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Meinrad Inglin Schweizer Spiegel Roman Gesammelte Werke in Einzelausgaben 5 2 Bände
1987, 1000 Seiten, Leinen sFr. 48.–, € 40.– ISBN 978-3-85791-659-5
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| Meinrad Inglin hat in
der Form eines grossangelegten Familienromans die Geschichte der Schweizer
Neutralität im Ersten Weltkrieg geschrieben. Im «Schweizerspiegel», der, darin dem grossen Vorbild Gottfried Kellers getreu, episches Kunstwerk und zugleich bedeutendes politisches Dokument ist, gibt er einen Rückblick auf das historische Geschehen der Jahre 1912 bis 1918 und einen Querschnitt durch den gesamten geistigen und seelischen Zustand des Schweizer Bürgertums. Das Oberhaupt der Familie, Nationalrat Ammann, ist der Typus einer zu Ende gehenden Epoche. In seinen drei Söhnen spiegeln sich die Tendenzen der Zeit. Während Severin und Paul nach extremen politischen Richtungen auseinanderstreben, bezeichnet Fred, der jüngste der Brüder, der mehr und mehr zum Mittelpunkt des Romans wird, ungefähr die mittlere Erlebnislinie; seine Haltung beruht auf einer schlichten Natürlichkeit und ursprünglichen Heimatliebe. Der besondere künstlerische Reiz dieses ausgesprochen männlichen Buches ist es, dass die Frauen – in der beherrschenden Rolle der Mutter und in dem Schicksal der Gertrud Ammann – durch alle Verstrickungen der Zeit die Sicht auf die zeitlosen Fragen des Lebens hinlenken. Damit findet dieser große politische Roman der Schweiz seine rein menschliche Lösung, die über alle politischen Grenzen und Deutungen hinausreicht. Das historische Geschehen des Ersten Weltkriegs ist aufs engste mit dem Verlaus des Romans verflochten. Er zeigt in genauen Schilderungen die einzelnen Phasen der Grenzsicherung, er zeigt zudem entscheidende Kapitel der politischen Geschichte der Schweiz: die Wahl des Obersten Wille zum Bundesgeneral im August 1914, die «Oberstenaffäre» von 1916, den Rücktritt des Budnesrats Hoffmann im Jahre 1917, den Oltener Generalstreik von 1918. So wird dieses Werk über die künstlerische Bedeutung hinaus zu einem einzigartigen Zeitdokument, das auch für heutige Leser nichts von seiner Eindringlichkeit verloren hat. |
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| Im September 1912 kam
der deutsche Kaiser in die Schweiz, um sich die Manöver des dritten
Armeekorps anzusehen, für ihn ein unverfängliches Vorhaben, wie es schien,
für die bescheidene Republik aber, die er in den zwei Jahrzehnten seiner
Regierung einer solchen Beachtung nie gewürdigt hatte, eine Sensation. An einem regnerischen, herbstlich kühlen Tage traf der hohe Gast mit ansehnlichem Gefolge in Zürich ein und stieg in einem Hause ab, dessen Vergangenheit seinem kaiserlichen Wesen angemessen erscheinen mochte, in der ehemaligen Villa Wesendonck. Die feierlich erregten Willkommensartikel der bürgerlichen Presse, die Begrüßung am Bahnhof durch die obersten Landesbehörden, die Ehrenkompagnie, die Fahrt durch die beflaggten Straßen und der Jubel des Volkes bewirkten einen Empfang, wie er auch einer reichsdeutschen Stadt nicht besser hätte gelingen können. Das militärische Schauspiel war vorbereitet, mit aller Sachlichkeit übrigens, die Manöver wurden reif zur Besichtigung. Die 5. Division bewegte sich als Flügeldivision einer supponierten blauen Armee von Zürichsee her gefechtsmäßig gegen Nordosten und stieß an diesem Tage mit ihren Spitzen auf die 6. Division, die als Flügeldivision einer ebenfalls supponierten, vom Bodensee her anmarschierten roten Armee schon über das Thurknie bei Wil vorgedrungen war. Nur das Wetter ließ zu wünschen übrig. Die Nebelschwaden, die nach mehreren Regentagen auch jetzt wieder über die Stadt hinzogen, und der Gedanke an das schmutzige, nasse Manövergelände, das der Kaiser morgen besuchen sollte, ärgerten jedermann. Aber auch das Wetter zeigte sich noch gefügig, in der Nacht hellte es wider alle Erwartungen auf, und am nächsten Morgen blaute über dem ganzen Land ein unglaubwürdig wolkenloser Himmel. |
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| «Der gewichtigste
Schweizer Roman der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.» Kindlers Neues
Literatur Lexikon «Was das Buch heute noch bemerkenswert macht, ist die hohe Kultur seiner Menschenauffassung, die ausserordentliche Höflichkeit im Umgang mit jedem Andersdenkenden darin. Der andere hat gewissermassen immer den Vortritt. (...) Der Krieg der anderen, den es gilt, um keinen Preis bei sich fortzusetzen, ist ein Lehrmeister darin, dass Konflikte den Kompromiss und nicht den Kampf erfordern. Das ist die Erziehung abseits von Verdun, die im Buch alle durchlaufen ...» Jürgen Manthey, Frankfurter Rundschau «Der ‹Schweizerspiegel› ist das wichtigste Werk von Meinrad Inglin. Es
treibt, aus heutiger Sicht betrachtet, Ursachenforschung. Es erzählt, warum
und wann jenes ‹Fähnlein›, das Gottfried Keller noch aufrecht hielt, zur
Flagge einer Biedermannschaft umgeschlagen ist. (...) Im ‹Schweizerspiegel›
erfahren wir, wann und warum die Schweiz sich entschloss, ihr Staatsgefüge
als ‹Grand Hotel Excelsior› an den Abgrund zu stellen.» Thomas Hürlimann |
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