Meinrad Inglin

Wendel von Euw

Roman


Erlenbüel

Roman

 

Gesammelte Werke in Einzelausgaben 8

 

1991, 376 Seiten, Leinen

sFr. 24., € 20.

ISBN 978-3-85791-662-5

 

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Kurze Inhaltsangabe

Vierzig Jahre liegen zwischen den beiden Heimkehrromanen, die ein Grundthema Inglins variieren: Wendel von Euw und Silvester Vonbüel kehren aus freiem Entschluss und materiell unabhängig an den Ort zurück, den sie in sehr jungen Jahren als Versager verlassen haben; der Versuch, sich unter Bewahrung der inneren Freiheit in die bürgerliche Umwelt zu integrieren, misslingt in beiden Fällen.

Das Jugendwerk bezaubert durch seine «tänzerische und zugleich etwas spöttische Leichtigkeit» (Beatrice von Matt), die Fülle von Einfällen und seine heitere Ironie. Die grotesken Situationen, die Wendel bei jedem Kontakt mit den Beschränktheiten des Bürgertums provoziert, zeigen die Unvereinbarkeit der Welten. «Rückkehr des bürgerlichen Entgleisten, unstet Schweifenden in ein geordnetes, erhöhtes Dasein, das er in seinem Heimatstädtchen aber umsonst zu verwirklichen sucht und erst nach bedenklichen Rückfällen auf eine wiederum unbürgerliche Art dadurch zu erleben beginnt, dass er (mit Lydia) sozusagen die gereinigten Elemente des Chaotischen in die Rechnung einbezieht»: so umschreibt Inglin selber, zwanzig Jahre später, die Thematik des Romans; für Wendel ergibt sich also ein individuelles Happy End, freilich unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Im Altersroman bietet Inglin zu keiner Lösung Hand. Die fast liebevolle Objektivität, mit der Erlenbüel und seine Einwohner gezeichnet sind, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass in diesem Gemeinwesen bei aller Fortschrittlichkeit nichts mehr vorwärts geht, dass sich hier nichts mehr bewegt. Silvester verlässt mit der jungen Karoline «die vermeintlichen Gitter der hochanständigen kleinen Stadt»; niemand weiss, ob sie «zurückkehren, hierher nach Erlenbüel oder sonst in eine erträgliche Menschengemeinschaft». Radikaler denn je zeigt der siebzigjährige Dichter, dass wirkliches Leben nur ausserhalb erstarrter Ordnungen stattfindet. Dem strahlenden Sommertag, der den «Wendel von Euw» beschliesst, steht in «Erlenbüel» ein «trockener, trüber Novembertag» gegenüber: Allerseelen auf dem Friedhof.

Textprobe

I.

«Legen Sie Ihre Sachen hier auf den Tisch!»

«Verzeihung», gab ich zurück, «ich habe nicht die Absicht, ich länger aufzuhalten, ich werde Sie im Gegenteil jetzt sogleich wieder verlassen, und somit ist kein Grund vorhanden, meine Sachen abzulegen.»

«Ob Sie sich hier aufhalten werden oder nicht, kommt vorläufig noch ganz auf mich an. Aber wenn Sie mit Ihrem Plunder dastehen wollen ... meinetwegen. Ihre Personalien!» «Personalien? Personalien! Hm! Wenn das heißt, Sie möchten alles wissen, was mit meiner Person zusammenhängt, so, erlauben Sie, finde ich das etwas weitgehend...» «Schwatzen Sie keinen Unsinn! Wie heißen Sie?» «Ach so!» sagte ich und blickte mit einer Miene, als ob ich erst jetzt begriffen hätte, den Polizeimann an, der da in der dürftig erhellten Wachtstube des Gemeindehauses an einem rohen Tische saß und mich mit unverschämten Augen musterte. Wie ich heiße, das ist ganz nebensächlich», gab ich zur Antwort. «Und selbst wenn es wichtig wäre, könnte ich durchaus keinen Grund finden, mich Ihnen vorzustellen.» «Was fällt Ihnen eigentlich ein?» rief er entrüstet, fuhr vom Tische auf und sah mich streng an. Es war ein kleiner, ziemlich fester Mensch mit einem vollen, ganz gewöhnlichen Gesicht, das der Intelligenz noch Güte verriet, sondern eher einen gewissen dünkelhaften Hochmut. Solche Menschen waren mir von je- sehr zuwider, besonders wenn sich ihr überhebliches Benehmen auf ein Amt stützte, das sie mir gegenüber in Vorteil setzte 3 ihnen einen Schein von Recht verlieh. «Wenn Sie frech werden, lasse ich Sie augenblicklich abführen», fügte er hinzu, indem er mich unausgesetzt auf seine lächerlich überlegene Art anglotzte. Darauf setzte er sich und befahl barsch: «Ihr Name!»

Pressestimmen / Rezensionen

«Gäbe es von Meinrad Inglin nicht den ‹Schweizerspiegel›, so wäre man versucht zu sagen, ‹Erlenbüel› sei sein reifster, besinnlichster Roman. Sein heiterster jedenfalls ist es. Er hat den Verlauf des Märchens und meistert mit Eleganz den vorgelebten Stoff einer Schildbürgeriade. Das Reizende an Autor und Geschichte ist, dass nicht polemisiert, sympathisiert, Partei genommen wird. Nirgends überbordet der Fluss der Erzählung, nie versandet er, gemächlich treibt er dahin, dem Leben Erlenbüels entsprechend, das einzig durch Silvesters Auftauchen, Handeln und Verschwinden wie durch eine Stromschnelle in Unruhe versetzt wird. Dass der Märchenschlaf nicht erneut zum Sieger wird, dafür wird die Klatschbase Henriette Aberlen mit ihrer bösen Zunge sorgen. Die Moral von der Geschichte ist diese selber, gleich von Anfang an, bis zu dem bravourösen Ende. Es ist eine Geschichte unmittelbar aus unsrer Zeit, voll fruchtbarer Anspielungen und Parabeln, die kalaidoskopisch den Handel auflockern.

Der Autor hat alles mit Augen gesehen, und dass er sich daran erlabt hat, spürt der beglückte Leser, dem dauernd kristallklare ‹Schweizerspiegelehen› vorgehalten werden, von denen ein jeder ein messerscharf gestochenes, bedenkenswertes Bildchen liefert.» Neue Zürcher Zeitung

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