Meienberg. Marianne Fehr
Meienberg.
Lebensgeschichte des Schweizer Journalisten und Schriftstellers

3. Auflage 2000, 1. Auflage 1999, 560 Seiten, über 40 Abbildungen, gebunden
ISBN 3-85791-326-6

 

 

Rd_tri.gif (202 Byte) Niklaus Meienberg Rd_tri.gif (202 Byte) Zum Buch Rd_tri.gif (202 Byte) Text Rd_tri.gif (202 Byte) Stimmen
Kurze Inhaltsangabe
Niklaus Meienberg erfand die Reportage neu. Er recherchierte nicht nur hartnäckig und genau, durch die Kraft seiner Sprache wurden seine Berichte über die Wirklichkeit zu Literatur. Und wie Heine und Tucholsky, mit denen er oft verglichen wurde, mochte er dabei häufig nicht auf Polemik und Satire verzichten.

Die Geschichte seines Lebens lässt jetzt verstehen, wie sein Werk entstanden ist: Wie kein Zweiter hat sich Niklaus Meienberg der Öffentlichkeit ausgesetzt und seine Person in seine Texte eingebracht, der Journalist tritt als Zeuge auf. Erlebnisse beim Recherchieren oder aus der Kindheit werden eingeflochten, der Journalist tritt als Zeuge auf, als Niklaus Meienberg nennt er alle und alles beim Namen, und als Niklaus Meienberg steht er für seine Texte ein. Sie erhielten so eine spezifische Mischung aus radikaler Subjektivität und unbestechlicher Objektivität.

Niklaus Meienberg hat weder sich noch andere geschont, und das hatte seinen Preis. Marianne Fehrs Biografie zeigt jetzt der Öffentlichkeit, die in ihm stets nur den ‹Wüterich› sehen wollte, einen vielfältigeren und widersprüchlicheren Meienberg. Sie zeigt seine Verflochtenheit mit dem Gang der Ereignisse während einer Epoche, und sie lässt erahnen, warum er an deren Ende nicht mehr weiterleben mochte.

Marianne Fehr, geboren 1954, Journalistin, 1981 bis 1997 Redaktorin bei der «WochenZeitung», ab 1998 bei der «Weltwoche».

Inhaltsverzeichnis
Anstelle eines Vorworts ein Nachruf

Jugend in St. Gallen 1940—1953
Aus der ersten Heimat in eine kriegerische Welt entlassen

Im Klosterschatten 1953—1955
Vorbereitungen aufs mönchische Leben und eine Namensänderung

Am Rande des Gebirges 1955—1960
Wie ein heller Stern weist die Flamme den Weg

Amerika 1960—1961
Ein Gehülfe will Uno-Generalsekretär werden

In hohen Ämtern 1961—1964
Der Studiosus greift nach den Sternen, bis sie ihm vor den Augen tanzen

Zürcher Lebensschule 1964—1966
Wie ein Pferd den falschen Meister abwirft und ein Ehehafen knapp umschifft wird

Paris, im Mai 1966—1968
Ein Präsident setzt sich für Kühlschränke ein, ehe er selber in der Kälte steht

Prüfungen 1968—1970
Am Leben und knapp am Tod vorbei

Gute Zeiten beim tam 1970—1972
Der Schreiber findet sein Forum, geht in den Schuldienst und beinahe nach Afrika

Die Entdeckung des Ernst S. 1973—1975
Die Arbeit trägt Früchte, manche sind sauer

Das Verdikt 1976
Die Bescherung zu einem fürstlichen Geburtstag

Arbeitsverhinderungen 1977—1978
Die Platzhirsche röhren, das Reh Mirza soll schweigen

Der Hitler-Attentäter 1978—1979
Von aufgeregten Fabrikanten und aufreibenden Reisen

Unruhe in Zürich 1980—1982
Herr Gillhausen kommt zu Besuch

Auf einem fremden Stern 1982—1983
Was das Heidi nicht kennt, frisst es nicht

Lockende Angebote 1983—1984
Der Heimkehrer wird in den Salon gebeten

Festivitäten und Fabriken 1985—1986
Eine Heimatdichterin droht mit dem Richter

Der General 1987—1988
Wie der Löwe sich der Beute nähert und ein Jaguar grosse Sprünge macht

Auszeichnungen 1989—1990
Das Land und sein Kritiker feiern einen runden Geburtstag

Krieg im Kopf 1991
A vos ordres, mon général!

Liebe, Lyrik 1991—1992
Phönix steigt aus der Asche und zeigt die neuen Federn

Überfälle 1992—1993
Ein kräftiger Körper wird seiner Souveränität beraubt

Ankündigung 1993
Ein kranker Freund bittet um Hilfe

Letzte Sommertage Ende September 1993
Die Reise nach Frankreich

Namenregister
Werkregister

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Textprobe
In den drei folgenden Jahren ist Meienberg in bester Verfassung. Loris Scola: «Er war weniger aufgedreht als zu seiner ‹Stern›-Zeit, viel ruhiger und ausgeglichener. Er arbeitete gut, hatte die Bestätigung, die er brauchte, denn viele wollten nun etwas von ihm. Er war sinnlich und lebensfreudig.» Wenn sie von der Arbeit als Mathematiklehrerin nach Hause kommt, fahren sie oft aus der Stadt hinaus, manchmal mit Freunden. Der deutsche Publizist Lothar Baier berichtet über einen Ausflug ins Aargauer Freiamt mit Meienberg, Loris Scola, Patrik Landolt und Rosemarie Meier: «‹Sind Sie nicht›, sagt auf einmal der Bauer, einen der Begleiter scharf ins Auge fassend, ‹der Herr Meienberg?› In diesem Augenblick erkennt der Tourist, was wahre Berühmtheit ist. (…) In Frankfurt, denkt er betrübt, kennt mich kein Schwein, und schon gar kein Bauer aus der Umgebung, obwohl ich doch auch in Zeitungen schreibe und auch schon im Fernsehen war.»41

Anfänglich wohnt Meienberg in einem Zimmer an der Kieselgasse, nahe seiner letzten Behausung, übernimmt aber bald die Drei-Zimmer-Wohnung eines Bekannten an der Eisfeldstrasse in Oerlikon. Vom neuen Wohnort in der tristen Vorstadtumgebung ist er zwar gar nicht begeistert, aber zumindest hat er endlich eine eigene Wohnung. Ihrer Ausstattung widmet er kaum Aufmerksamkeit. Ebenso deprimierend wie die Wohnlage ist die Innenansicht seines neuen Heims. (...)

Erste Begegnungen an seinem neuen Oerlikoner Domizil verheissen nichts Gutes. Meienberg kommt eben vom Kiosk, eine Beige Zeitungen unter dem Arm. Eine Geschäftsantwortkarte flattert aufs Trottoir, worauf der Hausabwart energisch aus der Türe tritt und ihm befiehlt, den Unrat aufzulesen.

«Jetzt wird er schon ganz rot, die Sehnen straffen sich an seinem Hals, Generalmobilmachung, letzter Notenaustausch der verfeindeten Mächte (…). Mit welchen Wörtern wird er jetzt aus der Hüfte schiessen, darf man ein SOUHUND oder SCHMUTZFINK erwarten, nein, er sagt SINZI ÄN USSLÄNDER, und als ich antworte: natürlich, entspannt er sich sofort, die Adern schwellen ab, der Kopf changiert von puterrot zu blassrosa, und sagt zum Abschied: HANI MIRS DOCH TÄNKT, MIT DÄNE HOSE. Die sind wirklich nicht mehr die neusten.»42


41 WoZ, 9.11.1984. Rd_tri.gif (202 Byte)
42 Spazierstock, 94.

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Stimmen zum Buch / Rezensionen
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Rd_tri.gif (202 Byte) St. Galler Tagblatt vom 27. Januar 1999
Rd_tri.gif (202 Byte) Weltwoche vom 11. Februar 1999 
Rd_tri.gif (202 Byte) Reaktion St. Galler Tagblatt
Rd_tri.gif (202 Byte) Sonntagszeitung vom 14. Februar 1999
Rd_tri.gif (202 Byte) St. Galler Tagblatt vom 18. Februar 1999
Rd_tri.gif (202 Byte) Tages-Anzeiger vom 19. Februar 1999
Rd_tri.gif (202 Byte) Neue Zürcher Zeitung vom 27. Februar 1999
Rd_tri.gif (202 Byte) Weitere Rezensionen ...
Stimmen

«Wer sich heute für Meienberg interessiert, wird an Marianne Fehrs Buch nicht mehr vorbeikommen. Die kiloschwere Biografie zeichnet detailgenau und spannend ein bewegtes Leben und ein Stück Schweizer Geschichte nach.» SF DRS Next

Rezensionen

St. Galler Tagblatt vom 27. Januar 1999

Letzte Ehre - oder ein Beginn?

Vor dem Erscheinen einer Biographie über Niklaus Meienberg - Marianne Fehrs Recherche

In zwei Wochen erscheint Marianne Fehrs Buch: «Meienberg.» Vor über fünf Jahren ist er gestorben. Umstritten ist sein Werk bis heute; gepflegt wird es kaum. Zu Unrecht, findet die Autorin.

«Meienberg.» - so heisst das Ergebnis einer ausgedehnten Recherche: Der Punkt im Titel ist Marianne Fehr wichtig; so hat sie den 1993 durch Suizid verstorbenen Schriftsteller erlebt.
«Meienberg. Da bin ich. Punkt.» So hat er sich ins Spiel gebracht; ein Mensch von einer starken Präsenz. Wenn man einmal den Namen Meienberg erwähnen werde, dann meine man ihn, hatte er als Bub am Familientisch gesagt. Eine der Trouvaillen, die Marianne Fehr gesammelt hat.

Ausstehende Biographie

Sie selber hatte die starke Präsenz Meienbergs in den 17 Jahren erfahren, während derer sie den Autor kannte. Hat sie persönliches Erlebnis bewogen, eine Biographie zu schreiben? Nicht nur das, beteuert sie auf Anfrage, noch mehr habe sie erstaunt, dass sich bisher niemand an die biographische Arbeit gemacht habe. Ein Buch, geschrieben aus persönlicher Betroffenheit, ist zwar erschienen. Aber die Recherche, das nüchterne Aufarbeiten der Lebensdaten, der Erinnerungen, das stand bislang noch aus.

Das grosse Puzzle

Also packte Marianne Fehr zu, aus Interesse und Verpflichtung zugleich. Werkbeiträge der Städte St.Gallen und Zürich und von Landis & Gyr haben das Projekt möglich gemacht, eine Biographie Meienbergs, die sich auf seine zahlreichen persönlichen Äusserungen und auf Gespräche mit Angehörigen und Verwandten stützt. «Ein fast uferloses Unterfangen», hat die Autorin festgestellt. So viele Leute gibt es, die Niklaus Meienberg gekannt haben, die etwas zum grossen Puzzle einer Biographie beisteuern könnten. Andere wiederum, die sich weigern, Auskunft zu geben, weil sie sich noch immer von Äusserungen Meienbergs verletzt fühlen. «Ich wollte einfach zusammentragen, was ich vorfand», sagt Marianne Fehr. Die Dokumente sollen für sich selber sprechen, die Autorin will das Leben des verstorbenen Schriftstellers nicht deuten, vor allem nicht in Psychologie verpacken. Dennoch, die Arbeit am Buch ging an ihr nicht spurlos vorüber. Träume holten sie ein, Erinnerungen. Vor allem an die Zeit, als der nahende Golfkrieg in Niklaus Meienberg eine von aussen schwer verständliche Überreaktion auslöste. Marianne Fehr, damals Redaktorin bei der «WoZ», erlebte, wie sich NiklausMeienberg verfolgt glaubte, von der Redaktion aus gegen den nahenden Krieg agieren wollte. Andere Zeitungshäuser suchte er auf, um Schutz zu finden. So stark und unerbittlich er sich früher als Autor und Redner gezeigt hatte, so schwach und anlehnungsbedürftig wurde er in der Zeit der Krise. Dieser Widerspruch, die Gleichzeitigkeit von Stärke und Schwäche, haben Marianne Fehr bei ihrer Recherche begleitet. Und mehr als einmal wollte sie ausrufen: «Aber Niklaus! Wie kannst du nur!»

Versagte Freundschaft

Der Antrieb, solchen Widerspruch zu verstehen, hat sie zur Biographin gemacht. Sie weiss, dass ihr Buch nicht die letzte Wahrheit über Meienberg sein kann. Vielmehr geht es um eine erste Bestandesaufnahme. Um eine Sicherung des Terrains. Um ein Festschreiben der Erinnerung. Das reich mit Anmerkungen und Hinweisen versehene Buch könnte Ausgangspunkt für weitere Arbeiten werden. Meienberg hätte sie verdient: eine Würdigung des ganzen Autors. Im Leben ist sie ihm kaum zuteil geworden. Er wurde gebraucht «fürs nächste Podiumsgespräch», geschätzt für seine so «beliebten Aufschreie gegen die Hartherzigkeit der Bourgeoisie». Er hat sich über solches Gebrauchtwerden von den Genossen bitter beklagt. Als Zyniker wurde er akzeptiert; Freundschaft blieb ihm weitgehend versagt.

Verkannte Warnung

Und noch etwas verpflichtet, die Erinnerung wach zu halten. Unserm Land wäre viel von der internationalen Demütigung erspart geblieben, hätte man Meienberg rechtzeitig gelesen - und sein Leiden an der Geschichte geteilt.

Josef Osterwalder
© St. Galler Tagblatt

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Weltwoche Nr. 6/99 vom 11. Februar.1999

Marianne Fehr rückt mit ihrer Meienberg-Biographie das Leben des grossen Polemikers wieder ins Lot

«Siehst du, so muss man recherchieren!»

Seine Wortmächtigkeit sprengt heute noch seine Biographie. Seine Sätze leuchten wie Paradiesblumen.

Natürlich hat die Gemeinde das üble Machwerk einer Aline Graf übersehen. Aber um so heftiger den Tag herbeigesehnt, an dem ein wirklich Berufener das Leben des Niklaus Meienberg wieder ins linke Lot rückt. Den Wüstling vergessen lässt, der sich nachts sowohl über die arme Aline wie über ihren Kühlschrank hermachte. Und den Strahlenglanz des Journalisten wieder frisch poliert, der in furiosem Galopp wider die Mächtigen dieser Welt anritt und mit Genuss die Innereien von Verlagshäusern und Fabriken ausweidete.
Als die Gemeinde erfuhr, dass Marianne Fehr, damals Redaktorin bei der linken «Wochenzeitung», am guten Werk sei, lehnte sie sich beruhigt zurück. Marianne wird’s schon richten. - Hat sie es gerichtet? Und wie. Aber nicht so, wie das alle hofften, die in ihren eigenen Texten meienbergelten, dass es in den Ohren krachte, und ihre Sätze mit träfen Dialektwörtern düngten. Musste sie, so werden sie bemängeln, wirklich die Geschichte vom blutig gepeitschten Ross erzählen? Und war es nötig, so viele Seiten seiner Verwirrtheit zu widmen, als er während des Golfkriegs nicht mehr zwischen Freund und Feind unterscheiden konnte und sich vom israelischen Geheimdienst gejagt wähnte?
Marianne Fehr hätte das Buch aus dem Handgelenk schütteln können - schliesslich kannte sie den «begnadeten Polemiker mit Feuerkopf und Löwenherz» seit zwanzig Jahren. Sie sass auf der «Woz»-Redaktion, als er deren Räume zu seiner Kommandozentrale umfunktionierte und den Redaktionsbetrieb lahmlegte. Und sie brauste auf dem Rücksitz seines Töffs durch die Lande - ein Privileg, das sie allerdings mit vielen andern Frauen teilte. Doch sie hat es sich schwergemacht, zitiert Hunderte von Quellen und Menschen: Familie, Freunde, Kollegen und die verflossenen Geliebten. Ja, auch jene Aline Graf, die Nacht für Nacht darauf wartete, dass ihn eine flüchtige Laune in ihre Wohnung trieb, bekommt ein paar dürre Zeilen. Und ein vernichtendes Verb. «Ab 1986», steht bei Marianne Fehr, «wird sie regelmässig von Meienberg frequentiert.»

Andere hätten ihr Insiderwissen genutzt, um triumphierend ihre Nähe zum Gegenstand der Bewunderung zu beweisen. Marianne Fehr benutzt es, um Distanz zu schaffen. Immer wieder boxt sie Niklaus Meienberg freundschaftlich in die Rippen: also wirklich... Voller Ironie beschreibt sie seine forschen Auftritte, wenn er, zornesrot das Schwert der Gerechtigkeit schwingend, die Redaktionen heimgesucht hatte, vor allem «Wochenzeitung» und «Weltwoche», wo die meisten seiner Artikel erschienen. Und sie lächelt über seinen Hang zu grossspurigen Reitstiefeln: «In einem Restaurant vertrampt er damit beinahe einen kleinen Hund.» Oder über seinen Lebenslauf, wo er die paar Tage Traktorfahren in kanadischen Wäldern zum Baumfällerjob ausbaut. Ihre erste gemeinsame Ausfahrt liest sich bei Marianne Fehr so: «<Hopp>, sagte er, <jetzt zeig ich dir einmal, was Journalismus ist.> Ehe ich weiss, wie mir geschieht, sitze ich auf seinem Motorrad und wir brausen ins Fribourger Hinterland. Auf dem Landsitz eines Nachkommens des verstorbenen Bundesrates Musy halten wir an, klopfen und begehren Einlass. Meienberg stellt mich als seine Sekretärin vor. Der Hausherr mag sich über unsern Besuch nicht recht freuen. Ich schleiche im Schatten des grossen Meienberg ins Haus, wo der Musy-Nachfahre mit Fragen nach den Untaten des ehemaligen Bundesrates bombardiert wird, ehe er uns hinauskomplimentiert. <Siehst du, so muss man recherchieren>, sagt Meienberg.»
Weil Marianne Fehr immer bescheidene Chronistin bleibt, die andere zu Wort kommen lässt, schrillen die einzigen beiden Passagen, in denen sie sich den Hauch eines Vorwurfs erlaubt, wie Alarmsignale in den Ohren. Zum Tod von Niklaus Meienbergs Mutter 1992 schreibt sie, spürbar von leisem Groll gegen soviel Vollkommenheit erfüllt: «Die oberste Schreibinstanz, die zentrale Nachrichtenagentur, die Kontrollstelle, die Magna Mater Sangallensis, die Intellektuelle, die Gerechte, die sozial Engagierte, das Gewissen ist abgetreten. Wer soll hienieden diesen unübersehbar wichtigen Platz einnehmen?»
Auch der Artikel in der «NZZ», dem viele die Schuld an Niklaus Meienbergs Selbstmord geben, muss sich den Vorwurf der Ungerechtigkeit gefallen lassen. Sein vernichtender Schluss: «Manches deutet darauf hin, dass seine Energien zur Neige gehen. Gegenwärtig probt er eine zweite Unschuld in einer Lyrik, von der sich, wie der Autor selbst behauptet, niemand betroffen fühlen muss. Was - bis jetzt - bleibt - sind einige Dutzend gültige Seiten polemischer Prosa - und eine Wortmächtigkeit, die viel zu wenig der Literatur zugute gekommen ist.» Diese Wortmächtigkeit sprengt, selbst zu Zitaten ausgedünnt, heute noch beinah seine Biographie. Die Autorin hat es so gewollt. Die Sinnlichkeit der Ausdrücke, die Lust am Fabulieren, das ungestüme Sprachtemperament - all dies sollte ausschliesslich ihm vorbehalten sein. Sie selbst pflegt nur das Beet, auf dem seine Texte wie Paradiesblumen leuchten. So frisch und eindrücklich, dass man sich angesichts der herrschenden journalistischen Dürre mit ihrer normierten Faktenhuberei beklemmt fragt: Hat man das damals überhaupt richtig gewürdigt? Und: Hätte es Meienberg heute nicht leichter?

Denn wer damals unterhaltend schrieb, war ein unseriöser Plauderi. Wer das, was Menschen am meisten interessierte, nämlich Menschen, ins Zentrum stellte, war kein Historiker. Wer sich von Lust beim Aufstöbern von Fakten leiten liess, Gefühl furios mit Intellekt mischte, galt als Triebtäter, und wer die Geschichte neu befragte, als Landesverräter. Hier zumindest hat sich inzwischen einiges verändert.
Erfährt man Neues? Und ob! Da hat uns Niklaus Meienberg weisgemacht, er stamme aus kleinbürgerlich-katholischen Verhältnissen, aus einem armen, aber reinlichen Elternhaus. Nichts als romantische, in den 68igern opportune Koketterie! Denn die Meienbergs besassen nicht nur eine Neuenburger Pendüle an der Wand und ein Dienstmädchen in der Küche, sondern auch einen Vater, der Bankrevisor war und Umgang mit Universitätsrektoren und Äbten pflegte. Und dessen Erziehungsbeiträge sich in einem «wägemine» erschöpften.

Starke Mutter

Ha! werden Hobbypsychologen triumphieren: Haben wir’s doch gedacht! Und - ha! - eine Mutter, die mit starker Hand nicht nur das Leben ihrer sechs Kinder richtete, sondern auch dafür sorgte, dass die Verkäuferinnen in der Migros an der Kasse nicht mehr stehen mussten. Sogar seinen Schreibstil hat sie geprägt. Sie war es, die ihre Briefe mit Ausrufezeichen durchhackte und mit Dialektausdrücken würzte.
Marianne Fehr selbst hütet sich, wohlfeile Schlüsse zu ziehen. Und wie sie schliesslich das Leben des Niklaus Meienberg seinem Ende zustürzen lässt, schnürt einem die Kehle zu. Vor allem, wenn man auch zu jenen gehört hatte, die grollend seinen Selbstmord als Kapitulation eines zutiefst beleidigten eitlen Menschen sahen, der zwar «stahlhart im Geben, aber pflaumenweich im Nehmen» war.
Da sind erste Anzeichen, dann offene Ankündigungen. Da sind Freunde, die nicht wussten, welchen Namen seine Krankheit hatte, und tatenlos zusehen mussten, wie er seinen Abschied von dieser Welt vorbereitete. Sein Neffe Dominique Meienberg sagte: «Was hätte man tun können? Ihn präventiv einzuliefern, zog niemand ernsthaft in Erwägung. Und alles wäre wohl nur ein Verzögern gewesen von etwas, das früher oder später bestimmt gekommen wäre.» Eine Hölle, die alle Angehörigen von Depressiven kennen.

Schock eines Überfalls

Da ist vieles, was die Depression fördert. Nicht nur der Tod der Mutter und eine Liebe, die zerbricht, sondern auch Demütigung und Schock eines Raubüberfalls vor der Haustüre und ein nie geklärter Töffunfall in Südfrankreich - im Buch im Kapitel «Ein kräftiger Körper wird seiner Souveränität beraubt» vereint. Es ist nicht nur die körperliche Souveränität, es ist auch die geistige. Ein Journalist, der an jeden seiner Sätze literarische Ansprüche stellt, benötigt nicht nur die «etwa zehn Prozent» seiner Schreibfähigkeit, die ihm, so glaubt Meienberg, nach seinen Unfällen noch geblieben sind. «Das Schlimmste ist, dass ich nicht mehr denken kann», vertraut er dem jungen Schriftsteller Peter Weber an, den er für den «Spiegel» interviewen sollte.
Auch fehlen ihm zunehmend die Themen. Die Grenzen zwischen links und rechts verschwimmen; die Feinde stehen nicht mehr, deutlich umrissen wie Gemsen auf dem Berggrat, zum Abschuss herum. Und mit den neuen Themen Ökologie und Feminismus kann er es nicht so recht. Vor allem aber ist dem grossen Rechercheur das Recherchieren verleidet. Schon in seiner melancholischen Dankesrede bei der Verleihung des St. Galler Kulturpreises sprach er von den zwei Meienbergs in seiner Brust, dem zum Protest Verurteilten, der die «vermaledeite Rolle, nämlich dort auszurufen, wo andere schweigen, zu spielen hat, und dem introvertierten, verletzlichen Meienberg, den niemand zur Kenntnis nehmen will». In einem Radiointerview doppelt er nach: «Unter diesem totalen Erwartungsdruck, einerseits von rechts (was macht er nun wieder Böses?) und von links (was tut er für uns?) kann man auf die Länge nicht arbeiten.» Vom zweiten Meienberg, dem unsicheren, wusste kaum jemand. Wollte auch niemand wissen. Gefragt war nur die vermeintliche Ostschweizer Saftwurzel, der «Rambo des CH-Journalismus».

Margrit Sprecher
© Weltwoche

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Sonntagszeitung vom 14. Februar 1999

Meienberg, Punkt.

Marianne Fehr hat das Leben von Niklaus Meienberg nachgezeichnet - entstanden ist ein Buch über einen in sich zerrissenen Menschen.

Bald sechs Jahre nach dem Tod von Niklaus Meienberg legt Marianne Fehr die finale Biografie vor. Daraus weht uns die tiefe Tragik dieses Lebens an.

Wenn er nicht mehr schreiben könnte, hatte er wiederholt mündlich und schriftlich befürchtet, müsste er ersticken. Als er überzeugt war, nicht mehr schreiben zu können, wählte er den Freitod - durch Ersticken.

«Meienberg.» nennt Marianne Fehr ihre 550-Seiten-Biografie des helvetischen Journalisten, Schriftstellers, Lyrikers und Berserkers Niklaus Meienberg, 1940-1993. Meienberg, Punkt.

Der Titel ist Meienbergs würdig. Für ihn hatte jedes Wort Gewicht, jedes Satzzeichen seine unverrückbare Bedeutung. Da liess er sich, wie bei allem, nicht dreinreden. Wer es versuchte, kriegte Ärger - und verziehen wurde ihm möglicherweise nie. Der Mann hatte seine Grundsätze, und wer ihnen nicht genügte, fiel bei ihm durch - ob Freund oder Feind.

Meienbergs Jugendzeit wirkt da fast wie ein Idyll, wie ein unbeschwertes Vorspiel zum richtigen Leben. Im beschützenden bürgerlich-katholischen St. Galler Milieu aufgewachsen, mit dieser starken, dominierenden Mutter, um deren Beifall er sich ein Leben lang mühen wird, unterzieht sich der nachmalige Bürgerschreck und aufmüpfige Denker erstaunlich lange den kleinkarierten Wertvorstellungen seiner Umwelt. Als Kind ist er besonders stolz auf die Höhe des Kirchturms von St. Fiden - bevor er in späteren Jahren jeden lustvoll attackiert, der nicht über den eigenen Kirchturm hinauszusehen vermag.

Doch schon früh entdeckt er den Reiz der Fiktion und misst die Realität gnadenlos am Ideal. Mit Inbrunst quält er seine jüngere Schwester Ursi, weil sie mit ihrem glanzlosen Dasein so weit hinter dem viel aufregenderen Leben des exotischen Wesens «Heidi» von Johanna Spyri zurückbleibt.

Mit 19, man glaubt es nicht, denunziert er in einem empörten Brief an Bundesrat Philipp Etter einen Kulturschaffenden - als «üblen Homosexuellen der schlimmsten Sorte».

Marianne Fehr, 45 und Redaktorin bei der «Weltwoche», hat eine Schwindel erregende Fülle von Material zusammengetragen, hat Meienbergs Bücher auf die häufigen autobiografischen Bezüge abgeklopft und sie mit den Resultaten eigener Recherchen, mit Zitaten aus Gesprächen und Briefen verglichen und ergänzt. Person und Werk, Biografie und Literatur. Da gesellt sich das eine zum anderen, da passt manches nahtlos zusammen, anderes wieder überhaupt nicht. Wie im richtigen Leben des Niklaus M.

Nur: Wollen wir das alles so genau wissen? Welcher Redaktor beim «Tages-Anzeiger-Magazin» warum welches Wort aus Meienbergs Text herausgestrichen und welcher es hinterher weshalb wieder eingefügt hat? Wer bei den Dreharbeiten zum Film über den Hitler-Attentäter Maurice Bavaud mit wem das Hotelzimmer teilte? Und wer Meienberg irgendwann aus der Wohnung schmiss, weil der exzentrische Gast regelmässig den Kühlschrank leerte, ohne je für Nachschub zu sorgen?

Mindestens in der ersten Hälfte ihres Werkes entgeht die Biografin nicht immer der Gefahr des akribischen Auflistens von Belanglosigkeiten.

Viele Freundschaften zerbrachen an Meienbergs Neid und Geltungssucht

Trotzdem schält sich immer deutlicher, immer unausweichlicher das Zentrale und Bestimmende dieses Lebens heraus: Die Sprünge und Brüche im Innenleben dieses streitlustigen und streitbaren Zeitgenossen, der inzwischen in der helvetischen Publizistik eine einmalige, unverwechselbare Rolle spielte - als Reporter, dessen Stil literarische Massstäbe setzte, als wortgewaltiger Ankläger, als unbestechlicher Moralist. Doch nicht immer sind es weltanschauliche Grundsätze, politische Überzeugungen und moralische Positionen, über denen er sich regelmässig mit Redaktoren, Chefredaktoren und Verlegern, ja zunehmend auch mit Kampfgefährten und Freunden verkracht.

Oft sind es auch nur Neid und Geltungssucht, Masslosigkeit und ein cholerisches Temperament. Schon die, in seinem eigenen Urteil, «erste tiefe Beziehung zu einer Frau» scheitert an diesem Absolutheitsanspruch, mit dem er von einem Menschen an seiner Seite bedingungslose Verfügbarkeit fordert. Daran werden noch und noch Freundschaften zerbrechen.

Aline Graf, die acht Jahre lang Meienbergs heimliche Geliebte war und letztes Jahr ihr intimes Tagebuch «Der andere Niklaus Meienberg» veröffentlicht hat, ist hier lediglich eine Episode, zu der sich Fehr, sonst peinlich auf Fairness bedacht, immerhin doch auch einmal eine Bosheit erlaubt: «Ab 1986 wird sie regelmässig von Meienberg frequentiert.»

Fehr selber, die Meienberg als junge Journalistin kennen lernte und später als Redaktorin der linken «WochenZeitung» über Jahre mit ihm zusammenarbeitete, sah sich irgendwann genötigt, «die Grenzen unseres Verhältnisses» abzustecken, worauf Meienberg das «zutiefst Puritanisch-Kalvinistische in Dir drin» grüssen liess. Immerhin hat er auch ihr, wie so mancher anderen, in einem Anfall von Grosszügigkeit «eine angebrochene Tafel Schokolade» geschenkt.

Meienberg. Ein Mensch in seinem Widerspruch. Der furchtlose Polemiker ist bei Bedarf ein feinfühliger Verfasser zarter Lyrik - und benimmt sich handkehrum wie ein Rüpel. Er vereint in sich völlig gegensätzliche Qualitäten: Flegelhaftigkeit und Zärtlichkeit, Aggressivität und tiefe Niedergeschlagenheit, Selbstüberschätzung und Unsicherheit. Er ist eitel und neidet den anderen den Erfolg, scheint eine besondere Befriedigung daraus zu ziehen, Freunde öffentlich mit Spott und Häme zu übergiessen. In seiner Dankesrede für die Verleihung des Kulturpreises der Stadt St. Gallen 1990 teilt sich dieser Widersprüchliche, Gespaltene dann buchstäblich in zwei Personen auf und überbringt als Meienberg II. die Grüsse von Meienberg I.

Seinen Freitod hat Meienberg bewusst und konsequent vorbereitet

In den letzten Lebensjahren schliesslich verdichten sich diese Gräben und Risse unausweichlich zur Katastrophe. Im biografischen Rückblick treibt ein Leben konsequent auf ein tragisches Ende zu - und niemand kann es aufhalten. Als wäre das der Preis für die Einmaligkeit und Unverwechselbarkeit seiner Erscheinung.

Vor dem Hintergrund des Golfkriegs brechen bei Meienberg Allmachtsfantasien und Paranoia aus; er glaubt mit seinem persönlichen Einsatz den drohenden finalen Atomkrieg verhindern zu müssen. Er wird Opfer eines brutalen Überfalls. Die Mutter stirbt. Wieder geht eine Beziehung in Brüche. Ein mysteriöser Motorradunfall in Südfrankreich zeitigt Folgen. Meienberg spürt, dass seine Kräfte nachlassen. Und über einer Kritik, die er selber zweifellos weitaus schärfer und beleidigender formuliert hätte, bricht er heulend zusammen. Seinen Freitod bereitet er bewusst und mit unerbittlicher Konsequenz vor.

Meienberg, Punkt. Das war sein Leben. Fehr hat es mit ungeheurem Fleiss und grossem Respekt nachgezeichnet. Wir werden es nicht so schnell los.

Roger Anderegg
© TA Media AG

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Kommentar zur «Weltwoche»-Rezension im St. Galler Tagblatt vom 14. Februar 1999

Auf zum Meienbergeln!

Ziemlich sicher hätte er sich masslos gefrustet und masslos gefreut gleichzeitig, hätte er noch erlebt, wie sich alle um ihn balgen. Aber nun ist er ja seit fünf Jahren bleich u. tot, unser guter Niklaus, und können wir ihn also nicht mehr selber fragen, wie er's denn mit der Meienbergomania halte, welche letzten Sommer durch das Tagebuch seiner Geliebten erregt wurde und die jetzt wieder grassiert vor der Veröffentlichung der Biographie von Marianne Fehr - Vorabdruck in der WoZ, Vorab-Besprechung in der «Weltwoche», Vorausporträt im Fernsehen, jeder will der erste gewesen sein.
«Wach auf, du Christ / der Schnee schmilzt weg / die Toten ruhn / und was noch nicht gestorben ist / das macht sich auf die Socken nun» (Brecht), schrieb er 1991 prophetisch seinem Buch «Weh, unser guter Kaspar ist tot» als Motto voraus. Ein Gutes hat zumindest die «Weltwoche»-Vorabrezension: Sie warnt davor, posthum und im Epigonalstil «meienbergeln» zu wollen. Deshalb von jetzt an also ganz trocken formuliert: Der Schweiz mangelt es an Figuren vom Saft eines Niklaus Meienberg. Deshalb braucht sie noch immer ihn, als «Story», als verkaufsfördernde Schlagzeile, als Farbspritzer, der die eigene Blässe übertüncht. Die ironische Pointe daran ist, dass N.M. selber virtuos, aber auch verzweifelt wie kaum ein zweiter auf der Medienklaviatur gespielt hat. Verzweifelt dann, als er in seiner Golfkriegspanik Weltblätter und Staatsmänner aller Länder zur Verhinderung eines nächsten Weltkriegs zusammentrommeln wollte. Wenn einer den Medien Einfluss auf den Gang der Weltdinge zutraute, dann er. Spätestens jetzt aber müsste er einsehen: Statt inhaltlicher Auseinandersetzung dominiert die pure, auflagenträchtige Aufgeregtheit. «Er war mehr am Gedankenfluss als am Cash-flow interessiert.» Schrieb N.M. über den Journalisten P.F. - Untertitel jener Leichenrede: «Plädoyer für ein verschollenes métier.» Er hat es also schon eingesehen, bevor er selber verscholl.

Peter Surber
© St. Galler Tagblatt

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St. Galler Tagblatt vom 18. Februar 1999

«Ich gehe neben mir her»

Ein Leben zwischen Höhenflügen und Abstürzen: Die Niklaus-Meienberg-Biographie von Marianne Fehr

Seine Kritik war gefürchtet. Aber auch in seiner Selbstkritik war Niklaus Meienberg schonungslos. Das belegt die heute erscheinende Biographie «Meienberg» von Marianne Fehr.

Zwischen dem öffentlichen und dem privaten Meienberg gebe es keinen Unterschied, hat er immer wieder betont. In der Tat: Wer die journalistische Produktion des Autors verfolgte, konnte stets auf dem laufenden sein, was ihn umtrieb und wo er sich herumtrieb. Was er anpackte, geriet ihm zum Text. «Schreiben war Leben» steht in Klammern in einem Abschiedsbrief-Entwurf von 1991.
Meienbergs Reportagen zeichnete aus, dass sie nie die Sache von der Person trennten. Auch von seiner eigenen nicht. Die St.Galler Jugendzeit hat er mehrfach erzählt, ebenso die Internatszeit in Disentis; die Pariser Jahre spiegeln sich im impressionistischen Text über die Rue Ferdinand Duval, ein Intermezzo als Geschichtslehrer wird in «Stille Tage in Chur» erinnert, seine Töffleidenschaft widerhallt im Text «Blochen in Assen», die zahlreichen Liebschaften finden sich etwa im späten Gedichtband vom «Liebäugeln» wieder - die Liste liesse sich fortsetzen. Meienberg war, nicht zuletzt, ein begnadeter Autobiograph. Und spätestens in seiner «Golfkriegs-Krise» machte er seine privatesten Obsessionen zum Gegenstand öffentlicher Aufmerksamkeit. Was kann eine Biographie, wie sie Marianne Fehr jetzt vorlegt, da Zusätzliches leisten?

Zweifler, lebenslänglich

Vor allem dies: Das Buch hinterlegt die bekannte Meienbergsche Selbstdarstellung mit Fakten und mit Stimmen anderer. Die Autorin hat eine Vielzahl von Personen befragt, Briefwechsel und Notizen studiert, Schauplätze aufgesucht. Und zeigt hinter dem rauhbeinigen «Polit-Rambo» das Gesicht des «anderen» Meienberg, von dem er selber in seiner St.Galler Kulturpreisrede in Andeutungen gesprochen hat: einen an sich selbst zweifelnden und verzweifelnden, seinen Fähigkeiten misstrauenden, seinen «missgestalteten» Körper verachtenden, immer wieder in Lebenskrisen strauchelnden Mann. «Ich verstehe etwas vom Überschnappen», schreibt er 1991 an einen Freund. Das fängt schon ganz früh an. Als Kind noch «das brävste Büblein», wird der «Chläusi» aus St.Fiden im Disentiser Internat zum Niklaus, angriffig und mimosenhaft, wie ihn Schulkollegen schildern - und von ersten Depressionen geplagt. «Die leeren Seiten eines leeren Lebens» steht in einer seiner Agenden aus jener Zeit. Und im Maturaaufsatz schreibt er altklug, aber hellsichtig: «Wir selber sind uns - wenn es zuerst auch anders schien - die härteste Wirklichkeit.» Chläusi war stolz auf die Höhe des Kirchturms von St.Fiden. Der junge Niklaus will noch höher hinaus (Berufswunsch: UNO-Generalsekretär) - oder wenigstens in der NZZ, seiner späteren Intimfeindin, publizieren. Seine ersten journalistischen Arbeiten kürzt aber die «Ostschweiz», was er schon damals nicht erträgt. Er könne «für die Schweiz zu viel», und das sei den Mittelmässigen unerträglich, schreibt Meienberg 1968 aus Paris nach Hause. «Prometheus-Phantasien» wird er seine himmelstürmerischen Neigungen später nennen, 1976, als ihm die «Weltwoche» kündigt. Sie gipfeln 1991 im Wahn, ganz allein einen Weltkrieg verhindern zu müssen.

Scharfe Selbsteinsichten

Das Muster «himmelhoch jauchzend - zu Tode betrübt» zieht sich, wie aus den Äusserungen von Freunden fast stereotyp hervorgeht, durch Meienbergs Leben. Und er weiss das selber - das Vorurteil, Meienberg habe es an Selbsteinsicht gefehlt, wird durch Fehrs Biographie gründlich ausgeräumt. Auf einem der losen Blätter im Nachlass ist von der unablässigen «Selbstquälerei» die Rede. «Ich belauere mich. Ich begleite mich. Ich gehe neben mir her. Ich verfluche mich.» Weniger klar war ihm, wie quälend sein monomanisches Naturell für seine Umgebung war - die Biographin hält ihm in dieser Beziehung grosszügig Naivität zugute. Anders als das im Vorjahr erschienene Tagebuch der Aline Graf bedient Marianne Fehrs Biographie trotz viel Privatem keinerlei voyeuristische Neigungen. Die Autorin hält sich mit Details und Urteilen zu Meienbergs chronisch unglücklich endenden Frauengeschichten zurück. Ab und zu erlaubt sie sich eine ironische Randbemerkung - vor allem Meienbergs himmelschreiende Talentlosigkeit in Haushaltdingen hat es ihr, möglicherweise als gebranntem Kind, angetan.

«Was bringt's, was soll's?»

Meienberg als Kämpfer für eine Erneuerung der katholischen Kirche, als antikommunistischer Pamphletist oder Moralapostel: Pupillenerweiternd lesen sich solche Reminiszenzen aus den Jugendjahren. Die Chronik der letzten Jahre aber wird zur immer beklemmenderen Lektüre. Der «Krieg im Kopf» von 1991 hinterlässt einen müden Meienberg. «Was bringt's, was nimmt's, was soll's?» äussert er etwa resigniert zur Schweizer Europadiskussion. Er ordnet Erinnerungen, verfasst Abschiedsbriefe, informiert sich über Selbstmordmethoden, setzt einen Nachlassverwalter ein. Am 21. September 1993 erstickt er sich mit einem Plastiksack. Seine Asche streuen Freunde auf seinen Wunsch in die Seine. 24 Jahre davor hatte er in Paris schon einen Suizidversuch unternommen. Damals konnte ihm noch geholfen werden.

Peter Surber
© St. Galler Tagblatt

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Tages-Anzeiger vom 19. Februar 1999

Er lebte laut und heftig, er starb ganz still

Marianne Fehr hat Niklaus Meienbergs Leben aufgeschrieben: als sorgfältige, zurückhaltende Biografie eines Unbändigen und Rücksichtslosen.

Fünf Jahre sei er mittlerweile tot, plauderte das Schweizer Fernsehen am Sonntagabend, das seinen Selbstmord im September 1993 mit der Bemerkung eingeleitet hatte, er habe auf den «alternativen Journalismus» grossen Einfluss ausgeübt - fünf Jahre sei er tot, und noch immer werde es nicht still um ihn.

Stimmt nicht. Schneeblass und leichenstill ist es geworden um Niklaus Meienberg, den man in seinem Land, für das er immer geschrieben hat, ignorierte, verfluchte und zuletzt ins Schaufenster stellte. Regisseur Tobias Wyss macht einen Film über ihn, die Geliebte Aline Graf hat schon letztes Jahr ihre Satisfaktion erhalten, und die Journalistin Marianne Fehr veröffentlicht diese Woche ihre 560-seitige «Lebensgeschichte des Schweizer Journalisten und Schriftstellers», wie sie ihre Recherche in demonstrativer Zurückhaltung bezeichnet: kühle Fakten zu einem heissen Krieger.

Bleich u. tot

Trotzdem ist es still um ihn geworden. Das merkt man sofort beim Lärm, der einem beim Lesen dieser Biografie entgegenschlägt, der Lärm der Sprache, der Argumente, der Leidenschaft und Raserei, durchbrochen von stummer, verbitterter Schwermut. Die Stille dauert bis heute an, der Lärm tönt nur von weit her. Meienbergs ruheloses Leben, die Kontroversen um seine Ansichten und Methoden, die politischen Konflikte seines Landes: Sie wirken heute wie eine Tragödie aus dem 19. Jahrhundert; selbst die eigenen Erinnerungen an ihn kommen einem welk vor, von falscher Melancholie umflort.

Seine grosse Reportagen verkaufen sich nicht mehr gut. Sie bleiben ohne Vergleich, aber auch ohne Wirkung. Niemand scheint mehr die Witterung aufzunehmen. Dabei ist er es gewesen, der mit seinen Arbeiten über Ernst S., Ulrich Wille oder Maurice Bavaud die Verdrängungen der Schweizer Geschichte journalistisch perforiert hatte, bevor die Vergangenheit über das Land hereinbrach. Seither sind die Verhältnisse geschmeidiger geworden. Lautlos tätigt die Wirtschaft ihre Liquidationen, während die Politik den Schaden verwaltet und die Linke von Brüssel träumt. Eifrig trippeln Meienbergs junge Kollegen an die Pressekonferenzen und klappern in die Laptops, was die Politiker reden. Der Journalismus ist gut dressiert oder verblödet in seifigen Albernheiten.

Vielen bleibt der tote Reporter als Berserker vage in Erinnerung, ein phallokratischer Katholik, der dreinschlug, als sich die Situation noch übersichtlich gestaltete, die Schweizer Armee noch kein Mitleid erregte und der Feind Krawatte trug; heute ist der Frontverlauf unscharf. «Die alte Art des Faschismus ist endgültig passé», erkannte er 1991, «und den neuen Formen kommt man mit der Sprache vielleicht gar nicht bei.»

Schon damals realisierte er, dass er zum Pausenclown der Boulevardpresse zu verkommen drohte, ein Dissident, den man sich leistete und höhnisch herausstellte wie eine Trophäe, nachdem ihn der «Tages-Anzeiger» 15 Jahre nicht hatte schreiben lassen und bevor ihn die «Neue Zürcher Zeitung», ein halbes Jahr vor seinem Tod, auf zwei Seiten publizistisch exekutierte.

Das war nicht mehr nötig. Niklaus Meienberg, seit seiner Internatszeit von manischen und depressiven Schüben heimgesucht, die er schon früh an sich beschrieb, die sich in seinen besten Jahren verflachten und dann in immer extremeren Amplituden gegeneinander ausschlugen, um sich während des Golfkrieges zum Wahn zu steigern, dem dann die letzte, grosse Erschöpfung folgte: Er wollte nicht mehr. Von Unfällen, Angriffen und Depressionen heimgesucht, schluckte er am 21. September 1993 gegen Mitternacht eine Hand voll Rohypnol, zog einen Abfallsack über den Kopf und war am anderen Morgen so bleich und tot, wie er sich oft gefühlt hatte, siechend, verreckend, erstickend, wenn er nicht mehr schreiben konnte oder etwas Grosses geschrieben hatte.

Tatsachen u. Meinungen

Im selben Ton jetzt weiterzufahren, hiesse unweigerlich, ihn zum schreibenden Widerstandskämpfer zu verklären, zur Kampfsau des linken Journalismus, der nachts die Fabrikdirektoren aus dem Bett holte. Genau das tut Marianne Fehr aber nicht. Sondern bleibt in Sprache und Wertung so zurückhaltend, dass keinen Moment lang der Eindruck entsteht, sie rivalisiere mit ihrem Protagonisten, räche sich für seine Definitionsmacht durch postume Deutung.

Ihre Biografie verklärt den Beschriebenen nicht und neurotisiert ihn nicht. Was sich an Deutungsmustern aufdrängen würde, die lebenslange Mutterbindung, der schwache Vater, der heftige Katholizismus, die Faszination vor den Mächtigen, die er verhöhnte und von denen er zugleich Respekt einforderte: Die Journalistin schildert die Konstellationen, ohne sie zu interpretieren. Vielmehr trägt sie Tatsachen und Meinungen in einer sorgfältigen, unsentimentalen, ungeheuer faktenreichen, im besten Sinne journalistischen Arbeit zusammen.

Der Ansatz hat Nachteile. So wird Meienberg als Literat und auch als Historiker nur mittelbar erschlossen. Doch geht es der Autorin zunächst einmal um die Lebensgeschichte, aus der heraus erst erklärbar wird, warum einer so lebte, dachte, schrieb und starb. Dabei hält sie sich an die Fakten, und es ist nicht ihre Schuld, dass die Fakten oft genug gegen ihren Protagonisten sprechen. Um nämlich den «Boxer mit dem Glaskinn», diesen «erzkatholischen Atheisten» auszuhalten, wie seine Freunde ihn beschrieben, mussten sie sich selber aufgeben. Meienberg war immer sein eigener Mittelpunkt. Er konnte grosszügig sein, er brachte die Leute zum Reden, er war guter Zuhörer und brillanter Unterhalter, er hatte ein phänomenales Gedächtnis für die Geschichten fremder Menschen. Aber er war auch ein Bastard, gierig, geizig, selbstbezogen bis zum Autismus, zügellos, roh, Freundinnen und Geliebten gegenüber rücksichtslos und von geradezu krankhafter Rachsucht.

Senden u. Empfangen

Als dann der Golfkrieg ausbrach, explodierten auch seine Konflikte, die politischen und die kulturellen, die persönlichen und die religiösen, drängten in einem letzten, manischen Schub an die Öffentlichkeit; Meienberg sendete ohne Unterlass, aber er empfing nichts mehr. Und je mehr er sich abhanden kam und dabei in wenigen Monaten seinen Ruf ruinierte, desto mehr verlor er politisch an Einfluss. Ein Intellektueller, der immer gegen die Politik angeschrieben hatte, der als Journalist das Recherchieren neu erfunden hatte und mit seiner barocken, deftig schweizerischen, dann wieder kunstvoll gedrechselten Sprache die Verhältnisse zum Tanzen brachte, machte sich in aller Öffentlichkeit zum psychiatrischen Fall. Alle, die ihn vor sich selber schützen wollten, brüllte er nieder.

Schon 1969 hatte er sich das Leben nehmen wollen. 26 Jahre später, nachdem er in monatelanger, fiebriger Aktivität seine Papiere geordnet und seinen Abschied angekündigt hat, starb er, wie er nicht gelebt hatte. Seither ist es still um Niklaus Meienberg - und ohne ihn

Jean-Martin Büttner
© TA Media AG

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Neue Zürcher Zeitung vom 27. Februar 1999

Lebensbild eines Zerrissenen

Marianne Fehrs Meienberg-Biographie

Es ist still geworden um Niklaus Meienberg. Im sechsten Jahr nach seinem Selbstmord mutet es fast schon seltsam an, dass sich an ihm die Geister schieden wie an keinem anderen Schweizer Schriftsteller seiner Zeit. Während die Erinnerung der Freunde an den hochherzigen Rebellen, die der Feinde an den infantilen Berserker noch durch allmählich verblassende Anekdoten zieht, spricht sein Werk bereits aus weiter Ferne. Es ist nicht zu übersehen, dass Meienbergs Reportagen in Fragestellung, Sprache und Gestus im Begriff stehen, historische Texte zu werden: Teil jener Zeitgeschichte, gegen die sie mit Lust und Verzweiflung anschrieben.

In diese Zeit des Übergangs fällt die anzuzeigende Gesamtdarstellung von Meienbergs Leben. Verfasst hat sie die Journalistin Marianne Fehr. Nicht erst als Redaktorin der «Wochen-Zeitung», sondern schon seit Mitte der siebziger Jahre hat sie den damals bereits berühmten Autor gekannt; doch ihr Buch ist mehr als ein Werk der persönlichen Erinnerung. Es folgt den zahlreichen Selbstauskünften Meienbergs im publizierten Werk, arbeitet aber auch den im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern befindlichen Nachlass auf und ergänzt diese Quellen durch über hundert Interviews mit Zeitzeugen.

Materialfülle

Um es vorwegzunehmen: Marianne Fehr ist ein beachtliches Buch gelungen. Es besticht durch seine Materialfülle, mehr aber noch durch die Umsicht, mit der dieses Material geordnet und gedeutet wird. Die Autorin positioniert die zahlreichen zitierten Stimmen so, dass das spezifische Gewicht jedes Votums deutlich wird und aus dem Puzzle der Eindrücke und Meinungen ein vielschichtiges Bild entsteht.

Ein unaufgeregtes, breit dahinströmendes Buch also; doch kein beschwichtigendes und schon gar kein hagiographisches. Im Gegenteil: Nie hat man Kritischeres über Meienberg gelesen, nie sind die schwierigen Seiten dieser schillernden Existenz so deutlich ausgeleuchtet worden. Wer will, kann in Marianne Fehrs Buch hundert wahre Geschichten über den Platzhirsch und Rüpel, den Intriganten und Neidhammel, den Lügner und Aufschneider Meienberg finden.

Doch würde eine solch selektive Lektüre dem Buch (und dem Mann) nicht gerecht. Die Biographin will ihren Helden nicht entlarven oder vernichten - wie sie ihn umgekehrt auch nicht als Protagonisten eines politischen Schelmenromans verklärt. Diskretion ist bei Biographen keine Tugend, und Marianne Fehrs Text mag sich der Überzeugung verdanken, einer wie Meienberg habe Anspruch auf die ganze Wahrheit. Indem sie ihn nicht schont, lässt sie ihn lebendig werden, bringt sie dem Leser im Wust der Details die Würde des Authentischen nah: eine beängstigende, aber auch eine erhellende Erfahrung.

Denn wenn Meienberg eines nicht war, dann der unbekümmerte journalistische Gargantua, die Saftwurzel, der Robin Hood, der mit barocker Sprachgewalt den Mächtigen in die Parade fuhr. Wohl hat er sich selbst gern als Rächer der Enterbten inszeniert. Doch hinter der Inszenierung stand tödliche Leere. Es ist eine erschütternde Erkenntnis, dass dieser charismatische Kämpfer ein zerrissener, von schweren Depressionen heimgesuchter Mensch war, der in seinem verzweifelten Aktionismus häufig selbst keinen Sinn sah, der nach eigenem Bekunden zu nichts als zum Schreiben taugte und sich doch jeden Text unter Qualen abringen musste, der zwischen Selbsthass und Selbstüberschätzung keine Gelassenheit, keinen ruhigen Ernst fand und nach jeder grösseren Arbeit in ein schwarzes Loch fiel; der in guten Stunden die Mechanismen des Auftrumpfens, Besserwissens, Fertigmachens durchschaute, ohne sie doch überwinden zu können, der alles zerstörte, woran er hing, jede Freundschaft, jede Liebesbeziehung; der zwar immer eine Entourage hatte, aber keine symmetrischen Verhältnisse zuliess, der nur von sich sprechen konnte und keinem der ihm nahen Menschen die Erfahrung ersparte, dass ihm auf Erden nicht zu helfen war.

Beklemmende Mutterbeziehung

Marianne Fehr geht Meienbergs Spuren nach bis in die behütete St. Galler Kindheit. Dabei entdeckt sie Kuriositäten zuhauf. So wird deutlich, dass der Klassenkämpfer nicht aus kleinen Verhältnissen stammte, wie er gern glauben machte, sondern dass sein Vater, ein stiller Mann im Schatten seiner übermächtigen Frau, Bankprokurist war und die Familie einen gepflegten Haushalt mit Dienstmädchen und Pendulensammlung führte.

Beklemmend war die Beziehung zur Mutter. Sie, von der der junge Niklaus nicht nur das Stilmittel der gezielt eingesetzten Helvetismen, sondern auch seinen lebenslänglichen Vorbehalt gegen den Feminismus übernahm, blieb - für den Klosterschüler in Disentis, den verbummelten Studenten in Freiburg und Zürich, den angehenden Journalisten in Paris wie den erfolgreichen Autor beim «Tages-Anzeiger»-Magazin, bei der «Weltwoche», beim «Stern», bei der «WoZ» - die Instanz, vor der er bestehen musste, der er seine Texte wie seine Freundinnen halb stolz, halb ängstlich präsentierte.

Ungezählte überraschende Dokumente finden sich in Marianne Fehrs Biographie: ein Brief des 19jährigen Meienberg etwa, in dem er den «du»- Chefredaktor Manuel Gasser bei Bundesrat Philipp Etter als üblen Homosexuellen verunglimpft; eine Klage über Kürzungen und ungenügendes Honorar schon nach dem allerersten Artikel in der «Ostschweiz» - mit dem Zusatz, er werde nun die NZZ «bevorzugen»; ein hellsichtiger Brief Hans Urs von Balthasars, der den jungen Wilden sanft aus seiner Freiburger «Schulungsgemeinschaft» hinauskomplimentiert.

Aufschlussreich sind auch die Tagebucheintragungen des Historikers Urs Bitterli, der in der Cité universitaire in Paris Meienbergs Zimmernachbar ist, interessant die Hinweise Betroffener auf Fragwürdiges in Meienbergs journalistischen Methoden: so, wenn er die in der berühmten Reportage über Jo Siffert abgedruckten Schüleraufsätze nachweislich frisiert oder in der literarischen Umsetzung einer Begegnung mit Jane Kramer die Fakten grotesk verfälscht. Fesselnde Schilderungen journalistischer Köpenickiaden wechseln mit nachdenklich stimmenden Zeugnissen der Entfremdung von Kollegen wie Peter Bichsel, Adolf Muschg, Otto F. Walter; letzterer erfährt Meienbergs masslose Rache für die vollkommen zutreffende Einschätzung, er sei kein geborener Lyriker.

Es finden sich im Reigen der Lebenszeugnisse auch einzelne Bilder rauschender Feste und abenteuerlicher Motorradfahrten; doch die Berichte von einer ausweglosen Monomanie, die nur in den besseren Zeiten durch Humor und Vitalität kompensiert wird, überwiegen bei weitem. Eindringliche Kapitel gelten der letzten Lebensphase, als Meienberg während des Golfkriegs völlig aus dem Gleis gerät, sich vom israelischen Geheimdienst verfolgt glaubt und in einer wahnwitzigen Tour de force seine ganze mühsam aufgebaute Glaubhaftigkeit ruiniert; als ein Überfall, ein Motorradunfall, die Trennung von seiner letzten Freundin, auch eine unwiderlegt bleibende harsche Kritik seines Werks in der NZZ seinen Lebenswillen vollends brechen.

    Marianne Fehrs Buch ist eine anschauliche und akribische, spannend zu lesende Lebensbeschreibung, und es schmälert die Verdienste des Werks nicht, wenn man auch darauf hinweist, was es nicht leistet. Es ist keine intellektuelle Biographie, und es ist keine Werkanalyse. Man erfährt wenig darüber, in welcher literarischen Tradition Meienberg als Schilderer, als Polemiker, als Historiker steht, was und wie er gelesen hat, welche theoretischen Konzepte er übernahm, wie genau sich sein politisches Engagement definierte, was die Suggestivkraft seiner Schriften ausmachte und wie sie - über die Sprachgebärde hinaus - nachwirkten. Stil und Methode der Bücher über Ernst S., Bavaud und Wille werden nicht diskutiert, ihr Stellenwert innerhalb der Schweizer Geschichtsschreibung bleibt unklar. Zufall oder nicht: Beim Lesen von Marianne Fehrs Biographie beschleicht einen manchmal das Gefühl, nicht auf Meienbergs elf Bücher komme es an, sondern sein verqueres Leben sei sein eigentliches Hauptwerk gewesen.

Manfred Papst
© Neue Zürcher Zeitung

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