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Meinrad Inglin Grand Hotel Excelsior Roman Gesammelte Werke in Einzelausgaben 2 Nachwort von Felix Müller
1989, 328 Seiten, Leinen sFr. 24.–, € 20.– ISBN 978-3-85791-657-1
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Dieser kühne und wohl experimentierfreudigste Roman Inglins erschien 1928
und erlebte innert kürzester Frist drei Auflagen. Er entwirft als Modell
eines Grand Hotels der Epoche einen faszinierenden Querschnitt durch die
sinnentleerte Scheinwelt unserer Zivilisation. «Das Leben des Riesenhauses
gehorcht weder der Nacht noch der Sonne; im hellen Schein des künstlichen
Lichtes, von hundert Reizen berührt und gesteigert, entgleitet es der
natürlichen Ordnung und versprüht überwach, sinnlos, ohne Zusammenhang wie
ein schönes Feuerwerk.» Dem fortschrittgläubigen Hotelier Eugen wird in seinem Bruder Peter eine Alternative von bestürzender Aktualität gegenübergestellt, eine Gegenwelt des Natürlichen, die zwar auf verlorenem Posten kämpft, aber doch immer wieder als Möglichkeit, dem Verhängnis zu entrinnen, wenigstens am Rand aufleuchten darf. Das Buch, als Parabel der Moderne konzipiert, sprengt den symbolischen Rahmen durch eine Fülle scharf umrissener Einzelfiguren und Episoden von unverwechselbarer Prägnanz. In der grandiosen Schlusssequenz des Romans gibt der Autor die ganze künstliche Welt samt ihren unbestrittenen Reizen der Vernichtung preis. Innerhalb des Gesamtwerks kommt dem «Grand Hotel Excelsior » eine Schlüsselposition zu, indem es frühere Tendenzen zusammenfasst, gleichzeitig aber bereits Lösungen vorwegnimmt und Massstäbe setzt, die beim späteren Inglin zentrale Bedeutung gewinnen. |
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1 Ein Mund schlürft Wasser aus dem Strom, aber der Strom braust ungestört vorüber; eine Hand bricht Blumen aus der Wiese, aber die Wiese treibt unverletzt immerzu Gräser und Blumen hervor; der Tod nimmt einen Menschen aus dem Leben, aber das Leben besteht unübersehbar fort. Hier liegt ein Mann und stirbt. Er heißt Peter Sigwart und besitzt das große Kurhaus am See, aber es ist gleichgültig wie er heißt und was er besitzt, er fällt verwelkt aus seinem Kreise heraus, und sogleich wird die Lücke sich schließen. Gedämpfter Lärm umbrandet das Zimmer, in dem er liegt. Sein Ohr vernimmt als letztes den bebenden Schall des Gongs, der die Gäste zur Mahlzeit ruft, sein Auge erfaßt mit dem letzten Blick den Menschen, der im Leben an seine Stelle treten wird, dann bricht sein Auge, sein Ohr wird taub, er streckt sich schweigend aus und ist nicht mehr. In der Mitte des halb verdunkelten Zimmers stehen Verwandte, bald flüsternd, bald stumm, in der peinlichen Spannung von Menschen, die nie an den Tod denken und nun seinen nahenden Griff nach einem der Ihren als ein furchtbares und unverständliches Ereignis empfinden. Sie können den Verfallenen selbst nicht sehen, ein Bruder, zwei Söhne und eine Tochter verdecken ihn, und sie wissen nicht, geschieht das Erwartete jetzt, oder ist es schon geschehen. Doch der kaum erträgliche Augenblick kommt, da Johanna mit zuckenden Schultern auf die Knie fällt, das Haupt über den Bettrand neigt und hemmungslos in die Stille hinein schluchzt. Erschrocken, aufgeregt und ratlos stehen sie da. |
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© Limmat Verlag |