzend an seine Freundin Berthe Bendel. Wieder einmal passte eines seiner Bücher nicht in die standardisierte Packungsgrösse eines Zeitungsromans. Und wenn Wachtmeister Studer in dem Text zwei Seiten lang verworren träumte statt geradlinig und aktionsgeladen zu ermitteln, so erschien dies dem zuständigen Redakteur als zu sentimental. Man setzte den Rotstift an und strich die Passage kurzerhand weg. Wie die Mehrzahl von Glausers Romanen, so ist auch sein sechster und vorletzter nie in der Form erschienen, in der ihn der Autor beabsichtigt hatte. Dies begann schon beim Titel: Als Krock & Co. kam er auf den Markt, obwohl Glauser ihn ‹Die Speiche› genannt hatte. Sodann wurden Kapitelüberschriften eliminiert, zahlreiche Passagen gestrichen, Absatzeinteilungen verändert - und dies gleich zweimal: zunächst von der Redaktion der Zeitschrift, in welcher der Roman erstmals gedruckt wurde, danach vom Lektor der posthum erschienen Buchausgabe. Die Edition des Limmat Verlags dagegen basiert auf dem Originalmanuskript und macht alle unautorisierten Eingriffe rückgängig. Auf diese Weise gewinnt der Roman jenes Spezifikum zurück, das als Glausers besondere Qualität gilt: Das Atmosphärische. Die Fremdheit des Berner Wachtmeister Studers im ländlichen Appenzell tritt plötzlich deutlicher hervor; die Stimmung während der Wirtschaftskrise Mitte der dreissiger Jahre wird greifbarer. So ist dieser Roman, dem unter Glausers Büchern bisher am wenigsten Beachtung geschenkt wurde, recht eigentlich neu zu entdecken. |
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Zur Edition Der Roman Die Speiche liegt in zwei unterschiedlichen, zu Lebzeiten Glausers entstandenen Versionen vor: in einem originalen Typoskriptdurchschlag, der im Nachlass erhalten blieb (Schweiz. Literaturarchiv, Bern), sowie in einer gedruckten Fassung, die vom 15. September 1937 bis 15. Januar 1938 in der Zeitschrift Schweizerischer Beobachter erschien. Die erste Buchausgabe, die der Morgarten Verlag drei Jahre nach Glausers Tod herausbrachte, orientiert sich mit einigen unwesentlichen Abweichungen am Erstdruck des Beobachters. Gleiches gilt für alle späteren Buchausgaben. Vergleicht man das Typoskript mit der Druckfassung, so fällt im wesentlichen eines auf: Das Typoskript umfasst rund 250'000 Anschläge, die Druckfassung dagegen nur rund 185'000. Ersteres ist damit um etwa 30% umfangreicher als letztere. Die Erklärung für diesen Umstand findet sich in einem Brief, den Glauser Anfang Juli 1937 aus Basel an seine Freundin Berthe Bendel schrieb; darin heisst es: «Ich muss also kürzen, ziemlich viel, das Sentimentale herausschmeissen.» (Briefe 2, 647) Die Streichungen beruhen demnach auf einer äusseren Notwendigkeit und nicht auf einem freigewählten Entschluss des Autors. Zwar mag das Stichwort vom «Sentimentalen», das es zu eliminieren gelte, zunächst den Eindruck erwecken, als ginge es um eine Verbesserung des Textes. Glauser war jedoch gewohnt, seinen eigenen Arbeiten gegenüber einen salopp-abschätzigen Ton anzuschlagen. Was sich darin artikulierte, war weniger die Absicht, seinen Text abzuqualifizieren, als vielmehr der Wunsch, kein übertriebenes Aufhebens um seine Sachen zu machen. So ist unter dem besagten «Sentimentalen» denn auch nur das zu verstehen, was ein Krimi-Leser, den ausschliesslich die Handlung interessiert, als sentimental empfinden könnte: das Atmosphärische, Erzählerische – kurz, das Literarische. Und Glauser wusste aus leidvoller Erfahrung, dass Zeitschriftenredakteure genau hier mit Vorliebe den Rotstift ansetzten. Dagegen hatte er schon beim Schlumpf opponiert und Friedrich Witz – bei aller Einsicht in die Notwendigkeit von Kürzungen – gebeten, diesbezüglich immerhin eine gewisse Vorsicht walten zu lassen. Gegen Streichungen habe er nichts einzuwenden, schrieb Glauser am 8. Januar 1936, «nur nicht allzu viel Atmosphärisches, ich glaube, das Ganze würde an Reiz verlieren, wenn man dort zu sparsam wäre.» (Briefe 2, 146) In der Tat hat auch Die Speiche an Reiz verloren, dadurch dass Glauser das angeblich ‹Sentimentale›, mithin das Atmosphärische weitgehend ‹herauswerfen› musste. Vor diesem Hintergrund verstand es sich von selbst, bei der vorliegenden Edition auf das Typoskript im Nachlass zurückzugreifen, das den Intentionen des Autors weit eher entspricht als die gekürzte, ins enge Korsett der Zeitschrift gezwängte Druckfassung. Dies gilt um so mehr, als dort nicht nur Inhaltliches gerstrichen, sondern auch die formelle Struktur des Romans verändert worden ist: Offenbar aus Platzgründen fiel die Kapiteleinteilung samt der entsprechenden Überschriften weg. Beides wurde hier wieder hergestellt. Obwohl es bezüglich der zu wählenden Textgrundlage keine Zweifel gab, so musste doch in der Frage der genaueren Textgestalt eine Alternative abgewogen werden. Bei dem Typoskript im Nachlass handelt es sich nicht um das Original, das dem Beobachter als Satzvorlage diente, sondern um einen Durchschlag, den Glauser zur Kontrolle und Sicherheit behielt. Das Originaltyposkript ist verschollen und existiert aller Wahrscheinlichkeit nicht mehr. Dies ist insofern von Bedeutung, als Glauser, wann immer er eines seiner Manuskripte nochmals – sei es zum Kürzen oder Korrekturlesen – in die Hand bekam, die Gelegenheit dazu nutzte, weitere stilistische Korrekturen anzubringen. Mit der Distanz zur Entstehung seiner Werke wuchs regelmässig auch seine Unzufriedenheit mit dem Text. Im Falle des Fremdenlegionsromans oder des Matto regiert zeigte er sich geradezu entsetzt über sein ‹schlechtes Deutsch› und machte plötzlich eine grosse Zahl von Veränderungswünschen geltend. Betrachtet man unter diesem Gesichtspunkt die beiden Fassungen der Speiche, so sind auch hier gewisse sprachliche Unterschiede zwischen Manuskript und Druckfassung zu erkennen. Im Vergleich zu den beiden vorgenannten Werken sind die Differenzen jedoch marginal – dies sowohl in zahlenmässiger wie stilistischer Hinsicht. Zwei Gründe dürften dafür massgebend gewesen sein: Zum einen hatte Glauser das Manuskript der Speiche nach Abschluss des Werkes noch einmal gewissenhaft überarbeitet, wovon zahlreiche handschriftliche Korrekturen im Typoskript zeugen. Zum anderen dürfte ihm bei der Kürzungsaktion in Basel bewusst geworden sein, dass das Manuskript als Satzvorlage kaum noch zumutbar gewesen wäre, wenn er es über die Streichungen und bereits bestehenden Korrekturen hinaus noch mit zahlreichen weiteren Änderungen belastet hätte. So begnügte er sich im Durchschnitt mit ein bis zwei zusätzlichen Eingriffen pro Seite, die zudem häufig im Zusammenhang mit den Kürzungen stehen. Zwar ist nicht zu leugnen, dass manche dieser Korrekturen (oder auch Streichungen) eine Verbesserung gegenüber dem Typoskript darstellen, doch schien ihr Stellenwert insgesamt zu unbedeutend, um sich deswegen auf das heikle und zwangsläufig inkonsequente Unterfangen einer Kompilation beider Fassungen einzulassen. Der Erstdruck wurde deswegen nur dann berücksichtigt, wenn das Typoskript Widersprüche oder Unklarheiten aufwies. Die jeweiligen Fälle sind in den Anmerkungen notiert. Ausserdem wurde bei einer Reihe von inhaltlichen Unstimmigkeiten eingegriffen (unterschiedliches Alter von Studers Schwiegersohn, wechselnde Lokalisierung der Justizbehörden etc.); die Begründung zu den jeweiligen Entscheidungen finden sich ebenfalls in den Anmerkungen. Auch bei einigen wenigen dialektalen Wendungen war der Erstdruck massgebend, da Glauser hier, wie verschiedentlich von ihm eingeräumt, unsicher war (im Appenzellischen zumal). Hinsichtlich der Schreibweisen schien eine gewisse Vereinheitlichung geboten. Über manche Strecken bevorzugte Glauser – der den Roman ja in Frankreich schrieb – französische Schreibweisen (Bureau usw.). Allerdings verfuhr er darin keineswegs konsequent, so dass es näher lag, im Sinne der konventionellen deutschen Schreibweise zu vereinheitlichen. Nur an einer Stelle hält Glauser die französische Form durch: Das Hôtel zum Hirschen schreibt er durchgehend mit accent circonflexe, weswegen eine Eindeutschung selbstveständlich nicht in Frage kam. |
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«Glausers Romane sind sozialkritisch: Sein Mitgefühl für die Stiefkinder der Gesellschaft bricht immer wieder durch.» Südwestfunk «Auf Mörderjagd in Marokko raucht Studer Kif, und die Haschischmusik klingt ihm, als werde der Berner Marsch von himmlischen Heerscharen gespielt. Darüber geht ihm nichts, und um sein höchstes Wohlgefühl auszudrücken, ist schon sein stärkster Superlativ nötig: Suber! sagt er. Cheibe suber isch es gsy!» Süddeutsche Zeitung «Friedrich Glauser mit seinem abenteuerlich umgetriebenen Leben und seiner Fähigkeit, es spontan in Sprache umzusetzen, mit seiner Unmittelbarkeit, seiner leidend und leidenschaftlich durchlebten Erfahrung ist tatsächlich eine Entdeckung.» Bayerischer Rundfunk |
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