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Enzyklopädie einer Kindheit in der Kleinstadt
Ernst Halter erinnert sich an seine Kindheit in der
Kleinstadt Zofingen während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Es sind sehr
genaue und stimmungsreiche Erinnerungen an Schule und Krieg, an
Stadtbewohner, Vorfälle und Unfälle, Spiele und Krankheiten, Fabriken,
Bücher, an Freiheiten und Zwänge. Eingeschoben sind Artikel aus dem «Zofinger
Tagblatt», die den öffentlichen Raum spiegeln, in dem sich das Kind bewegt.
Die Erinnerungen sind nicht eine nachträgliche Erzählung
einer Identität, sondern bleiben als Wörterbuch fragmentarisch und offen.
Durch das Verweissystem zwischen den Stichworten entsteht ein dichtes Netz
an Bildern und Geschichten, die zur Geschichte eines Aufwachsens werden wie
zur Chronik einer Epoche aus Kinderperspektive. Und gleichzeitig zur
persönlichen Mitteilung über den Schmerz und das Glück zu leben.
«Was ich gelernt habe: Wie viel mir erspart geblieben oder
nicht zugemutet worden ist. Unverdient.» |
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Markt
Jeden Monat, ausgenommen, glaube ich, November, besetzte der
Markt für einen Tag die Stadt und erinnerte deren Bürger an das
einträglichste und dauerhafteste Recht, das sie den Dörflern voraushaben.
Hundert Mal hätte ich Gelegenheit gehabt, mich im sogenannten Markttreiben
zu verlieren. Nun, wir hatten ja, was wir brauchten. Doch befriedigt ein
Markt nicht genau jene Bedürfnisse, auf die man verzichten kann? Wer lebt
von Magenbrot und Luftballons? Grad deshalb bleiben sie Schlager. Gott weiss,
was mich abgehalten. Eine gewisse Distanz zu den einfachen Vergnügungen?
Schickte sich der Markt für unsereinen nicht ganz? Denn an diesem Tag
schwappte das Landvolk in die Stadt, willkommen, gewiss, doch von den
ansässigen Ladenbesitzern pauschal bedient und kurz geschoren und von den
Marktfahrern mit stimmgewaltiger Jovialität eingeseift. Die Bauern,
Fabrikler und Kleinhandwerker der Dörfer gingen meist in dunklen
Halbleinenanzügen und schwarzen Marschschuhen mit runder Stosskappe, unter
den Scharen von Frauen etliche in Aargauer oder Luzerner Werktagstracht.
Immer friedlich. Alles war halb so teuer und doppelt erstklassig, und die
Landleute schienen, obwohl es damals nur fürs Währschafte reichte, den
falschen Schwüren der Ausrufer aus irgendeinem Grund Glauben zu schenken.
Zwei- oder dreimal pro Jahr stand an langen Eisenbarren
Grossvieh auf dem Thutplatz; Muhen und Gebrüll hallte von den kahlen
Fassaden wider. Ferkel wurden an jedem Markttag gehandelt. Erinnerlich ist
mir das den Platz aufreissende Kindergequietsch, wenn sie von Bauernhänden
aus dem Karren gehoben und, als wären’s Zwiebeln oder Lauchstengel, an den
Hinterbeinen oder Ohren durch die Luft geschwenkt und vom Metzger auf
Schlachttauglichkeit geprüft wurden. Ein Wehgeschrei wie am Spiess, ich
hätte davonrennen mögen und konnte es nicht.
Der Markt füllte die Plätze und Gassen, man schlüpfte
zwischen Hosen und Röcken durch. Doch die unwiderstehliche Faszination,
welche Märkte auf Kinder ausüben sollen, hat mich nie gepackt; der Trubel
blieb ein exotisches Geschehen. Ich kam mir vor wie Lederstrumpf aus dem
Urwald, der sich, voller Misstrauen ob dem bunten lauten Treiben der
Siedler, zu den Wölfen zurücksehnt und die paar Dollars fest umklammert.
Ramsch, das alles! Die Juchtenstiefel, ohne die er im Winter erfrieren
würde, das wasserdicht gedeckelte Pulverhorn, die unverwüstliche lederne
Jagdtasche, den blauen Regenschirm mit Stahlspitze zur Abwehr der lästigen
Braunbären am Lagerfeuer, das alles wird er hier nicht finden, höchstens
Kugeln und seinen holländischen Knaster. Ich hatte die Meinung der Eltern
übernommen, die nie auf dem Markt eingekauft haben.
(…) |
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«Selten ist in der Schweiz Kindheit poetischer
beschrieben worden. Die Präzision seiner Sprache, die Aufrichtigkeit seiner
Gedankengänge erlauben einen Zugang zu einer Epoche der Schweiz, der nicht
die geringsten Verzierungen oder Schnörkel aufweist und dadurch zu eben
diesem fesselndem Dokument Kindheit wird. Halter hat sich für eine ganze
Generation erinnert.» Schweizer Buchhandel
«Dieses Buch wird bleiben, da
bin ich mir fast sicher, manche Bilder gleichen geschliffene Steine, die von
innen heraus leuchten und für sich stehen können.» Die Reformation
«Das ist keine Auflistung der Defizite und ewigen Frustrationen, die einer
beim Schicksal oder der Umwelt einklagt, sondern ein so verhaltenes wie
raffiniertes Selbstporträt - und die schönste Zusammenfassung eines
ungewöhnlichen Buches» Drehpunkt
«Gedächtnissplitter und Gedankenfetzen, reizende Bilder und
merkwürdige Begebenheiten, kleine Porträts, pietistische Bekenntnisse und
originelle essayistische Betrachtungen finden sich in ‹Die Stimme des Atems›
zwanglos, doch nicht beliebig zusammengefügt.» Neue
Zürcher Zeitung |