Klemens Renoldner

Hagenwil-les-deux-Eglises

 

Mit einem Fotoessay von Michael von Graffenried und einem Aufsatz von Erich Hackl

112 Seiten, 25 Fotos, gebunden

ISBN 3 85791 395 9

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Kurze Inhaltsangabe

Hagenwil im Thurgau, Juni 1991:

Zwei Tage lang erzählt Niklaus Meienberg, was ihm die Schweiz und Frankreich bedeuten

Anfang Juni 1991 fährt Klemens Renoldner aus Wien in den Kanton Thurgau, um mit Niklaus Meienberg auf Schloss Hagenwil zwei Tage zu verbringen. Seine Absicht ist, Werk und Persönlichkeit des Schweizer Schriftstellers, Journalisten und Historikers, mit dem er seit Mitte der achtziger Jahre bekannt ist, einer österreichischen Hörerschaft vorzustellen.

Das für diesen Anlass entstandene Interview bietet Meienberg die Gelegenheit zur biografischen Rückblende, zum resümierenden Erzählen aus der Distanz. Er erzählt, was ihm die Schweiz und Frankreich bedeuten, was er über Historiker, Schriftsteller und Intellektuelle denkt, wie er Erfolg und Depression erfahren hat, was er von der eidgenössischen Revolution hält. Und er erzählt von den Intellektuellen Europas während des Golfkriegs von 1991 und seinem politischen Engagement beim Schreiben.

Klemens Renoldner, geboren 1953 in Schärding am Inn, Österreich. Dramaturg, Regisseur und Literaturwissenschaftler. Michael von Graffenried, geboren 1957 in Bern, arbeitet als freischaffender Fotoautor und Filmemacher in Paris. Erich Hackl, geboren 1954 in Steyr, Österreich. Schriftsteller, Übersetzer aus dem Spanischen. Zuletzt erschien sein Buch «Die Hochzeit von Auschwitz».

 

Textprobe

 
 

 
 

Stimmen zum Buch / Rezensionen

Rd_tri.gif (202 Byte) Der kleine Bund vom 13. September 2003
Rd_tri.gif (202 Byte) Berner Zeitung vom 13. Dezember 2003
 

Stimmen

Der kleine Bund vom 13. September 2003

Nachrichten aus dem Lande Resignatio

(...)

CIA, Frankreich, Frisch, VPOD...

Überzeugt, von der CIA verfolgt zu werden, hat sich Meienberg im Februar 1991, als offenbar wird, dass die von ihm angestrebte Internationale der Golfkriegs-Gegner nicht zustande kommt, ins Schloss Hagenwil im Thurgau zurückgezogen. Im März ist er für das «Geo» in Paris, am 9. April nimmt er an der Trauerfeier für Max Frisch teil, dann arbeitet er am «Plädoyer für einen frischen, gäbigen Patriotismus...», das er im Juni vor dem VPOD-Kongress in Davos halten wird.

Und von all den Themen ist denn auch in dem Interview die Rede, das er am 6. und 7. Mai Klemens Renoldner für den Österreichischen Rundfunk gibt: in jenem Hagenwil, das er in Anspielung auf de Gaulles Domizil Colombey-les-deux-Eglises «Hagenwil-les-deux-Eglises» nennt.

(…)

Meienberg als Dissident? «Davon ist natürlich keine Rede.» Und: «(...) an meiner Aktivität (...) finde ich nichts Besonderes dran, schon gar nichts Heroisches, sondern etwas, das uns die Verfassung garantiert.» Die Abschaffung der Armee? Ein Thema, das man nicht so «tierisch ernst» nehmen sollte. Der Slogan «700 Jahre sind genug»? «Den hat der Philosoph Saner erfunden. Ich finde den völlig daneben.» Und die Fichen-Affäre? «Da hätte jeder Argus-Zeitungsausschnittdienst besser gearbeitet», ärgerlich sei das «vor allem auch in finanzieller Hinsicht. Wenn man bedenkt, was für ein Apparat da eingesetzt wird.»Und die Hassliebe der Schweizer Autoren gegenüber ihrem Land? «Das geht irgendwie auf eine stillschweigende Missachtung der Schweiz zurück (...), einen Italiener fragt man das nicht!» Aber die internationale Solidarität der Linken? «Ich komme (...) zur Ansicht, dass man, wenn überhaupt, nur in dem Land, wo man den Pass besitzt (...), irgendwas konkret ansprechen und vielleicht auch leichte Veränderungen bewirken kann.»

Sicher, die Beispiele verkürzen, was Meienberg ausführlicher sagt, und er gibt Renoldner auch Antwort auf viele andere Fragen: zur Geschichtswissenschaft («Ich glaube nicht, dass ein Widerspruch besteht zwischen einer wissenschaftlichen Methode und dem, was ich betreibe»), zur Biografie (in Disentis, wo «eine Widerspruchskultur gefördert wurde», hat er gegen den Biolehrer den «ersten Streik der Schweizer Schulgeschichte»organisiert), zu seinem beruflichen Werdegang (als er der «Weltwoche»einen Artikel zu Sartre schickte, wurde er «grad als Pariser Mitarbeiter engagiert. Sodass ich also nie die Ochsentour durch die Redaktionen machen musste» ) oder zu seinen Projekten (das Schwarzenbach-Wille-Stück ist ad acta gelegt, ein Drama über General Schwarzkopf könnte er sich vorstellen, der Familienroman ist eine Arbeit, die sich «über Jahre hinweg erstreckt»).

Auf dem Weg in die Depression

Aber das wirklich Bemerkenswerte, Beängstigende, Erschreckende an dem Buch sind jene fast schon depressiven Momente, die auf ein Erlahmen von Meienbergs Furor, auf eine Kapitulation vor dem Establishment und darauf verweisen, dass er sich einerseits fast schon in eine öffentliche Rolle gedrängt fühlt, andererseits aber gerade jene gesellschaftlichen Prozesse, denen er sich nun differenzierter als früher anzunähern sucht, mit seinem spezifischen Instrumentarium nicht mehr durchschauen kann: «Die entsprechenden Depressionen hängen dann damit zusammen, dass bei aller Arbeit, die man in dieser Beziehung leisten kann, doch immer alles noch undurchsichtiger und schwieriger wird.» Auch Gedichte hat er damals wieder geschrieben. Und als Renoldner in der Auskunft, das sei «für die Schublade, vorläufig», das «vorläufig» näher erklärt haben will, bekommt er zur Antwort: «Weiss nicht, bis zu meinem Ableben, oder? Man wird es sehen, das kann ich nicht sagen.»

Charles Linsmayer
© Der Bund

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Berner Zeitung vom 13. Dezember 2003

Meienbergs Tragik

Als die Tür nach der Bundesratswahl aufging, da erblickte der eben gekürte Arnold Koller in der Wandelhalle den Journalisten Niklaus Meienberg, eilte, die ganze Medienschar im Schlepptau, auf ihn zu und gratulierte ihm zu seinen Büchern statt sich zur Wahl gratulieren zu lassen. An diese Szene vom 10. Dezember 1986 entsinnt sich Urs Frieden, damals Bundeshausredaktor der «Wochenzeitung» (WOZ) und heute BZSportchef. Die WOZ hatte Meienberg gebeten, die Bundesratswahl zu beobachten. Mitten im Machtzentrum der Schweiz galt der streitbare Journalist als geachtete und gefürchtete Instanz.

Zehn Jahre nach seinem Freitod am 22. September 1993 ist der scharfe SchweizKritiker keine nationale Reizfigur mehr.

(…)

«Meienbergs Tragik ist es, dass er mit seinen Themen zu früh kam, er geriet in eine Sackgasse, bevor sich die Schweiz veränderte», sagt der Genfer Kulturjournalist Jürg Altwegg heute über ihn. Die Debatte über die Schweiz im Krieg und ihren Platz in der Welt begann erst nach der EWR-Abstimmung von 1992. «Die Verehrung, die Meienberg in seinen letzten Lebensjahren erfuhr, war eine Trauerarbeit mit der er zu Lebzeiten begraben wurde», bilanziert Altwegg scharf. Der Publizist, der den Schweizer Intellektuellen jüngst ihr Schweigen zur politischen Lage vorwarf, findet, «dass ein Meienberg heute nötig» wäre, aber ein «politisch weniger starrer» Meienberg. «Er ist ein Kind des Kalten Krieges, er hatte das Bild einer faschistischen Schweiz, und er sah sich in der typischen Selbstgerechtigkeit der 68er auf der guten Seite.

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