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Brigitte Kuthy Salvi Lichtspuren Aus dem Französischen von Katja Meintel Titel der Originalausgabe: «Double lumière»
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| Sehen ohne Augen bedeutet, die
Welt anders, neu wahrzunehmen. Wie das möglich ist, davon schreibt Brigitte
Kuthy Salvi. Sie nimmt die Leserinnen und Leser mit auf eine poetische
Reise, etwa ans Krankenbett der Fünfzehnjährigen, der eröffnet wird, dass
die versuchte Operation erfolglos war, und die nun daliegt und sich
überlegt, wie ein Weiterleben möglich sein kann, ohne jemals die Sterne
wieder zu sehen. Sie führt uns in Ausstellungen oder lässt uns einen Blick
werfen in die Küche, wo die Ich-Erzählerin ein Nachtessen für Gäste
zubereitet. Das alles sind Orte, an denen die Augen eigentlich dringend
benötigt würden. Doch Brigitte Kuthy Salvi zeigt in einer bildreichen
leichten Sprache, dass Sehen viel mehr ist als die Wahrnehmung mit den
Augen. Schreiben begleitet Brigitte Kuthy Salvi seit ihrer Kindheit. Dabei ist nicht bloß das Erzählen in schriftlicher Form von Bedeutung, sondern ebenso die leidenschaftliche Suche nach einer poetischen Stimmung im Schreiben selbst – im Wort und im Raum zwischen den Wörtern. |
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Aufmerksamkeit «man
müsste mit geschlossenen Augen malen.» Mit großer Achtsamkeit hast du mir jenes Geschenk überreicht, das als Stärkung, als Trost für die Trauer, die mich erwartete, gedacht war. So, als käme dir nichts an dieser Geste seltsam vor. Ich nahm es mit der gleichen Selbstverständlichkeit entgegen. Du warst mein «anderer Vater». Nicht der, der mir das Leben geschenkt hatte, sondern der Mann, der in dem Sommer, als ich sechs Jahre alt war, in einem Garten meiner Kindheit auftauchte, einem Garten, umhüllt von Jasminduft, den leuchtend violette Bougainvillea erstrahlen ließ vor der Mauer des weißen Hauses in Karthago. Mama und ich waren eingeladen, den Nachmittag in diesem zauberhaften Garten zu verbringen. Du warst da. Als die Ferien vorbei waren, kehrten wir heim nach Paris. Du auch. Kurze Zeit später zogst du bei uns ein. Das Geschenk war die Lithographie einer japanischen Malerin, Teruko Yokoi, für die du mehrere Ausstellungen organisiert hattest. Sie selbst hatte es dir für mich gegeben. Die Nachricht meines Verlustes hatte sie aufgewühlt. Sie wus-ste, wie sehr ich die Malerei liebte. Kurz bevor ich das Augenlicht verlor, hatte ich mit dem Malen begonnen. Ich hatte keine Technik, konnte nur Schwüngen, Bewegungen, Formen und Farben Ausdruck geben. Mein letzter Versuch war ein Bild aus Flammen, auf dem der Körper einer Frau zu tanzen schien und mit dem Feuer verschmolz. Es war lebendig, bedrohlich, verführerisch. Sie hatte das Geschenk ganz natürlich gefunden: eine Lithographie, die den Sonnenaufgang symbolisiert. Gelbe und schwarze Flecken auf weißem Hintergrund. Mit großer Sorgfalt beschriebst du mir, was du sahst, indem du mit meinem Zeigefinger einen Zentimeter über dem Papier in die Luft zeichnetest, um es nicht zu beschädigen. Dann rahmtest du das Werk und hängtest es in meinem Zimmer auf. Ich habe die «Aufgehende Sonne» in mein neues Leben mitgenommen. Es war für mich lebensnotwendig, dass die Sonne weiter aufging. Ich wollte dazugehören, immer noch. |
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© Limmat Verlag |