Walter Gross

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Ausgewählte Briefe

Herausgegeben und mit einem Nachwort von Peter Hamm unter Mitarbeit von Erwin Künzli

Gesammelte Werke und ausgewählte Briefe, Band 2

2005, 400 Seiten, 19 Abbildungen, Leinen

ISBN 3 85791 488 2

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Editorische Notiz

«Briefe sind nie von dem, der sie schreibt, sondern von dem, an den sie gerichtet sind», erklärte einmal Alexander von Villers, der Autor der «Briefe eines Unbekannten». Und Margarete Gideon, die von Villers Werk neu herausgegeben hat, verwies auf «die auffallende Differenziertheit seines Briefstils je nach Empfänger». Auch Walter Gross, der grossartige Briefe schreiben konnte, passte sich fast chamäleonhaft dem Ton seines jeweiligen Briefpartners an. Während er sich von einem Carl Jacob Burckhardt in schönster Rober-Walser-Manier verabschieden konnte - «Lassen Sie mich dem Wunsche nachgeben, Sie zu grüssen» -, vermochte er gegenüber anderen Autoren auch derbe bis frivole Töne anzuschlagen. Wieweit es sich dabei um eine Form von Ich-Schwäche oder ein bewusstes Maskenspiel handelt, kann dahingestellt bleiben.

Leider muss ein vermutlich besonders interessanter Briefwechsel wie der mit Ingeborg Bachmann ebenso als verschollen gelten wie etwa der mit Rudolf Kassner oder Hans Carossa (von Begegnungen mit ihnen erfahren wir nur aus den Briefen an andere). Im Nachlass von Walter Gross fand sich ein Konvolut von Briefen, die er erhalten hatte. Von vielen Briefpartnern scheint fast alles erhalten zu sein, von anderen fand sich nur wenig. Von Werner Weber und Walter Robert Corti (die beide Ihre Briefe von Hand schrieben und selber keine Durchschläge haben), Hans Boesch, Kurt Marti, Peter Hamm, Silvio Rizzi und anderen fehlen alle Briefe.

Auch wo wir von Briefen wussten, haben wir sie nicht immer erhalten, da nicht alle Empfänger ihr umfangreiches Archiv ergründen mochten. Gewisse Briefwechsel wie der mit Walter Robert Corti oder Silvio Rizzi sind eher aus Zufall zum Vorschein gekommen, so dass man sicher davon ausgehen kann, dass hier nur eine Auswahl der Briefe von Walter Gross vorliegt.

Rudolf Kassner hielt Walter Gross einmal zu Recht die Unleserlichkeit seiner Schrift vor; diese hat auch dazu geführt, dass trotz intensiver Beschäftigung mit der Schrift etliche Passagen in seinen handgeschriebenen Briefen - er schrieb gottlob die meisten mit der Maschine - unentziffert bleiben mussten. Die oft eigenwillige, um nicht zu sagen fehlerhafte Zeichensetzung sowie die Orthografie von Walter Gross wurden stillschweigend korrigiert, Kürzungen, die durchweg Nebensächlichkeiten betreffen, sind gekennzeichnet. Weniger interessante Briefe haben wir weggelassen, wobei «interessant» relativ grosszügig interpretiert wurde, da es keine Biografie von Walter Gross gibt.

Der Anmerkungsapparat ist bewusst bescheiden gehalten in der Meinung, die Lektüre nicht durch die Erläuterungen verstellen zu wollen. Aus diesem Grund findet sich auch die Liste bzw. das Register mit Erklärungen zu den in den Briefen erwähnten Personen am Ende, die so nur bei Bedarf beachtet werden können. Um das Register nicht ungebührlich anschwellen zu lassen, haben wir auf Namen verzichtet, die lediglich in den zahlreichen Lektürehinweisen vorkommen. Dass einige Personen aufgrund der vagen Hinweise nicht ermittelt werden konnten, bedauern wir.

Angeordnet sind die Briefe zuerst nach den Briefpartnern von Walter Gross, danach chronologisch nach dem jeweils ersten vorhandenen Brief. Für diese Ordnung sprach vor allem die hohe Bedeutung, die Walter Gross der Freundschaft zumass, so dass jede seiner Beziehungen, soweit es eben möglich war, als solche dokumentiert ist.

Inhalt

briefe an walter robert corti 7
briefe von ulrich arnold corti 17
briefe an und von max rychner 19
briefe an kurt ernst 23
briefe an und von ernst jünger 43
briefe an hermann hesse 49
briefe an silvio rizzi 52
briefe an werner weber 75
briefe an und von hans mast 103
briefe an und von carl jacob burckhardt 118
briefe an margarete gideon 144
briefe an und von heinrich bruppacher 147
briefe an hans boesch 185
briefe an heinrich rexer 222
briefe an joachim moras 229
briefe an peter hamm 232
brief an gottfried benn 238
briefe an joachim günther 239
briefe an und von cyrus atabay 241
briefe an emil belzner 247
briefe an und von rainer brambach 249
briefe an rudolf jakob humm 259
briefe an hermann kesten 262
briefe an kuno raeber 267
briefe an und von walter helmut fritz 272
briefe an hans bender 285
briefe an und von jörg steiner 286
briefe an kurt marti 308
briefe an und von johannes bobrowski 334
brief an und von carl zuckmayer 351
briefe an den piper verlag 353
briefe an josef w. janker 370
brief von ernst bloch 373
brief an erika burkart 374
brief an manfred seidler 375
brief an max wehrli 376
brief an hans rudolf hilty 379
briefe an werner müller
380

Editorische Notiz 387
Erläuterungen und Register zu den Namen 389

Briefe

brief an und von rainer brambach

Winterthur, Lärchenstr. 31, den 15. Oktober 1957

Lieber Brambach,
haben Sie Dank für «Die Gesangsstunde», Sie haben mich bis zur letzten Zeile glücklich gemacht. [...]

Ich versuche den Schock des Herauskommens meines ersten Gedichtbandes zu überwinden. Aber schweigen wir davon. Tue einiges, was sich den Worten entzieht, anderes fürs Geldsäcklein (Radiodinge vor allem). Das Beste habe ich vor wenigen Tagen fertiggebracht: meinen dreiunddreissigsten Geburtstag.

Ich wünsche Ihnen das Herzlichste!
Walter Gross

Basel, den 17. Okt. 57

Lieber Walter Gross,

Dank für Ihre guten Worte. Ich freue mich haushoch, dass wir zusammen im Jahresring sind.

Ihre beiden Gedichte drin sind sehr schön, intensiv und kräftig. (Wie alles, was von Ihnen erscheint!) Wieso also Schock über Ihren Gedichtband? Lass keine Verzweiflung aufkommen.1 Wenigstens nicht allzu sehr. Wie es auch mir manchmal ergeht.

Ich grüsse Sie brüderlich. Ihr
Rainer Brambach

1 Anspielung auf das Gedicht «Lass keine Verzweiflung aufkommen» von W.G.

brief an johannes bobrowski

7. Juli 1964

Lieber Johannes,

schön nun, unsere beiden Gedichte nebeneinander im «Spektrum» zu sehen, ein kleines Zeichen der herzlichen und freundschaftlichen Verbundenheit - und mehr.

Ich war in München auf dem Verlag, las Korrekturen, und jetzt ist die Schlusskorrektur weg. Es steht als Motto vorne im Band ein Satz von Camus: Wir sind eine kleine Schar, die nichts schweigend hinnehmen will.

Hoffentlich legt man mir dies nicht als Anmassung aus, der Satz steht im Konnex zu einer Zahl von Gedichten und kann nur so recht verstanden werden. Er ist ein Bekenntnis zum Humanum, an dem alle teilhaben, die guten Willens sind.

Ich sah auch Nowakowski, er hofft, Dich in Stockholm an der Gruppe zu sehen. Gerne würde ich kommen, nicht wegen der Gruppe, vielleicht ist sie nun doch schon, wie die Bachmann verschlüsselt sagt, säkularisiert, aber der Freunde willen.

Ist Tochter oder Sohn eingetroffen? Bitte, lass mich nicht ohne eine Nachricht, dass auch für Deine Frau alles gut überstanden ist.

Manchmal gehe ich in Gedanken den Weg zu Deinem Haus, es überkommt mich sehr stark die Erinnerung, der Sandweg, die Bäume, der Schulhausplatz, Dein Haus und die Stunden darin.

Darf ich noch gestehen: Es findet sich in meinem Band ein Gedicht mit dem Titel «An Johannes Bobrowski». Auch das mag vielen als eine Anmassung erscheinen, mir nicht - und ich hoffe auch Dir nicht.

Das Herzlichste für Dich und die Deinen,
immer Dein Walter

brief an kurt marti

Winterthur, Lärchenstr. 31, den 31. Oktober 1967

Lieber Kurt Marti,

ich hatte eine turbulente Zeit: zuerst Besuch aus der cssr. Ja, es hat mit meinen Freunden wirklich grossartig geklappt, nur musste ich auch vieles arrangieren, mit ihnen umherreisen und bei Gesprächen und Diskussionen dabei sein. Mitten hinein dann noch ein Besuch aus Paris.

Ich stand ein wenig kopf.

Für Ammann hatte ich mich bei der Anna Seghers eingesetzt. Er konnte dann wirklich zu meinem Freund Kunze nach Greiz in Thüringen fahren, kam aber dort, leider, besoffen an und schlief in der Badewanne eines dortigen Hotels ein. Kunze hat er nicht gesehen. Das ist eine derart verrückte Geschichte, dass ich sie kaum glauben kann.

Kunze schrieb einen verzweifelten Brief über die Eidgenossen und hat nun vor, in Greiz sämtliche Badewannen abzumontieren. Aber die Eidgenossen werden sich anderswo zum Schlafe niederlegen, sich trotzdem besaufen und Kunze nicht sehen.

Mit einem anderen Freund in der cssrgeht eine derart merkwürdige Geschichte vor, dass sie brieflich kaum zu erzählen ist. Ich habe Grass einen Brief geschrieben und ihn über die Tatsachen aufgeklärt, d.h., weshalb es zum Ausschluss von Schriftstellern aus der Partei gekommen ist. Nun, inzwischen hat Grass zum Rückzug geblasen, aber das Unheil ist da, in welchem Ausmass ist noch nicht abzuschätzen. Leider geht der kalte Krieg in den Gazetten weiter, man schreibt von Revolte der cssr-Schriftsteller, treibt so den kalten Krieg voran, stiftet Unheil, wo schon genug angerichtet wurde.

In der ganzen Zeit habe ich Ihren Band «Rosa Loui»1 mit mir herumgetragen. Ihr Band und der von Jan Skacel, «Fährgeld für Charon» (Merlin-Hamburg)2, sind die wesentlichen Gedichtbände für mich in diesem Herbst.

Sie haben nun tatsächlich die Umgangssprache zur Dichtung gemacht, und wie! Das ist eine Tat, die kaum jemand mehr erwartet hat. Denn die Mundartdichtung war seit Jahren Refugium von Heimattümelei, Blu-Bo-Dichtung, war letzte Festung, vermorscht und verrostet, von geistiger Landesverteidigung.

Ich sehe aber in Ihren Gedichten auch den Theologen, sehe sie in diesen Gedichten, in denen Endlichkeit, Fragwürdigkeit unseres Daseins grossgeschrieben ist. Eine Trauer kommt da herauf, nicht ohne Hoffnung zuweilen, verwandt und anders artikuliert bei Skacel, die mich in ihrem Ernst und ihrer Gewalt ergreift. Haben Sie dank, ich finde Sie in Ihren Gedichten, wie ich Sie gesucht und immer geachtet habe.

Ich bin mit freundschaftlichen Grüssen,
Ihr Walter Gross

1 Kurt Marti: rosa loui. vierzg gedicht ir bärner umgangsschprach. Luchterhand Verlag, Neuwied/Berlin 1967
2 Jan Skacel: Fährgeld für Charon. Merlin Verlag, Hamburg 1967

 

Pressestimmen / Rezensionen siehe Band 1

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