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Walter Gross Botschaften Gesammelte Werke Herausgegeben und mit einem Nachwort
von Peter Hamm unter Mitarbeit von Erwin Künzli
Gesammelte Werke und
ausgewählte Briefe, Band 1 2005, 400 Seiten, 52 Abbildungen, Leinen ISBN 3 85791 488 2 |
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Unsere Ausgabe ist eine Leseausgabe der ‹Gesammelten Werke› von Walter Gross, also weder eine kritische noch eine Gesamtausgabe. Das letztere war nicht zu leisten, das erstere nicht erwünscht. Sie soll den doch weitgehend vergessenen Lyriker wieder in Erinnerung rufen und zugänglich machen, und das mit den wichtigsten seiner Texte, soweit sie uns zumindest in drei Jahren Recherche zugänglich wurden. Geleitet hat uns dabei stets die Absicht, dass Walter Gross gelesen werde. Entsprechend gering ist der Apparat ausgefallen, um die Texte nicht mit Kommentar zu verstellen. Die Gedichte folgen den gedruckten Fassungen in den beiden zu Lebzeiten publizierten Bänden, auf Varianten aus dem Nachlass oder aus Briefwechseln wurde verzichtet. (Aus gefundenen Arbeitsblättern ist zu sehen, dass Walter Gross intensiv an den Gedichten arbeitete und auch rhythmische Analysen anstellte.) Die unveröffentlichten Gedichte sind der wahrscheinlichsten Chronologie nach geordnet. Dies gilt auch für die Prosatexte, wobei die zeitliche Zuordnung auf die überhaupt vorhandenen Datierungen angewiesen war. Das sind je nachdem Publikationsdaten, Widmungsdaten, handschriftliche Vermerke und anderes. Diese Daten können von der Entstehungszeit möglicherweise erheblich abweichen, auf thematisch-stilistische Analysen wurde trotzdem verzichtet. Wenn ersichtlich, wurde die Fassung letzter Hand abgedruckt. Bei der Transkription einer Radiosendung wurden die Absätze von uns eingefügt. In chronologischer Reihenfolge sind auch die Kritiken und Aufsätze wiedergegeben. Hier sind bestimmt die grössten Lücken in den Arbeiten von Walter Gross, da die Medienarchive aus dieser Zeit sehr schlecht erschlossen sind. Auch haben wir beim Vorgefundenen heute nicht mehr interessierende Besprechungen weggelassen und vor allem den Leser Walter Gross dokumentieren wollen. Denn er war auch ein besessener Leser. |
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Inhalt |
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| Gedichte botschaften noch im staub Erstes Buch akragas 11 Zweites Buch boschura i 17 Drittes Buch scheria 22 Viertes Buch das stumme 27 Fünftes Buch via appia 30 Sechstes Buch zu einem bildnis 38 Siebentes Buch botschaften 47 Achtes Buch die taube 53 antworten bei müllheim 62 vanna 100 Prosa der verlorene sohn 120 sizilien, insel im unverletzten licht.
Ein Reisebericht 158 warum ich schreibe 206 Über Musik und Kunst begegnung mit der musik 220 Kritik eine geburtstagsgabe für regina ullmann 230 Über Walter Gross ein abhandengekommener
von Peter Hamm 332 |
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Umschlungen hielt sie ihn, Was war, die Zeit, |
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die mutter
In der Küche an der Wand Unabwehrbar wird die Regung |
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Zwei Wochen schon Nur die Italiener
sind geblieben, |
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gedenkblatt für joseph roth Ein in Rom lebender Freund des verstorbenen österreichischen Dichters Joseph Roth lud mich auf abends zehn Uhr in ein Café an der Via Veneto ein. Die ersten Januartage waren nach meinen Begriffen schon märzlich warm, und der Gang zum Rendez-vous verleitete zu kleinen Umwegen. Ich war lässig genug, meinen Launen nachzugeben, und fand mich so mit einer Verspätung in dem weltstädtisch noblen Lokale ein, dessen vornehmliche Zierde eine riesige Bar war. Die kleine Gesellschaft sass bereits vollzählig um einen der kleinen Tische, auf mit rotem Kunstleder überzogenen Hockern, bei Campari und Kaffee: seine immer noch hübsche, jedenfalls charmante kleine Frau, dann eine junge, begabte Lyrikerin aus Klagenfurt und ein Kunsthändler, dessen besonderes Interesse ostasiatische Dinge zu sein schienen. Eigentlich wäre ich lieber in eine der vielen kleinen Trattorien gegangen, in denen man dem römischen Alltag näher ist als in den Bars und Cafés am Lago Trifone und an der Via Veneto. Roths Freund aber schien durch die Jahre seiner Emigration eine besondere Beziehung zu den unpersönlichen Treffpunkten aller grossen Städte zu haben. Die grossen Namen Paris, Cannes, Sanary-sur-Mer, New York, Los Angeles, Stockholm hatten für ihn nicht den Reiz, den ich heute noch empfinden darf, sie bedeuteten lediglich Stationen auf einem verzweifelten Weg nach Heimat, sie waren tauschbare Orte der Unsicherheit, der materiellen Not und des oft unbezähmbaren Heimwehs. Das Gespräch wurde von Roths Freund auf Loerke gebracht, den er verschiedentlich getroffen hatte, kam dann auf die kürzlich veröffentlichten Tagebuchaufzeichnungen dieses Mannes, die ein Dokument erschütternder Vereinsamung sind. Dann begann er von seiner eigenen Emigration zu sprechen, voll Bitterkeit, auch gegenüber mir als Schweizer, aber der Name Joseph Roth fiel nicht. Der Name schien das heimliche Stichwort zu sein, das nicht ausgesprochene. Und gewiss, er war eines der ersten Beispiele, die man anzuführen gehabt hätte. Roth verliess mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten Deutschland für immer. Er verliess es, das Land seiner Sprache, das Land seines ersten literarischen Erfolgs: 1932 hatte er seinen «Radetzkymarsch» veröffentlicht. Das Wort «Radetzkymarsch» fiel erst viel später, spät in der Nacht, als ich mit der jungen Österreicherin in einer Trattoria unten beim Pantheon landete. Es war eines der Lokale, die bis gegen den Morgen offenhalten, meistens beinahe leer sind und vor allem von Paaren besucht werden, denen es, seit dem frühen Abend zusammen, immer schwerer fällt, sich zu trennen. Von Paaren auch, die sich in einem der vielen kleinen Zimmer der grossen Stadt umarmt haben und nun noch eine Kleinigkeit essen wollen. Der Garçon macht unter diesen Umständen kein Hehl, die Eintreffenden unter diesen Zeichen zu begrüssen, und es mangelt nicht an wissenden Blicken, während er die Speisekarten hinlegt und nach dem Weine fragt. Wir wollten beide dieses bessere Wissen nicht entwerten, bedachten auch unter diesen Umständen die Unschicklichkeit, ohne Essen dazusitzen. So bestellte sich meine Begleiterin eine Omelette, und wir baten zusammen um eine Flasche Frascati. Nachdem wir uns so glücklich in unsere uns zugedachten Rollen gefunden hatten, fiel nach einer Weile beiläufigen Gesprächs Roths Name und «Radetzkymarsch». Ein Schweigen folgte. Wie schwer ist es zu einem so wunderbaren Buch ein Wort zu sagen. Irgendwoher kam Tanzmusik, der Garçon stand an der Tür, die zur Küche führte, und beobachtete uns unauffällig. Ich aber musste an die Stelle im Roman denken, wo der Mann der verstorbenen Frau Slama dem jungen Baron Trotta, der zu ihm gekommen ist, sein Beileid zu sagen, die an seine Frau gerichteten Briefe zurückgibt: «Es ist einen Augenblick still, nur der Regen prasselt auf das arme, blassblaue Päckchen, färbt es ganz dunkel, es kann nicht länger warten, das Päckchen. Carl Joseph nimmt es, versenkt es in der Manteltasche, wird rot, denkt einen Moment daran, den Handschuh von der Rechten abzustreifen, besinnt sich, streckt die Hand im Leder dem Wachtmeister hin, sagt: ‹Herzlichen Dank!› und geht schnell.» Wir dachten beide an Joseph Roth, dessen Residenz die kleine, runde Platte aus Marmor von vielen Tischen in vielen Caféhäusern gewesen war. Diese kleine runde Platte, auf der sich die Zahlteller zu immer grösserer Höhe erhoben, je mehr die Zeit fortschritt, desto später es wurde. Die kleine, runde Platte aus Marmor, wo er mit seinen Freunden, den Vertriebenen vieler Länder, gesessen hatte, auf kleinen Zetteln seine Romane, seine Erzählungen, seine Essays und seine bissigen, sarkastischen und doch mit Humor erfüllten Polemiken schrieb. Es ist so schade, dass wir nur eine geringe Zahl seiner Briefe besitzen. Wo sind sie alle hingekommen? Er war doch ein so grosser Briefschreiber, und was für Briefe konnte er schreiben, er mit seinem grossen, traurigen Herzen! Freilich musste er in ihnen oft um Geld bitten. Er musste um Vorschuss schreiben und nachher schreiben, wie tief er es bedaure, den Vorschuss schon verbraucht zu haben, jetzt, wo er ihn mehr als nötig hätte. Aus diesem Zirkel ist er nicht mehr herausgekommen: «Heute ist die Abrechnung über mein siebzehntes Buch gekommen. Im ganzen sind 3450 Stück verkauft worden. Der Vorschuss ist noch lange nicht ‹abgedeckt›. Unter der Abrechnung steht: ‹Irrtum vorbehalten› und ‹Einspruch innerhalb der nächsten zwei Wochen möglich›. - Wogegen sollte ich Einspruch erheben? Höchstens gegen die Bemerkung ‹Irrtum vorbehalten›. Wenn es tatsächlich einen Irrtum geben sollte, so gewiss keinen zu meinen Gunsten. Mein Verleger ist ein Ehrenmann. Im Begleitbrief schreibt er wörtlich: ‹Es ist furchtbar, Abrechnungen zu sehen. Die Vorschüsse kommen nicht herein.› Ich habe schon sieben Verlage gehabt. Dies ist der achte. Ich kenne also bereits acht Ehrenmänner. Es ist viel - für ein so kurzes Schriftstellerleben. Ich bin nicht der einzige Autor. Die Vorschüsse meiner Kollegen kommen auch nicht herein. Es ist ein merkwürdiges, abenteuerliches Geschäft, das Buchverlegen. Man lebt von Verlusten. Das muss schwer sein, wenn ich bedenke, dass ich nicht einmal von Vorschüssen leben kann.» (…)
[1957] |
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«Man scheint das Szenario zu kennen: Jemand verschwindet aus der literarischen Öffentlichkeit und stirbt irgendwann, zumeist arm und vergessen. Dennoch verstört jeder Einzelfall von neuem wie jetzt wieder Leben und Schaffen des Winterthurer Autors Walter Gross (1924–1999). Dank der Initiative des Limmat Verlags, der das verlegerische Risiko nicht scheut, kann man nun in einen Werkkosmos eintauchen und einem Menschen begegnen, der sich stets ‹zwischen den Scharmützeln der Schwermut› bewegt hat. Die beiden verdienstvollen Herausgeber, Peter Hamm und Erwin Künzli, präsentieren bewusst keine wissenschaftliche Edition, sondern eine Leseausgabe, die gleichwohl nicht umsichtige Sorgfalt vermissen lässt. In die Lebens- und Denkwelt von Walter Gross führt ein kenntnisreiches Nachwort von Peter Hamm. (…) Doch vor allem ist er Lyriker, dessen Gedichte auch heute noch oftmals betörend frisch anmuten. Berauscht von der Melodie Hofmannsthals, schrieb er zuerst Verse voller Emphase, die er im Lauf der Zeit zusehends drosselte und einer trockenen, spröden Tonlage zuführte. Den mahnenden appellativen Gestus, der heute eher stört, nahm er zurück. ‹Es werden nur wenige sein, die in meinen Gedichten mich wirklich sehen, gottlob. Die wenigen aber erhalten beinahe zu viel Aufschluss. Aber man gibt sich oder gibt sich nicht. Das Schreiben ist keine Spielerei›, schrieb er am 26. Juli 1957 an den Freund Hans Boesch. Immer aber wollte er, der Arbeitersohn, so schreiben, ‹dass mein Vater mich versteht und jeder, den ich mit einem Werkzeug in der Hand antreffe›. (…) Die schwierigen und oftmals vertrackten Lebensverhältnisse treten nirgends so unverstellt (aber niemals indiskret) zutage wie in den Briefen, die den zweiten Band dieser Werkausgabe füllen. Walter Gross pflegte eine erstaunlich umfangreiche und weit gespannte Korrespondenz mit Partnern im In- und Ausland. In der Schweiz fühlte er sich den Autorenfreunden Jörg Steiner, Kurt Marti, Rainer Brambach und Hans Boesch nahe; jenseits der Grenzen erkannte er vor allem in Johannes Bobrowski einen Bruder im Geist: ‹Ich denk, wir sind auf eine Weise zusammengekommen, die eine Trennung nicht mehr erlaubt›, schrieb der Freund aus Berlin-Friedrichshagen. Bestürzend zeigt sich in manchen Briefen die Not des Schreibers, der auch immer wieder gegen seinen Willen die Freunde um Geldzuwendungen angehen muss. (…) Es bleibt zu hoffen, dass mit dieser eindrücklichen Publikation seine Texte nun wieder zu einer Adresse finden.» Neue Zürcher Zeitung (Beatrice Eichmann-Leutenegger) «Umso verdienstvoller ist es, dass sein Werk, das sich zu einem guten Teil aus der unglücklichen Liebe des Autors zu Doris Hilty nährte, nun in einer sorgsam gestalteten und reich dokumentierten Leseausgabe präsentiert wird. .(…) Es steht zu hoffen, dass Gross durch seine Texte und durch Peter Hamms biografischen Essay nun die Leser findet, die er verdient.» NZZ am Sonntag (Manfred Papst) «(…) Faktum ist, daß Walter Gross alles aufgab, was mit Literatur und Literaturbetrieb zu tun hatte; auch die Brieffreundschaften und zuletzt die Freundschaften selbst. Die meisten Briefwechsel brechen Ende der sechziger Jahre ab. Gross wurde – mit dem Titel von Peter Hamms Nachwort – ‹ein Abhandengekommener›. Doch nicht das Scheitern an der Prosa war der eigentliche Grund für diesen Rückzug, auch nicht die schwere Tuberkulose, die um 1960 ausbrach und an deren Spätfolgen der Dichter bis in seine letzten Jahre litt. Das Entscheidende war etwas anderes: ein ‹terremoto› nennt Gross es in einem Brief an seinen Münchner Lektor. Dieses Erdbeben war der jähe Verlust einer Frau, mit der ihn ein langes, vom Ehemann und Freund toleriertes Liebesverhältnis verbunden hatte. Kurz: Diese Frau ließ sich von ihrem Mann scheiden, aber eben nicht um nun, wie von diesem erwartet, den Liebhaber zu heiraten, sondern um einem anderen Mann, einem damals sehr bekannten Literaturkritiker, zu folgen. Das alles ist, mehr oder minder deutlich, in den Briefen nachzulesen, die unter dem Titel ‹Antworten› einen der beiden Bände der schönen Gesamtausgabe ausmachen. Leider ist manches verschollen; so die Briefwechsel mit Hans Carossa, Rudolf Kassner und mit Ingeborg Bachmann. Doch man wird reich entschädigt. Ehe er das Schweigen wählte, war Gross ein passionierter und vielseitiger Briefschreiber, ein guter Freund seinen Freunden und so offen wie geschickt gegenüber den Zelebritäten von Kultur und Literatur. Zumal mit Johannes Bobrowski verbindet Gross eine Freundschaft, die bis zu Bobrowskis frühem Tod reichte. ‹Ich denk, wir sind auf eine Weise zusammengekommen, die eine Trennung nicht mehr erlaubt›, schreibt Bobrowski schon in einem der ersten Briefe; Widmungsgedichte gehen hin und her. Es sind gerade diese Briefe, die Gross auf dem Höhepunkt seiner literarischen Aktivitäten zeigen und den Abbruch seines OEuvres schmerzlich machen. Es sind die Gedichte des Bandes ‹Botschaften›, die Bobrowski hoch geschätzt hat und die noch heute standhalten. Das Gedicht ‹Nach Jahren› liest sich heute als Absage des Dichters an alle Verfügbarkeit, ja als frühes Vermächtnis: ‹Was ich verschweige, / kommt nicht über meine Lippen, / niemandem wird meine Zunge gefügig sein, / zu keinem Tag, zu keiner Stunde.›» Frankfurter Allgemeine Zeitung (Harald Hartung) «(…) Nun haben der Limmat-Verlag und Peter Hamm eine wunderschön gestaltete zweibändige Werkausgabe von Walter Gross herausgebracht. Einen 400-seitigen Band mit sämtlichen Gedichten, dem ungedruckten Prosawerk, autobiografischen Texten und einem sympathisch-freundschaftlichen Lebensbild aus der Feder von Peter Hamm. Und einen zweiten, ebenso umfangreichen Band mit Gross’ erstaunlichem Briefwechsel mit Förderern und Freunden wie Werner Weber, Max Rychner, Johannes Bobrowski, Hans Boesch, Kurt Marti, Jörg Steiner und anderen. So dass nun nicht nur Gross’ literarische Hinterlassenschaft einsehbar ist, sondern auch sein Leben dazu in Beziehung gesetzt werden kann und erahnbar wird, wo die Gründe für sein Verstummen liegen könnten. (…) Peter Hamm deutet sie an, die Liebesenttäuschung, die Gross als sein «eigentliches terremoto» bezeichnet hat und die ihm 1968, als er mit Unterstützung von Pro Helvetia an einem Kindheitsroman arbeitete, seine Lebens- und Arbeitskraft raubte. Doris Hilty, die Frau des Schriftstellerkollegen und Förderers Hans Rudolf Hilty, wandte sich damals einem anderen Mann zu, nachdem Gross mit ihr 14 Jahre lang ein (von Hilty toleriertes) Liebesverhältnis aufrechterhalten hatte und die Hoffnung hegte, sie werde die Beziehung nach der Scheidung von Hilty legalisieren. Die Briefe an Steiner und Marti dokumentieren, wie bestürzend die Erfahrung für Gross war, und doch fällt es schwer, sein Verstummen allein mit diesem Liebesverlust zu erklären. Exemplarische Erscheinung Gross hatte als Autor auf eine Spielart von Literatur gesetzt, die weder mit seinem sozialen Status noch mit seiner politischen Haltung konform ging und für die es in den Sechzigerjahren wohl tatsächlich keine Zukunft mehr gab. Denn obwohl Johannes Bobrowski wunderbar Komplimentierendes zu seiner Lyrik gesagt hat, war Gross letztlich weit weniger mit diesem magischen Nachfahren Trakls als vielmehr mit dem Neoklassizismus eines Max Rychner oder eines Werner Zemp verwandt und trennten ihn Welten vom rebellischen Impetus Alexander Xaver Gwerders oder von der poetischen Unmittelbarkeit Rainer Brambachs, die Hamm als seine nächsten Verwandten erkennt. Gross war dann am überzeugendsten – und berührendsten –, wenn er den Bildungsballast hinter sich liess und sich z. B. von einem toten Fisch zu einem ungeheuerlichen Epitaph hinreissen liess, einen seiner geliebten Vögel beschrieb oder der Schwermut Worte gab. Aber er war auch in seinem Scheitern und Verstummen noch eine imponierende, für die Nachkriegszeit in der Schweiz exemplarische Erscheinung, der die zwei gewichtigen Bände des Limmat Verlags nun in jeder Hinsicht Gerechtigkeit widerfahren lassen.» Der Bund (Charles Linsmayer) |
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«Um 1960 erkrankte er schwer an Tuberkulose und verlor schließlich - für ihn wohl der härteste Schlag - die Frau, die er liebte, an einen damals bekannten Literaturkritiker. Er wurde rabiat ungesellig, zog sich in sein Schweigen zurück, verwahrloste im Alter, ein früh gebrochener Greis (wie Fotos zeigen), dessen Gedichte freilich erstaunlich frisch geblieben sind und die nun in einer vorzüglichen Ausgabe der Gesammelten Werke, für die Peter Hamm zu danken ist, wieder unverwechselbar zu uns sprechen.» Freitag (Michael Buselmeier) |
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«Wird Walter Gross die eben erschienene Werkausgabe jene Wiedergeburt erleben, die er verdiente? Es liegt nicht an ihm, liegt nicht am Limmat Verlag und nicht an Peter Hamm, dem kundigen Herausgeber und Nachwort-Verfasser, wenn das Wünschbare sich nicht ereignet. Schon eher an der dominierenden Event- und Spasskultur, in der einer, der wie Gross vom göttlichen Ursprung der Sprache tief überzeugt war, ein Fremdling bleiben muss. Die Ausgabe verwischt die Eigenart, das Fremde und Besondere des Dichters nicht, im Gegenteil: Sie passt sich diesem an, als wäre sie massgeschneidert. Die Titel der einzelnen Abschnitte sind ungelenk, wie mit einer alten, defekten Maschine geschrieben, und der Einband (solid, wie von Hand gefertigt), hat etwas Schweres an sich — als müsste er das schmale Werk zusammenhalten und schützen. Und vielleicht enthält dieser mit Porträtskizzen von Heinrich Bruppacher, einem engen Freund von Gross, versehene Einband auch eine Hommage an den Autor, der Buchbinder war, aber den ungeliebten Beruf so bald er konnte aufgab. Je länger ich mich mit dieser Ausgabe beschäftige — und die dafür aufgewendete Zeit spottet jeder Arbeitsökonomie — desto mehr, desto unabweislicher kommt mir Walter Gross wie ein Revenant vor: ein Verschollener, welcher der Welt abhanden kam und der dann, zurückgekehrt, seine alte Umgebung nicht mehr kannte und von ihr nicht erkannt wurde. (…) Am Ende des Bandes ‹Antworten› liest man, erschüttert und erschreckt über so viel ahnende Voraussicht, eines seiner schönsten und zugleich unheimlichsten Gedichte. Es bedarf keines Kommentars.» Reformation (Elsbeth Pulver) |
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«Allein die beglückende Wiederentdeckung dieser vollkommen daseinsverbundenen Gedichte von Walter Gross ist schon eine Offenbarung. Zum ergreifenden Lektüreerlebnis wird die Werkausgabe durch die Publikation ausgewählter Briefe des Dichters, die Peter Hamm, selbst ein Korrespondent des Dichters, nach langen Recherchen zusammengetragen hat. Hier liest man sich fest in den erschütternden Episteln, die Walter Gross an seine wenigen guten Freunde geschrieben hat. Vor allem die Briefe an Werner Weber, Hans Boesch, Jörg Steiner und Walter Helmut Fritz fügen sich zu einer bewegenden Poetik der existenziellen Inständigkeit: ‹Warum ich schreibe: erschrocken über das Dasein des Mundes, dieser Welthöhle.›» Basler Zeitung (Michael Braun) |
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«Fast 50 Jahre später staunt man darüber, wie frisch diese Lyrik geblieben ist.» St. Galler Tagblatt (Richard Butz) |
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«Endlich sind die gesammelten Werke des Dichters Walter Gross greifbar.» Aargauer Zeitung/Mittelland Zeitung «Seine Gedichte erschienen vor vierzig, fünfzig Jahren, trotzdem wirkt ihre Sprache nicht veraltet. Die früheren sind eher geprägt von einem hohen Ton und verwenden Bezüge zu antiken Mythen, die späteren wenden sich vermehrt den alltäglichen Dingen zu. Alle sind sie heute noch gut zu lesen, da sie selten pathetisch sind. Orientiert an Vorbildern wie Hugo von Hoffmannsthal und Hermann Hesse, später Cesare Pavese, Bertolt Brecht und Joseph Roth, heben sie vor allem Selbsterlebtes und –erlittenes auf eine allgemeingültige Ebene. Das macht sie auch für uns nachvollziehbar, während manch andere Gedichte aus jener Zeit längst Staub angesetzt haben.» Der Landbote |
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