Marianne Fehr
Meienberg.

Weitere Rezensionen

Rd_tri.gif (202 Byte) Niklaus Meienberg

Rd_tri.gif (202 Byte) Marianne Fehr: Meienberg.

Rd_tri.gif (202 Byte) Basler Zeitung vom 1. März 1999
Rd_tri.gif (202 Byte) WochenZeitung WoZ vom 11. März 1999
Rd_tri.gif (202 Byte) Der Standard vom 13./14. März 1999
Rd_tri.gif (202 Byte) Facts vom 18. Februar 1999
Rd_tri.gif (202 Byte) tageszeitung taz vom 24. Juli 1999
Basler Zeitung vom 1. März 1999

Und immer diese Schwierigkeit, die mittlere Linie zu finden

Zu Marianne Fehrs herausragender Biographie des Journalisten und Schriftstellers Niklaus Meienberg

Als gut 20jähriger Student notierte er ins Tagebuch: «Die Gletscherspalte zwischen mir und dem, der ich sein sollte, wird immer tiefer.» Er begriff sich als «immerfort drehende Denkmaschine» im Leerlauf. Fast dreissig Jahre später beginnen quälende Monate, in denen er seinen Freitod minutiös organisierte: «Ich fühle mich alt, kaputt und habe keine Hoffnung irgendeiner Art... Ich bin auch nicht mehr lernfähig.» Der Schriftsteller und Journalist Niklaus Meienberg (1940-1993), der zeitlebens zwischen «sumpfigen Depressionen» und «Aufschwüngen» hin- und hergerissen wurde, litt schwer darunter, «keine mittlere Linie» zu finden. In besseren Tagen behalf er sich damit, «diese Unausgeglichenheit» zu seiner «Schreib-Trieb-Feder» zu rationalisieren, aber das gelang ihm immer seltener.

Die Zürcher Journalistin Marianne Fehr hat jetzt eine 560 Seiten starke Lebensgeschichte Meienbergs vorgelegt, die sehr viel mehr ist als das. Sie zeichnet Meienbergs Jugend in St. Gallen (1940-1955) nach, dann die Internatszeit in Disentis (1955-1960), schliesslich die turbulenten Studienjahre zunächst in Fribourg (1961-1964), wo er in den Bannkreis einer fundamentalistisch-katholisch und stramm antikommunistisch orientierten Polit-Sekte mit Hans-Urs von Balthasar als Häuptling geriet, die er kräftig auf- und durchmischte, bevor er hinausgeworfen wurde. Die laue Fortsetzung des Studiums in Zürich (1964-1966) und Paris (1966-1970) beendete er mit einem kenntnisreichen, aber improvisierten Abschluss über General de Gaulle (60 Seiten in 12 Tagen für eine Lizentiatsarbeit).

Die Freunde, die Feinde

Über die Hälfte ihres materialreichen Buches widmet Marianne Fehr den Stationen von Meienbergs schriftstellerisch-journalistischem Leben in der Schweiz und in Frankreich, wozu sie dank ihrer stattlichen Informantenzahl viel Neues beiträgt. Besonders genau beschreibt sie Meienbergs Arbeitsstil und die damit eng verwobenen Freundschaften und Feindschaften, die er gleichermassen virtuos für sich einzusetzen wusste. Dazu dienten ihm ausser dem Telefon unendlich viele Gespräche in Beizen und sein elefantenmässiges Gedächtnis für Sätze und Konstellationen - sein «Archiv». Ein einziges Mal in seinem Leben, kurz vor seinem Tod, benützte er den Computer eines Freundes - sonst immer seine Hermes-Baby mit dem Buchstaben «o», der nur noch Löcher durch das Papier stanzte.
Über die Leidensgeschichte Meienbergs hinaus gelingt Marianne Fehr ein farbiges Bild des schweizerischen Zeitungswesens und Medienbetriebs - mit all seinen Querelen, Intrigen und Eitelkeiten. Meienberg steht im Mittelpunkt der Darstellung, aber die Autorin bewahrt trotz Sympathie Distanz zu ihm. Dass der berserkerhaft um sich schlagende Haudegen alles in allem eben doch auch ein Opfer des gnadenlosen medialen Betriebs war, zeigt Marianne Fehr in jenen Passagen des Buches, die die Auseinandersetzungen mit dem Zürcher «Tages-Anzeiger» behandeln. Hier behielt Verlegermacht gegen eine redaktionelle Mehrheit die Oberhand und verhängte ein 14 (!) Jahre andauerndes Schreibverbot, das Meienberg - entgegen der von ihm verbreiteten Legende - nicht mit Pseudonymen unterlaufen hat.

Die Widersprüche, die Legenden

Marianne Fehr beschreibt die Widersprüche und Abgründe dieses schwierigen Zeitgenossen ohne die landesüblichen Ressentiments, sie deckt reihenweise Legenden und Ablenkungsmanöver auf, die Meienberg in seinen Texten wie in seinem Leben inszenierte. Sie stützt sich bei ihren vorsichtigen Wertungen auf den gesamten Nachlass Meienbergs im Schweizerischen Literaturarchiv Bern sowie auf schriftliche und mündliche Zeugnisse einer guten Hundertschaft von Zeuginnen und Zeugen, Kolleginnen und Kollegen, Freunden und Feinden. Zusammen mit ihrer lapidaren Sprache schützt sie dieses dokumentarische Verfahren vor Einseitigkeiten und Abstürzen.

Die Arbeitgeber, die Freunde

Die Biographie ist nicht zuletzt auch eine Studie zur wirtschaftlichen und sozialen Lage eines freien Mitarbeiters kleiner (und zeitweise grosser) Zeitungen in einem reichen Land. Die Befunde sind bedrückend: ausser in den kurzen Zeiten seiner Mitarbeit in der zu Recht legendären Phase beim «Tages-Anzeiger Magazin» (1970-1972, rund 30 Artikel) und beim Hamburger «Stern» (1982/83) lebte Meienberg permanent an der Armutsgrenze mit seinen kläglichen Honoraren von oppositionellen Blättern wie «Konzept», später «Die WochenZeitung». Er hauste in schäbigen Wohnungen oder kleinen Zimmern, immer in Geldnot, auf Pump, vom Inhalt zahlreicher WG-Kühlschränke, von Freundinnen und Freunden, Familienmitgliedern und von der Grosszügigkeit arrivierter Linker - darunter Max Frisch, Alexander J. Seiler, Urs Herzog und Moritz Leuenberger. Ein guter Freund gewöhnte sich an, von einem Buch, das er Meienberg lieh, gleich ein neues Exemplar zu besorgen, denn an eine Rückgabe war so wenig zu denken wie an die Rückzahlung von Darlehen.

Die Frauen, die Hybris

Abgründig herrisch war Meienbergs Verhältnis zu Frauen, die der «enorme Schürzenjäger» (Peter Bichsel) zuweilen wie Jagdtrophäen vorführte und ebenso schnell fallen liess, wie er sie - mit seinem beträchtlichen Charme - erobert hatte. Oft interessierte er sich weniger für die Freundinnen als vielmehr für deren Geschichte und soziale Herkunft, die er ebenso skrupellos literarisch verwertete wie Beobachtungen bei privaten Einladungen. Hinter dem Bild des bis in die letzten Lebenswochen immer mit Begleiterinnen aus dem «unabsehbaren Mädchenheer» (Meienberg) auftrumpfenden Macho stand jedoch eine tragisch einsame Person. Meienberg durchschaute, wie er die mögliche Liebe und Freundschaft eines ums andere Mal selbst zerstörte bzw. in Sexualverkehrs- oder Informationsquellenplanung verwandelte: «Ich kann mir Frauen immer nur im Zusammenhang mit ausserordentlichen Leistungen (meinerseits) vorstellen, mit anderen Worten: die Schönste für den Erfolgreichsten. Ich denke auch hier in Machtverhältnissen, was sicher falsch, aber nicht zu ändern ist.» Diese Devise und die Hybris, mit der er gelegentlich Bach-Sonaten «verbesserte», trieben ihn mit kalendarischer Zwangs- und Regelmässigkeit hinab in immer tiefere «Depressionen und Desolationen» (Meienberg) - bis hin zur Selbstverachtung.

Die Themen, die Technik

In ein trübes Licht geraten in dieser Biographie vor allem die gesinnungsstarken Kritiker Meienbergs aus Publizistik und Wissenschaft. Wer dem Autor handwerkliche Schwächen und sachliche Fehler nachweisen will, verkennt den Anspruch des Journalisten, der immer auch Schriftsteller war. Seine Arbeiten über den Landesverräter Ernst S. (gegen die Berner Professoren mit ihrer Unterschrift protestierten, obwohl sie nachweislich weder Buch noch Film kannten!), über den Hitler-Attentäter Bavaud oder über General Wille hatten einen dokumentarischen Kern, zielten aber über die Historikerzunft hinaus auf publikumswirksame historische Aufklärung. Dieser dienten die plastische sprachliche Aufbereitung und die - manchmal gewagten - Gegenwartsbezüge, fiktionalen Arrangements und «Bilder mit Plausibilitätsniveau» (Jakob Tanner), mit denen Meienberg historischen Trends und politischen Mentalitätsmustern auf seine unnachahmliche Weise die Melodie ihrer immanenten Logik vorspielte und sie in ihrer Lächerlichkeit oder Gefährlichkeit vorführte.
Meienberg hat als einer der ersten die selbstgerechte und bornierte Darstellung der jüngeren Schweizer Geschichte vor einem breiten Publikum als das dargestellt, was sie war: eine nationale Lebenslüge. Damit begann er schon in der Gymnasialzeit, als er die quasi staatsreligiösen Rituale unter der Firma «Antikommunismus» durchbrach und die berechtigte Frage stellte: «Warum kommt es überhaupt zum Kommunismus?» Vor den Fachhistorikern und lange bevor die Schweiz nachhaltig - vor allem von aussen - dazu gezwungen wurde, ihr Verhältnis zur eingetrübten Vergangenheit zu überdenken - was die NZZ 1977 und noch lange danach für ein spezifisch deutsches Problem hielt -, hat Meienberg exemplarische Beispiele solcher Selbstreflexion geliefert. Man reibt sich heute die Augen, wenn man nachliest, wie in den 70er und 80er Jahren fast die gesamte schweizerische Publizistik diese historische Aufklärungsarbeit in die Nähe von Landesverrat und «Nestbeschmutzerei» («Die Ostschweiz») rückte und selbst Wissenschafter über die «permanente Selbstanklage» (Georg Kreis) schwadronierten.
Vollends überrollt von den heutigen Debatten um die Verstrickung der schweizerischen Eliten in bislang nur vermutete Geschäfte wird das Pamphlet, das der Journalist Andreas Breitenstein in der NZZ vom 20. 3. 1993 veröffentlicht hat, nachdem Meienberg die hagiographische Ernst-Jünger-Monographie des Feuilletonchefs Martin Meyer im «Spiegel» kritisiert hatte. Selbst die konservative «Frankfurter Allgemeine Zeitung» (27. 3. 1993) versah Breitensteins Machwerk mit dem Stempel «fast eine Hinrichtung».

Die Texte, der Einfluss

Ganz abgesehen von argumentativen Schwächen und polemischen Übertreibungen haben Meienbergs literarisch-journalistische Reportagen im deutschsprachigen Raum ästhetisch neue Standards gesetzt - genau wie Roman Brodmanns ausschliesslich im Ausland verwirklichte Film-Essays. Politisch versandete der Aufbruch von 1968, aber in den Feuilletons hat er eindeutige Spuren hinterlassen. Der spiessige nationale wie der prätentiös-bildungsbürgerliche Mief in der Mogelpackung «Geist und Kultur» wurde gründlich vertrieben. Meienberg hat dazu einen Beitrag geleistet.
Es ist ein Gemeinplatz geworden, das schrille Leben Meienbergs, dessen chaotische Spontaneität, dessen massige Gestalt und das unverwechselbare Timbre seiner im gleichen Satz lyrischen, dramatischen und erzählenden Prosa mit der barocken Üppigkeit des Dekors und der Fresken in der St. Galler Klosterkirche zu vergleichen. Das ist richtig, aber beschreibt nur die Aussenseite. Marianne Fehr will nicht Meienbergs Texte interpretieren, sondern den Autor sowie die mannigfaltigen Verbindungen zwischen diesem und den Texten darstellen. Seine Prosa ist ohne die auf jeder Seite greifbaren lebensgeschichtlichen Träger von der streng katholischen Erziehung über das Vertrauen in die Aufklärung bis zum Engagement für die kleinen Leute gegen die Mächtigen und Herrschenden undenkbar. Seine Texte werden dadurch zusammengehalten. Er erfuhr und durchlitt die soziale Ungerechtigkeit, die politische Borniertheit und die intellektuelle Dumpfheit im Lande fast körperlich. Meienberg lebte permanent mit dem uneinlösbaren Anspruch, er könne mit seiner Kritik an den herrschenden Eliten in Politik, Armee und Wirtschaft sowie an den helvetischen Zuständen überhaupt unmittelbar etwas verändern.

Die Kämpfe, die Suche

An diesem hybriden Anspruch musste er scheitern und gleichzeitig kettete er sich mit seinen Bannflüchen gegen Einzelpersonen an jene, die er kritisierte. Auf deren Anerkennung war er erpicht in all seinen Artikeln und Leserbriefen, in seinen Telefonanrufen und in seinen als «Besuche» getarnten Überfällen. Letztlich behandelte er soziale und politische Themen immer als ein Kampf von Mann gegen Mann, was der Klosterschüler sprachlich wahrscheinlich zu «argumenta ad homines» geadelt hätte. Das gilt für seine Auseinandersetzung mit Bundesrat Kurt Furgler («King Fu») ebenso wie für jene mit dem führenden Personal in der Wirtschaft, in der Armee und bei der «Neuen Zürcher Zeitung» (für die er am 24. 2. 67 einen Artikel schrieb), beim Fernsehen und beim «Tages-Anzeiger». Ähnliches bekamen aber auch prominente Schriftsteller wie Adolf Muschg und Otto F. Walter sowie Kollegen zu spüren, die bei Auszeichnungen und Stipendien bevorzugt wurden. Ohne in vulgäre Spekulationen zu verfallen, sieht Adolf Muschg hinter Meienbergs Hang nach Anerkennung durch Autoritäten eine Form von «Vatersuche» im polemischen Nahkampf mit diesen. So wie Marianne Fehr die absolut dominierende Rolle, die Meienbergs Mutter in dessen Leben spielte, nachzeichnet, spricht einiges für Muschgs Hypothese.

Rudolf Walther
© Basler Zeitung

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WochenZeitung WoZ vom 11. März 1999

Die Causa Meienberg

Die Erregung der Synapsen beim Verlassen der Meienberg-Biografie: Atemlos hat man sich also durch die Lebensgeschichte dieses Menschen gelesen, der «gelebt hat wie ein Derwisch, geschrieben wie ein Berserker» und «bleich und still verstarb». Man hat sich über Anekdotisches amüsiert, über Hinter- und Beweggründe von früher gelesenen Texten gestaunt, man hat sich über den Umgang Meienbergs mit Freund, Feind und Frauen gewundert und schliesslich, als die Selbsttötung naht, bedrückt und aufgeregt das Ende des Buches herbeigesehnt. Meienberg, Fleisch und Blut geworden, rückt uns sechs Jahre nach seinem Suizid zu Leibe, geht uns an den Pelz und auf den Zeiger. Man fühlt sich unangenehm privat. Recht eigentlich möchte man jetzt ein wenig zuwarten, bis sich Distanz und Ruhe für wohlsortierte Worte einstellt. Die Aufgeregtheit bleibt. Es gäbe Tricks, davon wieder runterzukommen - doch lassen wir sie für einmal aussen vor. Lassen wir es nach dem Zuklappen von Marianne Fehrs Biografie weiter mühlen und gramseln in Hirn und Darm, in diesem Zustand anhaltender Aufgeregtheit.

Faktenfülle, klug geordnet
Zweifelsohne hat dieser Zustand mit Vor- und Nachteilen des Buches zu tun, ebenso sehr und zweifelsfrei auch mit dem Verdacht, die Lektüre der Biografie mache mich als Leser zum Sonderfall. Spricht diese Biografie, bitte schön, nicht vielleicht auch von mir, besser: von uns selber, die wir da täglich kultur- und poplinks am Pültchen sitzen, Papierchen büscheln, lesen, telefonieren, Sitzungen abhalten und dann in guten Momenten versuchen, einen Text zu schreiben, der irgendetwas auslöst da draussen? Ging es in diesem Meienberg-Leben nicht eben gerade um mehr als um die Besprechung eines Buches von einer Journalistin über einen Journalisten, das jetzt von JournalistInnen gelesen und rezensiert wird? Und zeigt die Biografie nicht auch, dass Meienbergs Glaube, von dem er gelebt hat und an dem er zerbrochen ist, nämlich mit Journalismus mehr zu erreichen als Papier voll zu schreiben, ein Glaube ist, für den wir zu ausgeglichen, zu faul und vor allem viel zu vernünftig sind?
Hueresiech und heiterefahne: Tun wir halt so, als hätte man hier eine ganz gewöhnliche historische Biografie zu besprechen. Vergessen wir, dass die Causa Meienberg historisch nicht nur mit dem publizistischen und strukturellen Selbstverständnis der WoZ (eine linke Zeitung im Besitz der MitarbeiterInnen) verschweisst ist, vergessen wir auch, dass Marianne Fehr als Autorin mit der WoZ und einige meiner älteren Büro- und Pultnachbarn persönlich mit Meienberg verbandelt waren - oder sind. Ferner wollen wir nicht weiter über das beredte Schweigen an jener Redaktionssitzung werweissen, als einer der WoZ-Altvorderen meinte, mit dem Vorabdruck von Teilen der Biografie wäre es wohl nicht getan, eine Rezension sei mehr als angezeigt. Kurz und gut: Nehmen wir an, ich wäre hier tatsächlich der unbefangene, neue WoZ-Literaturredaktor, Vertreter einer jüngeren Generation, der jetzt eben mal zum Einstand frisch und frei von der Leber weg eine Buchbesprechung runterschnäuzt. Halten wir deshalb den Dienstweg ein und fangen von vorne an, schön und ordentlich und der Reihe nach.

Historisches und Aperçus
Also denn: Marianne Fehr legt eine rundum geglückte Biografie vor. Ihre Gesamtdarstellung von Meienbergs Leben beeindruckt zunächst durch die Fülle des beigebrachten Materials: Akribisch hat die Autorin Meienbergs Werk vor allem nach Selbstzeugnissen durchforstet und nicht publizierte Schriften aus dem Schweizerischen Literaturarchiv sowie aus privaten Archiven gesichtet. Dazu kommen, zentral für das Buch, gegen hundertfünfzig Gespräche, die sie mit ZeitgenossInnen Meienbergs geführt hat. Gerade der Umgang mit dem immensen Quellenmaterial ist Beweis hoher Kunstfertigkeit, denn das weiträumig durch die Fakten mäandernde Buch verliert in seiner ganzen Breite nie Form und dramaturgische Spannung. Das wiederum ist dem Tonfall der Recherche geschuldet; Fehrs Sprache kontrastiert zur üppigen Gebärde vieler Meienberg-Zitate, sie ist zurückhaltend, leichtfüssig und verhilft so dem Material zu seinem Recht. So gelingt es Fehr beispielsweise mühelos, Aussagen von ZeitzeugInnen in ihrer spezifischen Bedeutung im jeweiligen Zusammenhang plausibel werden zu lassen. Dazu gehört auch, dass die Autorin nur selten explizit Partei ergreift; etwa dann, wenn sie knapp ihre unmissverständliche Reaktion schildert, als ihr Meienberg offensiv den Hof macht, oder dort, wo es 1993 um die «publizistische Vernichtung» Meienbergs durch Andreas Breitenstein in der NZZ geht.
Trotz der Nähe und Sympathie zu Meienberg entwirft Fehr ein vielschichtiges Bild. Es zeigt Meienberg ohne Schonung: seinen Stärken als Schriftsteller und Journalist, seinem Debattier-Genie steht das Monströse des egomanischen Rüpels, die Kleinlichkeit der beleidigten Leberwurst gegenüber; der besorgte, selbstlose Freund und der liebenswert-charmante Flattierer steht andererseits dem rasenden Wüstling entgegen, der gegen die Geliebten tobt; die seltenen Momente des erfüllten Glücks führen unvermittelt in innere Verzweiflung und in Selbsthass. Es gehört zu den Qualitäten des Buches, dass gerade von der Vielschichtigkeit der Darstellung die Faszination des Authentischen ausgeht - man kann der Autorin weder den Vorwurf von Heldenverehrung noch von -demontage machen.
Kommt hinzu, dass die Schilderung nicht nur den Porträtierten fokussiert, sondern im Geschiebe der reichen Erzählung auch Geschichte mittransportiert, die das Buch für Nichtdabeigewesene lesenswert macht oder Vergangenes erinnert. Einblicke in eine humanistische Sozialisation durch das katholische Internat Disentis in den fünfziger Jahren, inklusive Folgen, sind so bereichernd wie die Schlaglichter auf das intellektuelle Klima im Frankreich der sechziger Jahre; schliesslich sind es aber vor allem die politischen Auseinandersetzungen in der Schweiz der siebziger und achtziger Jahre, die entlang Meienbergs Arbeiten wieder plastisch werden: Immerhin hat Meienberg mit Reportagen wie etwa «Die Erschiessung des Landesverräters Ernst S.», den Recherchen zu General Wille oder Hitler-Attentäter Maurice Bavaud viel dazu beigetragen, dass in den letzten Jahren über die Vergangenheit der Schweiz geforscht und öffentlich diskutiert wurde; das muffige Katheder-Klima der neuen Linken in den siebziger Jahren dampft einem entgegen; man lernt vom Wert eines informellen Netzwerkes, und dank Meienbergs grossem Textausstoss und den permanenten Auseinandersetzungen mit Redaktionen und Zeitungen liefert das Buch unter vielem mehr auch eine kleine Schweizer Mediengeschichte. Man wundert sich - o tempora, o mores - schon ein bisschen, wenn man liest, dass ein Journalist noch vor wenigen Jahren aus inhaltlichen Gründen ein Schreibverbot auferlegt bekam oder dass das Vierfarbheftli, welches heute jeweils am Samstag matt aus dem «Tages-Anzeiger» rutscht, Anfang der siebziger Jahre ein Ort für kontroversen, hoch stehenden Journalismus war.
Schön sind die komischen Seiten der Biografie: die Geschichte um Meienbergs Pferdediebstahl in jugendlichen Tagen, wie Max Frisch und Niklaus Meienberg Paella kochen, die Schilderung von Meienbergs kindlicher Freude über die Büroinfrastruktur in Paris während seiner Zeit als «Stern»-Korrespondent, wie Niklaus Meienberg für Roland Gretler Zigaretten holen geht, immer wieder Meienbergs mehrfach erwähnte Unfähigkeiten im Haushalt und in Modefragen, der hinreissend komische Antwortbrief des «Tages-Anzeiger»-Journalisten Kurt-Emil Merki auf Meienbergs wiederholte Aufforderung, Merki solle sich für die Aufhebung des Schreibverbotes verwenden. Nicht zuletzt solche Aperçus hellen die Lektüre zwischenzeitlich von den dunklen Schatten auf, die vor allem gegen Ende Meienbergs Leben verdüstern.

Zu viel Mutter
Schliesslich und endlich stellt sich dann aber doch, bei allem Reichtum der Fakten, bei aller Differenziertheit der Darstellung und trotz Fehrs zurückhaltender Kommentierung die Frage: Ist mir Meienberg, nachdem ich ihn nach der erregenden Lektüre dieser 560 Seiten als Mensch kennen gelernt habe, sympathisch geworden? Ich finde nein. Zu viel Terror, zu viel Misshandlung, zu viel Katholizismus, zu viel Mutter, zu viel Pathologie. Die zweite, wichtigere Frage, was mir Meienberg als engagierter Schriftsteller bedeutet, lässt sich mit dieser Biografie selbstverständlich nicht beantworten.

Wer deshalb das Lebensbild, wie Thomas Widmer im «Facts» orakelt, «als Mörtel fürs Monument» verwenden will, unterstellt böswillig Naivität. Das kann nur wollen, wer vom Denkmalbau so wenig Ahnung hat wie Widmer von genauer Lektüre. Denn gerade die Tatsache, dass Marianne Fehr das banale, spektakuläre, traurige, grossartige, menschliche usw. Leben Meienbergs so schildert, dass die Lektüre unter die Haut fährt und den Leser in ein Verhältnis zwingt, bricht die öffentliche Stille, die um Meienbergs Leben und Werk in den letzten Jahren dräute. Dank dieser Biografie ist diese Stille zumindest dem eingangs beschriebenen Zustand der Aufgeregtheit gewichen. Das könnte Ausgangslage für eine Diskussion sein, die, wenn sie denn produktiv werden soll, danach fragt, was einer wie Meienberg über seinen Tod hinaus mit unserer Gegenwart hier und heute zu tun hätte. Diese Diskussion hat, entgegen allen Behauptungen, in keiner Weise stattgefunden. Die Biografie Meienbergs könnte der Beginn dazu sein, nicht das Ende.

Denn bis jetzt hatten wir die Reportagen und Bücher von Meienberg. Jetzt haben wir auch sein Leben. Freilich könnten wir für die Zukunft beides, unter Buchdeckeln begraben, ins Regal stellen und warten, bis vielleicht eine klärende Stimme vom Hochsitz der Literaturwissenschaft herunterschwallt. Wer das nicht will, soll Vorschläge machen. Hueresiech und heiterefahne.

Stephan Ramming
© WochenZeitung WoZ

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Der Standard vom 13./14. März 1999

Einzelgänger vor einem Schweizer Medienpanorama

Eine Schweizer Großbürger-Welt als Wille & Wahn enttarnen, Zunder anfachen mit Reportagen aus dem sogenannten In- und Ausland, mit dem Wissenschaftlichen Spazierstock die Schweiz vermessen und bereisen, und daneben noch allerlei quergedachte Gedichte und Bildmontagen einer Geschichte der Liebe und des Liebäugelns verfassen: Niklaus Meienbergs Selbstmord im September 1993 setzte jäh, aber für Freunde, die um die Depressionen des Autors wußten, wenig überraschend einen Schlußpunkt hinter ein einzigartiges Oeuvre.

Als Journalist und Schriftsteller war er bis zuletzt, als er noch den Golfkrieg kommentierte, eine unbestechliche Instanz - obwohl schon kurz nach seinem Tod hieß: «Es herrscht kein gutes Klima für einen wie Niklaus Meienberg.» Marianne Fehr, seine Kollegin, wie viele andere «entscheidend geprägt» von Stil und Unerbittlichkeit des «Wortgewaltigen», leistet in ihrer Biographie weitaus mehr als aus derart kurzem zeitlichen Abstand üblich ist: Ein Panorama der Schweizer Medien- und Intellektuellenszene entwirft sie, in dem Meienberg als Linkskatholik anfangs mehr dem bürgerlichen Lager zuzuordnen gewesen wäre, aus dem er sich nach Erfahrungen im Paris der 68er aber zunehmend entfernt.

So wird er, den ein Freund zuerst noch als «Tatmensch» («Er verschiebt Masse, aber er gestaltet sie nicht») abtut, zunehmend zu einem Einzelgänger, den selbst lukrativste Verträge nicht auf Dauer an renommierte Blätter binden konnten. Erfolgreich - aber zuletzt frustriert: «Vernünftige Reportagen, Glossen, Kommentare» sieht er in den Schweizer Medien kaum noch möglich. Den Widerspruch zu dieser These hat Meienberg mit jedem Text immer wieder aufs neue herausgefordert. Ein Muß für jeden, der an mitteleuropäischer Geistesgeschichte der Nachkriegszeit interessiert ist.

Claus Philipp
© Der Standard, Wien

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Facts vom 18. Februar 1999

Ein Denkmal für die 68er.

Kleinbrand in der WG. Der grosse Schreiber kann nicht einmal einen Ölofen sachgerecht beheizen. Die Stichflammen schiessen bereits ins Zimmer, als es der Autor schafft, das Feuer zu löschen. Mit einem Mimosenstrauch.

Wir schmunzeln. Diese Woche erscheint die erste Biografie zu Niklaus Meienberg. Anekdoten gibts darin zuhauf; auf über 500 Seiten erzählt Autorin Marianne Fehr in «Meienberg.» das Leben des Journalisten und Schriftstellers. Von der Geburt in Sankt Gallen 1940 bis zum Freitod in Zürich 1993 und der Verstreuung der Asche. Kapitel um Kapitel. Schön linear.

Das Buch wurde mit Spannung erwartet. Nicht zuletzt wegen der letzten Frühling erschienenen Skandalmemoiren der Meienberg-Exgeliebten Aline Graf. Die aufschlussreiche Beziehungs- und Sexchronik zeigte Meienberg als Egomanen und Frauenbenutzer. Die Überbringerin der Botschaft wurde von der Kritik allerdings bös traktiert. Graf hatte es ihren Feinden auch einfach gemacht: Sie ist keine Linke wie viele Kritiker. Sie schreibt schlecht. Sie wollte ihre Beziehung zu einem Prominenten nützen, um sich selber zu profilieren.

Anders Marianne Fehr. Sie wird ernst genommen, stammt ja aus dem Kuchen. Die frühere Redaktorin der Zürcher «WochenZeitung» arbeitete mit Meienberg, war diesem auch privat freundschaftlich verbunden. Für ihr Buch recherchierte sie breit. Es ist solid gebaut und gekonnt unprätentiös geschrieben.

Die erste umfassende Niklaus-Meienberg-Biografie macht den grossen Schweizer Journalisten und Autor endgültig tot. Ist es deshalb ein Ereignis? Nein. Man liest diese Biografie mit wachsender Langeweile.

Meienberg, das sind Fragen. Was bleibt von seinen Reportagen? Was sind seine Gedichte wert? Bestätigt die moderne Forschung sein Bild des gescheiterten Schweizer Hitler-Attentäters Bavaud? Was bedeutet er heutigen Journalisten inmitten bedrückender Stilnivellierung? Und wie gehen aufklärerische Publizistik und Privatmachismo zusammen?

Fehr stellt sich diesen Fragen nicht. Sie übersetzt Meienberg nicht in die Gegenwart. Neuigkeiten - etwa die Schwulen-Häme des Jünglings im Internat - verblassen im blossen Nebeneinander. Alle Details werden schliesslich Mörtel fürs Monument.

Im Kindergarten habe Meienberg vom Gampiross aus die anderen Kinder beobachtet, lesen wir. In seinen Studienjahren habe er einmal die Reitstiefel nicht mehr ab den Füssen gebracht, steht da. «Das «Magazin» war eine ganz tolle Sache», darf Peter Bichsel sagen.

Jaja. Doch warum sollen Nachgeborene, Nichtnostalgiker das lesen? Die 68er, die Gspänli, die Gleichaltrigen mögen das Buch sicher. Sie bekommen ein bisschen - pfleglich über viele Seiten verteilte - Meienberg-Kritik mitgeliefert und werden doch nicht verstimmt.

Form und Inhalt müssten sich ergänzen, dann habe ein Text Kraft, betonte Meienberg stets. Dieses Buch über ihn ist viel Inhalt in harmloser Form. Das passt zur Zeit. Die Altlinken betreiben Besitzstandwahrung. Aus gesicherter Position bereiten sie ihr Erbe für die Nachwelt auf. Meienberg steht nicht mehr zur Diskussion. Ist abschliessend behandelt. Ist endgültig tot.

Thomas Widmer
© Facts

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tageszeitung taz vom 24. Juli 1999

Gescheiterter Schweizverbesserer

Der Journalist und Schriftsteller Niklaus Meienberg war einer der ersten, der die selbstgerechte Darstellung der Schweizer Geschichte als nationale Lebenslüge darstellte. Eine Biographie über ein Leben als permanenter Kampf gegen Mythen und Eliten

Als gut 20jähriger Student notierte er ins Tagebuch: "Die Gletscherspalte zwischen mir und dem, der ich sein sollte, wird immer tiefer." Er begriff sich als "immerfort drehende Denkmaschine" im Leerlauf. Fast dreißig Jahre später beginnen quälende Monate, in denen er seinen Freitod minutiös organisiert: "Ich fühle mich alt, kaputt und habe keine Hoffnung irgendeiner Art ... Ich bin auch nicht mehr lernfähig." Der Schriftsteller und Journalist Niklaus Meienberg (1940-1993), der zeitlebens zwischen "sumpfigen Depressionen" und "Aufschwüngen" hin und her gerissen wurde, litt schwer darunter, "keine mittlere Linie" zu finden. In besseren Tagen behalf er sich damit, "diese Unausgeglichenheit" zu seiner "Schreib-Trieb-Feder" zu rationalisieren, aber das gelang ihm immer seltener.

Die Zürcher Journalistin Marianne Fehr hat jetzt eine 560 Seiten starke Lebensgeschichte Meienbergs vorgelegt, die sehr viel mehr ist als das. Besonders genau beschreibt sie Meienbergs Arbeitsstil und die damit eng verwobenen Freundschaften und Feindschaften, die er gleichermaßen virtuos für sich zu nutzen wußte. Dazu dienten ihm außer unendlich vielen Gesprächen in Kneipen und seinem elefantenmäßigen Gedächtnis für Sätze und Konstellationen sein legendäres "Archiv", für das er mit seiner alten Hermes-Baby Blatt auf Blatt vollschrieb.

Über die Lebensgeschichte Meienbergs hinaus gelingt Marianne Fehr ein farbiges Bild des schweizerischen Zeitungswesens - mit all seinen Querelen, Intrigen und Eitelkeiten. Meienberg steht im Mittelpunkt der Darstellung, aber die Autorin bewahrt trotz Sympathie Distanz zu ihm. Daß der berserkerhaft um sich schlagende Haudegen alles in allem auch ein Opfer des gnadenlosen medialen Betriebs war, zeigt Marianne Fehr in jenen Passagen, die die Auseinandersetzungen mit dem Zürcher Tages-Anzeiger behandeln. Hier behielt Verlegermacht gegen eine redaktionelle Mehrheit die Oberhand und verhängte ein 14 (!) Jahre andauerndes Schreibverbot, das Meienberg - entgegen der von ihm verbreiteten Legende - nicht mit Pseudonymen unterlaufen hat.

Marianne Fehr stützt sich bei ihren vorsichtigen Wertungen auf den gesamten Nachlaß Meienbergs im Schweizerischen Literaturarchiv Bern sowie auf schriftliche und mündliche Zeugnisse einer guten Hundertschaft von Zeugen, Kollegen, Freunden und Feinden. Zusammen mit ihrer lapidaren Sprache schützt sie dieses dokumentarische Verfahren vor Einseitigkeit.

Die Biographie ist nicht zuletzt auch eine Studie zur wirtschaftlichen und sozialen Lage eines freien Zeitungsmitarbeiters in einem reichen Land. Die Befunde sind bedrückend: Außer in den kurzen Zeiten seiner Mitarbeit in der zu Recht als legendär bekannten Phase beim Tages-Anzeiger-Magazin (1970 - 72) und beim Hamburger Stern (1982/83) lebte Meienberg permanent an der Armutsgrenze mit seinen kläglichen Honoraren von oppositionellen Blättern wie Konzept, später Die WochenZeitung. Er hauste in schäbigen Wohnungen oder kleinen Zimmern, war immer in Geldnot, lebte auf Pump, vom Inhalt zahlreicher WG-Kühlschränke, von Freundinnen und Freunden, Familienmitgliedern und von der Großzügigkeit arrivierter Linker - darunter Max Frisch, Alexander J. Seiler, Urs Herzog und Moritz Leuenberger. Ein guter Freund gewöhnte sich an, von einem Buch, das er Meienberg lieh, gleich ein neues Exemplar zu besorgen, denn an eine Rückgabe war sowenig zu denken wie an die Rückzahlung von Darlehen.

Abgründig herrisch war Meienbergs Verhältnis zu Frauen, die der "enorme Schürzenjäger" (Peter Bichsel) zuweilen wie Jagdtrophäen vorführte und ebenso schnell fallen ließ, wie er sie - mit seinem beträchtlichen Charme - erobert hatte. Oft interessierte er sich weniger für die Freundinnen als vielmehr für deren Geschichte und soziale Herkunft, die er ebenso skrupellos literarisch verwertete wie Beobachtungen bei privaten Einladungen. Hinter dem Bild des bis in die letzten Lebenswochen immer mit Begleiterinnen aus dem "unabsehbaren Mädchenheer" (Meienberg) auftrumpfenden Machos stand jedoch eine tragisch einsame Person. Meienberg durchschaute, wie er die mögliche Liebe und Freundschaft ein ums andere Mal selbst zerstörte bzw. in Sexualverkehrs- oder Informationsquellenplanung verwandelte: "Ich kann mir Frauen immer nur im Zusammenhang mit außerordentlichen Leistungen (meinerseits) vorstellen, mit anderen Worten: die schönste für den Erfolgreichsten. Ich denke auch hier in Machtverhältnissen, was sicher falsch, aber nicht zu ändern ist." Diese Devise und die Hybris, mit der er gelegentlich Bach-Sonaten "verbesserte", trieben ihn mit kalendarischer Regelmäßigkeit hinab in immer tiefere "Depressionen und Desolationen" (Meienberg) - bis hin zur Selbstverachtung.

In ein trübes Licht geraten sind in der vorliegenden Biographie vor allem die gesinnungsstarken Kritiker Meienbergs aus Publizistik und Wissenschaft. Wer dem Autor handwerkliche Schwächen und sachliche Fehler nachweisen will, verkennt den Anspruch des Journalisten, der immer auch Schriftsteller war. Seine Arbeiten über den Landesverräter Ernst S. (gegen die Berner Professoren mit ihrer Unterschrift protestierten, obwohl sie nachweislich weder Buch noch Film kannten!), über den Hitler-Attentäter Bavaud oder über General Wille hatten einen dokumentarischen Kern, zielten aber über die Historikerzunft hinaus auf publikumswirksame historische Aufklärung. Dieser dienten die plastische sprachliche Aufbereitung und die - manchmal gewagten - Gegenwartsbezüge, fiktionalen Arrangements und "Bilder mit Plausibilitätsniveau" (Jakob Tanner), mit denen Meienberg historischen Trends und politischen Mentalitätsmustern auf seine unnachahmliche Weise die Melodie ihrer immanenten Logik vorspielte und sie in ihrer ganzen Lächerlichkeit und Gefährlichkeit vorführte.

Meienberg hat als einer der ersten die selbstgerechte und bornierte Darstellung der jüngeren Schweizer Geschichte vor einem breiten Publikum als das dargestellt, was sie war: eine nationale Lebenslüge. Damit begann er schon in der Gymnasialzeit, als er die quasi staatsreligiösen Rituale unter dem Etikett "Antikommunismus" durchbrach und die berechtigte Frage stellte: "Warum kommt es überhaupt zum Kommunismus?" Vor den Fachhistorikern und lange bevor die Schweiz nachhaltig - vor allem von außen - dazu gezwungen wurde, ihr Verhältnis zur eigenen dunklen Vergangenheit zu überdenken - was die NZZ 1977 und noch lange danach für ein spezifisch deutsches Problem hielt -, hat Meienberg exemplarische Beispiele solcher Selbstreflexion geliefert. Man reibt sich heute die Augen, wenn man nachliest, wie in den 70er und 80er Jahren fast die gesamte schweizerische Publizistik diese historische Aufklärungsarbeit in die Nähe von Landesverrat und "Nestbeschmutzerei" (Die Ostschweiz) rückte und selbst Wissenschaftler gegen die "permanente Selbstanklage" (Georg Kreis) protestierten.

Abgesehen von gelegentlichen argumentativen Schwächen und polemischen Übertreibungen haben Meienbergs literarisch-journalistische Reportagen im deutschsprachigen Raum ästhetisch neue Standards gesetzt. Politisch versandete der Aufbruch von 1968, aber in den Feuilletons hat er eindeutige Spuren hinterlassen. Der spießig-nationale wie der prätentiös-bildungsbürgerliche Mief in der Mogelpackung "Geist und Kultur" wurde gründlich vertrieben. Meienberg hat dazu einen Beitrag geleistet.

Es ist ein Gemeinplatz geworden, das schrille Leben Meienbergs, dessen chaotische Spontaneität, dessen massige Gestalt und das unverwechselbare Timbre seiner im gleichen Satz lyrischen, dramatischen und erzählenden Prosa mit der barocken Üppigkeit des Dekors und der Fresken in der St. Galler Klosterkirche zu vergleichen. Das ist richtig, aber beschreibt nur die Außenseite. Marianne Fehr will nicht Meienbergs Texte interpretieren, sondern den Autor sowie die mannigfaltigen Verbindungen zwischen diesem und den Texten darstellen. Seine Prosa ist ohne die auf jeder Seite greifbaren lebensgeschichtlichen Träger von der streng katholischen Erziehung über das Vertrauen in die Aufklärung bis zum Engagement für die kleinen Leute gegen die Mächtigen und Herrschenden undenkbar. Seine Texte werden dadurch zusammengehalten. Er erfuhr und durchlitt die soziale Ungerechtigkeit, die politische Borniertheit und die intellektuelle Dumpfheit im Lande fast körperlich. Meienberg lebte permanent mit dem uneinlösbaren Anspruch, er könne mit seiner Kritik an den herrschenden Eliten in Politik, Armee und Wirtschaft sowie an den helvetischen Zuständen überhaupt unmittelbar etwas verändern.

An diesem hybriden Anspruch mußte er scheitern, und gleichzeitig kettete er sich mit seinen Bannflüchen gegen Einzelpersonen an jene, die er kritisierte. Auf deren Anerkennung war er erpicht in all seinen Artikeln und Leserbriefen, in seinen Telefonanrufen und in seinen als "Besuche" getarnten Überfällen. Letztlich behandelte er soziale und politische Themen immer als einen Kampf von Mann gegen Mann. Das gilt für seine Auseinandersetzung mit Bundesrat Kurt Furgler ("King Fu") ebenso wie für jene mit dem führenden Personal in der Wirtschaft, in der Armee und bei der Neuen Zürcher Zeitung (für die er am 24. 2. 67 einen Artikel schrieb), beim Fernsehen und beim Tages-Anzeiger. Ähnliches bekamen aber auch prominente Schriftsteller wie Adolf Muschg und Otto F. Walter sowie Kollegen zu spüren, die bei Auszeichnungen und Stipendien bevorzugt wurden. Adolf Muschg glaubt hinter Meienbergs Hang nach Anerkennung durch Autoritäten eine Form von "Vatersuche" im polemischen Nahkampf mit diesen zu erkennen. So wie Marianne Fehr die absolut dominierende Rolle, die Meienbergs Mutter in dessen Leben spielte, nachzeichnet, spricht einiges für Muschgs Hypothese.

Von Rudolf Walther
© tagezeitung Berlin

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