Über Niklaus Meienberg

Beiträge zum 60. Geburtstag

am 11. Mai 2000

Niklaus Meienberg Tages-Anzeiger vom 10. Mai 2000
Berner Zeitung vom 11. Mai 2000

vgl. auch Beiträge zur Geburtstagsausgabe der Reportagen

Tages-Anzeiger vom 10. Mai

Besuch bei Meienberg, rue Ferdinand Duval

Morgen wäre Niklaus Meienberg sechzig Jahre alt geworden. Hier das Erinnerungsblatt eines Freundes. Und ein Hinweis auf neues Altes in Text und Ton.

Vor einem Jahr ist unter dem Titel "Meienberg" Marianne Fehrs Biografie erschienen. Besser, genauer, gerechter kann man ihn nicht porträtieren. Da wird sie gegenwärtig, die mächtige, zerklüftete Persönlichkeit. Da begegnet man ihm im Heissen und Kalten, in Liebe, Freundschaft und Feindschaft, in seinen Launen und Zuständen, in seinem Leiden und Wüten - und erinnert sich.

1992: Während des Golfkriegs hatte Niklaus seinen eigenen verbalen Krieg geführt: auch gegen mich - gegen alle, die nicht so wollten wie er. Aber das war jetzt vorbei. Loris, seine Freundin, half ihm hier und dort ein bisschen Beziehungsreparaturarbeiten zu verrichten. Es wurde geschrieben, geredet, und man konnte sich wieder leichteren Herzens für ein Essen im "Palais des amitiés" verabreden, samt vorgängigem Besuch in der rue Ferdinand Duval, der Pariser Wohnung Meienbergs.

Da sitzt er also mit seinem grossen Eierkopf, dem krausen Haar über der blanken Stirn, dem ausfransenden Bart, die Augen forschend zusammengezogen, eine Zigarette im Mundwinkel in der aufs Sparsamste möblierten Wohnung vor einem mit Papieren und Büchern übersäten Tisch. Ich erwische ihn in einem Moment, der bei Schriftstellern meist ohne Zeugen bleibt. Niklaus ist mit Vorarbeiten an seinem Gedichtband "Geschichte der Liebe und des Liebäugelns" beschäftigt - und das läuft so ab:

Aus den aufgeschlagenen Büchern, Manuskriptblättern, Notizen, Fresszetteln zupft er dieses und jenes heraus, vergleicht, übersetzt, schlägt einen Ausdruck im Wörterbuch nach, steht auf, tigert im Zimmer herum und beginnt ein paar Ronsard-Verse, ein paar Apollinaire-Zeilen zu deklamieren, mit zunehmender Begeisterung. Lässt sich von der Magie der Wörter wegtragen, wiederholt und wiederholt, will wissen, was man meint, ob und wie man goutiert, übersetzt ins Deutsche, fängt dann an, listig und tückisch, Fremdmaterial drunterzumischen, und fragt, ob man die Herkunft kenne. Natürlich nicht, weils ja von ihm selber stammt. Probemischungen aus Ge- und Erfundenem, Paraphrasen, Verballhornungen, Witze wie Blitze und einfältige Kalauer, Juwelen und Quatsch. Das Material, noch im Zustand des Chaos, einerseits, der präfabrizierten Elemente, anderseits, wird gesichtet, verquickt, auseinander genommen, neu geprüft - laut -, rational und emotional abgeklopft.

Ein Moment der Kreativität, lustvoll und lustig. Ist er vorbei, werden ein paar Sätze, vielleicht sinds auch Verse, irgendwohin gekritzelt. Die Schriften und Papiere, durcheinander geworfen, ineinander geschoben, bleiben liegen. Jetzt will er, dass wir gehen und uns den Louis Althusser vornehmen, dem der Abend gelten soll. Von dem weiss ich, vorderhand und ausnahmsweise, wenn es um französische Denker der Neuzeit geht, mehr als er - und davon gedenkt er zu profitieren.

Als ich, ein paar Monate später, den Gedichtband in Händen halte und neugierig nach den Spuren jener inspirierten "séance" suche, finde ich sie - wie viele Male transformiert? -, eingepasst in Versfälle, Wortfügungen, in Zusammenhänge, in denen der Moment der Kreation gelöscht, jedenfalls nicht mehr einsichtig ist.

Journalismus, Literatur?

Gute Literatur muss unbeeinflusst von ihrem Anlass, von der Zeit und Stimmung, in der sie verfasst wurde, bestehen können. Von Niklaus Meienberg, da bin ich mir ganz sicher, gibt es eine ganze Anzahl Texte - die Reportagen in erster Linie, und zwar diejenigen, in denen die Sache wichtiger ist als die Person des Schreibers -, die diesem Kriterium genügen. Das müsste einen erstaunen, weil Meienberg sich in solchen Arbeiten, die oft im Auftrag entstanden, als Journalist verstand. Aber erstens hat er sich, auch bei bestellten Aufsätzen, seine eigenen Gesetze geschaffen, die mit denjenigen des Auftraggebers wenig bis nichts zu tun hatten; und zweitens zeigt sein Fall besonders deutlich, dass es eine Sorte von Texten gibt, bei der die Unterscheidung Journalismus oder Literatur keinen Sinn macht. Die Ansprüche, die der Journalist Meienberg an Stil und Sprache stellt, sind die gleichen, die ein Erzähler ins Feld führen würde - und die Resultate erweisen sich denjenigen Schweizer Autoren seiner Generation oft als überlegen.

Man erinnere sich, um ein frühes Beispiel anzuführen, an die "Reportagen aus der Schweiz", an die Freizeitgesellschaft in den Wohnwagen, an den Autorennfahrer Jo Siffert und Freiburg, an die Beschreibungen von St. Gallen, von Chur. Rein inhaltlich gesehen, sind das recherchierte Dokumente, die anhand von Einzelschicksalen und alltäglichen Begebenheiten Sozietäten, Verhältnisse, Mentalitäten, Stimmungen jüngster Schweizer Vergangenheit abbilden. Aber nur weil es sich um Kunstwerke handelt, bleiben sie in der Erinnerung haften, kann man sie wieder und wieder lesen. Der Autor komponiert brillant, weiss mit den Rhythmen von Sätzen umzugehen, unterhält den Leser, amüsiert, erschrickt, bedroht ihn; mit den Wörtern, mit Begriff und Bild, jongliert er aufs Fantastischste.

Wohl bildet er ab, was er herausgefunden, was er sich hat erzählen lassen - und er versteht es wie keiner, seinen Informanten oder Opfern die Zunge zu lösen, obwohl sie doch alle wissen, dass sie unter Umständen bös in die Pfanne gehauen werden. Aber das können andere auch, das ist es nicht. Wie in der Fiktion verwandelt Meienberg mit Liebe, mit Lust und Leidenschaft, mit kalter Wut, mit Ironie und gehöriger Imaginationskraft, mit allen Energien eines freien Artisten das krude aufgenommene Material in ein ästhetisches Produkt. Er verfälscht es nicht in der Substanz, aber er wählt natürlich aus, akzentuiert, kommentiert, polemisiert und bleibt nie neutral. Und er ist so sehr Künstler, dass er nicht anders kann, als so lange zu hantieren, bis der Stoff die passende Form gefunden hat - in einigen idealen Fällen jene Form, die dem Material eingeschrieben ist und die der Schreiber, ohne sich selber gross in Szene setzen zu müssen, ans Tageslicht bringt.

Verlangen

Verlangen, Sehnsucht - das sind Begriffe, die einen in die Zukunft werfen und insofern am Leben erhalten. Auf dem Tisch mit den durcheinander geworfenen Papieren im Pariser Marais tauchten sie auf, und die reelle Passage mit dem antikisierenden Tor und der Inschrift "passage du désir", zu der sie gehören, kennt jeder, dem Walter Benjamins Passagenwerk etwas bedeutet. Dass "désir" in diesem sozialen und historischen Kontext die käufliche Liebe meint, hat Niklaus nicht wenig erheitert. Der kreative Moment musste, damit er Folgen haben konnte, mindestens so stark im Trivialen wie in geistigen Höhen Funken schlagen.

Christoph Kuhn
© TA-Media AG

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Berner Zeitung vom 11. Mai 2000

Niklaus Meienberg

«Jeder Metzgermeister hat mehr Einfluss»

Heute wäre Niklaus Meienberg 60 Jahre alt geworden. In der Erinnerung an ihn wird häufig sein Fehlen bedauert. Dabei wird übersehen, dass einer wie er heute womöglich nichts mehr zu berichten hätte.
Vermisst wird Meienberg längst nicht mehr nur von seinen Freunden. Sogar in der NZZ, der lebenslangen Intimfeindin, war schon die Frage zu lesen, wo denn die aufklärenden Polemiker vom Schlage Meienbergs geblieben seien. Und der damalige Bundespräsident Flavio Cotti scheute sich 1998 nicht, seine Rede zum 150. Geburtstag der Bundesversammlung mit einem Meienberg-Zitat zu würzen.
Zu Lebzeiten hatte Cotti und Meienberg einzig verbunden, dass sie beide bei Benediktinern zur Schule gegangen waren. Im Falle Meienbergs war das in der Klosterschule Disentis. Von dort gelangte er über Freiburg nach Paris, wo er für die «Weltwoche» über den Mai 1968 berichtete, und zwar auf eine Weise, die einem das Tränengas in den Augen spüren liess.
In Frankreich erprobte Meienberg einen machtkritischen Recherchier-Journalismus, der kein Papiertiger bleiben, sondern selbst zum Ereignis werden wollte. Als er in den frühen Siebzigerjahren dasselbe in der Schweiz versuchte, waren die Folgen, so Meienberg später, «überwältigend, vor allem für ihn». Denn in seinen Reportagen beliess er es nicht dabei, Ungerechtigkeit und Verlogenheit zu denunzieren, die ihm auf Schritt und Tritt begegneten, sondern er zeigte mit dem Finger gleich noch auf die dafür verantwortlichen Personen. In seinen Porträts hingegen machte er immer auch die politischen und wirtschaftlichen Strukturen deutlich.

Scharfzüngiger Kritiker

Die bürgerliche Schweiz reagierte auf die scharfzüngige Kritik mit resoluter Ablehnung. Dafür steht symbolisch das Schreibverbot, das der Zürcher «Tages-Anzeiger» 1976 über den Mitarbeiter Meienberg verhängte. Schlimmer noch als solche Sanktionen wog für Meienberg, wenn sich die Angesprochenen nicht auf eine Auseinandersetzung einliessen und seine Vorstösse damit wirkungslos blieben. Insbesondere seine Historikerkollegen hüllten sich in Schweigen, als er frühzeitig eine Debatte über die Schweiz im Zweiten Weltkrieg forderte. Schwierigkeiten mit der Geschichte hätte man sich hierzulande auch dadurch ersparen können, wenn man rechtzeitig die Fakten zur Kenntnis ge- nommen hätte, die Meienberg vorlegte.

Suche nach neuen Formen

Die öffentliche Anerkennung, die gegen Ende der Achtzigerjahre einsetzte, täuschte darüber hinweg, dass in Meienbergs Schreiben eine formale Stag- nation eingetreten war. Ihm selbst war das indes nicht verborgen geblieben. «Ich muss andere Formen finden. Ich habe den Eindruck, dass ich innerhalb des Reportage-Journalismus alle Formen ausgeschöpft habe», äusserte sich Meienberg in einem Interview 1988.
Aber auch inhaltlich bekundete der Alt-Achtundsechziger Mühe, eine Meinung zu politischen Fragen zu finden, die sich nicht mehr in den Kategorien von «mächtig» und «unterprivilegiert» beschreiben liessen. Gegenüber den neuen Themen der politischen Agenda - Ökologie, Feminismus, Europa - fand Meienberg, für den es immer nur ein Dafür oder ein Dagegen gab, oft keine Position mehr.

Ignoriert und unverstanden
Als er 1991 den Golfkrieg in Analogie zum Vietnamkrieg deutete und primär als Aggression der Amerikaner verstanden wissen wollte, sank auch sein Kredit bei der Linken. Die Folge war eine verstärkte Isolation. Vom politischen Gegner ignoriert und von den Freunden unverstanden, sah Meienberg den Sinn seiner Arbeit in Frage gestellt. «Man ist als Schreibender nichts wert, höchstens ein Unterhaltungswert. Jeder Metzgermeister hat mehr Einfluss und Sozialprestige», bilanzierte er wenige Wochen vor seinem Suizid.
Niklaus Meienberg ist heute, knapp sieben Jahre nach seinem Tod, bereits eine Figur aus der Vergangenheit. Das zeigt sich beim Wiederlesen seiner Reportagen, aber auch daran, dass er längst in den öffentlichen Konsens aufgenommen wurde, gegen den er zeitlebens angeschrieben hat. Wer etwas über die Schweiz der Siebziger- und Achtzigerjahre wissen will, soll seine Texte zur Hand nehmen. Wer aber den Mut vermisst, mit dem sich Meienberg in der Öffentlichkeit engagierte, muss den schon selber aufbringen.

Reto Caluori (arbeitet im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern, wo er unter anderem den Nachlass von Niklaus Meienberg betreut.)
© Berner Zeitung

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