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Niklaus Meienberg Reportagen
Ausgewählt von Marianne Fehr, Erwin Künzli und Jürg Zimmerli 2000, 2 Bände à 416 und 480 Seiten, broschiert Band 1 ISBN 3-85791-344-4 |
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«Meienbergs literarisch-journalistische Reportagen haben im deutschsprachigen Raum ästhetisch neue Standards gesetzt.» taz Sie machten Furore, die Reportagen Meienbergs, erregten Aufsehen, wurden viel gelesen und diskutiert. Sie waren genau recherchiert, dramaturgisch sorgfältig gebaut und brillant geschrieben, ihr streitlustiges Engagement fuhr wie ein frischer Wind in den prätentiös-bildungsbürgerlichen Mief der Feuilletons. Die Neuzusammenstellung der bisher verstreuten Texte bringt Überraschendes zum Vorschein, über die aktuellen Anlässe hinaus ergeben sich Zusammenhänge: Ob zur Geschichte der Schweiz, ihrem Verhalten im Zweiten Weltkrieg, ob zum Schreiben oder zur Politik, es gilt einen virtuosen Schriftsteller und einen ausserordentlich wachen Zeitzeugen neu kennen zu lernen. Auch persönlich: Erstmals liegen die autobiographischen Texte gesammelt und chronologisch geordnet vor. |
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Inhalt Band 1 |
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Schreiben
Lesen
Forschen
Das eigene Leben
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Inhalt Band 2 |
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Grosse Tiere
Kleine Leute
Reisen
Im eigenen Land
Editorische Notiz |
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Diese Neuausgabe der Reportagen legt etwas über die Hälfte der Meienberg-Texte vor. Sie hat mehrere Gründe: Zum einen wäre Niklaus Meienberg am 11. Mai 2000 sechzig Jahre alt geworden. Zum zweiten soll der jüngeren Generation, die ihn nur noch dem Namen nach kennt, ein leichterer Zugang zu seinem Werk geschaffen werden. Wer schon viel von Meienberg gelesen hat, konnte in den letzten Jahren verfolgen, wie die Schweiz nach und nach Tatsachen zur Kenntnis nehmen musste, auf die er immer wieder und mit Nachdruck hingewiesen hat. Viele haben seine Stimme vermisst in den Debatten, denn er polemisierte gerne und provozierte Reaktionen, die manchmal an Hysterie grenzten, und löste heftige Diskussionen aus. Aber Meienberg war vor allem ein leidenschaftlicher Schreiber, der immer wieder von Menschen, Orten und Ereignissen fasziniert wurde und über diese mit einem hohen Anspruch an Sprache und Form berichtete. Als homme de lettre hat er nicht zwischen Literatur und Journalismus unterschieden, sondern Texte hervorgebracht, deren literarische Qualitäten über das Entschwinden der konkreten Anlässe hinaus bleibenden Lesegenuss bieten. Er reiht sich damit in die Tradition eines Heine oder Tucholsky ein. Ein weiterer Grund für diese Ausgabe liegt in der bisherigen Erscheinungsform der Texte. Sie sind zwischen 1975 und 1993 jeweils mehr oder weniger chronologisch in Buchform herausgegeben worden, wurden dabei aber immer wieder mit weiter zurückliegenden Artikel ergänzt. Das hat zu einer gewissen Unzugänglichkeit des Werks geführt, weil kaum jemand weiss, was wo zu finden ist. Auch geben die schönen Buchtitel wie «Der wissenschaftliche Spazierstock» oder «Weh unser guter Kaspar ist tot.» und so weiter keinerlei Aufschluss über den Inhalt: Nach wie vor erreichen den Verlag Anfragen, wo bloss der «Heidi»-Artikel oder die Geschichte mit der Bloodhound-Rakete nachzulesen sei. Die thematische Zusammenstellung erleichtert den Zugang zu ihnen. Der vierte Grund ist ein pragmatischer: Gewisse Texte sind nicht mehr erhältlich. Das betrifft die Beiträge aus dem Band «Vielleicht sind wir morgen schon bleich u. tot», der vergriffen ist, und die beiden Geschichten «Jagdgespräch unter Tieren» sowie «Die Kapellbrücke: Ein rentabler Brand in Luzern», Meienbergs letzter Text, die nie in eine Buchausgabe aufgenommen wurden. Der vielleicht wichtigste Grund aber liegt darin, Meienbergs Werk im öffentlichen Bewusstsein präsent zu halten. Durch die thematische Gliederung seiner Texte kommen überraschende Bezüge zum Vorschein und es entstehen Zusammenhänge über die aktuellen Anlässe hinaus. Der Schriftsteller und Mensch Meienberg gewinnt auf eine Weise Konturen, seine Themen werden sichtbar, wie es in den bisherigen Ausgaben nicht der Fall sein konnte. Nach der Biografie von Marianne Fehr ist es jetzt möglich, sich dem Schriftsteller und Journalisten auch anhand seiner Werke neu zu nähern. Natürlich ist die Auswahl subjektiv. Weggelassen haben wir vor allem Texte, die sich zu sehr am tagesaktuellen Geschehen orientierten oder die wir nicht als seine besten betrachten. Wir versuchten auch zu vermeiden, einen säuberlich verpackten und etikettierten Meienberg zu präsentieren. Deshalb haben wir nur wenige Zwischentitel gesetzt und die «Kategorisierung» so offen wie möglich gehalten. Wichtig ist uns einzig, dass Meienberg gelesen wird. |
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«Moral» war für Meienberg kein Plastikwort, sondern etwas, das es zu verteidigen galt. Nicht nur deshalb verdienen seine Gesellschaftsbilder eine neue Lektüre. Metropol «Meienberg veröffentlichte 14 Bücher, in erster Linie Reportagensammlungen und Gedichte. Sieben Jahre nach seinem Tod hat seine Biographin Marianne Fehr für den Züricher Limmat Verlag noch einmal Reportagen in einer zweibändigen Ausgabe zusammengestellt. Die Texte sind teilweise viele Jahre alt (die ältesten mehr als ein Vierteljahrhundert), und haben doch nichts verloren. Literarische Produkte müssen, wenn sie gut sind, auch über die Zeit und Stimmung hinaus bestehen, in der sie verfasst wurden. Aber journalistische? Bei Niklaus Meienberg, schrieb sein Freund Christoph Kuhn, mache die Unterscheidung zwischen Journalismus und Literatur keinen Sinn. Meienberg habe sich als Journalist verstanden, sich aber gleichzeitig – gerade bei journalistischen Auftragsarbeiten – seine eigenen Gesetze geschaffen, die wenig bis nichts mit denen des Auftraggebers zu tun hatten.» Süddeutsche Zeitung «Meienberg lesen!» Literatur im Netz |
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SonntagZeitung vom 7. Mai 2000
Guerillero mit Kopf und Schreibmaschine Offener Brief eines jungen deutschen Journalisen an Niklaus Meienberg, dessen Reportagen und Essays neu aufgelegt wurden Da Sie sich 1993 umbrachten und ich die Stadt Zürich erst 1996 zum ersten Mal besuchte, kennen Sie mich nicht, und ich weiss auch nur recht wenig über Sie: Ich weiss, dass Sie bis zu Ihrem Tod ein berühmter Schweizer Publizist waren, dessen Essays und Reportagen regelmässig dieses kleine Land erschütterten. Ich weiss, dass Sie als Anarchist und Frauenfeind verrufen waren, und ich weiss ebenfalls, dass Sie mal ein Jahr lang für das Hamburger Magazin «Stern» arbeiteten. Wie Sie zu Lebzeiten aussahen, ob Sie also beispielsweise einen Bart trugen oder an Sonntagen mit einem Hut auf dem Kopf am Zürisee spazieren gingen, weiss ich nicht. Das sind keine besonders guten Gründe, Ihnen, dem Toten, in sein
Reich einen Brief zu schicken, doch der Auftrag der
SonntagsZeitung,
anlässlich der Veröffentlichung Ihrer gesammelten Reportagen beim
Limmat-Verlag einen Aufsatz über Ihr Werk zu schreiben - nur über
Meienbergs Werk, nicht über die Person, wie der Redaktor betonte
-, reizte mich, denn nach dem Selbstmord eines Künstlers ist das,
was er zu Lebzeiten geschaffen hat, das Einzige, was zählt: Es ist
sein Testament, sein Grabstein, und darüber, wie hübsch dieser Grabstein
heute noch ist, soll ich nun entscheiden, indem ich Ihre Geschichten
lese. Sollte Sie die Tatsache stören, dass ich noch relativ jung
bin, gerade mal dreissig, während Sie in diesem Monat Ihren sechzigsten
Geburtstag feiern würden, seien Sie beruhigt: Ich habe auch Karl
Marx, Buddy Holly und Robespierre schon Briefe geschrieben, die
sind alle noch älter - Sie befinden sich also in guter Gesellschaft,
Herr Meienberg. Der Hass auf Heuchlerei und Eigennutz der Mächtigen Gleich am Anfang von Band 1, Herr Meienberg, befinden sich zwei Texte, zu denen ich Ihnen gratulieren möchte: Ihr Artikel «Wer will unter die Journalisten?» von 1972 beschreibt die Trostlosigkeit der Journalistenexistenz sehr schön, fast wie eine russische Fabel. Wer liest, wie der junge Schreiber zerrieben wird zwischen seinem Selbstanspruch und den Zwängen und Reglementierungen der Redaktion und des Verlegers, macht sich keine Illusionen über den Journalismus mehr - man will sofort Selbstmord begehen, wie Sie das getan haben. Noch besser gefällt mir Ihr Bericht über die Hauspolitik des «Sterns», das Hitlertagebuch-Desaster und die Würdelosigkeiten des damaligen Chefredaktors Peter Koch: In dem Text «Auf einem anderen <Stern>» schildern sie Koch als genau den Wurm, der er war, und alles Weitere gilt auch heute noch für den «Stern». Schon in diesen Texten ist drin, was die Hauptvorzüge Ihrer Arbeit
ausmachte: der Hass auf Heuchlerei und Eigennutz der Mächtigen und
der dazugehörende Mut, diesen Hass auf die Macht auch zu veröffentlichen,
wofür Sie selbst ja viel Hass haben einstecken müssen, von Verlegern
wie vom Publikum. Ebenso drin, in den früheren Texten mehr als in
den späteren, ist eine charmante Mischung aus Leidenschaft und Naivität
- über Zustände, die von Zynikern schon als nicht mehr erwähnenswert
eingestuft werden, wie zum Beispiel die Situation der Zeitung «Oslobodenje»
während des Kriegs in Sarajevo, konnten Sie, Herr Meienberg, sich
noch sehr schön aufregen; dafür mein Kompliment! Sie haben sehr viel geschrieben, ein regelrechter Schreibwahn muss
es gewesen sein, sonst kommen nicht so viele Seiten zusammen; da
ist es nur natürlich, dass es auch ein paar Texte von Ihnen gibt,
mit denen ich weniger anfangen kann: Zum Schwyzerdütsch, das Sie
oft verwendeten, kann ich nichts sagen, denn davon verstehe ich
nichts; doch bin ich der Meinung, dass Sie es, besonders in Ihren
Ansprachen und Kulturkritiken, manchmal etwas mit der Assoziation
und den Adjektiven übertrieben: Der Abscheu vor der Werbewelt in
ihrer Adventsansprache 1988 vor dem Art Directors Club Zürich ist
ja verständlich, doch Ihr Inferno an Worterfindungen gleich zu Beginn
(«Zeitgeistsurfer, Marketingmakler, Psycho-Directors,
Gesamtverantworter,
subtile Spezialisten der Sinngebung, Semantiker des rasenden Konsumismus,
fleissige Versprüher der creativsten und creatifigsten . . . etc.
etc.») berauscht sich zu sehr an sich selbst, rückt Sie in die Nähe
so langweiliger Dinge wie Kapitalismuskritik um der Kapitalismuskritik
willen und macht Ihre Rede redundant. Auch mit Ihrem «Jagdgespräch
unter Tieren», einer Ihrer berühmtesten Geschichten, kann ich nicht
so viel anfangen, sie ist mir zu manieriert: Ausserdem glaube ich
nicht daran, dass Tiere sich über Politik unterhalten, aber das
ist vielleicht Geschmackssache. Es gibt keinen Schweizer Publizisten, der mit Ihnen vergleichbar wäre Auf all diese Dinge haben Sie immer wieder hingewiesen, Herr Meienberg; Ihr Ziel war es, die Schweiz so zu erkennen und zu durchdringen, wie der Schriftsteller Thomas Bernhard es mit Österreich gemacht hat, und oft ist es Ihnen gelungen: Während Bernhard mit seinen Romanen wie ein Feldherr agierte, gingen Sie mit Ihren Artikeln wie ein Guerillakrieger gegen die verdeckten Narben der Schweiz vor - bewaffnet mit nicht viel mehr als Ihrem Kopf und einer Schreibmaschine. Bestimmt haben Sie auch gern mal eine Zigarre geraucht. Ich bekomme jetzt langsam ein Bild von Ihnen vor meinen Augen, Herr Meienberg: In meiner Vorstellung waren Sie ein Mensch in der Revolte, so, wie Camus und eben nicht Sartre ihn beschrieb; ein Aufklärer und Rationalist im Sinne Descartes', dessen Texte zu seinen besten Zeiten so leuchten wie die Lieder des Sängers Bob Dylan, der auch gerne mal ein paar Gläser trinkt. Aus diesen Gründen, Herr Meienberg, und weil es im Augenblick keinen Schweizer Publizisten gibt, der in Mut und Moral mit Ihnen vergleichbar wäre, werde ich bei meinem nächsten Besuch in Zürich Ihnen zu Ehren Blumen in den Zürisee werfen. Nelken, denke ich, wären ganz passend. Ja, Nelken würden Ihnen bestimmt gefallen, Herr Meienberg, denn die Nelke ist die Blume der Revolution. Marc Fischer |
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Tages-Anzeiger vom
10. Mai 2000
Die Reportagen in zwei Bänden und auf einer CD Niemand konnte Niklaus Meienberg gegenüber gleichgültig bleiben. Der ungemütliche Intellektuelle und Journalist polarisierte mit seinen Reportagen die Öffentlichkeit. Von den einen wurde er als Nestbeschmutzer beschimpft, die andern bewunderten ihn für seinen Mut und seine Ausdauer in der Aufklärung dunkler Flecken in der Schweizer Geschichte. Vieles, was wir in den letzten Jahren darüber zu lesen bekamen, hatte Meienberg schon lange vorher geschrieben. Er war eine kritische Instanz, deren Stimme zum aktuellen politischen Geschehen immer interessierte, einer, der seinen Standpunkt mit spitzer Feder, bissiger Ironie und ohne Rücksichten mit einer sprachlichen Schärfe und der ihm eigenen Klangfarbe zwischen urtümlicher Mundart und Mehrsprachigkeit vertrat. Sogar seine Feinde mussten seinem ungestümen Sprachtemperament Respekt zollen. Um diesen wortgewaltigen Schreiber zu würdigen und um die Stille zu durchbrechen, die sich nach seinem Selbstmord 1993 über ihn legte, haben der Limmat Verlag und Kein & Aber ein erfreuliches Unternehmen auf den Weg gebracht - Texte von Meienberg in Schrift und Ton. Die Neuausgabe der Reportagen macht einen grossen Teil der bekannten journalistischen Arbeiten zugänglich und bringt eine thematische Ordnung in das bisher eher unsystematisch publizierte Werk. (...) Yasmine Inauen |
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Basler Zeitung vom 11. Mai 2000 Immerfort drehende Denkmaschine Der sprachliche Feuerwerker Niklaus Meienberg wäre heute 60 geworden (…) Seit der herausragenden Biografie von Marianne Fehr («Meienberg. Lebensgeschichte eines Schweizer Journalisten», Limmat Verlag 1999) weiss man Bescheid über das zwiespältige Leben Meienbergs, der sich buchstäblich aufrieb zwischen Depressionen, Selbstüberschätzung und einer selbstzerstörerischen Art, mit Freunden und Freundinnen, Kollegen und Kolleginnen umzugehen. Am Schluss wurde er einsam und krank, verachtete sich selbst und brachte sich am 24. 9. 1993 um. Er litt unter der intellektuellen Dumpfheit im Lande, mangelnder Anerkennung, dem 14 Jahre dauernden Schreibverbot beim «Tages-Anzeiger» und einer zuweilen bösartigen Kritik, die sich anschickte, im Zusammenhang mit seinen Gedichten von «terroristischer Gewalttätigkeit» (NZZ 19. 3. 1993) zu phantasieren. Wenn man seine Texte heute liest - egal ob jene über Paris und Zug oder jene über Fabrikbesuche, Jo Siffert, André Malraux oder Michel Foucault, über den er schon schrieb, als diesen nur wenige kannten -, stellt man schnell fest, wie frisch sie geblieben sind, auch wenn sich die äusseren Verhältnisse völlig geändert haben. Der Paris-Besucher kann das überprüfen mit dem Text «4, rue de
Thann, Paris 17e», einer kleinen Archäologie des Alltags eines
NZZ-Korrespondenten, der hier mit Dienerin und Butler ausgesprochen standesgemäss residierte. Eine solche Überlebensdauer ist für Texte, in denen Pathos, Sarkasmus und Satire den Ton bestimmen, alles andere als selbstverständlich. Diese Stilmittel sind schnell verderblich, wenn sie handwerklich nicht perfekt beherrscht werden. Darin brachte es die «immerfort drehende Denkmaschine» - so Meienberg über sich selbst - zur Meisterschaft. Rudolf Walther |
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Berner Zeitung vom
11. Mai 2000
Meienberg - «schön gemacht, aber erschwinglich» Zum Jubiläum erscheint eine Auswahl von Meienbergs besten Reportagen. Zwei Texte sind neu zu entdecken. Im Frühling 1993 drängte Niklaus Meienberg bei seinem Verlag auf die Neuausgabe seiner Bücher. «Schön gemacht, aber erschwinglich» wünschte er sie sich, nämlich im Taschenformat und am liebsten im Schuber. Zum doppelten Jubiläum - 25 Jahre Limmat Verlag und 60 Jahre Meienberg - liegt nun eine sorgfältige zweibändige Auswahl von Meienbergs Reportagen vor. Geordnet nach Themen sind darin die wichtigsten und besten Texte versammelt, die Meienberg zwischen 1970 und 1993 geschrieben hat. Neben Meienbergs Überlegungen zu Journalismus und Geschichtsschreibung werden auch zwei Texte greifbar gemacht, die bislang noch nicht in Buchform erschienen sind. Neu zu entdecken gibt es das «Jagdgespräch unter Tieren», ein Hörspiel, das er 1978 für die satirische Radiosendung «Faktenordner» anfertigte. Darin plaudern ein Reh und ein Wildschwein über ihren Jäger, den damaligen NZZ-Chefredaktor Fred Luchsinger. Diesen witzigen Dialog montierte Meienberg mit O-Tönen aus Luchsingers Umfeld. Wenn ein Jagdkumpan die Pirsch zur Gelegenheit verklärt, bei der die hohen Direktoren mit dem Volk zusammenkommen, bestätigt sich Meienbergs Maxime, dass die Realität die Fiktion übersteigt. In der Nachschrift zu den Hintergründen, weshalb das Schweizer Radio diesen Beitrag nicht ausstrahlte, scheinen die hysterischen Reaktionen auf, die Meienbergs Texte oft hervorriefen. Schmunzeln lässt dann allerdings die List, mit der er doch noch einen Ausschnitt in den Äther zu bringen vermochte. Etwas anderes zeigt der Bericht über den Brand der Kapellbrücke in Luzern. Diese letzte Reportage, die einen Monat vor seinem Tod erschienen war, ist ein solider, fast schon klassischer Meienberg-Text. Anhand der knappen Schilderung, wie Verkehrsdirektor Kurt H. Illi vor der verkohlten Brücke posiert und für eine Fotogafin mühsam ein paar Tränchen herausdrückt, stellt Meienberg die Geschäftstüchtigkeit einer ganzen Industrie bloss. Mit dem typischen Sinn fürs Detail, den Dialekteinsprengseln und der historische Rückblende führt die Luzern-Reportage nochmals alle Qualitäten von Meienbergs Schreibens vor. Die darin eingeflochtene Medienschelte und das obligate böse Wort gegen den NZZ-Chefredaktor (diesmal Hugo Bütler) illustrieren aber auch, wie stark Meienberg an seinen Stil gebunden blieb und wie wenig sich seine Texte im Lauf von zwanzig Jahre verändert haben. Reto Caluori |
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St. Galler Tagblatt vom 11. Mai
2000
Diese bestürzende Leselust Niklaus Meienberg zum 60. - Zwei Bände Reportagen und eine CD Heute wäre Niklaus Meienberg 60 Jahre alt geworden. Eine zweibändige Sammlung seiner Reportagen und eine CD erscheinen aus diesem Anlass: Einladung zum Wiederlesen. Die Lücke, die Meienbergs Tod 1993 in die schweizerische Publizistik gerissen hat, wird je länger, je spürbarer. Man hörte zu gern, was er geschrieben, wie er gewettert und gesiracht hätte gegen die Blocherisierung der Innenpolitik rechts oder die Ratlosigkeit der Genossen links; wie er sich umgetan hätte im Privatfernseh-Sumpf, im Minenfeld der Grossfusionen oder auch etwa, 25 Jahre nach seinem durchlauchten Geburtstagsartikel, im Fürstentum der Treu- und Untreuhänder.
Keiner in Sicht, der wie er die Bärenkrallen wetzt und mehr als das: der die Wortmacht besitzt, Wut und Widerstand in sprachliche Kunststücke zu formen.
So muss man sich an ihn selber halten und erhält dazu neue Gelegenheit: Der Limmat Verlag hat eine zweibändige Auswahl aus Meienbergs Reportagen herausgegeben, 900 Seiten zu volkstümlichem Preis mit dem Ziel,
«Meienbergs Werk im öffentlichen Bewusstsein präsent zu halten».
Fakten und Ressentiments
Die Lektüre wird zum nostalgischen Gang durch die jüngere helvetische Vergangenheit, begleitet von vehementer Leselust und anschwellendem Neid auf die journalistische Hartnäckigkeit und Eigenwilligkeit des N.M.
Zum Beispiel «Dreizack»: Meienbergs Manöverkritik von 1986 ist durchsetzt mit fragwürdigen Hieben gegen die Medienkollegen in Feldgrau, aber gesättigt mit genauer Beobachtung und hinterlistiger Sprachkritik. Zum Beispiel «Zug, sein Charme und seine
Zuzüger»: Meienberg geht mitten hinein, besichtigt Topografie, Ökonomie und Pathologie der Stadt, mischt Fakten, Anschauung, Anekdoten und Ressentiments zu jener unnachahmlichen und gewiss anfechtbaren Mixtur, die keiner beherrschte wie er.
Oder zum Beispiel Joyce, vielmehr «Joy Joint Joyce Choice Rejoice»: ein Wortgewitter in des Meisters Manier, mit allerhand Bissigkeiten gegen
«Zurick», Meienbergs dritte Wahlheimat, die er mehr auf der Latte hatte als seine erste,
st.-gallische. Oder schliesslich die Adventsansprache vor den Zürcher
«Reklamikern», dem Art Directors Club, im Jahr 1988: Der Redner nimmt kein Blatt vor den Mund, geisselt die Auswüchse der
«happy Reklamewelt», deren «verhurte Pseudoästhetik» und ihr Abfärben auf die Medien und Redaktionen. Ein unerbittlicher, beleidigender - aber auch ein prophetischer Text.
Das Herausgeber-Trio hat seine Auswahl thematisch gegliedert. Die Chronologie der bisherigen Publikationen geht so verloren, dafür wird die Wiederkehr Meienberg'scher Obsessionen deutlicher - etwa in der Zusammenschau seiner armeekritischen Beiträge oder der autobiografischen Berichte im Kapitel «Das eigene Leben».
Im Reader fehlen allerdings die grossen historischen Arbeiten, jene über den «Landesverräter Ernst S.», den Hitlerattentäter Bavaud sowie «Die Welt als Wille und Wahn»: seine Meisterstücke.
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Peter Surber |
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Die Südostschweiz vom 20. Mai
2000
Ein Plädoyer für die Reportage Zum 60. Geburtstag von Niklaus Meienberg sind ausgewählte Texte erschienen Dieses Jahr wäre der 1993 verstorbene Niklaus Meienberg sechzig geworden. Aus diesem Anlass bringt der Limmat-Verlag eine ausgezeichnete Auswahl von seinen Reportagen heraus. Dazu erscheint eine CD mit einer Meienberg-Lesung von Mathias
Gnädinger. Von barocker Kraft In dem Lyrikband «Geschichte des Liebens und des Liebäugelns» hat Meienberg 1992 seine literarische Kraft auf traditionellem Gebiet bewiesen. Wie kein anderer schöpft er aus dem poetischen Volksvermögen. Mal trivial, mal taktlos, ohne Scheuklappen demonstriert Meienberg dabei aussergewöhnliches Feingefühl. Glanzstücke der Reportage Auch wenn die tagesaktuellen Bezüge zwangsläufig verblasst sind, haben Texte wie das beinahe sprichwörtliche «Da taar me nöd», die «Adventsansprache» vor den Zürcher Reklamikern, «Apocalypse now im Berner Oberland», «Zug, sein Charme und seine Zuzüger» oder «Vielleicht sind wir morgen schon bleich und tot» kaum etwas von ihrer satirischen Kraft und Eindringlichkeit verloren. Verletzlich unter dem Harnisch Dies bewirkt vor allem die Sprache. Meienberg erscheint als ein geharnischter Reiter mit spitzer Feder. Er ist kompromisslos, giftig, unverblümt, unerbittlich, zugleich aber auch bewundernswert virtuos in seinen rhetorischen Mitteln, insbesondere dem Gebrauch dialektaler Wendungen. Vor allem Letzteres hat ihm bis heute keiner nachgemacht. (…) Beat Mazenauer |
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