Moritz Leuenberger

Die Rose und der Stein

Grundwerte in der Tagespolitik

Reden und Texte

2002, 176 Seiten, Pappband
ISBN 3-85791-399-1

 

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Kurze Inhaltsangabe

Grundwerte und Tagespolitik

Moritz Leuenberger leitet ein bewegtes Departement in einer Zeit des Umbruchs, das bringt hektische tagespolitische Situationen mit sich. Aber gerade in Zeiten des Umbruchs ist Orientierung wichtig: Worum geht es uns? Wie wollen wir leben? Wie begegnen wir unserer ungewissen Zukunft?

In seinen neuen Reden und Texten thematisiert Moritz Leuenberger das Spannungsfeld zwischen tagespolitischen Realitäten und den Grundfragen unserer Kultur und Zivilisation. Er thematisiert sie aus seinen konkreten Erfahrungen heraus, und er tut es wie schon in «Träume & Traktanden»: humorvoll und gescheit, lebendig und elegant.

Moritz Leuenberger ist ein Politiker mit Visionen und ein Humanist: Politische Entscheide dürfen nie unsere Grundwerte aus den Augen verlieren. Wie sichern wir heute Freiheit und Gleichheit, Solidarität, Menschlichkeit und Gerechtigkeit?

Die Reden wurden gelegentlich leicht gekürzt, wo tagesaktuelle Details nicht mehr leicht zugänglich waren. Die ganzen Texte sowie weitere, in diesem Buch nicht publizierte Reden können nachgelesen werden unter www.moritzleuenberger.ch

Moritz Leuenberger, geboren 1946. Selbständiger Rechtsanwalt in Zürich. Mitglied der sozialdemokratischen Partei der Schweiz. 16 Jahre Nationalrat. Präsident der Parlamentarischen Untersuchungskommission PUK 1. 4 Jahre Regierungsrat des Kantons Zürich. Seit 1995 Bundesrat, Vorsteher des Eidg. Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK), 2001 Bundespräsident der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Im Limmat Verlag ist ausserdem lieferbar: «Träume & Traktanden. Reden und Texte».

 

Aus dem Buch

Inhalt

      Menschenrechte und Gotthardstau

 

Im Namen Gottes des Allmächtigen!

      Danken und denken

      Was die Kirche denkt, muss sie dem Kaiser sagen

 

in der Verantwortung gegenüber der Schöpfung,

      Die Rose und der Stein: ein Bekenntnis zur Vergänglichkeit

      Das Böse, das Gute, die Politik

 

im Bestreben, den Bund zu erneuern,

      Zürich 650 Jahre in der Eidgenossenschaft

      Theater und Politik

 

um Freiheit und Demokratie, Unabhängigkeit und Frieden in Solidarität und Offenheit gegenüber der Welt zu stärken,

      Dialog der Kulturen: europäische Realität – globale Utopie?

      Das Lob der Gleichheit

      Medien und Manipulation

 

im Willen, in gegenseitiger Rücksichtnahme und Achtung

      Die planmässige Förderung der christlichen Nächstenliebe

      Darum komme ich ins Albisgüetli

      Kommunikation bedeutet Gemeinsamkeit

 

ihre Vielfalt in der Einheit zu leben,

      Rettet den Röstigraben

      Meine Damen und Damen, meine Herren und Herren

      Früher war alles besser

      Der sechste Sinn des Buches

 

im Bewusstsein der gemeinsamen Errungenschaften

      Rituale in der Politik

      Vom langen Lernen, ein guter Eidgenosse zu werden

 

und der Verantwortung gegenüber den künftigen Generationen,

      Von Zugvögeln, Wildschweinen und Angsthasen

      Die Sonne, der Mond, die Liebe und das Automobil

 

gewiss, dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht,

      Die Schranken der Freiheit

      Das Privileg des freien Willens

      Freiheit und Risiko

 

und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen

      Den Schwachen achten macht den Starken stark

      … und unsern kranken Nachbarn auch

Menschenrechte und Gotthardstau

«Der Bundespräsident zieht es offenbar vor, in einer Uno-Versammlung eine Rede zu den Menschenrechten zu halten, statt sich dem wirklichen Problem von uns Schweizern zu widmen, nämlich dem Stau am Gotthard.»

Ein Chefredaktor drückte aus, was viele immer wieder denken: Der Bundespräsident redet, statt dass er handelt, er widmet sich schönen Theorien statt der Tagespolitik.

Zuerst entrüstete ich mich: Was ist schon das Warten im Auto verglichen mit Folter und Mord? Doch, musste ich mir dann sagen, wir denken ja alle zuerst einmal an unsere eigenen praktischen Schwierigkeiten, bevor wir uns um Grundsätze kümmern. Tony Blair wurde vorgeworfen, er sei nicht gewählt worden, um gegen das Böse auf der Welt zu predigen, sondern um die Infrastrukturen von England wieder instand zu stellen. Der Ruf einer schweizerischen Parteipräsidentin nach einer Grundwertediskussion verklang ungehört im Lärm der Tagespolitik. Unmittelbare Bedürfnisse haben wir alle. Einen Politiker daran zu erinnern, dass er sich um die nahen Nöte zu kümmern habe, ist demokratisch und es ist auch richtig. Seine Aufgabe ist es, diesen Nöten zu begegnen und sie zu lindern.

Trotzdem bin ich mit der Intervention nicht einverstanden, weil sie nämlich die Menschenrechte gegen den Stau am Gotthard ausspielt und damit Grundwerte von so genannter Sachpolitik trennt. Dagegen wehre ich mich.

Das tagespolitische Ringen um Sachprobleme führt uns notwendigerweise zu unseren Grundwerten. Eine Autobahneröffnung gibt Gelegenheit zu fragen: Sollen wir für Zugvögel aus Dänemark, die ein Mal im Jahr in der Schweiz zwischenlanden, bevor sie nach Nordafrika weiter fliegen, einen Autobahntunnel für 150 Millionen Franken bauen? Oder wie viel dürfte denn ein solcher Tunnel kosten? Ist eine Klimaveränderung bewiesen? Wer muss sie beweisen? Das Nachdenken darüber zeigt, warum wir, obwohl wir alle um unsere Vergänglichkeit wissen, uns dennoch für das Leben aller Generationen einsetzen.

Wenn wir den Alltag gestalten und dabei überlegen, welche Entscheide wir treffen sollen, denken wir über die Folgen der verschiedenen Lösungsmöglichkeiten nach: Wie reagieren die Betroffenen? Ist ein Entscheid rückgängig zu machen, wenn er sich als falsch erweisen sollte? Können spätere Generationen ihn rückgängig machen? Ahmen andere den Entscheid nach? Was hätte das wiederum für Folgen? Solche Fragen führen uns zu den Grundnormen einer Gesellschaft. So sind religiöse Gebote, philosophische Manifeste oder politische Erklärungen zustande gekommen, die Bergpredigt, die Charta der Menschenrechte, Staatsverfassungen.

Grundsätzliche Überlegungen darüber, wie die Menschen zusammenleben, welche Pflichten, welche Rechte sie haben, wie sie sich in der Natur verhalten sollen, sind auch bei der Totalrevision der Schweizerischen Bundesverfassung gemacht worden. Sie fanden ihren Niederschlag in der Präambel. Nach ihr habe ich die hier veröffentlichten Reden systematisch gegliedert. Damit möchte ich zeigen, dass die Einleitung unserer Verfassung eine konkrete Bedeutung für die Tagespolitik hat, dass es wertneutrale Sachpolitik nicht gibt, sondern sie sich stets an unseren Grundzielen misst.
Soll sich ein Bundespräsident also um die Menschenrechte oder um den Stau am Gotthard kümmern? In diesem Buch ist von beidem die Rede und davon, dass beides etwas miteinander zu tun hat.

Moritz Leuenberger
 

Pressestimmen / Rezensionen

Rd_tri.gif (202 Byte) Stimmen
Rd_tri.gif (202 Byte) Neue Luzerner Zeitung vom 2. Dezember
Rd_tri.gif (202 Byte) Tages-Anzeiger vom 30. November 2002
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St. Galler Tagblatt vom 4. Dezember 2002

Stimmen

«Reden halten tut er mit so viel Engagement und Originalität, dass er dem Bundesrat, über seinen Rücktritt hinaus, als amtlicher Redenschreiber erhalten bleiben müsste. Und obwohl im Präsidialjahr notgedrungen zum Krisenredner mutiert, kommen seine Auftritte oft ausgesprochen lustig daher.» Tages-Anzeiger

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Rezensionen

St. Galler Tagblatt vom 4. Dezember 2002

Vom Reden und vom Handeln

«Die Rose und der Stein» - Neue Reden und Texte von Moritz Leuenberger

Bundesrat Moritz Leuenberger hat einen zweiten Band mit gesammelten Reden aus den Jahren 2001/2002 herausgegeben - Bekenntnisse zu einer Politik, die über den Tag hinausdenkt.

Was ist von einem Bundesrat zu halten, der seine Reden als Buch in einem literarischen Verlag veröffentlicht? Einen Einwand gegen solches Tun nimmt Moritz Leuenberger im Vorwort auf, indem er einen Zeitungskommentar zitiert: «Der Bundespräsident zieht es offenbar vor, in einer UNO-Versammlung eine Rede zu den Menschenrechten zu halten, statt sich dem wirklichen Problem von uns Schweizern zu widmen, nämlich dem Stau am Gotthard.»

Das Beispiel macht es ihm einfach, das Leiden verärgerter Chauffeure gegen jenes gefolterter Menschen aufzuwiegen und so sein Verständnis von Politik zu legitimieren: Tagespolitische Sachentscheide müssten auf Grundsätze gebaut sein, die sozial, ökologisch und ethisch vertretbar seien. Antike Kunst

Als Prokatalepse beschreiben Rhetoriklehrbücher eine solche vorwegnehmende Widerlegung möglicher Einwände. Zu studieren sind diese Mittel, mit denen auf eine bestimmte Reaktion beim Publikum hingearbeitet wird, bei den antiken Rhetorikern. In Cicero und Cäsar finden sich denn auch Vorbilder von Politikern, die heute literarisch gelesen werden. An künstlerisch ambitionierten Staatsmännern ist die Geschichte seither nicht eben reich: Shakespeare und Schiller schrieben brillante Reden, allerdings für fiktionale Könige und Feldherren. Gottfried Keller beschäftigte sich in seinen Novellen mit staatsphilosophischen Fragen, über seine Gebrauchstexte als Beamter schweigt die Literaturgeschichte höflich. Auch mit den Präsidenten der Moderne von Reagan über Mitterrand bis zu Putin, die sich mit Memoiren unsterblichen Ruhm zu sichern versuchen, ist Moritz Leuenberger nicht zu vergleichen. Vaclav Havel wiederum war zuerst ein geachteter Schriftsteller und später ein Präsident, der Theoretisches zu Politik und Gesellschaft veröffentlichte. Leuenbergers Absicht am ähnlichsten ist vielleicht die Geste von Expo-Direktorin Nelly Wenger, die sich mit dem Buch «Ich lade Sie ein» an die Schweizer wandte.

Verfassung als roter Faden

«Die Rose und der Stein» ist in seinem Anspruch wie im Gehalt ein eminent persönliches Werk. Dies, obwohl die Reden von Anfang an für die Öffentlichkeit geschrieben wurden. Persönlich in jenem Sinne, dass ihr Verfasser darin jedes Mal auch ein Stück seiner Grundhaltung erklärt, statt einfach nur den jeweiligen Anlass abzuhaken. Zu seiner Überzeugung gehört ganz zentral: «Das tagespolitische Ringen um Sachprobleme führt uns notwendigerweise zu unseren Grundwerten.» Das tragendste Fundament für Leuenberger als Staatsmann ist die Bundesverfassung. Ihre Präambel leitet das Buch ein, und die einzelnen Zeilen gliedern es in Kapitel.

(...)

Politik philosophisch

Moritz Leuenberger gefällt sich in der Rolle des Redners, der Wahrheiten über die vordringlichsten Fragen hinaus anzubieten hat. Mit dem Tonfall eines Predigers verfällt er zuweilen ins Moralisieren. Im Präsidialjahr 2001 hat er die Rolle des integrativen Landesvaters mit Lust perfektioniert. Nach «Träume & Traktanden» (2000) ist nun daraus das zweite Buch «Die Rose und der Stein» entstanden. Beweisen die Texte, was für ein guter Bundesrat Moritz Leuenberger ist? Oder im Gegenteil, dass er lieber schön redet als zielstrebig handelt? Zuerst einmal zeigt dieses Buch, wie der Magistrat die Rede als politisches Instrument in der Öffentlichkeit einsetzt. Darüber hinaus werben seine Ansprachen für ein Interesse am Staat und für gelebte Staatsbürgerschaft.

eva bachmann

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