Marianne
FehrMeienberg. Weitere Rezensionen |
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Basler Zeitung vom 1. März 1999Und immer diese Schwierigkeit, die mittlere Linie zu findenZu Marianne Fehrs herausragender Biographie des Journalisten und Schriftstellers Niklaus Meienberg Als gut 20jähriger Student notierte er ins Tagebuch: «Die Gletscherspalte zwischen mir und dem, der ich sein sollte, wird immer tiefer.» Er begriff sich als «immerfort drehende Denkmaschine» im Leerlauf. Fast dreissig Jahre später beginnen quälende Monate, in denen er seinen Freitod minutiös organisierte: «Ich fühle mich alt, kaputt und habe keine Hoffnung irgendeiner Art... Ich bin auch nicht mehr lernfähig.» Der Schriftsteller und Journalist Niklaus Meienberg (1940-1993), der zeitlebens zwischen «sumpfigen Depressionen» und «Aufschwüngen» hin- und hergerissen wurde, litt schwer darunter, «keine mittlere Linie» zu finden. In besseren Tagen behalf er sich damit, «diese Unausgeglichenheit» zu seiner «Schreib-Trieb-Feder» zu rationalisieren, aber das gelang ihm immer seltener. Die Zürcher Journalistin Marianne Fehr hat jetzt eine 560 Seiten starke Lebensgeschichte Meienbergs vorgelegt, die sehr viel mehr ist als das. Sie zeichnet Meienbergs Jugend in St. Gallen (1940-1955) nach, dann die Internatszeit in Disentis (1955-1960), schliesslich die turbulenten Studienjahre zunächst in Fribourg (1961-1964), wo er in den Bannkreis einer fundamentalistisch-katholisch und stramm antikommunistisch orientierten Polit-Sekte mit Hans-Urs von Balthasar als Häuptling geriet, die er kräftig auf- und durchmischte, bevor er hinausgeworfen wurde. Die laue Fortsetzung des Studiums in Zürich (1964-1966) und Paris (1966-1970) beendete er mit einem kenntnisreichen, aber improvisierten Abschluss über General de Gaulle (60 Seiten in 12 Tagen für eine Lizentiatsarbeit). Die Freunde, die Feinde Über die Hälfte ihres
materialreichen Buches widmet Marianne Fehr den Stationen
von Meienbergs schriftstellerisch-journalistischem Leben
in der Schweiz und in Frankreich, wozu sie dank ihrer
stattlichen Informantenzahl viel Neues beiträgt.
Besonders genau beschreibt sie Meienbergs Arbeitsstil und
die damit eng verwobenen Freundschaften und
Feindschaften, die er gleichermassen virtuos für sich
einzusetzen wusste. Dazu dienten ihm ausser dem Telefon
unendlich viele Gespräche in Beizen und sein
elefantenmässiges Gedächtnis für Sätze und
Konstellationen - sein «Archiv». Ein einziges Mal in
seinem Leben, kurz vor seinem Tod, benützte er den
Computer eines Freundes - sonst immer seine Hermes-Baby
mit dem Buchstaben «o», der nur noch Löcher durch das
Papier stanzte. Die Widersprüche, die Legenden Marianne Fehr beschreibt die Widersprüche und Abgründe dieses schwierigen Zeitgenossen ohne die landesüblichen Ressentiments, sie deckt reihenweise Legenden und Ablenkungsmanöver auf, die Meienberg in seinen Texten wie in seinem Leben inszenierte. Sie stützt sich bei ihren vorsichtigen Wertungen auf den gesamten Nachlass Meienbergs im Schweizerischen Literaturarchiv Bern sowie auf schriftliche und mündliche Zeugnisse einer guten Hundertschaft von Zeuginnen und Zeugen, Kolleginnen und Kollegen, Freunden und Feinden. Zusammen mit ihrer lapidaren Sprache schützt sie dieses dokumentarische Verfahren vor Einseitigkeiten und Abstürzen. Die Arbeitgeber, die Freunde Die Biographie ist nicht zuletzt auch eine Studie zur wirtschaftlichen und sozialen Lage eines freien Mitarbeiters kleiner (und zeitweise grosser) Zeitungen in einem reichen Land. Die Befunde sind bedrückend: ausser in den kurzen Zeiten seiner Mitarbeit in der zu Recht legendären Phase beim «Tages-Anzeiger Magazin» (1970-1972, rund 30 Artikel) und beim Hamburger «Stern» (1982/83) lebte Meienberg permanent an der Armutsgrenze mit seinen kläglichen Honoraren von oppositionellen Blättern wie «Konzept», später «Die WochenZeitung». Er hauste in schäbigen Wohnungen oder kleinen Zimmern, immer in Geldnot, auf Pump, vom Inhalt zahlreicher WG-Kühlschränke, von Freundinnen und Freunden, Familienmitgliedern und von der Grosszügigkeit arrivierter Linker - darunter Max Frisch, Alexander J. Seiler, Urs Herzog und Moritz Leuenberger. Ein guter Freund gewöhnte sich an, von einem Buch, das er Meienberg lieh, gleich ein neues Exemplar zu besorgen, denn an eine Rückgabe war so wenig zu denken wie an die Rückzahlung von Darlehen. Die Frauen, die Hybris Abgründig herrisch war Meienbergs Verhältnis zu Frauen, die der «enorme Schürzenjäger» (Peter Bichsel) zuweilen wie Jagdtrophäen vorführte und ebenso schnell fallen liess, wie er sie - mit seinem beträchtlichen Charme - erobert hatte. Oft interessierte er sich weniger für die Freundinnen als vielmehr für deren Geschichte und soziale Herkunft, die er ebenso skrupellos literarisch verwertete wie Beobachtungen bei privaten Einladungen. Hinter dem Bild des bis in die letzten Lebenswochen immer mit Begleiterinnen aus dem «unabsehbaren Mädchenheer» (Meienberg) auftrumpfenden Macho stand jedoch eine tragisch einsame Person. Meienberg durchschaute, wie er die mögliche Liebe und Freundschaft eines ums andere Mal selbst zerstörte bzw. in Sexualverkehrs- oder Informationsquellenplanung verwandelte: «Ich kann mir Frauen immer nur im Zusammenhang mit ausserordentlichen Leistungen (meinerseits) vorstellen, mit anderen Worten: die Schönste für den Erfolgreichsten. Ich denke auch hier in Machtverhältnissen, was sicher falsch, aber nicht zu ändern ist.» Diese Devise und die Hybris, mit der er gelegentlich Bach-Sonaten «verbesserte», trieben ihn mit kalendarischer Zwangs- und Regelmässigkeit hinab in immer tiefere «Depressionen und Desolationen» (Meienberg) - bis hin zur Selbstverachtung. Die Themen, die Technik In ein trübes Licht geraten
in dieser Biographie vor allem die gesinnungsstarken
Kritiker Meienbergs aus Publizistik und Wissenschaft. Wer
dem Autor handwerkliche Schwächen und sachliche Fehler
nachweisen will, verkennt den Anspruch des Journalisten,
der immer auch Schriftsteller war. Seine Arbeiten über
den Landesverräter Ernst S. (gegen die Berner
Professoren mit ihrer Unterschrift protestierten, obwohl
sie nachweislich weder Buch noch Film kannten!), über
den Hitler-Attentäter Bavaud oder über General Wille
hatten einen dokumentarischen Kern, zielten aber über
die Historikerzunft hinaus auf publikumswirksame
historische Aufklärung. Dieser dienten die plastische
sprachliche Aufbereitung und die - manchmal gewagten -
Gegenwartsbezüge, fiktionalen Arrangements und «Bilder
mit Plausibilitätsniveau» (Jakob Tanner), mit denen
Meienberg historischen Trends und politischen
Mentalitätsmustern auf seine unnachahmliche Weise die
Melodie ihrer immanenten Logik vorspielte und sie in
ihrer Lächerlichkeit oder Gefährlichkeit vorführte. Die Texte, der Einfluss Ganz abgesehen von
argumentativen Schwächen und polemischen Übertreibungen
haben Meienbergs literarisch-journalistische Reportagen
im deutschsprachigen Raum ästhetisch neue Standards
gesetzt - genau wie Roman Brodmanns ausschliesslich im
Ausland verwirklichte Film-Essays. Politisch versandete
der Aufbruch von 1968, aber in den Feuilletons hat er
eindeutige Spuren hinterlassen. Der spiessige nationale
wie der prätentiös-bildungsbürgerliche Mief in der
Mogelpackung «Geist und Kultur» wurde gründlich
vertrieben. Meienberg hat dazu einen Beitrag geleistet. Die Kämpfe, die Suche An diesem hybriden Anspruch musste er scheitern und gleichzeitig kettete er sich mit seinen Bannflüchen gegen Einzelpersonen an jene, die er kritisierte. Auf deren Anerkennung war er erpicht in all seinen Artikeln und Leserbriefen, in seinen Telefonanrufen und in seinen als «Besuche» getarnten Überfällen. Letztlich behandelte er soziale und politische Themen immer als ein Kampf von Mann gegen Mann, was der Klosterschüler sprachlich wahrscheinlich zu «argumenta ad homines» geadelt hätte. Das gilt für seine Auseinandersetzung mit Bundesrat Kurt Furgler («King Fu») ebenso wie für jene mit dem führenden Personal in der Wirtschaft, in der Armee und bei der «Neuen Zürcher Zeitung» (für die er am 24. 2. 67 einen Artikel schrieb), beim Fernsehen und beim «Tages-Anzeiger». Ähnliches bekamen aber auch prominente Schriftsteller wie Adolf Muschg und Otto F. Walter sowie Kollegen zu spüren, die bei Auszeichnungen und Stipendien bevorzugt wurden. Ohne in vulgäre Spekulationen zu verfallen, sieht Adolf Muschg hinter Meienbergs Hang nach Anerkennung durch Autoritäten eine Form von «Vatersuche» im polemischen Nahkampf mit diesen. So wie Marianne Fehr die absolut dominierende Rolle, die Meienbergs Mutter in dessen Leben spielte, nachzeichnet, spricht einiges für Muschgs Hypothese. Rudolf Walther |
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WochenZeitung WoZ vom 11. März 1999Die Causa MeienbergDie Erregung der Synapsen
beim Verlassen der Meienberg-Biografie: Atemlos hat man
sich also durch die Lebensgeschichte dieses Menschen
gelesen, der «gelebt hat wie ein Derwisch, geschrieben
wie ein Berserker» und «bleich und still verstarb».
Man hat sich über Anekdotisches amüsiert, über Hinter-
und Beweggründe von früher gelesenen Texten gestaunt,
man hat sich über den Umgang Meienbergs mit Freund,
Feind und Frauen gewundert und schliesslich, als die
Selbsttötung naht, bedrückt und aufgeregt das Ende des
Buches herbeigesehnt. Meienberg, Fleisch und Blut
geworden, rückt uns sechs Jahre nach seinem Suizid zu
Leibe, geht uns an den Pelz und auf den Zeiger. Man
fühlt sich unangenehm privat. Recht eigentlich möchte
man jetzt ein wenig zuwarten, bis sich Distanz und Ruhe
für wohlsortierte Worte einstellt. Die Aufgeregtheit
bleibt. Es gäbe Tricks, davon wieder runterzukommen -
doch lassen wir sie für einmal aussen vor. Lassen wir es
nach dem Zuklappen von Marianne Fehrs Biografie weiter
mühlen und gramseln in Hirn und Darm, in diesem Zustand
anhaltender Aufgeregtheit. Historisches und Aperçus Zu viel Mutter Stephan Ramming |
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Der Standard vom
13./14. März 1999Einzelgänger vor einem Schweizer MedienpanoramaEine Schweizer Großbürger-Welt als Wille & Wahn enttarnen, Zunder anfachen mit Reportagen aus dem sogenannten In- und Ausland, mit dem Wissenschaftlichen Spazierstock die Schweiz vermessen und bereisen, und daneben noch allerlei quergedachte Gedichte und Bildmontagen einer Geschichte der Liebe und des Liebäugelns verfassen: Niklaus Meienbergs Selbstmord im September 1993 setzte jäh, aber für Freunde, die um die Depressionen des Autors wußten, wenig überraschend einen Schlußpunkt hinter ein einzigartiges Oeuvre. Als Journalist und Schriftsteller war er bis zuletzt, als er noch den Golfkrieg kommentierte, eine unbestechliche Instanz - obwohl schon kurz nach seinem Tod hieß: «Es herrscht kein gutes Klima für einen wie Niklaus Meienberg.» Marianne Fehr, seine Kollegin, wie viele andere «entscheidend geprägt» von Stil und Unerbittlichkeit des «Wortgewaltigen», leistet in ihrer Biographie weitaus mehr als aus derart kurzem zeitlichen Abstand üblich ist: Ein Panorama der Schweizer Medien- und Intellektuellenszene entwirft sie, in dem Meienberg als Linkskatholik anfangs mehr dem bürgerlichen Lager zuzuordnen gewesen wäre, aus dem er sich nach Erfahrungen im Paris der 68er aber zunehmend entfernt. So wird er, den ein Freund zuerst noch als «Tatmensch» («Er verschiebt Masse, aber er gestaltet sie nicht») abtut, zunehmend zu einem Einzelgänger, den selbst lukrativste Verträge nicht auf Dauer an renommierte Blätter binden konnten. Erfolgreich - aber zuletzt frustriert: «Vernünftige Reportagen, Glossen, Kommentare» sieht er in den Schweizer Medien kaum noch möglich. Den Widerspruch zu dieser These hat Meienberg mit jedem Text immer wieder aufs neue herausgefordert. Ein Muß für jeden, der an mitteleuropäischer Geistesgeschichte der Nachkriegszeit interessiert ist. Claus Philipp |
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Facts vom 18. Februar 1999Ein Denkmal für die 68er.Kleinbrand in der WG. Der grosse Schreiber kann nicht einmal einen Ölofen sachgerecht beheizen. Die Stichflammen schiessen bereits ins Zimmer, als es der Autor schafft, das Feuer zu löschen. Mit einem Mimosenstrauch. Wir schmunzeln. Diese Woche erscheint die erste Biografie zu Niklaus Meienberg. Anekdoten gibts darin zuhauf; auf über 500 Seiten erzählt Autorin Marianne Fehr in «Meienberg.» das Leben des Journalisten und Schriftstellers. Von der Geburt in Sankt Gallen 1940 bis zum Freitod in Zürich 1993 und der Verstreuung der Asche. Kapitel um Kapitel. Schön linear. Das Buch wurde mit Spannung erwartet. Nicht zuletzt wegen der letzten Frühling erschienenen Skandalmemoiren der Meienberg-Exgeliebten Aline Graf. Die aufschlussreiche Beziehungs- und Sexchronik zeigte Meienberg als Egomanen und Frauenbenutzer. Die Überbringerin der Botschaft wurde von der Kritik allerdings bös traktiert. Graf hatte es ihren Feinden auch einfach gemacht: Sie ist keine Linke wie viele Kritiker. Sie schreibt schlecht. Sie wollte ihre Beziehung zu einem Prominenten nützen, um sich selber zu profilieren. Anders Marianne Fehr. Sie wird ernst genommen, stammt ja aus dem Kuchen. Die frühere Redaktorin der Zürcher «WochenZeitung» arbeitete mit Meienberg, war diesem auch privat freundschaftlich verbunden. Für ihr Buch recherchierte sie breit. Es ist solid gebaut und gekonnt unprätentiös geschrieben. Die erste umfassende Niklaus-Meienberg-Biografie macht den grossen Schweizer Journalisten und Autor endgültig tot. Ist es deshalb ein Ereignis? Nein. Man liest diese Biografie mit wachsender Langeweile. Meienberg, das sind Fragen. Was bleibt von seinen Reportagen? Was sind seine Gedichte wert? Bestätigt die moderne Forschung sein Bild des gescheiterten Schweizer Hitler-Attentäters Bavaud? Was bedeutet er heutigen Journalisten inmitten bedrückender Stilnivellierung? Und wie gehen aufklärerische Publizistik und Privatmachismo zusammen? Fehr stellt sich diesen Fragen nicht. Sie übersetzt Meienberg nicht in die Gegenwart. Neuigkeiten - etwa die Schwulen-Häme des Jünglings im Internat - verblassen im blossen Nebeneinander. Alle Details werden schliesslich Mörtel fürs Monument. Im Kindergarten habe Meienberg vom Gampiross aus die anderen Kinder beobachtet, lesen wir. In seinen Studienjahren habe er einmal die Reitstiefel nicht mehr ab den Füssen gebracht, steht da. «Das «Magazin» war eine ganz tolle Sache», darf Peter Bichsel sagen. Jaja. Doch warum sollen Nachgeborene, Nichtnostalgiker das lesen? Die 68er, die Gspänli, die Gleichaltrigen mögen das Buch sicher. Sie bekommen ein bisschen - pfleglich über viele Seiten verteilte - Meienberg-Kritik mitgeliefert und werden doch nicht verstimmt. Form und Inhalt müssten sich ergänzen, dann habe ein Text Kraft, betonte Meienberg stets. Dieses Buch über ihn ist viel Inhalt in harmloser Form. Das passt zur Zeit. Die Altlinken betreiben Besitzstandwahrung. Aus gesicherter Position bereiten sie ihr Erbe für die Nachwelt auf. Meienberg steht nicht mehr zur Diskussion. Ist abschliessend behandelt. Ist endgültig tot. Thomas Widmer |
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tageszeitung taz vom
24. Juli 1999Gescheiterter SchweizverbessererDer Journalist und Schriftsteller Niklaus Meienberg war einer der ersten, der die selbstgerechte Darstellung der Schweizer Geschichte als nationale Lebenslüge darstellte. Eine Biographie über ein Leben als permanenter Kampf gegen Mythen und Eliten Als gut 20jähriger Student notierte er ins Tagebuch: "Die Gletscherspalte zwischen mir und dem, der ich sein sollte, wird immer tiefer." Er begriff sich als "immerfort drehende Denkmaschine" im Leerlauf. Fast dreißig Jahre später beginnen quälende Monate, in denen er seinen Freitod minutiös organisiert: "Ich fühle mich alt, kaputt und habe keine Hoffnung irgendeiner Art ... Ich bin auch nicht mehr lernfähig." Der Schriftsteller und Journalist Niklaus Meienberg (1940-1993), der zeitlebens zwischen "sumpfigen Depressionen" und "Aufschwüngen" hin und her gerissen wurde, litt schwer darunter, "keine mittlere Linie" zu finden. In besseren Tagen behalf er sich damit, "diese Unausgeglichenheit" zu seiner "Schreib-Trieb-Feder" zu rationalisieren, aber das gelang ihm immer seltener. Die Zürcher Journalistin Marianne Fehr hat jetzt eine 560 Seiten starke Lebensgeschichte Meienbergs vorgelegt, die sehr viel mehr ist als das. Besonders genau beschreibt sie Meienbergs Arbeitsstil und die damit eng verwobenen Freundschaften und Feindschaften, die er gleichermaßen virtuos für sich zu nutzen wußte. Dazu dienten ihm außer unendlich vielen Gesprächen in Kneipen und seinem elefantenmäßigen Gedächtnis für Sätze und Konstellationen sein legendäres "Archiv", für das er mit seiner alten Hermes-Baby Blatt auf Blatt vollschrieb. Über die Lebensgeschichte Meienbergs hinaus gelingt Marianne Fehr ein farbiges Bild des schweizerischen Zeitungswesens - mit all seinen Querelen, Intrigen und Eitelkeiten. Meienberg steht im Mittelpunkt der Darstellung, aber die Autorin bewahrt trotz Sympathie Distanz zu ihm. Daß der berserkerhaft um sich schlagende Haudegen alles in allem auch ein Opfer des gnadenlosen medialen Betriebs war, zeigt Marianne Fehr in jenen Passagen, die die Auseinandersetzungen mit dem Zürcher Tages-Anzeiger behandeln. Hier behielt Verlegermacht gegen eine redaktionelle Mehrheit die Oberhand und verhängte ein 14 (!) Jahre andauerndes Schreibverbot, das Meienberg - entgegen der von ihm verbreiteten Legende - nicht mit Pseudonymen unterlaufen hat. Marianne Fehr stützt sich bei ihren vorsichtigen Wertungen auf den gesamten Nachlaß Meienbergs im Schweizerischen Literaturarchiv Bern sowie auf schriftliche und mündliche Zeugnisse einer guten Hundertschaft von Zeugen, Kollegen, Freunden und Feinden. Zusammen mit ihrer lapidaren Sprache schützt sie dieses dokumentarische Verfahren vor Einseitigkeit. Die Biographie ist nicht zuletzt auch eine Studie zur wirtschaftlichen und sozialen Lage eines freien Zeitungsmitarbeiters in einem reichen Land. Die Befunde sind bedrückend: Außer in den kurzen Zeiten seiner Mitarbeit in der zu Recht als legendär bekannten Phase beim Tages-Anzeiger-Magazin (1970 - 72) und beim Hamburger Stern (1982/83) lebte Meienberg permanent an der Armutsgrenze mit seinen kläglichen Honoraren von oppositionellen Blättern wie Konzept, später Die WochenZeitung. Er hauste in schäbigen Wohnungen oder kleinen Zimmern, war immer in Geldnot, lebte auf Pump, vom Inhalt zahlreicher WG-Kühlschränke, von Freundinnen und Freunden, Familienmitgliedern und von der Großzügigkeit arrivierter Linker - darunter Max Frisch, Alexander J. Seiler, Urs Herzog und Moritz Leuenberger. Ein guter Freund gewöhnte sich an, von einem Buch, das er Meienberg lieh, gleich ein neues Exemplar zu besorgen, denn an eine Rückgabe war sowenig zu denken wie an die Rückzahlung von Darlehen. Abgründig herrisch war Meienbergs Verhältnis zu Frauen, die der "enorme Schürzenjäger" (Peter Bichsel) zuweilen wie Jagdtrophäen vorführte und ebenso schnell fallen ließ, wie er sie - mit seinem beträchtlichen Charme - erobert hatte. Oft interessierte er sich weniger für die Freundinnen als vielmehr für deren Geschichte und soziale Herkunft, die er ebenso skrupellos literarisch verwertete wie Beobachtungen bei privaten Einladungen. Hinter dem Bild des bis in die letzten Lebenswochen immer mit Begleiterinnen aus dem "unabsehbaren Mädchenheer" (Meienberg) auftrumpfenden Machos stand jedoch eine tragisch einsame Person. Meienberg durchschaute, wie er die mögliche Liebe und Freundschaft ein ums andere Mal selbst zerstörte bzw. in Sexualverkehrs- oder Informationsquellenplanung verwandelte: "Ich kann mir Frauen immer nur im Zusammenhang mit außerordentlichen Leistungen (meinerseits) vorstellen, mit anderen Worten: die schönste für den Erfolgreichsten. Ich denke auch hier in Machtverhältnissen, was sicher falsch, aber nicht zu ändern ist." Diese Devise und die Hybris, mit der er gelegentlich Bach-Sonaten "verbesserte", trieben ihn mit kalendarischer Regelmäßigkeit hinab in immer tiefere "Depressionen und Desolationen" (Meienberg) - bis hin zur Selbstverachtung. In ein trübes Licht geraten sind in der vorliegenden Biographie vor allem die gesinnungsstarken Kritiker Meienbergs aus Publizistik und Wissenschaft. Wer dem Autor handwerkliche Schwächen und sachliche Fehler nachweisen will, verkennt den Anspruch des Journalisten, der immer auch Schriftsteller war. Seine Arbeiten über den Landesverräter Ernst S. (gegen die Berner Professoren mit ihrer Unterschrift protestierten, obwohl sie nachweislich weder Buch noch Film kannten!), über den Hitler-Attentäter Bavaud oder über General Wille hatten einen dokumentarischen Kern, zielten aber über die Historikerzunft hinaus auf publikumswirksame historische Aufklärung. Dieser dienten die plastische sprachliche Aufbereitung und die - manchmal gewagten - Gegenwartsbezüge, fiktionalen Arrangements und "Bilder mit Plausibilitätsniveau" (Jakob Tanner), mit denen Meienberg historischen Trends und politischen Mentalitätsmustern auf seine unnachahmliche Weise die Melodie ihrer immanenten Logik vorspielte und sie in ihrer ganzen Lächerlichkeit und Gefährlichkeit vorführte. Meienberg hat als einer der ersten die selbstgerechte und bornierte Darstellung der jüngeren Schweizer Geschichte vor einem breiten Publikum als das dargestellt, was sie war: eine nationale Lebenslüge. Damit begann er schon in der Gymnasialzeit, als er die quasi staatsreligiösen Rituale unter dem Etikett "Antikommunismus" durchbrach und die berechtigte Frage stellte: "Warum kommt es überhaupt zum Kommunismus?" Vor den Fachhistorikern und lange bevor die Schweiz nachhaltig - vor allem von außen - dazu gezwungen wurde, ihr Verhältnis zur eigenen dunklen Vergangenheit zu überdenken - was die NZZ 1977 und noch lange danach für ein spezifisch deutsches Problem hielt -, hat Meienberg exemplarische Beispiele solcher Selbstreflexion geliefert. Man reibt sich heute die Augen, wenn man nachliest, wie in den 70er und 80er Jahren fast die gesamte schweizerische Publizistik diese historische Aufklärungsarbeit in die Nähe von Landesverrat und "Nestbeschmutzerei" (Die Ostschweiz) rückte und selbst Wissenschaftler gegen die "permanente Selbstanklage" (Georg Kreis) protestierten. Abgesehen von gelegentlichen argumentativen Schwächen und polemischen Übertreibungen haben Meienbergs literarisch-journalistische Reportagen im deutschsprachigen Raum ästhetisch neue Standards gesetzt. Politisch versandete der Aufbruch von 1968, aber in den Feuilletons hat er eindeutige Spuren hinterlassen. Der spießig-nationale wie der prätentiös-bildungsbürgerliche Mief in der Mogelpackung "Geist und Kultur" wurde gründlich vertrieben. Meienberg hat dazu einen Beitrag geleistet. Es ist ein Gemeinplatz geworden, das schrille Leben Meienbergs, dessen chaotische Spontaneität, dessen massige Gestalt und das unverwechselbare Timbre seiner im gleichen Satz lyrischen, dramatischen und erzählenden Prosa mit der barocken Üppigkeit des Dekors und der Fresken in der St. Galler Klosterkirche zu vergleichen. Das ist richtig, aber beschreibt nur die Außenseite. Marianne Fehr will nicht Meienbergs Texte interpretieren, sondern den Autor sowie die mannigfaltigen Verbindungen zwischen diesem und den Texten darstellen. Seine Prosa ist ohne die auf jeder Seite greifbaren lebensgeschichtlichen Träger von der streng katholischen Erziehung über das Vertrauen in die Aufklärung bis zum Engagement für die kleinen Leute gegen die Mächtigen und Herrschenden undenkbar. Seine Texte werden dadurch zusammengehalten. Er erfuhr und durchlitt die soziale Ungerechtigkeit, die politische Borniertheit und die intellektuelle Dumpfheit im Lande fast körperlich. Meienberg lebte permanent mit dem uneinlösbaren Anspruch, er könne mit seiner Kritik an den herrschenden Eliten in Politik, Armee und Wirtschaft sowie an den helvetischen Zuständen überhaupt unmittelbar etwas verändern. An diesem hybriden Anspruch mußte er scheitern, und gleichzeitig kettete er sich mit seinen Bannflüchen gegen Einzelpersonen an jene, die er kritisierte. Auf deren Anerkennung war er erpicht in all seinen Artikeln und Leserbriefen, in seinen Telefonanrufen und in seinen als "Besuche" getarnten Überfällen. Letztlich behandelte er soziale und politische Themen immer als einen Kampf von Mann gegen Mann. Das gilt für seine Auseinandersetzung mit Bundesrat Kurt Furgler ("King Fu") ebenso wie für jene mit dem führenden Personal in der Wirtschaft, in der Armee und bei der Neuen Zürcher Zeitung (für die er am 24. 2. 67 einen Artikel schrieb), beim Fernsehen und beim Tages-Anzeiger. Ähnliches bekamen aber auch prominente Schriftsteller wie Adolf Muschg und Otto F. Walter sowie Kollegen zu spüren, die bei Auszeichnungen und Stipendien bevorzugt wurden. Adolf Muschg glaubt hinter Meienbergs Hang nach Anerkennung durch Autoritäten eine Form von "Vatersuche" im polemischen Nahkampf mit diesen zu erkennen. So wie Marianne Fehr die absolut dominierende Rolle, die Meienbergs Mutter in dessen Leben spielte, nachzeichnet, spricht einiges für Muschgs Hypothese. Von Rudolf Walther |
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